Oliver Grote
Entstehung und Funktion der dorischen Phylen in frühgriechischer Zeit
Die Phyle ist als Gliederungseinheit griechischer Poleis des klassischen Zeitalters ein bekanntes und gut erforschtes Phänomen. Beispielsweise
wurde in Athen seit den Reformen des Kleisthenes die tägliche Verwaltung der Polis von Abgeordneten aus den zehn Phylen übernommen. Der besonders
gut dokumentierte athenische Fall deutet an, dass die Phylen zu dieser Zeit eine dezidiert politische Funktion ausüben konnten. So eindeutig gilt
dieser Befund allerdings nur für die spätarchaische und klassische Zeit (6.-4. Jh. v. Chr.). Zuvor ist die Phyle zwar als Binnengliederungseinheit
vor allem dorischer Poleis (z.B. Sparta, Kreta, Sikyon, Korinth) nachweisbar, eine detaillierte Untersuchung ihrer Funktion hat die Forschung
aber bisher noch nicht vorgelegt.
Die Phylen scheinen allerdings sowohl in Sparta als auch im kretischen Gortyn bereits in archaischer Zeit als politisch wirksame Instrumente genutzt
worden zu sein, um Konflikte innerhalb der Bürgerschaft zu unterbinden bzw. zu kanalisieren. Diese Übereinstimmung der politischen Funktion ist
möglicherweise kein Zufall, sondern könnte aus gleichen Strukturmerkmalen der Phylen verschiedener Poleis resultieren. Immerhin spielten die
Phylen auch in Korinth, Kyrene und Sikyon eine Rolle bei der Neuordnung politischer Systeme, was die Vermutung erhärtet, dass sie sich als
Ansatzpunkt für zukunftsweisende innenpolitische Reformen eigneten, die den sozialen Frieden der Polis gewährleisten sollten. Von dieser
Hypothese ausgehend möchte ich in meiner geplanten Dissertation den politischen Charakter der Phylen verschiedener dorischer Poleis untersuchen.
Für eine Untersuchung der konkreten Funktion der Phylen könnten sich Erkenntnisse über ihre Genese als hilfreich erweisen. Es stellt sich
in diesem Zusammenhang vor allem die Frage, ob die Phylen zur Zeit der Entstehung der Polis künstlich erschaffen wurden oder schon zuvor
existierten. Zur Klärung dieses Problems sollen Erkenntnisse der soziologischen und ethnologischen Forschung zu Personalverbänden
in vorpolitischer Zeit herangezogen werden und den theoretischen Rahmen bilden. Vor allem Christian Sigrists Modell der 'Regulierten Anarchie'
scheint in besonderer Weise für eine Untersuchung frühgriechischer Sozialverbände geeignet zu sein.
Mögliche Ergebnisse der Arbeit versprechen nicht nur allgemeine Erkenntnisse zum griechischen Phylenwesen, sondern könnten auch dazu beitragen, den säkularen und
in der Forschung immer noch umstrittenen Prozess der Formierung von frühgriechischen Siedlungsgemeinschaften zu Poleis etwas besser zu verstehen.
Betreuer: Prof. Dr. Uwe Walter

