Rena Schwarting
Entscheidungskapazität am Reichskammergericht im Alten Reich - Eine organisationssoziologische Untersuchung
Das Ziel der Dissertation ist eine organisationssoziologische Rekonstruktion der Selektivität von Entscheidungsprozessen am Reichskammergericht im Alten Reich, die einen Beitrag zur Organisationsforschung leisten möchte. Analytisch leitend ist das Bezugsproblem der Herstellung von Entscheidungskapazität bei Abwesenheit des Königs oder des Fürsten. Zur Bearbeitung dieses Problems möchte ich die Frage untersuchen, welche Hinweise das historische Quellenmaterial über die Gründung und Entwicklung des Reichskammergerichts (1495-1806) auf eine Erweiterung der Möglichkeiten rechtlicher Entscheidungsfindung gibt. Meine Vermutung ist, dass sich anhand des Quellenkorpus' Aussagen über die Generalisierung von persönlichem Einfluss hin zu abgeleiteten bzw. entpersonalisierten Autoritäts- und Entscheidungsformen treffen lassen.
Als theoretische Grundlage dient der soziologische Organisationsbegriff nach Niklas Luhmann. Demnach bilden formale Organisationen
die mittlere Ebene sozialer Systembildung zwischen Interaktion und Gesellschaft. Das soziologische Erkenntnisinteresse an einem
historischen Gegenstand folgt zugleich der Annahme, dass sich die Sozialgeschichte des Reichskammergerichts entlang der
Ausdifferenzierung eines funktionalen Rechtssystems vollzieht. Mit Blick auf die Annahme einer organisierten Entscheidungsfähigkeit
des Reichskammergerichts sollen (a) die strukturellen Merkmale organisierter Sozialsysteme und (b) ihre sozio-kulturellen Bedingungen
untersucht werden. Das Alleinstellungsmerkmal der Arbeit bildet damit eine gesellschaftstheoretische Kontextualisierung von
organisierter Entscheidungskapazität.
Zur konkreten Identifizierung von Organisationsstrukturen des Reichskammergerichts wird ein Kriterienkatalog erarbeitet,
der als analytisch-heuristisches Mittel dient. Methodisch werden die Kriterien anhand einer Auswahl historischen Quellenmaterials überprüft,
das mithilfe inhaltsanalytischer Verfahren und semantischer Studien interpretiert werden soll.

