Krasimir Abdelhalig
Zwischen Nation und Weltgesellschaft - Die Gesellschaftstheorien von Herbert Spencer, Emile Durkheim und Max Weber und die Globalisierung um 1900
Der Zweck dieser Arbeit ist es, die These vom "methodologischen Nationalismus" der früheren Soziologie auf die Probe zu stellen. Es wurde
spätestens seit den 1990er Jahren verstärkt behauptet und kritisiert, dass sich in der Soziologie seit ihrer Etablierung als
wissenschaftliche Disziplin die unreflektierte Vorstellung von Gesellschaft als nationalstaatlich umrahmte Entität festgesetzt hat.
Das mag zu einem gewissen Teil zutreffend sein, denn die Zeit um 1900 war stark durch die Idee der Nation geprägt. Andererseits wuchs
aber die Welt durch Fortschritte in der Verkehrs- und Kommunikationstechnik gerade in dieser Zeit zu einer wirklichen kommunikativen
Einheit zusammen. Paradox ausgedrückt, rangen damals starke Nationalstaaten um die Weltherrschaft. Es ist deshalb auch nicht hinfällig
zu vermuten, dass sowohl "Nation" wie auch "Weltgesellschaft" gleichzeitig als Identifikationsgegenstände für den Gesellschaftsbegriff
dienen konnten. Anhand dreier Gesellschaftstheorien, jenen von Spencer, Durkheim und Weber, untersucht diese Arbeit also die Frage,
inwiefern in diesen Theorien eine Ankoppelung von Gesellschaft an Nation oder Weltgesellschaft stattfindet.
Die Darstellung umfasst fünf Kapitel. Im ersten wird ein Überblick über die modernen globalisierungs- und weltgesellschaftstheoretischen
Ansätze gegeben. Das besondere Augenmerk gilt hier der Weltgesellschaftstheorie von Niklas Luhmann. Sie zeichnet sich vor allem dadurch
aus, dass Gesellschaft durch kommunikative Erreichbarkeit definiert wird, und dass funktionale Differenzierung als die primäre
Differenzierungsform der modernen Gesellschaft gesehen wird. Gegenstand des zweiten Kapitels ist die Globalisierung um 1900 mit ihren
kommunikationstechnischen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten. Es werden auch die gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen dargestellt,
die im Kontext dieser Entwicklung stehen und in Begriffen wie Weltverkehr, Weltwirtschaft oder Imperialismus zum Ausdruck kommen.
In den nächsten drei Kapiteln, die den Schwerpunkt der Arbeit bilden, werden die Gesellschaftstheorien von Spencer, Durkheim und Weber
analysiert. Es zeigt sich, dass sich bei ihnen sowohl Indizien für einen "methodologischen Nationalismus" als auch für
globalisierungstheoretische Ansätze finden. So sehen sie die Integration in Nationalstaaten nicht als Ende der Geschichte
und können sich durchaus größere soziale Einheiten für die Zukunft vorstellen. Jedoch bleibt ihr Erklärungsansatz in der
Vorstellung mehrerer konkurrierender Nationalstaaten behaftet. Auch wenn sie unterschiedliche Globalisierungsmechanismen
ausmachen und die Existenz emergenter sozialer Ordnungen auf Weltebene behaupten, kommen sie nicht zur These einer
Weltgesellschaft als letzten Horizont sozialen Handelns und als oberste Analyseeinheit. Der Druck globaler funktional
differenzierter Ordnungen auf Nationalstaaten und Individuen wird eingerechnet und reflektiert, daraus wird aber keine
Theorie konstruiert.

