Fakultät für Erziehungswissenschaft
 
 
Hintergrundbild
Hintergrundbild
Uni von A-Z
Universität Bielefeld > Fakultät für Erziehungswissenschaft > AG 1 ǀ
  

Habilitationsprojekt Dr. Friederike Schmidt

Verfasstheiten des Normalen. Eine historisch anthropologische Untersuchung zur Emergenz von Normalitätskonstruktionen in der Pädagogik

Projektlaufzeit: 2014-2018

 

Projektbeschreibung:

Dem Komplex des Normalen (Link 2009) kommt gegenwärtig in verschiedenen Lebens- und Gesellschaftsbereichen eine hohe Bedeutung zu. Er ist nicht zuletzt für den Selbst- und Weltbezug von Menschen in westlichen Gesellschaften zentral. So fungieren Konstruktionen von Normalität, wie Link herausstellt, als "selbstverständlicher Orientierungsmaßstab moderner okzidentaler Subjekte im Alltag" (ebd., S. 20). Ähnlich argumentiert Sohn (1999), der im Komplex des Normalen ein "weitgehend selbstverständliches Orientierungs- und Handlungsraster" (Sohn 1999, S. 9) erkennt, entlang derer Menschen sich und andere erfahren. Doch wie konnten sich Konstruktionen von Normalität in dieser Tragweite etablieren und durchsetzen? An diese Frage, die in den Kultur- und Sozialwissenschaften im Rahmen der Auseinandersetzung um das Aufkommen und die Emergenz des Komplexes des Normalen eine zentrale Rolle spielt, knüpft das historisch-anthropologische Forschungsprojekt an, in dessen Fokus Verfasstheiten des Normalen in der Pädagogik gestellt sind. Insgesamt werden dabei drei Untersuchungsperspektiven eingenommen:

Anthropologie des Normalen
Der Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass die Wahrnehmung und die Beobachtung menschlichen Verhaltens und Lebenslagen anthropologischen Konzeptionen zugrunde liegen. Vor diesem Hintergrund interessiert, welche anthropologischen Annahmen Konstruktionen von Normalität, die in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung spielen, zugrunde liegen. Weiterführende Hinweise geben hier verschiedene normalitätstheoretische Arbeiten (ex. Foucault 2003; Hacking 1990; Link 2009; Turmel 2008; Werner/Mehrtens 1999). Diese Hinweise werden zu einer Anthropologie des Normalen systematisiert und gebündelt.

Diskursive Vorläufer des Normalen in den Anthropologien der Aufklärung
Dass sich Konstruktionen von Normalität und die hierbei greifenden Begriffe, wie normal oder abweichend, als relevante Raster und Kategorien der Deutung menschlicher Verhaltens- und Lebensweisen durchsetzen konnten und in diesem Sinne in der Pädagogik Bedeutung erhalten, wirft Fragen nach den historischen-kulturellen Bedingungen dieser Relevanz von Normalitätskonstruktionen auf. Studien zu Normalität und zum Normalismus stellen das Aufkommen und die Etablierung des Komplexes des Normalen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Transformationen, die im Rahmen von Verfahren der Formierung und Regulierung des Menschen und der Gesellschaft in Justiz, Arbeit, der Medizin oder auch der Pädagogik ab dem 18., vor allem aber ab dem 19. Jahrhundert einsetzen. An diese Befunde anknüpfend stellt sich mit einem fokussierten Blick auf die Pädagogik die Frage, wie das Aufkommen und die Schlagkraft von Normalitätskonstruktionen diskursiv vorbereitet werden. An welche Diskurse knüpfen diese Konstruktionen und die Verfahren der Hervorbringung von Normalitätskonstruktionen (Quantifizierung, Standardisierung) an? Lassen sich Diskursivierungen des Normalen in der pädagogischen Literatur der Aufklärung ausmachen; wenn ja, welche?

Konstruktionen des Normalen in Diskursen pädagogischer Fach- und Lehrkräfte des Elementar- und Primarbereichs
Während die ersten beiden Zugänge des Projekts vor allem mit der Frage befasst sind, wie sich Normalitätskonstruktionen als anthropologische Deutungsraster in der Pädagogik durchsetzen konnten, rückt der dritte Schwerpunkt die Relevanz und Spezifik von Normalitätskonstruktionen in gegenwärtigen Diskursen der pädagogischen Praxis in den Vordergrund der Untersuchung. Auf Basis von Gruppendiskussionen, die mit Fach- und Lehrkräften des Elementar- und Primarbereichs geführt wurden, wird untersucht, ob und wenn ja, wie die Pädagog_innen sich auf Konstruktionen von Normalität beziehen und diese diskursiv entfalten. Thematisch beziehen sich die Gruppengespräche auf pädagogische Erfahrungen mit dem Thema Essen/Ernährung im pädagogischen Kontext des Elementar- und Primarbereichs. In der Art und Weise, wie die Pädagog_innen ihre Erfahrungen dabei entfalten, lassen sich verschiedene Logiken der Konstruktion von Normalität rekonstruieren. Im Untersuchungsblick sind vor allem kollektive Konstruktionen.

 

Publikationen

Buchbeiträge
  • Normalisierungen. In: Kraus, A./Budde, J./Hietzge, M./Wulf, W. (2017) (Hrsg.): "Schweigendes" Wissen in Lernen und Erziehung, Bildung und Sozialisation. Weinheim, München: Beltz Juventa, S. 734-744.
  • Zwischen normal und abweichend. Konstruktionen der Unsicherheit im Kontext früher Kindheit. In: Wulf, C./Zirfas, J. (Hrsg.): Unsicherheiten. Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie. Bd. 24, H. 1. Berlin/Boston/Peking: De Gruyter, S. 139-150.
  • Die Kategorie des Normalen. Historisch-anthropologische Annäherungen an einen vielschichtigen Begriff. In: Foster, E./Neumann, S./Wrana, D. (Hrsg.): Normalisierungen. Wittenberger Gespräche, S. 153-163.
Vorträge
  • "Pädagogische Wahrnehmbarkeitsräume des Normalen" Überlegungen zur Emergenz von Normalitätsvorstellungen in pädagogischen Beobachtungen. DGfE-Kongress "Räume für Bildung. Räume der Bildung", Symposium: "Räume der Beobachtung - Räume der Normalisierung", Universität Kassel (13. - 15. März 2016).
  • "Imaginationen des durchschnittlichen Kindes und dessen Diskursivierung in Rousseaus 'Émile. Oder über die Erziehung'". Jahrestagung der DGfE-Kommission Pädagogische Anthropologie zu "Kinder/Kindheit", Universität Köln (15. - 17. Oktober 2015).
  • "Is(s)t das Kind noch normal? Konstruktionen der Unsicherheit im Kontext der frühen Kindheit". Tagung des Interdisziplinären Zentrums der Historischen Anthropologie zu "Unsicherheit", Freie Universität Berlin (06. - 08. November 2014).
  • "Das Normale. Historisch-anthropologische Annäherungen an einen vielschichtigen Begriff". Tagung "Wittenberger Gespräche III", Wittenberg (08. - 10. Mai 2014).