Interview mit Frau Godt
Anfang des WS 03/04 war es nach langem Warten soweit: Frau Godt übernahm die dritte Professur in organischer Chemie
als Nachfolgerin von Prof. Dr. Brockmann. Wo früher "Kleben-mein Leben" stand steht nun...ja, was eigentlich? Wir hatten
Gelegenheit, Frau Godt in einem Interview ein wenig "auf den Zahn zu fühlen":
Frau Prof. Dr. Adelheid Godt
wurde in Stuttgart geboren. Als Kind zog sie nach Jülich und besuchte in München die Schule und die Universität, die sie mit
dem Diplom abschloss. Am Max-Planck-Institut (MPI) in Mainz hat sie
ihren Dr. rer. nat. gemacht und in Berlin habilitiert.
In ihrer Freizeit spielt sie Geige und könnte sich auch vorstellen, wenn alles so weit an seinem Platz und der erste
Stress überwunden ist, das
Uni-Orchester
tatkräftig zu unterstützen. Wissenschaft und Kunst müssen sich also nicht unbedingt gegenseitig ausschließen.
Die Entscheidung für eine Universitätslaufbahn fiel, als sie während ihrer Postdoczeit einen Sommerkurs bei der
BASF absolvierte. Dieser gefiel ihr zwar an sich gut, die Atmosphäre
einer so großen Firma empfand sie jedoch als recht bedrückend. Darüber hinaus war natürlich die Forschungsfreiheit an
Universitäten verlockender.
Apropos Forschung: Was macht sie da eigentlich?
Die Antwort auf diese Frage ist sicherlich spannend: Frau Godt befasst sich derzeit mit Synthese und
Materialeigenschaften von Catenanen, das sind Verbindungen, bei denen Ringe ineinander hängen wie die Glieder
einer Kette. Die Charakterisierung der neu entstandenen Materialien erfolgt dann in Kooperation anderer Arbeitsgruppen,
wie die von Herrn Anselmetti
aus der Physik.
Auf ihre neue Aufgabe in Bielefeld freut Frau Godt sich, denn es macht ihr viel Spaß, etwas auf zu bauen und zu entwickeln.
Von der Uni erhofft sie sich ein angenehmes Forschungs- und Lehrumfeld und einen guten kollegialen Umgang zwischen allen
Beteiligten der Fakultät.
Übrigens ist Bielefeld für unser neues Mitglied des Lehrkörpers kein gänzlich unbekanntes Pflaster: Hier hat sie nach ihrem
Abitur ein diakonisches Jahr in Bethel gemacht. Von der Uni sah sie aber damals nicht viel, denn ihr Interesse galt in erster
Linie der angenommenen Tätigkeit.
Auf die Frage, was sie an der Uni Bielefeld gerne ändern würde, erhielten wir eine überraschende und eine weniger
überraschende Antwort: Die weniger überraschende Antwort lautete, dass das Unigebäude alles andere als einladend aussieht
und wohl dringend einige Sanierungsmaßnahmen nötig hätte. Wenn es nach Frau Godt ginge, würde sie selbst am Wochenende einen
Eimer Farbe zur Hand nehmen und mit anpacken. Die Vorstellung, wie unsere Professoren eigenhändig unsere Unihalle streichen
ist schon recht lustig. Allerdings stehen einem solchen lobenswerten Vorhaben einige Vorschriften der TBV im Wege...
Zum Thema Vorschriften: Der zweite Kritikpunkt war der unübersichtliche und aufwendige Verwaltungsapparat, bei dem nie
ersichtlich wird, wer für was zuständig ist. In dieser Hinsicht war die Arbeit am MPI scheinbar angenehmer.
Von den Studierenden wünscht sich Frau Godt vor allem Engagement, z.B. das Nacharbeiten der Vorlesungen zu Hause und die
Fähigkeit zum gemeinschaftlichen Arbeiten. Mit dem Niveau der hiesigen Studenten, die sie im Vordiplom kennen gelernt hat,
ist sie im allgemeinen zufrieden.
Sie ist aber entsetzt darüber, das es möglich ist, nach dem 2. Semester schon sein AC Vordiplom zu machen. Das hält sie für
verfrüht, da grundlegende Prinzipien noch fehlen.
Zum Thema Tutorium ist Frau Godt der Ansicht, dass man es den Studenten nicht zu leicht machen sollt, man sollte die
Studenten zum eigenverantwortlichen Arbeiten anhalten und ihnen nicht alles vorkauen. Übungszettel sollten so gestaltet
werden, dass ein Teil der Aufgaben mit der Vorlesung allein zu lösen ist und ein anderer Teil weiter über den Vorlesungsstoff
hinaus geht und im Buch nachgelesen werden muss.
Schließlich kamen wir auf das Thema Bachelor zu sprechen, welches uns dann einige Zeit lang beschäftigte. Diese
Diskussion wäre an dieser Stelle zu lang und wir wollen euch ja auch nicht zu Tode langweilen, also etwas gekürzt:
So hält Frau Godt den bisherigen Diplom-Studiengang für durchaus sinnvoll, wenn sie sich auch ein paar Verbesserungen
vorstellen könnte. Prinzipiell wäre es toll gewesen, das Diplom mit dem Bachelor parallel laufen zu lassen, was hier nun
nicht möglich ist. Sie sieht jedoch zwei Vorteile in der Umstellung:
Zum einen hofft sie auf eine Auswahl der Leute mit denen die Masterstellen besetzt werden sollen, damit nur qualifizierte
Studenten in den Master übernommen werden. Wer einen Bachelor macht, hat dann keine Garantie auf einen Platz im Master.
Zum anderen sieht sie Vorteile in Hinblick auf ausländische Studenten, die hier promoviern wollen: Deren Fähigkeiten kann
man im Master bereits beurteilen und ihnen dann zur Promotion raten oder sie wieder nach hause schicken, falls deren
Niveau nicht dem unseren entspricht. Auch die Unterschiede im experimentellen können so ausgeglichen werden. In Deutschland
ist die Ausbildung derzeit zu praxisorientiert, der Bachelor könnte nun mehr theoretisch ausgerichtet sein und im Master
können deutsche und ausländische Studierende gemeinsam diese Defizite aufholen.
Das Problem bei dem neuen Studiengang ist aber die Tendenz, den Diplomstudiengang einfach abzubilden und vor die alten
Vorlesungen den Namen "Modul" zu setzten.
Desweiteren ruft sie die Studierenden auf aktiv mit zu arbeiten und Missstände zu beheben, wie Praktikumsversuche, die
überflüssig oder doppelt sind. Auch hegt Frau Godt die Hoffung, dass sich Studenten Vorlesungen besuchen, die nicht zu
ihren Pflichtveranstaltungen gehören. Sie möchte damit eine Spezialvorlesungskultur fördern.
Das Interview hat bei uns den ermutigenden Eindruck hinterlassen, dass Frau Godt mit großen Engagement und Interesse an
ihre neue Aufgabe heran geht und dabei sowohl die Vorstellungen der Studierenden und der wissenschaftlichen Mitarbeitern,
als auch die ihrer Kolleginnen und Kollegen im Auge behält. Wir wünschen ihr für ihre Arbeit in Bielefeld viel Erfolg
und würden uns freuen wenn sie uns lange erhalten bliebe.
mz, cs
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