Wissenwertes über den Blutegel (Hirudo medicinalis)
Der Blutegel (Hirudo medicinalis) ist ein im Wasser lebender Annelide
(Ringelwurm), der sich vom Blut anderer Tiere ernährt. Dazu schwimmt
er auf seine potenzielle Nahrungsquelle zu und saugt sich mit seinen Saugnäpfen
an seinen Opfern fest. Scharfe Mundwerkzeuge ("Zähnchen") verletzen
die Hautoberfläche des Wirtes und ermöglichen dem Blutegel seine
Mahlzeit. Ein bestimmtes Protein (Hirudin) in der Mundregion verhindert
die Blutgerinnung bei den befallenen Tieren. Nachdem er gesättigt
ist, löst sich der Blutegel und sucht bei erneutem Hunger einen anderen
Wirt auf. Das Aufspüren des Wirtes erfordert unter anderem empfindliche
Sinneszellen, die Strömungsänderungen signalisieren können.
In diesem funktionellen Zusammenhang stehen dem Blutegel verschiedene Zellen
(Druck- und Berührungsrezeptoren) zur Verfügung, welche spezifisch
auf unterschiedlich stark ausgeübte Reizungen des Hautmuskelschlauches
reagieren. Durch Aussendung von Aktionspotentialen werden diese Impulse
an andere Zellen weitergeleitet. Letzten Endes bestimmen komplizierte und
vielschichtige sensomotorische Abläufe das Verhalten des Blutegels,
und werden ihn je nach Reizstärke dazu veranlassen, auf Objekte (Beute)
zuzuschwimmen, sich von ihnen weg zu bewegen (Feinde, Gefahr !) oder nicht
zu reagieren.
Abb.1: Blutegel in einer Petrischale. Zum Größenvergleich
wurde ein 2-Pfennig-Stück neben die Tiere gelegt.
Zur Anatomie der Blutegel lässt sich sagen, dass diese Anneliden metamer
gebaute Organismen sind. Dies bedeutet, dass ihr Körper aus mehreren
hintereinanderliegenden Teilstücken (Segmenten) aufgebaut ist. Zu
einem Segment gehören mehrere Ringel (Annuli), welche in der Abb.
2 zu sehen sind. Diese Ringelung ist mit der Segmentierung nicht identisch.
Die Segmentierung wird erst erkennbar, nachdem man einen Blutegel
seziert hat. Insgesamt besteht Hirudo medicinalis aus 33 Segmenten.
Die letzten sieben Segmente sind zu einem großen Saugnapf verschmolzen,
ein zweiter Saugnapf liegt am vorderen Ende vor dem Mund. Der hier untersuchte
Egel gehört zur Ordnung der Gnathobdelliformes (Kieferegel)
und besitzt drei strahlig angeordnete Kiefer, deren Kante mit feinen Zähnchen
besetzt ist. Das Nervensystem des Blutegels ist ein Strickleiternervensystem.
Es besteht im wesentlichen aus dem Cerebralganglion (Gehirn), das im Kopflappen
(Prostomium) liegt und aus zwei bauchwärts (ventral) ziehenden Hauptnerven,
die sich hinter dem Mund zu dem paarigen Bauchstrang vereinigen. Jeder
Bauchstrang enthält pro Segment ein Ganglion (siehe Abb. 2). Die Ganglien
aufeinanderfolgender Metamere sind durch die Konnektive verbunden. Periphere
Nerven gehen von jedem Ganglion aus und innervieren die segmentale Körperwand.
Die Ganglien haben eine für höhere Invertebraten charakteristische
Struktur. Die Zellkörper der Neurone liegen in einer peripheren Schicht,
die neuronalen Fortsätze liegen in einem Neuropil im Innern des Ganglions.
Insgesamt besitzt der Blutegel 21 Ganglien. Für uns als Anfänger
in der Technik des Ableitens von Nervenzellen eignete sich dieses Versuchstier
besonders, da man unter dem Binokular am isolierten Ganglion die Zellkörper
der Nervenzellen erkennen und identifizieren konnte.
Abb.2: Aufbau des Nervensystems eines Blutegels. Man erkennt deutlich,
dass die Ringelung nicht mit der Segmentierung übereinstimmt. (Muller
et al., 1981)