Philip Knäble
Tanzfeindliche Kirche oder "ecclesia saltans"? - Ambivalente Ansichten und Praktiken von Tanz im kirchlichen Kontext des 15.-16. Jh. (Arbeitstitel)
Tänze im religiösen Kontext, wie sie seit langem von Ethnologie und Anthropologie untersucht werden, spielen in der Mediävistik bisher kaum eine Rolle. Warum auch, scheint doch der Ausspruch von Jacques de Vitry "Der Tanz ist ein Kreis, dessen Mitte der Teufel ist." kennzeichnend für das Mittelalter zu sein. Zu eindeutig sei die ablehnende Haltung der Kirche gewesen, als dass Tanz in legitimer Weise im sakralen Rahmen hätte stattfinden können. Mit der Reformation -man denke nur an das Genf zu Calvins Zeiten- wäre das ohnehin schon Verbotene noch einmal verschärft bekämpft worden.
Schenkt man jedoch den zahlreichen christlichen Bewegungen glauben, die versuchen Tänze unter den Schlagwörtern "Sakraler Tanz", "Meditativer Tanz", "Liturgischer Tanz" in Kirche und Gottesdienst zu integrieren, wären Tänze im kirchlichen Kontext zentraler Bestandteil der mittelalterlichen Religiosität gewesen. Die Kirche wäre, wie bereits der Tanzhistoriker Walter Salmen anmerkte, vielerorts eine "ecclesia saltans" gewesen.
In meiner Dissertation möchte ich das Spannungsfeld zwischen allgemeiner Verdammung von Tanz und "ecclesia saltans" ausloten und untersuchen, in welcher Weise tänzerische Praktiken legitimer Ausdruck von Religiosität im kirchlichen Kontext des 15. und 16. Jh. werden konnten. Anhand der Kathedralkapitel im Nordosten Frankreichs (Erzdiözese Sens) soll der Fokus auf eine urbane, männliche Elite erfolgen, deren Tanzdarbietungen an Ostern und der "Fête des Fous" beleuchtet werden sollen. Es wird danach gefragt, inwiefern diese Kanonikergemeinschaften über die körperliche Praxis des Tanzes Identität performativ herstellten und diese Tänze nach Turners Ansatz der "Liminalität" als Rituale des Statuswechsels fungierten. Außerdem ist von Interesse, welche Umstände zu ihrem Verbot im 16. Jh. führten.
Die Vielfältigkeit der Tanzformen in paraliturgischen Kontexten und ihre ambivalente Bewertung kann neue Sichtweisen für die Religions- und Kulturgeschichte eröffnen und einen Beitrag zur Problematik der Erforschung von Tänzen als "cultural performances" leisten. Zur Debatte steht damit auch, in welcher Weise der zeitgenössische westeuropäische Tanzbegriff auf die vormodernen Verständnisse von Tanz angewandt werden kann.
Betreuer:
Prof. Dr. Neithard Bulst
Prof. Dr. Franz-Josef Arlinghaus
Vita:
- Seit April 2009
- Doktorand/Stipendiat an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS)
- 01/2009-03/2009
- Wissenschaftliche Hilfskraft im Sonderforschungsbereich 584 "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte"
- 10/2007-12/2008
- Master of Arts an der Universität Bielefeld
Thema: "Nisi de nostra licentia speciali" -Die bischöfliche Visitation in den Frauenklöstern Englands und der Normandie von der Mitte des 13. Jh. bis zur Bulle "Periculoso" - 10/2005-09/2007
- Licence und Maîtrise d'histoire an der Universität Paris 7 als Stipendiat der DFH
- 10/2003-09/2005
- Studium der Geschichtswissenschaft und der Sozialwissenschaften im Rahmen des integrierten deutsch-französischen Studiengangs der Universität Bielefeld
- WS 2010/11
Seminar: Hexen, Tanz und neue Mythen - Grenzgänge der Wissenschaft, Bel. Nr. 220142 (zusammen mit Janina Horstbrink) - WS 2009/10
Übung: Körper und Tanz in Spätmittelalter und Renaissance, Bel. Nr. 220131 - SoSe 2009
Sportkurs Renaissancetanz (zusammen mit Nicola Horstbrink) - SoSe 2008-WS 2008/09
Initiative, Konzept und Leitung der interdisziplinären Studiengruppe "Historische Tänze als pädagogisches Mittel zur Geschichtsvermittlung" , Bel. Nr. 250359 (zusammen mit Janina und Nicola Horstbrink) - 29-30.08.2011 "Bewegte Geschichten. Von den Freuden, aber auch Gefahren des Tanzes vom Mittelalter bis zum Walzer" Mitmach-Performance im Rahmen der Geniale auf der Sparrenburg Bielefeld (zusammen mit Janina Horstbrink)
- 19.08.2011 "Braucht man zum Tanzen einen Körper? - Einblicke in die religiöse Literatur des 16. Jh." während des 36th international Wolfenbüttel Summer Course "Communication and the culture of the body in early modern Europe", Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 15th-26th August 2011
- 27.01.2011 "Ausgetanzt - Schwindende Akzeptanz eines kirchlichen Initiationsrituals im Spätmittelalter." Tagungsbeitrag: "Die Grenzen des Rituals", SFB 619 "Ritualdynamik", Universität Heidelberg
- 16.11.2010 "Einblicke in den Tanzdiskurs des 16. Jahrhunderts" im Rahmen des Frankfurter Kolloquiums "Vormoderne Gesellschaften und ihre Repräsentationen in der Moderne"
- 19.09.2010 "Unerhörte Tanzgeschichten - Ob das Tanzen der Gesundheit dienlich oder schädlich, möglicherweise sogar lebensbedrohlich sei." Zum Abschluss der Reihe "Vlotho vital" (zusammen mit Prof. Peter Ausländer)
- 30.03.2010 "Ob einem Christen zu tantzen erlaubet sey? - Das Verhältnis von Tanz und Kirche im Spätmittelalter. Im Rahmen der Vortragsreihe, Linie 4, VHS Bielefeld
- 09.02.2010 "Kirche im Wandel, Wandel in der Kirche? - Tanz im kirchlichen Raum" beim Annual Seminar 2010, BGHS, Universität Bielefeld
- Ausgetanzt - Schwindende Akzeptanz eines kirchlichen Initiationsrituals im Spätmittelalter, in: Andreas Büttner, Andreas Schmidt / Paul Töbelmann (Hg.), Die Grenzen des Rituals (Norm und Struktur), Köln / Weimar / Wien 2012 (in Druckvorbereitung).

