Phrenologie

oder die Lehre des Geistes und seinen Organen

 

 

Franz Joseph Gall

1757 wurde Franz Joseph Gall, Begründer der Phrenologie, in Tiesenbrunn bei Pforzheim geboren. Schon als Kind fiel ihm auf, daß jedes seiner Geschwister sich durch ein besonderes Talent unterschied. Während seines Medizinstudiums stellte Gall fest, daß Studenten mit hervorstehenden Augen auch ein ausgezeichnetes Gedächnis besaßen. Angeregt durch diese Beobachtung, suchte er nach dem Zusammenhang zwischen Begabung und äußeren Merkmalen. Eingehend studierte er die Kopfform unterschiedlich begabter Personen. Immer mehr verstärkte sich die Idee,"..daß die Verschiedenheit der Kopfgestalt durch die verschiedene Gestalt des Gehirns veranlaßt wird und daß die verschiedenen Theile des Gehirns die verschiedenen Organe der menschlichen Fähigkeiten sind." (1)

Gall war sich sicher; daß den Fähigkeiten des Geistes auch ein bestimmtes Organ im Gehirn zuzuweisen war. Es wurde sein Lebenswerk, dies zu beweisen.

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Abb.1: Franz Joseph Gall

Als praktizierender Arzt in Wien hatte Gall Zugang zu allen Kreisen der Gesellschaft. Er sammelte in Heilanstalten, Krankenhäusern und Schulen jeden Hinweis zwischen besonderen Fähigkeiten und Kopfform. Er zog einheimische Tiere auf, um die Veränderung der Gestalt im Verlauf der Ontogenese mit der Veränderung des Charakters zu vergleichen. Auch im Studium der Anatomie des Gehirns suchte Gall nach Beweisen. Er entdeckte, daß das Gehirn aus Fasern besteht. Eingelegt in Weingeist ähnelt es einer Blumenkohlblume, von faserigen Stielen zweigen kleine Äste ab. Unumstößlich stand für ihn fest: Jedes einzelne Teil des Gehirns kann separat arbeiten!
1796 fühlte sich Gall genug bestärkt, seine Ideen der Öffentlichkeit preiszugeben. Studenten, Ärzte, Professoren, hohe Staatsbeamte und einige Damen "der Gesellschaft" hörten seine Vorlesungen. Doch nach fünf Jahren war Schluß mit den öffentlichen Auftritten in Wien! Auf kaiserliches Gebot. Man fürchtete eine Verbindung zum Materialismus. Trotz Fürsprache einflußreicher Beamter wurde das Verbot nicht aufgehoben. Für sein Lebenswerk verließ Gall 1805 Wien und damit seine gutgehende Praxis. Zusammen mit seinem langjährigen Freund Dr. Spurzheim reiste er nach Berlin. Nach kurzer Zeit waren die beiden Forscher und ihre neue Wissenschaft berühmt. Man gestattete ihnen, die Insassen mehrerer Gefängnisse zu untersuchen. Fürsten, Minister, Gelehrte und Künstler zählten zu ihren Zuhörern und Schülern. Auch Goethe äußerte sich annerkennend über die neuen Theorien. 1807 ging Gall, von seinem Freund und Kollegen Spurzheim begleitet, nach Paris und kehrte nie wieder zurück. Bis 1814 hielt der Anatom Vorträge und lehrte seine Wissenschaft. 1828 starb Gall in Paris.

Sein Freund Spurzheimer lehrte bis zum Lebensende und verstarb 1832 auf einer Vortragsreise in Bosten/ Nordamerika.

 

Eine kleine Einführung

Die Phrenologie glaubt an die Verschiedenheit der Menschen. Jeder verfügt über besondere Fähigkeiten, Talente und Charaktereigenschaften. Man unterteilt diese sog, "Geisteskräfte" in drei Gruppen:

  • Die "niederen" oder "tierischen" Sinne

  • die "Gemütssinne"

  • die "Verstandessinne"

Jedoch erschien eine Einteilung dieser in einzelne Sinne noch wichtiger. Diese Sinne (Abb.2) sind selbständig und mehr oder weniger stark ausgebildet (Ein Mensch kann in einer Beziehung leidenschaftlich sein und in einer anderen leidenschaftslos.).

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 Abb.2: Der phrenologische Kopf

Das Gehirn wurde als Sitz aller "inneren" Sinne gesehen, und jeder einzelne Sinn bekam ein Organ zugeschrieben. Daraus resultierte die Ansicht, daß die Organgröße die Kopfgestalt maßgebend beeinflußt, z. B.: ein starkes Hinter- und Untergehirn zeugt von starken tierischen Sinnen. Man wollte von der Kopfform auf den Charakter schließen.

Hier zwei ausgewählte Beispiele:

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Abb.3: Großer Geschlechtssinn

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Abb.4: Wenig Charakterfestigkeit

Es bedarf nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie sich diese Entwicklung auf die Gesellschaft auswirkte. Man sollte auf die Partnerwahl in Bezug auf Aussehen, Sittlichkeit u.s.w. besonders achten, da sich auch die "Organe" auf die Kinder vererben könnten, und man eine "niedrige" Organisation seinen Kindern nicht zumuten könne (Es wurde jedoch eingeräumt, daß bei Kindern durch Schulung in "schwächeren" Sinnen durchaus noch Veränderungen erziehlt werden können).
Man könnte diese Liste der Ratschläge noch endlos weiterführen, es würde den Rahmen dieses kleinen Beitrags sprengen.

Der Diskriminierung von anderen Völkern und sozialen Randgruppen wurden neue Argumente geliefert...

 

Literatur:

(1) in G. Scheve: Phrenologische Bilder,Verlag von Weber, Leipzig; 1874, S13f

Abb.1: aus G. Scheve,s.o., S.15

Abb.2: aus G. Scheve, s.o., S.6ff

Abb.3: aus G. Scheve, s.o.,.S.325

Abb.4: aus G. Scheve, s.o., S.340


Edda Affeldt