CIAS - Center for InterAmerican Studies
 
 
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Universität Bielefeld

Im Rahmen des durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts "Die Amerikas als Verflechtungsraum" vergibt das Center for Inter-American Studies 3 Postdoktoranden- und 10 Doktoranden- stellen.
Das Leitungsgremium des Projektes "Die Amerikas als Verflechtungsraum" bilden Prof. Dr. Wilfried Raussert (1. Sprecher), Prof. Dr. Angelika Epple (2. Sprecherin), Prof. Dr. Christian Büschges und JProf. Dr. Olaf Kaltmeier.

Die vollständige Stellenausschreibung finden Sie hier.

Die ausführliche Beschreibung der Projektlinien und Stellen finden Sie hier.


Die Amerikas als Verflechtungsraum

Die 3.500 km lange militarisierte Grenze zwischen den USA und Mexiko, die tagtäglich von Menschen und Warenflüssen überquert wird, steht paradoxerweise sowohl für territoriale Abschottung als auch für das Zusammenwachsen zwischen Nord und Süd. Zugleich ist der gesamte Doppelkontinent der Amerikas im Rahmen der gegenwärtigen Transnationalisierungsprozesse von vielfachen Verflechtungsdynamiken geprägt, die weitreichende, konfliktive und widersprüchliche Folgeerscheinungen in Gesellschaft, Kultur, Politik und Umwelt nach sich ziehen. Die grenzüberschreitenden Verflechtungen reichen von massiven Migrationsbewegungen und neuen Formen der Vergemeinschaftung über die beschleunigte Zirkulation von Medien, Waren und Ideologien im Kommunikationszeitalter sowie der Konstitution geopolitischer Imaginarien bis hin zu politischen und ökonomischen Entwicklungsdynamiken und Regulationsregimen sowie der damit verbundenen Transformation natürlicher Umwelt. Eingebettet sind diese Dynamiken in eine Geschichte der Interdependenz und gegenseitigen Beobachtung zwischen Nord und Süd, die ihren Ursprung in der Eroberung und gleichzeitigen "Erfindung Amerikas" durch die europäischen Kolonialmächte hat.

Der Projektverbund des CIAS setzt sich zum Ziel, die Konjunkturhaftigkeit dieser Verflechtungsphänomene in Gesellschaft, Kultur, Politik, Recht, Umwelt und Wirtschaft der Amerikas zu erforschen. Der Fokus liegt hierbei auf der gegenwärtigen Beschleunigung von Prozessen transnationaler Vergemeinschaftung, Entwicklung, Regulation und Kommunikation. Ergänzt wird er durch eine diachrone Betrachtung von mittel- bis langfristigen Integrations- und Disjunktionsdynamiken. In diesem Kontext stellt sich die forschungsleitende Frage, inwiefern sich auf dem Doppelkontinent im 19. Jahrhundert neben den transatlantischen Beziehungen verstärkt inter- und transregionale Eigendynamiken entwickelten, welche die Amerikas als Verflechtungsraum konstituieren, der zu einem zentralen geopolitischen Bedeutungsrahmen für das politische, gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Handeln in der Region wird.

Die stark asymmetrische Interdependenz zwischen Nord und Süd führt dazu, dass Verflechtung nicht nur auf Integrationsdynamiken, sondern auch auf ihre Konflikthaftigkeit und die regionalen, nationalen oder (trans-)lokalen Widerstandsstrategien - etwa gegen die Hegemonie aus dem Norden oder die schleichende "Latinisierung" des Nordens durch den Süden - zu untersuchen sind.

Der geopolitische Umbruch vom 18. zum 19. Jahrhundert markiert für die Amerikas eine Zeitenwende, bei der die Lösung aus den transatlantischen Kolonialstrukturen sowie die Gründung und geographische Expansion von Nationalstaaten einhergeht mit Interaktion und wechselseitiger Beobachtung zwischen Nord und Süd. In dieser Zeit liegt der Ausgangspunkt für regionale, transregionale und panamerikanische Imaginarien wie dem bolivarischen Panamerikanismus und der Monroe-Doktrin, die den Ausgangspunkt zum Verständnis für die konjunkturhaften Aushandlungsprozesse transregionaler Integration und Disjunktion bieten: Begleitet von offenen oder verdeckten politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interventionen zeichnet sich die weitere Geschichte der Amerikas durch eine Reihe von Institutionalisierungsschüben der interamerikanischen Binnenbeziehungen aus. Die fortschreitenden institutionellen Integrationsprozesse, die beginnend mit dem von Simón Bolívar initiierten Kongress in Panama 1826 über die Panamerikanischen Konferenzen des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zu der Gründung der Organisation Amerikanischer Staaten 1948, der Interamerikanischen Entwicklungsbank 1959 und den Summits of the Americas der 1990er und 2000er Jahre reichen, zeigen die Reichweite der Verflechtungsdynamiken in den Amerikas. Hinzu kommen die zahlreichen Bündnisse und Abkommen regionaler Reichweite wie ALBA, Mercosur, UNASUR, die sich zum Teil kritisch zur Hegemoniestellung des Nordens verorten. Diese Prozesse interamerikanischer Institutionalisierung und entsprechender Rechtsregime sind gegenwärtig besonders im Rahmen eines weitgreifenden Entwicklungsbegriffs zu sehen, der neben der Liberalisierung von Warenflüssen auch die Bekämpfung von Armut, nachhaltige Umweltpolitik, Good Governance, Menschenrechtsfragen sowie kulturelle Rechte umfasst. Trotz des zwischenstaatlichen Regulierungsanspruchs bilden diese institutionellen Integrationsdynamiken nur die Oberfläche von umfassenden interamerikanischen Verflechtungsdynamiken ab, die sich auf gleichzeitige, komplementäre oder auch widerläufige Formen der grenzüberschreitenden Vergemeinschaftung, der Herausbildung transnationaler politischer Kulturen, Kommunikationsräume und transversaler Konsumkulturen erstrecken. Um die Vielschichtigkeit dieser gesellschaftlichen, kulturellen, politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Phänomene der Verflechtung in den Amerikas erfassen zu können, setzt der Projektverbund des CIAS auf die Verschränkung der Makroebene der Strategien staatlicher und supranationaler Akteure mit der Mesoebene der sozialen Bewegungen, Nichtregierungsorganisationen (NGO), wirtschaftlicher und medialer Akteure und der Mikroebene alltagsweltlicher Erfahrung und Kommunikation. Im Sinne der Transdisziplinarität der Area Studies vereinigt der Projektverbund ein weites Spektrum von diskursanalytischen Ansätzen aus dem Bereich der Geschichts- und Kulturwissenschaft, systematische Beschreibungen aus der Politik- und Rechtswissenschaft sowie der Systemökologie, ethnomethodologische Erhebungen von Alltagserfahrung aus der Sozialanthropologie, qualitative und quantitative Ansätze aus Linguistik und Medienwissenschaft in der Arbeit an einem gemeinsamen Forschungsgegenstand und der Methoden- und Theoriereflektion - unter Einbeziehung differenztheoretischer Verflechtungen wie Gender, Race, Klasse und Alter.

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Arbeitsgruppen und Projektlinien

Um die Forschungsarbeit an den interamerikanischen Verflechtungsphänomenen effektiv und fokussiert zu gestalten, werden Arbeitsgruppen zu "transnational flows", "geopolitischen Imaginarien" und zur "gesellschaftlichen Produktion von Umwelt" eingerichtet. Jede dieser drei Arbeitsgruppen umfasst jeweils drei bis vier Projektlinien. Die interdisziplinäre Arbeit an Begriffen, Methoden und Theorien sowie die Vernetzung der Arbeitsgruppen werden von einer Postdoktorandenstelle je Arbeitsgruppe koordiniert, die auch die Rückbindung an das Syntheseprojekt organisiert. In jeder Arbeitsgruppe wird eine diachrone Perspektive zur Genealogie des inter-amerikanischen Verflechtungsraums eingenommen, bei der der Blick auf die historischen Konjunkturen der Verflechtung seit der Zeit der Unabhängigkeit gerichtet wird.

Transnationale Flows

Im Zentrum der Arbeitsgruppe "Transnationale Flows" steht die Frage: Wie bildet sich über materielle und immaterielle Flüsse ein transnationaler Verflechtungsraum heraus, der gesellschaftlichem, kulturellem und politischem Handeln zunehmend als arealer Orientierungsrahmen dient? Damit hat diese Arbeitsgruppe die beschleunigte grenzübergreifende Mobilisierung und Zirkulation von Menschen, Waren, Codes und Medien zum Gegenstand. Aufgrund der gesellschaftlichen Auswirkungen der Deterritorialisierung ist dies sowohl eines der zentralen Themen der gegenwärtigen Transnationalisierungsforschung als auch ein drängender Gegenstand politischer Debatten.

Grenzüberschreitende Medienflüsse der US-Kulturindustrie - Post-Doc (E 13); Disziplinäre Ausrichtung: Amerikanistik

Im Zentrum der Betrachtung stehen hier Aushandlungen kultureller Differenz, transversaler kultureller Identitäten sowie grenzüberschreitende Formen der Vergemeinschaftung. Gekennzeichnet von extensiven Hybridisierungsprozessen und einer zunehmenden Politisierung sind die Borderlands hierbei Ort der Kreuzung und asymmetrischen Verflechtung dominanter Flüsse der US-amerikanischen Kulturindustrie und Counter-Flows, die ausgehend von mexikanischer Seite zunehmend ein Publikum von Latinos in den USA erreichen. Das Fernsehen verbindet hierbei seine tradierte Rolle als homogenisierendes Medium des Mainstreams - mit entsprechend standardisierten Codes der Repräsentation - mit einer zunehmenden Diversifizierung, die im Rahmen der digitalen Revolution auf die kulturelle Heterogenität mit entsprechenden Nischenangeboten für translokale und transversale Publikumssegmente antworten kann (z.B.: spezifische (trans-)regionale Angebote für größere Diasporagruppen). Neben der Analyse der Medieninhalte soll im Sinne der Cultural Studies auch der Aspekt ihres Konsums und der entsprechenden kulturellen Übersetzung und Aneignung durch die verschiedenen Publikumssegmente untersucht werden. Im Fokus werden hierbei gerade jene Medieninhalte stehen, die Emergenz transnationaler Vergemeinschaftung und die gegenläufigen Dynamiken der Fragmentierung thematisieren (u.a. Hybridisierung, Gewaltproblematik, kulturelle Differenz, Rassismus).

Wirtschaftsflüsse und räumliche Ordnung im 19. Jahrhundert - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Geschichtswissenschaft

Die Projektlinie untersucht, wie die nordamerikanische wirtschaftliche und militärische Expansion innerhalb der Amerikas in Konkurrenz zu den transatlantischen Verflechtungsdynamiken trat und diese im Laufe des 19. Jahrhunderts zurückdrängte. Als Untersuchungsfeld dient der Handel mit "Bastardklingen", Plantagenmessern, Säbeln und Seitengewehren, die nicht nur für die Plantagenwirtschaft ein zentrales Wirtschaftsgut, sondern auch für die konfliktreiche Zeit der postkolonialen Unruhen und Kriege von großer Bedeutung waren. Seit dem 17. Jahrhundert und verstärkt im 19. Jahrhundert wurden Blankwaffen und Messer vom deutschen und britischen Hinterland insbesondere in die Karibik, nach Westindien, Brasilien und Mexiko - aber auch in den amerikanischen Norden - geliefert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trifft die Produktion dann auf starke Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten. Die Projektlinie ist entsprechend vergleichend angelegt und kontrastiert den transatlantischen Handel der europäischen Hinterlandregionen - Solingen, Sheffield, Birmingham - mit dem zunehmenden interamerikanischen (post-)kolonialen Handel (ausgehend von Collinsville, CT, USA). Forschungsleitende Fragestellungen sind hierbei, wie sich durch Wirtschafts-, Technologie- und Finanzflüsse regionale und transregionale Wirtschaftsräume konstituierten und welche Wechselwirkungen mit den sich im 19. Jahrhundert in den Amerikas konsolidierenden geopolitischen Räumen bestanden.

Transmigration von Frauen und Kindern in Mesoamerika - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Soziologie, Sozial- und Kulturanthropologie, Sozialarbeit.

Der Fokus dieser Projektlinie liegt auf Kindern und Frauen als Akteure in der (Trans-)Migration in Mesoamerika. Von einer sozialanthropologisch-sozialwissenschaftlichen Warte aus soll untersucht werden, wie diese Gruppen ihre Biografien aktiv und in Interaktion mit den anderen Akteuren im Feld der Migration gestalten. Regional orientiert sich die Forschungslinie an der Durchgangsroute der Kinder- und Frauenmigration aus Mittelamerika über den Isthmus von Tehuantepec und Tijuana bis in die USA, auf der MigrantInnen von diversen Gesundheits-, Menschenrechts- und Sozialprojekten aufgefangen und begleitet werden. Wie die Migranten ihren Weg im Rahmen des Migrationsflusses als biografisches Projekt entwickeln und ihre Zukunft kommunizieren, ist Thema der Forschung. Ein bedeutender Teil der Forschungsarbeit besteht auch in der Entwicklung von Kinder- und (Trans-)Genderadäquaten Forschungsverfahren, mit denen die Interaktionsprozesse und -dynamiken der Akteure mit den sozialen und sozialpolitischen Organisationen rekonstruiert werden können.

Linguistische Perspektiven auf Migration und Diaspora - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Linguistik

Diese Projektlinie fragt danach, wie Migranten und diasporische Subjekte in den kommunikativen Netzwerken des World Wide Web sprachliche Kategorien für regionale, transregionale und deterritorialisierte Identitäten aushandeln. Im Fokus steht hierbei die lateinamerikanische und karibische Migration nach Nordamerika (USA und Kanada), d.h. multilinguale Kontexte, bei denen sich Adaptionsprozesse der Migranten vor der Folie einer forcierten Sprach- und B ildungspolitik in einem Assimilationsszenario abspielen. Ergründet werden soll, wie sich aufgrund der Migrationserfahrung in den alltagssprachlichen Kommunikationsflüssen des Netzes sogenannte communities of practice herausbilden, die durch multilinguale sprachliche Konstruktionsprozesse gekennzeichnet sind. Im gleichen Maße, wie die geteilte Situation und geographische Nähe zugunsten virtueller Kommunikationsräume in den Hintergrund tritt, gewinnen rein sprachliche Strategien der Ko-Konstruktion von symbolischen Ordnungen und Sinnstrukturen dabei an Bedeutung. Diese sind Gegenstand korpusbasierter Analysen, die durch qualitative, soziolinguistische Interviews mit Akteuren der communities of practice im World Wide Web ergänzt werden sollen.

 

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Geopolitische Imaginarien

"Geopolitischen Imaginarien" - so der konzeptionelle Zugriff der zweiten Arbeitsgruppe - sind gerade in solchen historischen Phasen von besonderer Bedeutung, in denen territoriale Bezüge in Frage gestellt und durch neue ersetzt bzw. überlagert werden. Wie werden über geopolitische Imaginarien grenzüberschreitende oder verflüssigte Raumbezüge politisch beherrschbar, ökonomisch verwertbar oder kulturell verarbeitbar gemacht? Von besonderem Interesse sind hierbei die gemeinschaftsbildende Wirkung von geopolitischen Imaginarien sowie ihr strategischer Einsatz in den politischen Auseinandersetzungen um die Gestaltung der interamerikanischen Zukunft.

Geopolitische Imaginarien von Entwicklung zwischen den USA und dem Andenraum - Post-doc (E 13); Disziplinäre Ausrichtung: Geschichtswissenschaft

Die Projektlinie untersucht die Bedeutung von Imaginarien der Entwicklung und des Fortschritts für die diskursive Konstruktion von Einheit und Differenz in den Amerikas von den 1920er bis zu den 1970er Jahren. Mit dem Ende des 1. Weltkriegs wurden die USA zum Haupthandelspartner Lateinamerikas und zu einem herausragenden Leitbild gesellschaftlicher Modernisierung. Zugleich trat die Institutionalisierung des Panamerikanismus in ihre entscheidende Phase. Insbesondere die 1920/30er und die 1960/1970er Jahre sind durch eine Abkehr der USA von traditionellen, dem Geist des manifest destiny verpflichteten Strategien unilateraler wirtschaftlicher, politischer und militärischer Intervention (dollar diplomacy, big stick policy) geprägt. Demgegenüber wurden in diesen Zeiträumen verschiedene Programme politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Integration und Entwicklung (Good Neighbor Policy, Alliance for Progress) aufgelegt. Zugleich lassen sich auf dem Doppelkontinent verschiedene nationalstaatliche Reform- und Modernisierungsinitiativen (New Deal, Industrialisierungs- und Urbanisierungsprogramme, Agrarreformen u.a.) feststellen, die im Rahmen wechselseitiger Beobachtung und Kooperation vielfältige transnationale Verflechtungsdynamiken hervorbrachten. Vor diesem Hintergrund untersucht die Forschungslinie die in den 1920/30er und 1960/70er Jahren durch verschiedene Akteure produzierten Leitbilder der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Integration der Amerikas und fragt nach den damit einhergehenden suprastaatlichen Institutionalisierungsprozessen. Der Hauptfokus der Untersuchung liegt dabei auf den diese geopolitischen Imaginarien und transnationalen Institutionalisierungen prägenden Vorstellungen der Entwicklung und des Fortschritts.

Geopolitik und strategische Regionalisierung der subpolaren und polaren Regionen in den Amerikas - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Politikwissenschaft, Politische Geographie

Diese Projektlinie fragt nach der Bedeutung der Polarregionen für die gegenwärtige Rekonstituierung geopolitischer Leitbilder in den Amerikas. Vor dem Hintergrund der globalen Konkurrenz um knappe Energieressourcen sowie als Reaktion auf die sich abzeichnenden Folgen des globalen Klimawandels werden die subpolaren und polaren Regionen der Amerikas bzw. angrenzende Polarregionen zunehmend zum Gegenstand von politischen Konflikten. Während diese Konflikte dabei bislang vor allem als völkerrechtliche Auseinandersetzungen (vor allem um die Frage der Reichweite der Festlandssockel nach der Seerechtskonvention) ausgetragen wurden, so spielen zunehmend auch militärische Komponenten ein Rolle (Aufrüstung von Spezialkräften für den Kälteeinsatz, symbolische Besetzung der Hans-Insel usw.). Während die politik- und rechtswissenschaftliche Literatur diese Konflikte in einem engeren Sinne bereits ausführlich untersucht hat, finden sich bislang kaum Arbeiten zur Frage, inwieweit die deutlich stärkere Orientierung auf die Polarregionen insbesondere für Kanada, die USA, Chile und Argentinien zu einem Wandel in dem Sinne führen, dass die zur "Ortsbestimmung" der eigenen politischen Identität dienenden geopolitischen Leitbilder umgebaut werden.

Mission, religiöser Habitus und geopolitische Imaginarien - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Theologie, Religionssoziologie

Diese Projektlinie untersucht die auf religiöse Semantiken zurückgreifende Konstitution interamerikanischer Vernetzungs- und Kommunikationsprozesse sowie die Ausbildung geopolitischer Imaginarien im Spannungsfeld lokaler, hemisphärischer und globaler Ströme. Im 20. Jahrhundert lassen sich beschleunigte transversale Expansionsbewegungen insbesondere des Protestantismus in den Amerikas feststellen, die auf einer transnationalen Verflechtung von Spezialisten, Migration und Kommunikation beruhen und im Fokus dieser Projektlinie stehen. Entscheidend ist, dass seit etwa den 1980er Jahren eine Umkehrung der früheren Missionsrichtung eingesetzt hat, so dass heute sowohl katholisch-charismatische als auch protestantisch-pfingstkirchliche Flows von Lateinamerika nach Anglo-Amerika beherrschend geworden sind; alles dies neue Entwicklungen, die die religiöse Alltagspraxis stark verändern. Untersucht werden soll hierbei für die Zeit seit den 1980er Jahren, in welchem Zusammenhang die Herausbildung religiöser Habitus und Strategien mit der Ausformung transregionaler geopolitischer Imaginarien (Weltkirche, Weltmission, weltweiter Geist der Pfingstbewegung usw.) sowie der rituellen Rückbindung an den religiösen 'Raum der Orte' (Castells) (örtliche und nationale Heilige, rituelle Lokalität indigener Religion usw.) steht. Das Projektdesign ist hierbei im Sinne der multisited anthropology vergleichend angelegt und untersucht die gegenläufigen Prozesse der Mission in den Pfingstkirchen in Nord/Süd- und Süd/Nord-Richtung anhand von Fallstudien aus den USA und Zentralamerika.

Industrielle Entwicklung und grenzübergreifende Verflechtung in der Automobilindustrie zwischen USA und Kanada (1900-1970) - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Geschichtswissenschaft

Aus einer sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Perspektive soll hier am Beispiel der US-amerikanisch-kanadischen Grenzregion Detroit-Ontario die Frage untersucht werden, wie von zentralen Wirtschaftsstandorten Dynamiken grenzübergreifender ökonomischer und sozialer Integration ausgehen. Der Boom der Automobilindustrie in Detroit setzte transnationale Ströme der Zuwanderung in Gang - besonders aus dem am anderen Ufer des Detroit River gelegenen kanadischen Windsor, das ebenfalls eine bedeutende Industriestadt ist. Zu fragen ist, inwiefern die ökonomische grenzüber¬schreitende Regionalisierung auch durch die zwischen den USA und Kanada unterschiedlichen und durchaus rivalisierenden politischen Kulturen und Regime, beispielsweise in Hinblick auf die Rassenfrage (besonders nach der "Great Migration" in die nördlichen Industriestädte der USA), geprägt ist. Die Forschungslinie untersucht zunächst in einer Langzeitperspektive (ca. 1909 bis 1970er Jahre) den Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozess in dieser Grenzregion und arbeitet dabei Verflechtungen und Wanderbewegungen sowie Konkurrenz und Abgrenzung heraus. Über diese wirtschaftshistorische Dimension hinaus fragt das Projekt nach den ethnischen Siedlungsmustern in der Region sowie nach den begleitenden Prozessen kultureller Annäherung, Identitätssuche durch Abgrenzung und Hybridisierung im US-amerikanisch-kanadischen Grenzraum.

 

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Gesellschaftliche Produktion von Umwelt

Die problematischen Wechselverhältnisse und Rückkoppelungen zwischen Umwelt und gesellschaftlicher Entwicklung stellen eine der drängendsten Problemlagen in den Amerikas dar. Deshalb steht diese Frage im Zentrum der Arbeitsgruppe "Gesellschaftliche Produktion von Umwelt": Inwiefern trägt die materiell überformte sowie medial, rechtlich, ökonomisch und politisch konstruierte und angeeignete Umwelt zur Konstitution eines transnationalen Verflechtungsraum bei? Die mit dieser Frage angesprochenen Phänomene können kaum mehr territorial beschränkt begriffen werden. Deshalb stehen im Fokus der dritten Arbeitsgruppe auf der einen Seite die grenzübergreifenden Prozesse von Aneignung und Transformation von Umwelt sowie, auf der anderen Seite, die Rückwirkungen von Naturereignissen und Umwelt auf den Verflechtungsraum.

Entwicklung und Umwelt in der interamerikanischen Integration am Beispiel Mesoamerikas - Post-doc (E 13); Disziplinäre Ausrichtung: Geschichts-, Sozial- und Politikwissenschaft

Großangelegte regionale Entwicklungsstrategien mit den damit verbundenen massiven Eingriffen in den Naturraum setzen seit der Mitte der 20. Jahrhunderts umweltpolitische Proteste und Regulations¬mechanismen in Gang. Zu den größten und gegenwärtig folgenreichsten internationalen Infrastrukturprojekten in der Region der Amerikas gehört das von Mexiko und den zentral¬amerikanischen Staaten 2001 als Plan Puebla-Panamá initiierte Proyecto Mesoamérica (2008), das im Fokus dieser Projektlinie steht. Aus der Perspektive der zentralen politischen Akteure ist es gerade der Ausbau von Infrastruktur, der die materielle Grundlage transarealer Integration darstellt, da Mesoamerika im interamerikanischen Verflechtungsraum als Brücke zwischen Nord- und Südamerika fungiert. Insbesondere an den ökologischen Konsequenzen dieser angestrebten Kolonisation und Regulation der hydrologischen Umwelt entzündet sich eine politische Debatte um Umwelt, die einen inter-amerikanischen Kommunikationsraum des Politischen konstituiert. Im Rahmen zweier Konstellationsanalysen zu Infrastrukturprojekten ist die aufeinander bezogene Interaktion so verschiedener Akteure wie NGOs, Umweltbewegungen, Wirtschaftsverbände, transnationale Organisationen, Massenmedien und nationale Regierungen zu untersuchen. Der Fokus liegt hierbei auf Strategien der umweltpolitischen Mobilisierung und Konfliktregulierung, auf der ökonomischen Interessenvertretung und - aufgrund ihrer Wirkmächtigkeit im umweltpolitischen Konfliktfeld - auch auf der Mediatisierung dieser Politiken. Dabei ist herauszuarbeiten, inwiefern sich das umweltpolitische Konfliktfeld von einer klaren Frontstellung hin zu einer komplexen Gemengelage unterschiedlicher Deutungsweisen umweltpolitischer Konzepte und Programme verlagert.

Soziale Deutung von Klimakatastrophen in der Karibik - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Geschichts-, Sozial- Politikwissenschaft

Die karibischen Anrainerregionen (hier insbesondere USA, Antillen sowie Zentralamerika) stehen für einen Umweltraum, der durch periodisch wiederkehrende Naturkatastrophen - wie etwa den Hurrikans Mitch (1998) und Katrina (2005) - politisch und ökonomisch höchst unterschiedliche Staaten tangiert. In dieser Projektlinie geht es entsprechend darum, anhand dieser beiden Naturereignisse die transregionale Verflechtung diskursiver Deutungsrahmen zum Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft herauszuarbeiten. In beiden Fällen haben - trotz aller nationalen Differenzen - ähnliche Themenfelder die politischen Agenden bestimmt: die Reichweite des Klimawandels, die Grenzen der gesellschaftlichen Aneignung von Umwelt sowie die Vulnerabilität unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen insbesondere in Hinblick auf Geschlecht, Klasse, Ethnizität und Alter. Eine Spannbreite weisen hierbei die Frames der unterschiedlichen beteiligten Akteursgruppen von internationalen Organisationen über Medien, Experten, NGOs bis hin zu lokalen und diasporischen sozialen Bewegungen auf. Dabei ist es gerade auch von Interesse, die Wechselwirkungen zwischen transnationalen Deutungsrahmen des "globalen Klimawandels" und traditionellen, kulturell und lokal spezifischen Denkmustern zu analysieren. Über die Frage der Deutung hinaus sollen auch jene interventional frames herausgearbeitet werden, die im Hinblick auf die Frage der Gestaltbarkeit, Berechenbarkeit bzw. Kontrollierbarkeit des Wechselverhältnisses von Gesellschaft und Umwelt handlungsleitend sind. Weiterführend ist zu fragen, inwiefern die Erfahrung von Umweltkatastrophen als gemeinsame und geteilte Erfahrung gedeutet wird und damit zur Ausbildung von translokalen Solidargemeinschaften führt.

Einwanderung und Einbürgerung von Neophyten und ihr Bezug zur gesellschaftlichen Entwicklung in den Amerikas im 19. Jahrhundert - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Biologie/ Geschichtswissenschaft

Angesichts der Vervielfachung globaler Warenflüsse ist das Auftreten invasiver, durch den Menschen verbreiteter Pflanzen- und Tierarten (Neophyten bzw. Neozoon) seit einigen Jahren weltweit Gegenstand intensiver pflanzenökologischer und populationsbiologischer Forschungen. Die vorliegende Projektlinie geht in diesem Kontext der Kolonisation von Umwelt der Amerikas anhand der gezielten Einführung von Weidegräsern als Neophyten in der nordamerikanischen Prärie im 19. Jahrhundert nach, wobei die Forschung an der Schnittstelle von Ökosystembiologie, der Umwelt- sowie Sozialgeschichte angesiedelt ist. Bereits kurz nach der einsetzenden Westexpansion und der agrarischen Erschließung der Frontier stellte sich heraus, dass viele der einheimischen Präriegräser dem hohen Beweidungsdruck durch die eingeführten Rinderherden nicht standhielten. Um die Viehwirtschaft als Antwort auf die massive Besiedlung, Urbanisierung und Industrialisierung ausbauen und intensivieren zu können, wurden aus dem eurasischen Raum beweidungstolerante Grasarten (wie Agropyron desertorum) eingeführt, die die einheimischen Gräser weitgehend verdrängten. Anhand der historisch-ökologischen Folgen dieser geplanten Veränderung des Umweltraums soll der Zusammenhang von ökologischer Verflechtung und gesellschaftlicher Entwicklung erforscht werden.

Verrechtlichung von Umwelt und politische Integration in den Amerikas - Promotionsstelle (E 13/ 60%); Disziplinäre Ausrichtung: Rechtswissenschaft

Im Fokus dieser Projektlinie stehen die Verrechtlichungsprozesse, die den institutionellen Rahmen für den Umgang mit der Biodiversität etablieren. Verrechtlichung wird hierbei als einer der gegenwärtig zentralen Steuerungsmechanismen staatlicher, regionaler und transregionaler Akteure gesehen. Zu untersuchen ist nicht nur die Institutionalisierung des Umweltbegriffs, sondern die Verrechtlichungs¬prozesse führen zudem über das internationale Vertragswesen zu der Verschränkung von einander überlagernden Rechtsräumen unterschiedlicher Reichweite, über die wiederum regionale und transnationale Verflechtungsräume geschaffen werden. Gerade im Bereich des Umweltrechts müssen im Zusammenhang mit der transarealen Integration in den Amerikas transnationale Umweltrechtsregime (globale Klimaschutzabkommen Post-Kyoto und Biodiversitätskonventionen, global commons) mit nationalen Rechtsregimen harmonisiert werden. Des Weiteren gibt es gerade im interamerikanischen Verflechtungsraum diverse einander überlagernde Rechtsnormen verschiedener regionaler Bündnisse, bei denen Umweltaspekte jüngst in immer stärkerem Maße eine Rolle spielen. Die rechtswissenschaftliche Projektlinie untersucht zunächst das Nebeneinander und Miteinander, die Parallelität und Überschneidung der verschiedenen Verträge als spezifisch juristische Form der Verflechtung, um dann die spezifischen rechtlichen Regelungen der Umwelt in diesen Verträgen zu sichten, zu vergleichen und zunächst normativ zu bewerten.

 


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