Fakultät für Erziehungswissenschaft
 
 
Hintergrundbild
Hintergrundbild
Uni von A-Z
Universität Bielefeld
  
Internationale Schulbuchforschung und Reformprozesse
Durchführung einer explorativen Studie über „Evolutionstheorien im Schulbuch.
Die Rezeption Charles Darwins in deutschsprachigen und US-amerikanischen Schulbüchern um 1900“ Gefördert: Universität Bielefeld

1. Forschungsschwerpunkt und -interesse

Schulbücher sind auch im Zeitalter neuer Medien zentrale Mittel des Lernens. Ohne sie hätte die historisch rekonstruierbare Breitenwirkung von Bildung nicht stattgefunden. Auch die gegenwärtig in Deutschland zu beobachtenden Bemühungen zur Schulreform sind keineswegs nur eine Frage der Organisation, sondern auch eine Unterrichtsgestaltung, der Wissensvermittlung und des Wissenstransfers. Unser Forschungsschwerpunkt setzt hier mit der Frage an, wie sich insbesondere in Zeiten des Wandels, der Reform, der Schulentwicklung das Konzentrat des Wissens in Schulbüchern niederschlägt und welche nationalen Besonderheiten sich im internationalen Vergleich abzeichnen. Seit 2005 sind in meist überregionalen Feuilletons vermehrt Berichte über den Vorstoß der Kreationisten und deren Einfluss auf das US-Amerikanische Unterrichts- und Schulbuchwesen zu lesen. Der in einer wissenschaftlichen Sprache geführte ideologische Konflikt weit über einzelne Bundesstaaten der USA hinaus dreht sich um die Interpretation der Evolution und vor allem um die Frage, welches Wissen darüber Kindern und Jugendlichen in der Schule vermittelt werden sollte. Konkret geht es u.a. um die Frage, welchen Platz Charles Darwin und die wissenschaftlich begründeten Evolutionstheorien im Schulbuch einnehmen dürfen. Diese Debatte ist international und historisch betrachtet keineswegs neu, sondern begleitet die Evolutionstheorie Darwins als „Wissenskorpus“ seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Seit der Veröffentlichung von „On the Origin by Means of Natural Selection“ 1859 und von „The Decent of Men, and Selection in Relation to Sex“ 1871 strahlte Darwin auf nahezu alle wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereiche zumindest im deutschsprachigen Raum aus. Dies machte seine Evolutionstheorie insgesamt auch für die zeittypische Popularisierung naturwissenschaftlichen Wissens attraktiv. Das Innovationspotential seiner Theorie erreichte somit einen hohen internationalen Stellenwert, wobei nicht selten diffuse und vage Vorstellungen in der Rezeption sichtbar werden. Die Zeit zwischen 1870 und 1910, Darwins 100 Geburtstag, der viele Gedenkfeiern und Publikationen nach sich zog, ist für den geplanten Forschungsschwerpunkt besonders relevant, weil es sich sowohl in Deutschland und Österreich als auch in den USA um eine ausgewiesene Reformepoche, die mit den Begriffen Reformpädagogik und „progressiv education“ verbunden ist, handelt. Insofern schließt eine vergleichende Studie über den Niederschlag der Erkenntnisse Darwins in den Schulbüchern unterschiedlicher Schularten und –fächer nicht nur eine elementare Forschungslücke, sondern sie verspricht systematische Forschungsperspektiven über den Zusammenhang von neuem Wissen und seinem Transfer in schulische Lehrmittel sowie über das Ausmaß von Innovationen in Lehrmitteln als Teil größerer Reform- oder Entwicklungsprozesse. Dazu wird auch eine Rezeptionsanalyse anhand der Fachzeitschriften vorgenommen werden.

2. Methodisches Vorgehen

Methodisch erfolgt zunächst eine kritische Auswahl der Schulbücher. Dabei sollen erstens deutsche und amerikanische Schulbücher aller Schularten vertreten sein und zweitens eine Beschränkung auf Naturkunde-, Biologie- und Geschichtsbücher erfolgen. Soweit vorhanden werden auch die inhaltlichen oder didaktischen Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer in die Analyse miteinbezogen. Die Auswertung erfolgt auf der Basis einer historisch kritischen Dokumentenanalyse und der Kontextforschung in Anlehnung and die „Cambridge School“ John Pococks. Die systematische Kontextualisierung von Schulbüchern ist nötig, wenn sie vor dem Hintergrund umfassender Reformprozesse betrachtet werden. Die Rezeptionsanalyse anhand pädagogischer Zeitschriften erfolgt auf der Basis der historischen Diskursanalyse in ihren methodischen Teilschritten Korpusbildung, Kontextanalyse, Analyse der Aussagen anhand der Makro- und Mikrostruktur des Textes und der Diskursanalyse.

3. Veröffentlichungen