Sandrine Gukelberger
Local Politics in South African Townships: Arenas for negotiating Democracy and Identity in Cape Town
Demokratie hat sich zu einer globalen Norm herausgebildet, die weltweit Verbreitung findet. Mein Anliegen ist es, die Mikroprozesse der lokalen Aneignung der Bedeutungen von Demokratie in Südafrika zu untersuchen. Hierbei geht es vor allem darum zu analysieren, wie unterschiedliche globale und emische Konzepte zu Demokratisierung und Dezentralisierung von Staat und Gesellschaft auf lokaler Ebene ausgehandelt und umgesetzt werden. Diesen Prozess untersuche ich anhand der Dynamiken lokaler Mikroereignisse und Strukturbildungen.
Folgende zentrale Forschungsfrage bildete die Grundlage meiner empirischen Untersuchung, die ich von November 2005 bis April 2007 in zwei ausgewählten Townships von Kapstadt durchgeführt habe: Wie gestalten und strukturieren die politischen Alltagspraktiken staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure (in Gemeinderatssitzungen, Wahl-kampfveranstaltungen, sozialpolitische Workshops etc.) den Demokratisierungsprozess? Im Laufe der Feldforschung haben sich dabei drei relationale Dimensionen herauskristallisiert anhand welcher ich der Forschungsfrage nachgehe:
- politische Alltagspraktiken
- Politisierung ethnischer Identität
- Die Re-Interpretation und Anwendung globaler Demokratisierungs- und Entwicklungskonzepte in den Arenen, in denen politische Transformation gestaltet und strukturiert wird
Den empirischen Gegenstand meiner Forschung bilden (trans)-lokale Arenen (Long 2001: 190ff) im städtischen Kontext in Post-Apartheid Südafrika, die sich im Zuge der neuen Demokratisierungsbemühungen herausgebildet haben. Wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit ist die Analyse der Diversifizierung des Feldes lokaler Akteure, die sich nach dem Ende der Apartheid gesellschaftlich neu positionieren konnten. Mein Augenmerk richtet sich insbesondere auf diejenigen Akteure, die aktiv an der Aushandlung von globalen demokratischen Normen und Werten, zum Beispiel in Forderungen nach einer Integration von Minderheiten und Gleichheitsvorstellungen (equality), Geschlechtergerechtigkeit und Partizipationschancen beteiligt sind. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Verhältnis zwischen LokalpolitikerInnen, staatlichen Akteuren, AktivistInnen von Frauenorganisationen und anderen Nichtregierungsorganisationen, und externen Akteuren, bzw. Institutionen wie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) oder der Rosa Luxemburg Stiftung. Arenen, die ich im Laufe des Forschungsprozesses untersucht habe, sind marginalisierte urbane Räume der Townships. Hier wurden im Zuge des politischen Systemwechsels 1994 weitreichende Reformen der kommunalpolitischen Strukturen durchgeführt, da diese während der Apartheid nicht bürgerrechtlich verwaltet wurden. Die Akteure der anti-Apartheidbewegungen konnten sich so, aus dem Untergrund bzw. Exil kommend, im neuen demokratischen Setup platzieren und definieren. Das heißt, dass im Kontext der Post-Apartheid neue soziale Räume über verdichtete Interaktionsituationen zwischen den verschiedenen Akteuren konstituiert wurden, die translokal eingebettet sind. In diesen Räumen manifestieren sich weitreichende Prozesse sozialen Wandels, innerhalb derer mich insbesondere der Aspekt der Demokratisierung interessiert. Methodologisch verfolge ich Ansätze der Grounded Theory (Glaser/Strauss 1998) und Global Ethnography (Lachenmann 2008; Burawoy 2000), die im Gegensatz zur gängigen top-down Perspektive in der Globalisierungsforschung die dargestellten translokalen Zusammenhänge in der Weltgesellschaft empirisch zu erforschen suchen (Anghel/Gerharz/Rescher/Salzbrunn 2008).
Meine empirische Forschung hat die besondere Bedeutung von Konzepten von Demokratie und Identität hervorgebracht, die vor allem zur Legitimation von Rechten, politischen Entscheidungsprozessen und für den Zugang zu Ressourcen - teilweise offen strategisch, teilweise auch eher implizit und unhinterfragt - eingesetzt werden. Anhand meiner empirischen Daten analysiere ich unter anderem, wie die von internationalen Entwicklungs- und nationalen Regierungsinstitutionen befürworteten Entwicklungskonzepte "vernakularisiert" (Merry 2008) werden und wie die dadurch initiierten politischen Transformationsprozesse auf der Mikroebene neue Strukturen schaffen bzw. alte Strukturen verändern. Dabei gehe ich in der empirischen Untersuchung zunächst von den auf der lokalen Ebene angesiedelten sozialen und politischen Strukturen aus, um anschließend Aushandlungsprozesse von Demokratie, Entwicklung und Identität an verschiedenen translokalen Interfaces (Schnittstellen) zu betrachten. Das heißt erstens, dass global vermittelte Nomen und Werte zu den jeweiligen relevanten Aspekten in ihrer lokalen Ausprägung untersucht werden. Zweitens werden neue soziale Mikrostrukturen im Bereich der kommunalen Selbstverwaltung und Zivilgesellschaft betrachtet, die im Zuge transnationaler und translokaler Vernetzung (von sozialen Bewegun-gen bis internationalen Entwicklungsinstitutionen) lokal etabliert wurden. Es handelt sich hierbei etwa um den transnationalen Transport des Formats von politischen Institutionen in den lokalen Zusammenhang hinein, der in meiner Arbeit anhand eines Beispiels des von der GTZ unterstützten "ward committee system", der Institutionen der lokalen Selbstverwaltung auf subkommunaler Ebene, thematisiert wird. Daran anknüpfend sollen die einzelnen Se-quenzen und Transformationsschritte herausgearbeitet werden, die sozialen Wandel bedingen.
Diese Arbeit eröffnet multiperspektivische Betrachtungsweisen auf lokale politische Aushandlungsprozesse und Handlungslogiken, um das Demokratieverständnis der verschiedenen Akteure rekonstruieren zu können. Angesichts des bisherigen Fokus auf politische Eliten und formale Transitionsprozesse leistet die Studie mit ihrem akteursorientierten Ansatz einen wichtigen Beitrag.

