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"Mit Unbestimmtheit umgehen - Reflexivität als Schlüsselkompetenz
im erziehungswissenschaftlichen Studium"


Anliegen
Aktivitäten

Anliegen

Reflexivität ist eine zentrale Dimension pädagogischer Professionalität. Während darüber in Erziehungswissenschaft und Pädagogik weitgehender Konsens herrscht, bleiben oft zumindest zwei Aspekte unterbelichtet: Zum einen die Frage, was Reflexivität bedeuten kann, zum anderen, welche Konsequenzen die Forderung nach Reflexivität für das erziehungswissenschaftliche Studium haben soll. Vor allem letztere Frage bildete den Ausgangspunkt des Projektes.

 

Die Beschäftigung mit Reflexivität schloss zunächst an eine recht gängige Auffassung der Relevanz von Reflexivität an, die im Allgemeinen mit einem raschen Zerfall gültigen Wissens und der Pluralisierung von Lebenslagen und Lebensmodellen begründet wird. Unter diesen Bedingungen hat pädagogisches Handeln in mehrfacher Weise mit Unbestimmtheit zu tun:

  • Unbestimmtheit macht pädagogisches Handeln erforderlich – wenn alles bestimmt wäre, bräuchte man kein pädagogisches Handeln.

  • Unbestimmtheit stellt ein Ergebnis pädagogischen Handelns dar, da es dem Gegenüber Entscheidungsoptionen aufzeigt und „Entscheidungsfreiheit“ ermöglicht und aufbürdet.

  • Unbestimmtheit ist ein Charakteristikum pädagogischen Handelns, das sich weder auf technische Gewissheiten noch auf ein zweifelsfreies und eindeutiges Verstehen des Falls berufen kann.

Vor diesem Hintergrund ist es für pädagogisches Handeln problematisch, scheinbare (Handlungs)Gewissheiten zu kultivieren; stattdessen erscheint ein reflexiver Umgang mit Unbestimmtheit angemessen. Dabei bedeutet Reflexivität nun gerade nicht, ein Wissen zu generieren, das durch seine Überlegenheit Handlungssicherheit verschaffen könnte. Vielmehr richtet sich Reflexivität – im Sinne einer Professionalisierung pädagogischen Handelns – stets auf die Begrenztheit des Wissens sowie die Machtförmigkeit von Wissen und Handlungspraxen.

Versteht man Reflexivität nicht als etwas, das dem Handeln entgegengesetzt ist, sondern als eine Praxis, so hat dies für das erziehungswissenschaftliche Studium Konsequenzen: Reflexion bedarf dann, wie andere Tätigkeiten auch, der Einübung. Für das erziehungswissenschaftliche Studium stellt sich entsprechend die Aufgabe, Studierenden die Einübung von Reflexivität zu ermöglichen. Dieses Einüben kann anhand unterschiedlicher Gegenstände und in unterschiedlicher Form geschehen, etwa durch die Diskussion von Beispielen aus der pädagogischen Praxis, anhand der Thematisierung von Erfahrungen aus dem Praktikum oder im Rahmen von Fallstudien, jedoch auch anhand der Reflexion der eigenen Praxis im Studium.

Über Orte nachzudenken und Orte zu schaffen, die Reflexion von universitären Rahmenbedingungen und universitärer Praxis ermöglichen, war ein zentrales Anliegen des Projektes. Denn die in der Erziehungswissenschaft so prominente Forderung, die eigene Praxis zu reflektieren, steht in einem Spannungsverhältnis dazu, dass an der Universität kaum systematisch wissenschaftliche, aber auch Lehr- und Lernpraxis in den Blick genommen wird.

Dies ist zum einen bemerkenswert, wenn man Reflexion im Studium als Übungsfeld für spätere berufliche Praxis begreift, denn was eingeübt werden müsste, wäre ja gerade die reflexive Distanzierung von den Handlungszusammenhängen, in denen man sich tagtäglich bewegt. Eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit ‚außeruniversitärer’ Praxis, bei der gleichzeitig das eigene Tun aus dem Blick gerät, scheint also schon vor diesem Hintergrund zu kurz gegriffen.

Reflexion universitärer Praxis ist jedoch nicht nur als Vorbereitung für Studierende auf eine spätere pädagogische Praxis außerhalb der Universität relevant. Ebenso wie andere Praxiszusammenhänge hat universitäre Praxis mit Unbestimmtheit zu tun, verstrickt sich in Widersprüche, reproduziert Machtverhältnisse und soziale Ungleichheit. Ebenso wie diese steht sie vor dem Problem, dass Absichten und Konsequenzen des Handelns auseinanderklaffen und muss daraufhin befragt werden, was eigentlich – möglicherweise entgegen ihrer Absichten – geschieht.

Anliegen des Projektes war es, über Zusammenhänge nachzudenken und Zusammenhänge zu schaffen, in denen eine Reflexion der eigenen Praxis an der Hochschule möglich ist. Bei den verschiedenen Veranstaltungen sollte es darum gehen, zum einen Fragen der Gestaltung des Studiums zu diskutieren, zum anderen sollten die Veranstaltungen selbst Raum bieten, Reflexivität im Hinblick auf die eigene Lehr- und Lernpraxis zu kultivieren.

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Aktivitäten

Das Projekt "Reflexivität im erziehungswissenschaftlichen Studium" bestand von 2007 bis Anfang 2011. Seit seinem Beginn wurden unterschiedliche Formen des Austauschs von Studierenden und Lehrenden über Studien- und Lehrbedingungen, akademische Praxis und hochschulpolitische Entwicklungen organisiert: Zunächst gab es einige Studierenden-Lehrenden-Konferenzen und Diskussionsveranstaltungen („Suppe, Wein und Thesen“), aus denen dann die Idee entstand, Möglichkeiten des Austauschs an der Fakultät zu institutionalisieren.

Vom Sommersemester 2008 bis Wintersemester 2010 /2011 fand dann an der Fakultät für Erziehungswissenschaft im Semester regelmäßig das Montagsforum statt. Das Montagsforum sollte Studierenden und Lehrenden einen Raum bieten, sich über Erfahrungen in ihrer universitären Praxis auszutauschen und diese zu reflektieren. Dabei ging es auch darum, theoretische Diskurse, gesamtgesellschaftliche und hochschulpolitischen Entwicklungen sowie konkrete Praxen und Erfahrungen zusammen zu denken.
In diesem Rahmen entstanden auch einige Papiere von Teilnehmenden, die stattgefundene Diskussionen bündeln oder kommentieren.

Finanziert wurde das Projekt zunächst aus einem Topf für Forschung und Lehre, mit Einführung der Studiengebühren, fiel diese Möglichkeit jedoch weg; Projekte, die sich mit Lehre befassten, wurden ausschließlich aus Studiengebühren finanziert. Damit war das Dilemma verbunden, dass Studiengebühren zum einen von den Teilnehmenden abgelehnt wurden, zum anderen die Aufrechterhaltung des Zusammenhangs auf diese Finanzierung angewiesen war. Die Entscheidung, das Projekt dennoch weiterzuführen, machte auch eine verstärkte Legitimierung des Projektes notwendig, nicht zuletzt für den Projektzusammenhang selbst.  


Im Verlauf des Projektes wurden verschiedene thematische Schwerpunkte gesetzt, was zum einen mit der Fortentwicklung der Diskussion zu tun hatte, in der neue Fragestellungen entstanden, zum anderen auch mit wechselnden Akteuren, die unterschiedliche Perspektiven einbrachten. Einige dieser Schwerpunkte spiegeln sich in den Tagungsthemen wider:

Die Anfänge des Projektes fielen in eine Zeit, in der in Bielefeld die Umstrukturierung von Studiengängen anstand. In Folge dessen wurde die Frage nach dem Verhältnis von Reflexivität und den neuen Studiengängen aufgeworfen. Die erste von mehreren Studierenden-Lehrenden Tagungen, die im Wintersemester 2007/2008 stattfand, fokussierte denn auch den Aspekt der Studiengangsumgestaltung mit dem Tagungsthema „Was soll’s? Das erziehungswissenschaftliche Studium zwischen Elitebildung und Verschulung“. Anknüpfend an die aktuelle Umgestaltung der Studiengänge wurden somit grundsätzlichere Fragen der Relevanz und der Gestaltung des erziehungswissenschaftlichen Studiums aufgeworfen: Wie ist es möglich, angesichts der Ressourcenknappheit einerseits und einer Vielzahl von Studierenden andererseits Bildung und die Aneignung einer reflexiven Haltung allen und nicht nur wenigen zu ermöglichen? Brauchen Lernformen, denen besonderes Bildungspotential zugeschrieben wird, wie etwa Forschendes Lernen, überschaubare Kontexte, die unter den Bedingungen von Massenuniversität nur für einige zugänglich sein können? Wie kann mit der drohenden Alternative der Verschulung umgangen werden? 

Die zweite Tagung im Wintersemester 2008/2009 beschäftigte sich mit dem Begriff „Reflexivität“ und der Frage, was Reflexivität zu einer Kompetenz oder Haltung macht, die PädagogInnen brauchen. Der Titel dieser Tagung „Reflexivität als kritische Praxis in Studium und Lehre?!“ verweist auf das Unbehagen daran, dass in vielen pädagogischen Zusammenhängen Reflexivität eingefordert wird, ohne deutlich zu machen, was damit eigentlich gemeint ist und welches Ziel damit verfolgt wird. Diskutiert wurden das Verhältnis von Reflexivität und Kritik in Studium und Lehre sowie Aneignungsmöglichkeiten von Kritik und Reflexivität in universitären Räumen. Dabei wurde Reflexivität als „kritische Praxis“ aufgefasst, die sich auf die Machtförmigkeit von Wissen und Handlungspraxen richtet, und auch die eigenen für gut gehaltenen Wissensbestände und Praxen immer wieder einer solchen kritischen Reflexion unterzieht.[1]

 
Inwiefern aber braucht Kritik normative Grundlagen? Die "Bikrit"-Tagung („Bildung und Kritik“), die im Sommersemester 2009 in Innsbruck stattfand, beschäftigte sich mit Bildung als einem normativen Leitbegriff und Grundlage für Kritik.

Als zentrale Fragestellung stellte sich der Trennungszusammenhang von Bildung und/versus Erziehung heraus: Ist die Bildung auf der Subjektseite verortet und kann eben nicht erzogen bzw. gelehrt werden, und ist die Erziehung/das Lehren „bloß“ die Schaffung von Rahmenbedingungen, unter denen ein solcher Prozess von den Individuen vollzogen werden kann? Oder ist in den Erziehungsprozessen selbst schon Bildung auffindbar?

Im Rahmen der Diskussion wurden zwei verschiedene Standpunkte deutlich, die als eher pädagogische bzw. eher soziologische Perspektiven bezeichnet wurden: Pädagogik – und oft auch Erziehungswissenschaft – denkt oft über die Erziehung und Bildung von Individuen nach, also über die Veränderung von Individuen. Hier kommt der pädagogische Bezug in den Blick oder die Veränderung des pädagogischen Settings.

Die soziologische Sichtweise dagegen hat die Funktionen und Folgen von Pädagogik in der gesamtgesellschaftlichen Dimension zum Thema. Hier kann dann so etwas wie die Reproduktion ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse gerade durch die Betonung von etwas eigentlich positiv Konnotiertem wie Bildung analysiert werden. Der Versuch, diese beiden Perspektiven zu vermitteln, führte zu der paradoxen Formel, die auch in den Titel der vierten Tagung einfloss. Pädagogik betreibt „gesellschaftliche Reproduktion im Namen ihrer Veränderung“.

Die Tagung „Reflexivität und Utopie. Universität als Ort gesellschaftlicher Reproduktion im Namen ihrer Veränderung“ befasste sich schwerpunktmäßig damit, welche Bedeutung Utopie im Rahmen einer sich als reflexiv-kritisch verstehenden Erziehungswissenschaft haben hat. Diskutiert wurde unter anderem, ob es Utopien braucht, um Reflexivität und Kritik eine Richtung zu geben, was unter Utopie verstanden werden könnte, und unter welchen Umständen Utopien hilfreich, folgenlos oder sogar problematisch sein können. Auch die Frage, was pädagogische Reflexivität heißen kann, wurde in diesem Zusammenhang noch einmal aufgegriffen.
Auszug aus dem Begrüßungsvortrag

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[1] Im Anschluss an die Beschäftigung auf der Tagung entstand ein Artikel zu diesem Thema: Gottuck, Susanne; Guhl, Mona; Kroll, Kristina (2010): Kritik als Haltung?! (Un)Möglichkeiten kritischen Denkens im erziehungswissenschaftlichen Studium unter Bologna. Widersprüche, 115, S. 61-75.



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