Fakultät für Erziehungswissenschaft
 
 
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"Freie Zeit gestalten" - Eine Untersuchung der Freizeitmaßnahmen und Behandlungsprogramme im Jugendstrafvollzug

Gefördert durch die Dr.-Ritter-Stiftung

Projektleitung:

Dr. Alina Pöge

Projektlaufzeit:
01/2010-heute

Projektmitarbeiterin:
Dipl. Päd. Nora Haertel

Projektbeschreibung

Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens ist zum einen die nach wie vor hohe Rückfallquote ehemaliger Inhaftierter im Jugendstrafvollzug. Die letzte bundesweite Rückfallstatistik zeigte, dass 68,6 % der Insassen nach ihrer Entlassung wieder verurteilt wurden, 52,5 % davon zu einer erneuten Freiheits- bzw. Jugendstrafe (Jehle et al. 2010: 61). Da die Resozialisierung das vornehmliche Ziel des Jugendstrafvollzuges darstellt, kann diese Quote nicht zufriedenstellen. Der zweite Ausgangspunkt des Projektes ist die Aufwertung der Freizeitmaßnahmen im Jugendstrafvollzug durch die neuen Jugendstrafvollzugsgesetze und die in der Folge neu formulierten Aufgabenbeschreibungen und Zielsetzungen. Die Freizeitmaßnahmen sollen den Prozess der Resozialisierung positiv beeinflussen. Die Vorstellungen darüber, welche Fähigkeiten die Freizeitangebote im Jugendstrafvollzug vermitteln sollten, sind vielfältig. Aussagen darüber, ob diese Ziele durch die Freizeitmaßnahmen erreicht werden können und ob die neu erworbenen Fähigkeiten bei der Legalbewährung hilfreich sind, gibt es auf Grund fehlender wissenschaftlicher Begleitung bisher jedoch nicht.

Auch die wissenschaftliche Forschung zum Ausstieg und zur Resozialisierung nach einer Haftstrafe bietet bisher nur wenig feste Anhaltspunkte. International besteht Einigkeit über die positive Wirkung (1) des Älterwerdens an sich, das mit einem Reifer-, Verantwortungsbewusster- und Ruhigerwerden einhergeht, (2) der Einbindung in den Arbeitsmarkt, unter Berücksichtigung der Aspekte Stabilität und Zufriedenheit sowie (3) dem Eingehen intimer Partnerschaften und Eheschließungen, wobei hier der Aspekt der subjektiv empfunden Qualität eine große Rolle spielt (zusammenfassend siehe Laub & Sampson (2001) sowie Farrington (2007), nationale Belege liefern Lauterbach (2009) sowie Stelly & Thomas (2005)). Faktor zwei ausgenommen, hinterläßt die Auflistung der international anerkannten Ausstiegsfaktoren viele Fragezeichen in Bezug auf die Möglichkeiten, im Rahmen von Freizeitmaßnahmen oder auch Behandlungskontexten während der Inhaftierung positiv auf eine Legalbewährung hinarbeiten zu können.

Doch schon Maruna (1999) verwies darauf, dass nicht das Alter, ein Job oder eine Partnerschaft an sich eine Person verändern kann, die keine Veränderung möchte oder keine dahingehende Anstrengungen unternimmt. So legen einige Forscher großen Wert auf die Bedeutung einer Identitätsveränderung bzw. einer kognitiven Transformation im Laufe des Ausstiegsprozesses (zusammenfassend siehe Kazemian & Maruna 2009: 285). Eine Rekonstruktion der Vergangenheit, die zur Entwicklung einer prosozialen Identität führt, klare Zukunftsbilder und eine sebstwirksame Einstellung sollen den Ausstieg vorantreiben (Maruna 2001). Andere Wissenschaftler streichen den Wert informeller Kontrollstrukturen durch eine feste Einbindung in Familie, Partnerschaft und Beruf heraus (Sampson und Laub 2005). Letztlich wahrscheinlich ist eine wechselseitige Beeinflussung interner (personale) und externer (strukturelle) Faktoren über deren kausale Abfolge man bis heute jedoch fast nichts weiss (LeBel et al. 2008).

Das Projekt "Freie Zeit gestalten" hat sich daher die grundlegende Analyse der einzelnen Entwicklungsschritte im Prozess der Resozialisierung nach einer Haftstrafe zur Aufgabe gemacht. Das Projekt legt dabei einen besonderen Fokus darauf, welche Rolle die Freizeitmaßnahmen und Behandlungsprogramme im Vollzug bei der Vermittlung relevanter interner und externen Faktoren besitzen (könnten).

Um dem nachgehen zu können, ist die Studie als prospektive Längsschnittstudie im Panel-Design konzipiert. Die Befragungen starten mit dem Zugang in die Haftanstalt (T1), als Prä-Zeitpunkt, und werden in neunmonatigem Abstand (T2, T3 etc.) wiederholt. Nach Entlassung aus der Haft werden die Befragten kontaktiert und möglichst sofort befragt. Es folgen weitere Befragungen im Neunmonatsrhythmus (bis - im optimalen Fall - zwei Jahre nach Haftentlassung). Das Studiendesign soll gewährleisten, dass Veränderungen sowohl auf personaler als auch auf struktureller Ebene gemessen werden können. Es soll der Prozesshaftigkeit des Ausstiegs Rechnung getragen und konkrete Einflussfaktoren und Veränderungen identifiziert werden. In diesem Projekt wird Wert darauf gelegt, dass nicht allein der Rückfall als Indikator für Vermittlungserfolge in den Maßnahmen herangezogen wird. Es sollen statt dessen insbesondere die Entwicklungsfortschritte und Integrationsleistungen berücksichtigt werden, die den Prozess des Ausstiegs unterstützen können (vgl. Obergfell-Fuchs & Wulf 2011).