Yaman Kouli

Der Wert des Wissens - Die wirtschaftliche Entwicklung Niederschlesiens 1936 - 1956 aus wissenstheoretischer Perspektive

"Ein Feind verwüstet ein Land mit Feuer und Schwert, er zerstört und schleppt fort alles darin befindliche bewegliche Vermögen, alle Einwohner sind ruiniert, und wenige Jahre später ist jedes so, wie es vorher war." Schon John Stuart Mill wies Mitte des 19. Jahrhunderts auf den bemerkenswerten Umstand hin, dass Gebiete, welche äußere Schocks erleiden, binnen kürzester Zeit wieder aufgebaut werden konnten. Oftmals standen diese Gebiete nach dem Wiederaufbau sogar besser da als vorher, wofür das deutsche sog. "Wirtschaftswunder" ein populäres Beispiel ist. Über die Natur dieser Rekonstruktionseffekte ist auch viel geforscht worden. Seltener wurde jedoch die Frage gestellt, weshalb ein solches "Wirtschaftswunder" in einigen Ländern ausgeblieben ist.

Niederschlesien war bis Kriegsende 1945 Teil des Deutschen Reiches und partizipierte somit am hohen wirtschaftlichen Produktionspotential des Reiches. Dieses ging mit der faktischen Verschiebung der deutschen Ostgrenze infolge der Potsdamer Beschlüsse auf Polen über. Nun hatten die Folgen des Krieges und der NS-Kriegswirtschaft die Wirtschaft des Deutschen Reiches nicht in der Form getroffen, wie man es erwartet hatte. Die Rekonstruktion in den vier Besatzungszonen entwickelte sich schon bis 1947 derart, dass die Rohstofflieferungen nicht mithalten konnten. Die BRD und die DDR erreichten während der 50er Jahre enorme Wachstumswerte. Niederschlesien war dies nicht vergönnt. Und das, obwohl es neben Oberschlesien das wirtschaftlich stärkste Teilgebiet der ehemaligen Deutschen Ostgebiete war. Die Frage, die ich in meiner Arbeit beantworten will, ist: Warum?

Die Argumente, welche hier von der Forschung vorgebracht wurden, sind wenig überraschend. Im Kern laufen sie darauf hinaus, dass die unmittelbare Nachkriegszeit in Niederschlesien eine "Stunde Null" gewesen sei. Implizit wurden so Kriegszerstörungen und Demontagen, ebenso wie der Mangel an Kapital und Arbeitskräften zur Erklärung herangezogen. Der regelmäßige Rückbezug auf dieses Argument überrascht jedoch, wenn man bedenkt, dass materielle Zerstörungen für das langfristige Wirtschaftswachstum von Regionen nicht allein entscheidend sind für die ökonomische Entwicklung. Doch was hemmte den Wiederaufbau in Niederschlesien?

Um diese Frage zu klären, soll der Blick vom materiellen auf das immaterielle Kapital, also auf das verfügbare Fachwissen, gelenkt werden. Bei der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den ehemals ostdeutschen Gebieten entledigte sich Polen auch der "kognitiven" Abbilder der dort befindlichen Betriebe. Das materielle Kapital der Betriebe wäre jedoch nur dann nutzbar gewesen, wenn es mit dem immateriellen Kapital rückgekoppelt worden wäre. Die Facharbeiter der jeweiligen Betriebe waren unwiederbringlich verloren, weshalb dieses Potential nur noch sehr eingeschränkt nutzbar war. Im Gegensatz zur materiellen Basis gab es hier also tatsächlich eine "Stunde Null".

Mit Hilfe der Bundesarchive in Berlin (Bestand Speer), Freiburg (Militärarchiv) und Bayreuth (Ostdokumentation) sowie des Archivs der Neuen Akten (Warschau) soll bewiesen werden, dass nur die Berücksichtigung des "Produktionsfaktors Wissen" den Produktionsrückstand Niederschlesiens erklären kann.




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