Forschungsbericht 1997/98 - Inhalt Forschungsbericht 1997/98

Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie

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3.1. Abteilung für Geschichte  >>  B. Spezielle Darstellung

I. Forschungsarbeit


Der folgenden Einzeldarstellung der Schwerpunkte in der Forschung liegt die an der Universität übliche gegenstandsspezifische, epochale und regionale Gliederung von Forschung und Lehre zugrunde. Die beteiligten WissenschaftlerInnen wurden bei Überschneidungen ihrer Forschungstätigkeit dem Schwerpunkt zugeordnet, in dem sie überwiegend tätig waren.
Viele wichtige Forschungsarbeiten erfolgen im Rahmen des (nun beendeten) Sonderforschungsbereichs zur Sozialgeschichte des neuzeitlichen deutschen Bürgertums im internationalen Vergleich. Ausführliche Angaben enthält der letzte Arbeitsbericht zur Verlängerung des SFB in der vierten Phase bis Ende 1997.


1. Allgemeine Geschichte, Historiographie, Theorie und Didaktik der Geschichte

(a) Beteiligte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
  Hochschullehrer: Bernd Hey (apl. Prof.), Reinhart Koselleck (emeritiert), Joachim Rohlfes (emeritiert), Jörn Rüsen (bis März 1997)
Wiss. Mitarbeiter: Horst Walter Blanke[-Schweers], Thomas Sandkühler
Drittmittelpersonal: Frank Conrad (VW-Stiftung), Friedrich Jaeger (Habil.-Stipendium der DFG: Jan.-Dez. 1997), Ursula Krey (SFB 177, bis Ende 1997), Monika Wienfort (SFB 177, bis Mai 1997; ab Juni 1977: Habil.-Stipendium der DFG)

(b) Darstellung der Forschungsarbeiten

Seit dem Weggang von Jörn Rüsen, der im Frühjahr 1997 die Präsidentschaft des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen übernahm, ist zwar die Professur für Historik verwaist; die einmal begonnenen Forschungsprojekte (s. Forschungsbericht 1995/96, S.97f) wurden indes fortgeführt und z.T. abgeschlossen. Forschungsschwerpunkte im Berichtszeitraum waren: (1) die Geschichte des historischen Denkens, (2) die amerikanischen Intellektuellenzirkel in der Orientierungskrise des frühen 20. Jahrhunderts, (3) ein Beitrag zur Historischen Reiseforschung, ferner die allgemeine Begriffs- und Geistesgeschichte der Neuzeit mit folgenden zwei Themen: (4) einem Forschungsprojekt über die Freimaurergesellschaften und (5) einem Projekt über die politische Ikonographie der Kriegs- und Bürgerkriegsdenkmäler. Darüber hinaus wurde ein Themengebiet "angeforscht", das in den in Vorbereitung befindlichen soziologischen Sonderforschungsbereich Weltgesellschaft: Strukturwandel des Sozialen unter Globalisierungsbedingungen als historisches Teilprojekt eingebracht werden soll: (6) Einheit der Menschheit - Differenz der Kulturen. Kategoriale Voraussetzungen der Globalisierung im Geschichtsdiskurs. Europa und China im Vergleich.

(1) Auf dem Forschungsgebiet der Geschichte des historischen Denkens beschäftigen sich eine Reihe von Arbeiten mit der Eigenart der deutschen Aufklärungshistorie, der Entwicklung der Historik in den letzten 300 Jahren und der Geschichte der Historiographiegeschichtsschreibung. Eine in Arbeit befindliche Dissertation untersucht den Strukturwandel der evangelischen Kirchengeschichtsschreibung im 18. Jahrhundert. Zu diesen wissenschaftshistorischen Fragen ist die bereits initiierte Tagungssequenz (Moderne Geschichtswissenschaft - Strukturen, Formen und Funktionen in historischer Perspektive) fortgesetzt und abgeschlossen worden (J. Rüsen): Eine fünfte ZiF-Tagung im Juli 1997 widmete sich der Fragestellung Globale Konflikte, Erinnerungsarbeit und Neuorientierungen seit 1945. Die Referate und Diskussionsbeiträge werden derzeit zur Publikation vorbereitet; die der vier ersten Tagungen liegen inzwischen vor; die der fünften erscheint in Kürze.

(2) Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs Sozialgeschichte des Bürgertums im internationalen Vergleich wurde ein Projekt weitergeführt und beendet, das am Beispiel des Gründerkreises der New School for Social Research in New York das Verhältnis von Bürgerlichkeit und Intellektualität in der Orientierungskrise des frühen 20. Jahrhunderts untersucht (F. Jaeger).

(3) In einem weiteren Forschungsprojekt ist eine systematische Typologie der unterschiedlichen Formen des Reisens, der Gruppen der Reisenden und der Sorten von Reiseliteratur gegeben worden; weiterhin wurde differenziert dargestellt, in welchen unterschiedlichen Formen "das Fremde", das Anderssein anderer Völker und Reiche sich in den Reisebeschreibungen widerspiegelte (H.W. Blanke). Aus der nahezu unübersehbaren Flut der Reiseliteratur wurden besonders die Berichte über England, Ostindien und Nordamerika, zum Vergleich auch die über Rußland und Deutschland herangezogen. Leitfragen der Arbeit sind neben der Alteritätsproblematik zum einen die Frage, wie sich die Erfahrung der politischen Herrschaft und der sozialen Ungleichheit in den Berichten spiegelt, zum anderen eine systematische Klärung des Themenkomplexes 'Geschichte und Reisen'.

(4) Das durch Drittmittel der VW-Stiftung finanzierte Forschungsprojekt Freimaurergesellschaften (F. Conrad) ist inzwischen abgeschlossen. 72 Logen Nordwestdeutschlands wurden für den Zeitraum 1737 bis 1789 sozialstatistisch aufgeschlüsselt. Rund 6.500 Logenbrüder konnten - neben anderen Kriterien - nach Beruf und Konfession gegliedert werden: Die mit Abstand größten Gruppen bildeten die Verwaltungsjuristen, das Militär und die Kaufleute; die Lutheraner bildeten die absolute Majorität.

(5) Das ehedem vom SFB 177 und dann auch von der Universität geförderte Projekt zur politischen Ikonographie von Kriegs- und Bürgerkriegsdenkmälern (R. Koselleck) konnte gründlich vorangetrieben werden. Eine Forschungsprofessur am Warburg-Haus in Hamburg 1997 sowie am Netherlands Institute for Advanced Study im Herbst 1998 und Einladungen zu ikonologischen Vorträgen nach Polen, Österreich, Ungarn, Italien, Frankreich, England und den USA ermöglichten es, auch die fotographische Quellenbasis erheblich zu verbreitern. Vor allem Reiterdenkmale seit dem Hochmittelalter sowie KZ- und Holocaust-Denkmale unserer Zeit bildeten dabei Forschungsschwerpunkte, die auch zu gesonderten Publikationen führen werden.

(6) Dieses Projekt erforscht fundamentale kulturelle Voraussetzungen der aktuellen Globalisierung. Dabei stehen nicht zeitgeschichtliche Phänomene der Globalisierung im Mittelpunkt, sondern die zentralen, im historischen Denken anzusetzenden Voraussetzung für Globalisierung. Globalität und Globalisierung wurden als kognitive Strategien in der europäischen Denktradition vorentworfen, bevor sie sich real-historisch seit dem Zeitalter des Imperialismus auch unaufhaltsam vollzogen haben. Dafür stehen die Kategorien 'Menschheit', 'Welt' und 'Universalgeschichte'. Diese Kategorien sollen kulturvergleichend erforscht werden: am Beispiel der europäischen Aufklärung und am Beispiel einer analogen Aufklärung in China. In Europa liegen die erwähnten kategorialen Denkmuster Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt vor; sie sind in der Spätaufklärung (der sog. "Sattelzeit") in geschlossener Form ausformuliert worden; diese Denkmuster sind durch Prozesse der Verzeitlichung und einer sich stetig beschleunigenden Dynamisierung entscheidend geprägt. Der Ort des interkulturellen Diskurses, wo diese mentalen Voraussetzungen der aktuellen Globalisierung geschaffen wurden, ist die Geschichtsphilosophie und die Universalgeschichte. Analog zu den Vorstellungen der zeitlichen Dynamik sollen auch die Raum-Vorstellungen in den Blick genommen werden. Paradigmatisch lassen sich diese Fragen in einer Analyse von Reisebeschreibungen eruieren (A. Mittag u. H.W. Blanke).

Es soll weiterhin die Frage untersucht werden, inwieweit in nicht-westlichen Kulturen ähnliche kategoriale Deutungsmuster hervorgebracht wurden, mit denen Globalisierungsprozesse so interpretiert werden können, daß diese nicht als Oktroi westlichen Denkens erscheinen, sondern als Aktivierung eines in der eigenen Tradition angelegten Reflexionspotentials. Die Frage nach solchen Deutungsmustern ist bislang in dieser Weise noch nicht gestellt worden. Sie wird am Beispiel Chinas, im Hinblick auf das chinesische Geschichtsdenken im 17. und 18. Jahrhundert, aufgeworfen und behandelt werden. Ziel der Untersuchung ist herauszufinden, ob im historischen Denken Chinas kategoriale Voraussetzungen der Globalisierung, die als Äquivalente der europäischen Deutungsmuster 'Menschheit', 'Welt' u.a. angesehen werden können, festzumachen sind. Gesetzt, dies ist der Fall, dann soll weiter danach gefragt werden, wie sich diese Deutungsmuster universalen Zuschnitts durch die fundamentale Fremdheitserfahrung im Zuge der Begegnung mit der westlichen Kultur im 17. Und 18. Jahrhundert veränderten. Es geht also darum, die Frage nach endogenen, in der konfuzianischen Tradition angelegten Potentialen, von denen her die aktuellen Globalisierungsprozesse in Ostasien als anschlußfähig im Hinblick auf die eigene Tradition erfahrbar sind, systematisch im Horizont des geschichtlichen Denkens Chinas zu explizieren und die Frage nach Form der Hybridisierung mit westlichen Kategorien zu stellen.

Die beiden in bezug auf Europa und China entwickelten Frageperspektiven sollen in einem theoriegeleiteten Kulturvergleich zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Leitfrage dieses Vergleichs lautet: ob sich Universalisierungstendenzen mit gleicher Entwicklungsrichtung ausmachen lassen und wie und unter welchen Bedingungen sie sich gleichförmig oder unterschiedlich ausprägen. Der geplante Kulturvergleich soll dazu dienen, bislang vorherrschende Vorstellungen über Vergleichseinheiten bestimmter "Kulturen", wie etwa die des Westens und die Chinas, zu problematisieren und einen verborgenen Ethnozentrismus zu überwinden. Dazu soll im Anschluß an Max Weber ein eigener Vergleichsparameter entwickelt werden.


2. Alte Geschichte

(a) Beteiligte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
  Hochschullehrer: Rolf Rilinger (seit Oktober 1996 im Ruhestand), Winfried Schmitz (seit April 1998), Aloys Winterling
Wiss. MitarbeiterInnen: Claudia Beyer-Fusco (bis Sept. 1998), Thomas Kruse (bis Sept. 1998), Tassilo Schmitt
Drittmittelpersonal: Sandro-Angelo Fusco (ABM, bis April 1998)
Graduiertenförderung: Christel Brüggenbrock, Reinhard Prahm, Michael Rieger
Postdoc am Graduiertenkolleg: Markus Sehlmeyer

(b) Darstellung der Forschungsarbeiten

Forschungsschwerpunkt ist die antike Sozialgeschichte. Die heutige Sozialgeschichtsforschung bedient sich der Begriffe, Modelle und Theorien der modernen Soziologie, verwendet somit generalisierende, typisierende und quantifizierende Methoden. Da diese Arbeitsweisen epochenübergreifend in der Geschichtswissenschaft Anwendung finden, liegt in deren Übernahme durch Althistoriker zweifellos der Vorteil, daß antike Sozialstrukturen mit denen anderer Epochen vergleichbar werden. Auch profitiert der Sozialhistoriker der Antike vom leichteren Zugang zur Forschungsdiskussion in anderern Epochen.

Für die antike Sozialhistorie ist generell festzustellen, daß sie stark durch die sehr disparate Quellensituation beschränkt wird. Quantifizierend kann z. B. nur während sehr enger Zeitperioden und nur in bezug auf die engsten Führungskreise des republikanischen Adels, des kaiserzeitlichen Senats und der kaiserlichen Beamtenschaft oder bestimmter lokaler Eliten gearbeitet werden. Die Verwendung z. B. sozialstruktureller Modelle, etwa einer nach Ständen und Schichten gegliederten Sozialpyramide, erweist sich nicht nur wegen der fehlenden Quantifizierbarkeit als äußerst problematisch, sondern auch wegen der sehr unsicheren Reichweite solcher Modelle. In der Antike kann nämlich für kein Großreich ein einheitliches Gesellschaftssystem nachgewiesen werden. Es ist also nicht möglich, von der Gesellschaft etwa des römischen Reiches zu sprechen, sondern man hat von einem Konglomerat unterschiedlichster Gesellschaften, d. h. von einfachen Stammes-, über Dorf- und Stadt bis hin zu komplexen Großstadtgesellschaften auszugehen. Der Versuch, die römische Gesellschaft auf den Begriff einer Stände-Schichten-Struktur zu bringen und in Form einer in Ober- und Unterschichten dichotomisch gegliederten Pyramide darzustellen, hat zu einer heftigen Forschungsdiskussion geführt. Zentrale Fragen dieser Diskussion sind: Ist das Denkmodell sozialer Stratifikation nicht anachronistisch, da doch soziale Beziehungen vertikaler Natur vorherrschen? Wie sind die Assimilierungs- bzw. die Selbstbehauptungskräfte unterschiedlicher Sozialsysteme im Reich im Verlauf der Geschichte einzuschätzen?

Es zeichnet sich die Aufgabe ab, die sozialen Strukturen spezieller Gesellschaften bzw. sozialer Einheiten zu untersuchen. So wird die linear-hierarchische ordo-Struktur der römischen Gesellschaft beispielsweise in ihrer Wirkung auf die Vergesellschaftung frühchristlicher Gemeinden bis hin zur Entstehung einer Reichskirche, aber auch auf Stadtgesellschaften des nichtrömischen Typs und auf Provinzialgesellschaften mit besonderer Tradition wie die Ägyptens analysiert. Auf Rom und Italien beschränkt ist in diesem Rahmen ein weiteres Arbeitsfeld etabliert worden, das die Geschichte und politisch-soziale Bedeutung der römischen tribus erschließen soll. Um dieser sehr komplexen Fragestellung auf innovative Weise Antworten zu ermöglichen, wird z. Zt. eine Datenbank angelegt, die die lokalen und personalen Tribuszuweisungen im Verlauf der republikanischen Geschichte erfaßt. Auf der Grundlage dieser Daten soll es dann möglich sein, die lokale Basis des römischen Bindungswesens genauer zu bestimmen, d. h. die verborgenen Machtgrundlagen für die Rangkämpfe in den einzelnen ordines zu rekonstruieren.

Für die Zeit des archaischen und klassischen Griechenlands (8.-4. Jahrhundert v. Chr.) wurden soziale und kommunikative Strukturen bäuerlicher Gesellschaften untersucht. Unter Anwendung anthropologischer, agrarsoziologischer und ethnologischer Analysen einfacher Gesellschaften wurde das spezifische bäuerliche Normensystem an Hand von Sprüchen, Fabeln, Dorfgeschichten usw. rekonstruiert. Damit gelang es, das bäuerliche Haus vom adeligen Haus stärker abzugrenzen. Nicht nur im Arbeitsethos, in der Position der Frau, der Altenteiler und des freien und unfreien Gesindes, sondern auch in Nachbarschaft, Freundschaft und Dorfgemeinschaft lassen sich deutliche Unterschiede festmachen. Damit läßt sich widerlegen, daß die bäuerliche Schicht allein danach strebte, adelige Verhaltensweisen als normierend anzuerkennen und zu imitieren. Einer eigenen Gesetzmäßigkeit folgen auch die von der bäuerlichen Gemeinschaft verhängten Sanktionen. Ergebnisse volkskundlicher Forschungen erlauben eine Klassifizierung dieser Strafen als Rügebräuche, die nach und nach von der Polis zurückgedrängt bzw. unter Strafe gestellt wurden. Damit können neue Erkenntnisse für die Entstehung der Polis im frühen Griechenland gewonnen werden.

In Zusammenhang damit steht eine Untersuchung zu den Veränderungen von Ehrkonzepten im frühen Griechenland. In einfachen Gesellschaften hängt die Position jedes Mitglieds der Gemeinschaft von der Ehre entscheidend ab. Mit der sozialen und beruflichen Ausdifferenzierung, der Entstehung segmentärer Rollen, der Zunahme von Privatheit wandelte sich das gesellschaftliche Konzept von Ehre. Die Veränderungen sollen vor allem an Hand von Konflikten, die zunehmend vor Gericht ausgetragen wurden, erfaßt werden.

Im Rahmen der Analyse segmentärer sozialer Beziehungssysteme antiker Gesellschaften galt ein weiterer Schwerpunkt der Erforschung antiker Königs- und Kaiserhöfe, die sich im Gefolge der Ausbildung stadtübergreifender Großreiche etablierten und durch die Aufhebung der Differenzierung der klassischen Stadtgesellschaften in eine häusliche Sphäre und eine städtisch-politische Öffentlichkeit ausgezeichnet waren. Ausgehend von einem epochenübergreifenden Vergleich mit den höfischen Strukturen des Mittelalters und der frühen Neuzeit wurden in Zusammenarbeit mit Forschern der Universitäten Eichstätt und Berlin die politisch-sozialen Funktionen hellenistischer Königshöfe, der Großhaushalte spätrepublikanischer römischer nobiles und der kaiserlichen Höfe der hohen sowie der spätantiken Kaiserzeit untersucht.

Die weitgehende Angewiesenheit einer modernen Sozialgeschichte der Antike auf literarische Zeugnisse der untersuchten Zeit eröffnet ein weiteres Forschungsfeld. Hier geht es darum, antike Globalaussagen zu gesellschaftsstrukturellen Sachverhalten von der vorherrschenden Beurteilung nach dem Schema "richtig/falsch" zu befreien und als simplifizierende Selbstbeschreibung zu analysieren, denen ihrerseits der Status sozialhistorischer Faktizität zukommt. In einem ersten Schritt wurde die Verwendung der Dichotomie "Arme/Reiche" in der aristotelischen Politik als Reaktion der gesellschaftlichen Selbstwahrnehmung auf den realhistorischen Sachverhalt einer zunehmend ökonomisch bedingten sozialen Mobilität in den Polisgesellschaften des 4. Jahrhunderts v. Chr. gedeutet. Das Projekt einer Erweiterung der antiken Sozialgeschichte um die Dimension zeitgenössischer Selbstbeschreibungen wird in Zukunft durch die Untersuchung des Realitätsbezugs gängiger antiker Schemata (z.B. oikos/polis bzw. domus/res publica) sowie der Frage nach dem Gesellschaftsbild sozialhistorisch wichtiger antiker Autoren präzisiert werden.

Eine systematische Erfassung spätantiker und frühmittelalterlicher Grabinschriften im Rheinland ermöglicht wichtige Schlußfolgerungen auf die Besiedlungsgeschichte dieses Raumes in einer Zeit des Umbruchs, auf die Akkulturation von Romanen und Germanen, die Verschiebung der Sprachgrenze usw.


3. Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

(a) Beteiligte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
  Hochschullehrer und -lehrerinnen: Neithard Bulst, Horst Dreitzel (emeritiert), Elisabeth Harder-Gersdorff (emeritiert seit Juli 1997), Wolfgang Mager (emeritiert seit Februar 1998), Heinrich Rüthing, Klaus Schreiner (emeritiert)
Wiss. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: Stefan Brakensiek (seit Okt. 1998), Stefan Gorissen, Gerd Schwerhoff (bis Juli 1997), Gabriela Signori
Drittmittelpersonal: Christine Aumüller (SFB 177, bis Ende 1997), Andrea Bentlage (DFG), Stefan Brakensiek (SFB 177, bis Ende 1997), Axel Flügel (SFB 177, bis Ende 1997), Robert von Friedeburg (Heisenberg-Stipendium), Frank Konersmann (DFG, seit Sept. 1998), Matthias Lentz (DFG), Andrea Löther (SFB 177, bis Ende 1997), Thomas Lüttenberg (SFB 177, bis Ende 1997; seit Okt. 1998: DFG), Ulrich Meier (SFB 177, bis Ende 1997), Friederike Neumann (DFG), Nicolas Rügge (SFB 177, bis Ende 1997), Peter Schuster (DFG u. VW), Karl-Heinz Vogt (SFB 177, bis Ende 1997)

(b) Darstellung der Forschungsarbeiten

Der Schwerpunkt Mittelalter/Frühe Neuzeit thematisiert Wirtschaft und Politik, Sozialverfassung und Kultur der alteuropäischen Gesellschaft in ihrer Spannung zwischen Dauer und Wandel. Übergreifende Forschungsinteressen richten sich auf die Historische Demographie und Statistik, auf Mentalitäten und Wissensformen, auf die historische Ausprägung von Kriminalität und Devianz, auf die Rechtsnutzung im zivilrechtlichen Bereich, auf Probleme der politischen Theoriebildung, auf Prozesse der Innovation und auf Fragen der Geschlechterbeziehungen.

Das Interesse an der politischen, sozial-ökonomischen und geistig-religiösen Verfaßtheit der mittelalterlichen Gesellschaft gibt der Bielefelder Mediävistik ihr Profil. Der Gegenstand der Forschung sind vornehmlich Strukturen und Prozesse in sozialen Systemen des Hohen und Späten Mittelalters (Dorf, Stadt, Ständestaat, Kloster, Kirche). Leitende Fragestellungen unter Einschluß der Geschlechterdifferenzen sind: Motive, Formen und Strukturen religiöser Gemeinschaftsbildung, Bildung und Frömmigkeit in gesellschaftlichen Zusammenhängen, Gesellschaft, Familie und Krankheit, Devianz, Deutung des Judentums in der Theologie des Mittelalters, ständische Repräsentation in ihrer institutionellen Ausprägung und personellen Trägerschaft, Bevölkerung, Verfassung, soziale Schichtung und Randgruppen in der mittelalterlichen Stadt, Siedlung und ländliche Gesellschaft, historische Begriffs- und wissenschaftliche Theoriebildung.

In vergleichender Perspektive werden an Beispielen aus der deutschen, französischen und englischen Geschichte folgende Probleme untersucht: Bedingungs- und Funktionszusammenhänge zwischen Krankheit und Gesellschaft sowie deren zeitspezifische Wahrnehmungsmuster und sprachliche Konventionen; soziale und wirtschaftliche Umschichtungsprozesse, die vornehmlich auf Epidemien und ihre demographischen Folgen zurückzuführen sind; Formen politischer Repräsentation (insbesondere am Beispiel französischer Ständeversammlungen des Späten Mittelalters). Im Zentrum dieser Forschungen stehen Auswirkungen der Pest, der Lepra und Syphilis, desgleichen obrigkeitliche Bemühungen und gesellschaftliche Reaktionen, den Ursachen und Folgen dieser permanenten Bedrohung menschlicher Existenz wirksam zu begegnen. Unter der Frage nach Recht und Verhalten werden zum einen Entwicklung, Durchsetzung und Wirkung von Normen zur Regulierung von Gewaltverhalten im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit untersucht. Zum anderen geht es um die Bandbreite der Formen von öffentlicher Sanctionierung in schiedsgeschichtlicher Konfliktbeilegung, kirchlicher Buße, städtischer und landesherrschaftlicher Strafpraxis sowie in der außergerichtlichen Parxis der Verbreitung von Schandbildern. Die Arbeiten des Projekts konzentrieren sich auf zwei Teilbereiche: das Personal der Strafverfolgung sowie die Niedergerichtsbarkeit im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nürnberg. Gesetzgebung und 'Sozialdisziplinierung' bei der Entstehung des modernen Staates sowie Formen bürgerlicher Lebensformen werden vergleichend für Deutschland und Frankreich anhand der Kleider-, Aufwands- und Luxusordnungen analysiert. Personengeschichtliche Studien gelten den Trägern französischer Ständeversammlungen im späten Mittelalter, wobei unter methodischen Gesichtspunkten davon ausgegangen wird, daß die personengeschichtliche Erforschung eine Analyse von Funktion, Erfolg und Mißerfolg ständischer Repräsentation ermöglicht. Grenzen und Möglichkeiten von Strafjustiz in den spätmittelalterlichen Städten stellen einen weiteren Forschungsschwerpunkt dar. Dabei werden die Bedingungen einer obrigkeitlichen Exekutive ebenso untersucht wie Handlungen und Motive delinquenter Personen.

In vergleichender Perspektive wird auch die Erforschung der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt betrieben.

Als konkrete historische Handlungsfelder werden unterschiedliche säkulare und religiöse Formen der Teilhabe des mittelalterlichen Bürgers am Gemeinwesen untersucht, ihre Funktion in der Gemeinde bestimmt und ihr Ort im Denken der Menschen auf der Grundlage von Selbstzeugnissen rekonstruiert. Im Bereich des Politischen ist dabei gedacht an die gemeindliche Partizipation bei Wahlen, an den Zugang zum großen Rat, an Zusammenkünfte der Bürgerschaft bei Ratswandlungen, "Burspraken", Schwörtagen sowie an Versammlungen, Ausschußbildungen und kollektivem Protest in Zeiten innerer Spannung. Ein Forschungsprojekt (bis 1997) betraf städtische Führungsgruppen in deutschen Land- und französischen Provinzhauptstädten der Frühen Neuzeit. In drei Teilprojekten ging es darum, die Analyse der institutionellen Ausprägung der Stadträte und ihrer Anbindung an die Zentralverwaltung mit der Erforschung des beteiligten Personals zu verknüpfen. Auf der Basis prosopographischer Erhebungen wurden Fragen der Ausbildung, Rekrutierung, Loyalität und personalen Verflechtung von städtischen und staatlichen Amts- und Funktionsträgern erhellt. Der Untersuchung lag die Arbeitshypothese zugrunde, daß die Geschichte der frühneuzeitlichen Stadt nicht primär als Niedergang zu werten ist, sondern daß sich mit ihrer verstärkten Einbindung in territoriale oder staatliche Strukturen auch neue Funktionen und - im Rahmen einer Teilautonomie für ein zunehmend fachgeschultes städtisches Führungspersonal - sogar erweiterte Arbeitsbereiche ergaben. Die bislang publizierten Ergebnisse bestätigen die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes.

Im Bereich der religiösen Teilhabe geht es um all jene kirchlichen Feierlichkeiten, in die jeder Bürger eingebunden war: Prozessionen, Kult des Stadtheiligen, Feste und Gedenken. Ebenfalls in den Arbeitsbereich der spätmittelalterlichen Religiosität fällt die Beschäftigung mit Marienkult, Wallfahrtswesen, Laienfrömmigkeit, rituellen und symbolischen Handlungsformen in Liturgie und Frömmigkeit und, gewissermaßen als Gegenbild, mit den Erscheinungsformen und der Bekämpfung der Gotteslästerung. Geschlechter- und mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen stehen hier im Vordergrund. Gefragt wird sodann danach, in welcher Weise öffentliche Entehrung als Mittel der Bestrafung, der sozialen Ausgrenzung und der außergerichtlichen Rechtsdurchsetzung von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kommunen, Gruppen und Individuen benutzt wurde. Als Erscheinungsformen schimpflicher Straf- und Sanktionspraxis sind dabei nicht nur das Stehen am Pranger, das Tragen des Lastersteins oder Schandprozessionen u.ä. von Interesse. Auch und vor allem werden am Beispiel der Schmähbriefe und Schandbilder des 15. und 16. Jahrhunderts rechtliche Implikationen, soziale Kontexte und ikonographische Formen ehrverletzender Text- und Bildzeugnisse untersucht. Überdies geht es darum, zeitgenössische Ehrkonzepte zu rekonstruieren, wobei der Semantik des Begriffs 'Ehre' besonderes Interesse zukommt.

Einen Forschungbereich, der die mittelalterliche und frühneuzeitliche Epoche gleichermaßen umspannt, bildet die Untersuchung des Widukind-Mythos anhand von Schrift- und Bildzeugnissen. Seit der Zeit der sächsisch-ottonischen Könige und Kaiser ranken sich um den sächsischen Edlen eine Vielzahl von Mythen. Die wichtigste Traditionslinie wurde vom deutschen Hochadel begründet, der sich den tapferen Krieger, in Konkurrenz zu Karl dem Großen, zum Spitzenahn kürte. Die Untersuchung soll die politischen und kulturellen Hintergründe dieser Wahl ergründen und die weitreichenden Folgen für die Entstehung des deutschen (und des französischen) Nationalbewußtseins erschließen.

Einer der Forschungsschwerpunkte im Bereich der Frühen Neuzeit befaßt sich mit der Regionalgeschichte und richtet sich sowohl auf deren Konzept und Methode als Teil der Sozialgeschichte als auch auf die Durchführung regionalgeschichtlich orientierter Untersuchungen. Im Zentrum steht, erstens, die Ausarbeitung der demographischen, ökonomisch-sozialen, mentalen und politisch-institutionellen Entwicklungen Lippes und Westfalens zwischen dem 16. Jahrhundert und dem Beginn der Industrialisierung im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Untersucht werden auf diesem Arbeitsfeld die Ravensberger Verwaltungsreform im 16. Jahrhundert (in diesem Zusammenhang erfolgt die Edition einschlägiger Quellen); der spannungsgeladene soziale und mentale Wandel der lippischen Gesellschaft von 1650 bis 1800, soweit er sich in der Alltagskriminalität niedergeschlagen hat und aus den Akten der niederen Gerichtsbarkeit rekonstruierbar ist; die Herausbildung eines tridentinischen Klerus im Dekanat Vechta im Niederstift Münster und seiner Versuche, Formen und Inhalte der Frömmigkeit zu lenken und zu instrumentalisieren; die betriebliche und soziale Entwicklung des Handels- und Verlagshauses Johann Caspar Harkort in Hagen-Westerbauer zwischen 1750 und 1820 in dem Bestreben, am Beispiel dieses Unternehmens die Bedeutung von Handelsschwankungen für die regionalen Produktionsverhältnisse sowie für die Handlungsspielräume und die Mentalität eines frühmodernen Wirtschaftsbürgers herauszustellen.

Ein neues Forschungsvorhaben beschäftigt sich mit Frühformen rationeller Landwirtschaft und ihren Funktionen im Prozeß der Agrarmodernisierung am Beispiel einer südwestdeutschen Region (Pfalz, Rheinhessen, nördlicher Oberrhein) im Zeitraum von 1750 bis 1850. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Betriebsführung von ausgewählten "Landwirten", die unterschiedlichen sozialen Gruppen und verschiedenen konfessionellen Kirchen bzw. christlichen Denominationen angehörten, wobei die in dieser Region zahlreich vertretenen Mennoniten eine besondere Beachtung erfahren. Einige der zentralen Fragen des Vorhabens beziehen sich zum auf den Entwicklungsgrad der Marktbeziehungen in dieser Region und ihre Folgen für die Betriebsführung der zu untersuchenden Höfe und zum anderen auf die Auswirkungen staatlicher Agrarreformen auf das Wirtschaftsverhalten der Hofbetreiber.

Ein weiteres regionalgeschichtliches Arbeitsfeld bildet die Geschichte Südostwestfalens im Mittelalter und im 16. Jahrhundert. Mit diesen Studien verbindet sich die Absicht, eine umfassende Analyse und Darstellung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in der Region am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu erarbeiten. In diesem Zusammenhang sind Studien zur allgemeinen Geschichte und zur Wirtschaftsgeschichte einzelner Klöster, Stifte und Pfarreien sowie zum Stadtregiment Paderborns entstanden. Geplant sind eine möglichst umfassende Gesamtdarstellung des Bistums Paderborn in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts größere Quelleneditionen zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, sowie ein Überblicksband zum "Heiligen Westfalen".

Daneben wird ein weiterer religionsgeschichtlicher Bereich verfolgt, nämlich die Kirchen- und Sozialgeschichte Englands und seiner nordamerikanischen Besitzungen im 16. und 17. Jahrhundert.

Ein drittes regionalgeschichtliches Arbeitsfeld bildet Kursachsen im 18. Jahrhundert. Untersucht wird der Zusammenhang zwischen Veränderungen in der sozialen Zusammensetzung der Rittergutsbesitzer einerseits und der Kritik der Zeitgenossen an den Privilegien des Adels und an der Landesverfassung andererseits. Das Projekt zielt auf die sozialgeschichtliche, politische und ideologische Herausbildung einer Krisenlage und interpretiert die Entstehung eines Programms konstitutioneller oder bürgerlicher Reformen als Antwort der Zeitgenossen auf die Strukturprobleme der Landesherrschaft. Der konkrete Gegenstand der Untersuchung sind die Rittergüter des Leipziger Kreises, denn der Leipziger Kreis gilt seit H. v. Treitschke in der Geschichtsschreibung als Paradefall für die Verdrängung des Adels aus dem Rittergutsbesitz. Der soziale Wandel im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde bereits von den Zeitgenossen als Diskrepanz zwischen dem zunehmenden Einrücken von Bürgerlichen in den Rittergutsbesitz einerseits und dem fortbestehenden Privileg des alten Adels auf Landtagsrepräsentation andererseits formuliert. Die zeitgenössische politische Debatte drehte sich um das Problem der inneren Einheit des Landes, welche durch die soziale Dynamik gefährdet erschien. Sie mündete in die Formulierung eines konstitutionellen Reformprogramms, wie es schließlich mit der sächsischen Verfassung von 1831 und den Reformen des Vormärz praktisch durchgesetzt wurde.

Ein besonderes Interesse gilt, viertens, der Ravensberger Region, deren Entwicklung zwischen dem 17. Jahrhundert und dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert durch eine bemerkenswerte Dynamik gekennzeichnet war. Charakteristisch hierfür war eine kräftige, im 18. und frühen 19. Jahrhundert zeitweise rasante Bevölkerungsvermehrung. Der Bevölkerungsverdichtung entsprach eine starke Siedlungsausweitung überwiegend in Form der Streusiedlung. Die demographische Expansion spiegelt die in der Frühen Neuzeit eingetretene Vergewerblichung Ostwestfalens zu einer bedeutenden Region exportorientierter Leinengarn- und Leinwandfertigung aus den eigenerzeugten Handelsgewächsen Flachs und Hanf. In Wechselwirkung mit der "Rustikalisierung der Industrie" (W. Sombart) erfolgte die Ausweitung und Intensivierung einer marktorientierten bäuerlichen Landwirtschaft. Die ostwestfälische Textillandschaft stellt ein vorzügliches Beobachtungsfeld dar, die mit dem Begriff der Protoindustrie (bzw. Protoindustrialisierung) umrissene dynamische Wechselbeziehung zwischen Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft im Rahmen einer gewerblich verdichteten Region zu untersuchen. Das Forschungsprojekt verfolgt das Ziel, am Beispiel Ravensbergs die Leitfragen des Protoindustrialisierungs-Konzepts empirisch fruchtbar zu machen. Die Einbettung der Fallstudie in den umfassenden konzeptionellen Rahmen des Protoindustrialisierungs-Modells wird es ermöglichen, die Ergebnisse der Spenge-Studie nicht nur für die regionalgeschichtliche Forschung nutzbar zu machen, sondern zugleich einen Beitrag zu Entstehungen, Ausprägungen und Konsequenzen der "rustikalisierten Industrie" in der Epoche des "Frühkapitalismus" zu leisten.

Ein weiteres regionalgeschichtliches Vorhaben beschäftigt sich mit der Amtsführung und Lebenswelt von Richtern und Beamten in niederhessischen Kleinstädten in der Übergangsepoche ("Sattelzeit") um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die örtlichen Amtsträger des Territorialstaates werden in ihren Beziehungen zum Fürsten und zum Hof, zu den anderen Angehörigen der Bürokratie, zur eigenen Familie und zur kleinstädtischen Umwelt beobachtet. Die verflechtungsanalytische Untersuchung dieser Beziehungen und ihrer Wechselwirkungen dient der Entschlüsselung von Interaktionsmustern, die eine neue Antwort auf die Frage ermöglicht, wie Justiz und Verwaltung vor Ort funktioniert haben.

Die regionalgeschichtlichen Forschungen im Bereich der Frühen Neuzeit bilden zusammen mit Problemen der Begriffsgeschichte, des frühmodernen Politikverständnisses, der sozialen Konflikte und des politischen Antisemitismus in hessischen Landgemeinden ein Bündel verstärkter und in Zukunft auszubauender Vorhaben mit dem Ziel, die epochenspezifischen Merkmale der Gesellschaft des Ancien Régime und den Übergang zur modernen Gesellschaft konzeptionell zu erfassen und empirisch zu untersuchen.

Ein weiteres Arbeitsvorhaben bezieht sich auf die frühneuzeitlichen Wirtschaftsbeziehungen west- und mitteleuropäischer Handelszentren zum Osten, insbesondere zu Rußland. Es geht vorrangig darum, einen Strukturwandel der Warenbilanzen und des Finanzverkehrs zu erfassen, der sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, in der Akzellerationsphase des Welthandels, abzeichnet und wegen seiner regionalen Wirkungen auf unterschiedliche Produktionsniveaus und -formen in Ost und West zur Debatte steht.


4. Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

(a) Beteiligte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
  Hochschullehrer und -lehrerinnen: Werner Abelshauser, Lothar Albertin (emeritiert), Gisela Bock (bis Juni 1997), Ute Frevert (seit Oktober 1997), Ingrid Gilcher-Holtey, Heinz-Gerhard Haupt (April 1998), Martina Kessel (Vertretung seit Oktober 1998; Ernennung zum April 1999), Peter Lundgreen, Sidney Pollard (emeritiert; November 1998 verstorben), Joachim Radkau, Reinhard Vogelsang (Hon.-Prof.), Hans-Ulrich Wehler (emeritiert)
Wiss. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: Christina Benninghaus (seit April 1998), Jean-Christoph Caron (seit Okt. 1998), Gunilla Budde (bis August 1998), Monika Dickhaus, Dagmar Ellerbrock (seit Okt. 1998), Svenja Goltermann (seit Okt. 1997), Paul Nolte, Jörg Requate (seit April 1998)
Drittmittelpersonal: Elisabeth Bokelmann (VW-Stiftung), Bettina Brandt (DFG), Ursula Breymayer (VW-Stiftung), Olaf Breker (DFG), Linda von Delhaes (VW-Stiftung), Martin Fiedler (DFG), Heike Franz (SFB 177), Carolyn Grone (DFG), Dagmar Günther (DFG), Rebekka Habermas (SFB 177, bis Ende 1997), Manfred Hettling (SFB 177, bis Ende 1997), Claudia Huerkamp (DFG), Ingo Köhler (DFG), Thomas Kühne (DFG), Frank-Michael Kuhlemann (SFB 177, bis Ende 1997), Torsten Kupfer (VW-Stiftung), Andreas Lüking (SFB 177, bis Ende 1997), Rolf Petri (VW-Stiftung), Alfred Reckendrees (Hans Böckler-Stiftung), Herbert Reiter (VW-Stiftung), Jörg Rosenberger (SFB 177, bis Ende 1997); Michael Schäfer (SFB 177, bis Ende 1997), Anne Schmidt (DFG), Dirk Schumann (Habil.-Stipendium der DFG), Christoph Seidel (SFB 177, bis Ende 1997), Volker Wellhöner (DFG), Harald Wixforth (DFG, bis Juni 1997), Dieter Ziegler (SFB 177, bis Ende 1997)
sonstige: Karl Ditt (Priv.Doz.)

(b) Darstellung der Forschungsarbeiten

Die Arbeiten im Schwerpunkt 19./20. Jahrhundert umfassen eine breite Palette von Problemstellungen und Themen. Sie reichen von einer umfassenden Synthese der deutschen "Gesellschaftsgeschichte" seit dem 18. Jahrhundert über Studien zur Sozialgeschichte des deutschen und europäischen Bürgertums bis hin zu Forschungen über die Wiederentstehung des Parteiensystems nach dem Zweiten Weltkrieg.

Den allgemeinsten Nenner vieler Studien zum 19./20. Jahrhundert bilden Fragen nach den Besonderheiten, Kosten und Krisen des Modernisierungsprozesses in Deutschland. Einen Schwerpunkt bildeten dabei längerfristig angelegte Forschungsprojekte zum Zusammenhang von sozialer Herkunft, Bildungschancen und beruflichem Status im 19. Jahrhundert. In anderen Untersuchungen ging es um die Rolle der Landwirtschaft und landwirtschaftlicher Interessen im deutschen Kaiserreich und ihrer Bedeutung für die Tradierung "vorindustrieller Traditionen". Unter diese Rubrik gehören auch Forschungen über die nationalsozialistische Genozidpolitik und ihren Zusammenhang mit der Modernisierung der Gesundheitspolitik.

(1) Die Geschichte des 19./20. Jahrhunderts ist seit der Gründung der Fakultät ein zentraler Schwerpunkt ihrer Forschung und. Zum besonderen Profil des Lehrstuhls (U. Frevert) zählt die Auseinandersetzung mit jenen Entwicklungen und Prozessen, die der Moderne - als einer Epoche extremer Beschleunigung und massiver gesellschaftlicher, politischer, ökonomischer und kultureller Umbrüche - eigen sind:
  • gesellschaftliche Mobilisierung und Selbstorganisation
  • Etablierung und Verflüssigung einer polaren Geschlechterordnung
  • Konstituierung von Nationalstaaten bei zunehmender internationaler Verflechtung und Konkurrenz
  • Durchsetzung des Rechts-, Verfassungs- und Wohlfahrtsstaates
  • Demokratisierung und Parlamentarisierung des politischen Systems (mit dramatischen Rückbauphasen)
  • Entstehung eines politischen Massenmarktes
  • Herstellung und Formwandel industrieller Markt- und Dienstleistungsökonomien
  • Rationalisierung und Individualisierung der Lebensführung
  • Organisation und Eskalation staatlicher Gewalt.
Als Geburtsstunde dieser Epoche gilt die Französische Revolution; ihr Ende ist noch nicht in Sicht. Sie ist nicht nur eine Epoche des Aufbruchs und Fortschritts – von den "ständischen Begrenzungen" der Vormoderne zum "befreiten Individuum" der Moderne –, sondern auch eine Epoche der Gewalt, der Zerstörung und des Verlustes. Sie steht ebenso für die Erfindung und erfolgreiche Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte in Europa und den USA wie für die stete Verletzung und Gefährdung dieser Rechte durch Prozesse der Exklusion und Vernichtung. Sie hat den Menschen in Europa nicht nur immer mehr Wohlstand, Bildung, Mobilität und Gesundheit geschenkt und diese Leistungen immer gleichmäßiger verteilt, sondern sie hat auch die Kluft zwischen "reichen" und "armen" Regionen, zwischen starken und schwachen Ländern in der Welt vergrößert. Sie hat das Projekt einer "Bürgergesellschaft" aus der Taufe gehoben und nie aus den Augen verloren, nahm aber gravierende Rückschläge, Unterbrechungen und Verformungen bei seiner praktischen Umsetzung in Kauf.
Auf diese komplizierten, alles andere als gradlinig verlaufenden Prozesse beziehen sich die Interessen und Arbeitsgebiete der Lehrstuhlinhaberin und der Mitarbeitenden. Ihr räumlicher Schwerpunkt liegt auf der Geschichte Europas und der USA; zeitlich reichen die Lehr- und Forschungsaktivitäten am Lehrstuhl vom späten 18. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre.
Im Rahmen eines Habilitationsprojektes wird unter dem Arbeitstitel Deutsche Gesellschaft. Geschichte und Selbstbeschreibung im 19. und 20. Jahrhundert eine sozial-, ideen- und wissenschaftsgeschichtliche Studie über die Entwicklung sozialer Ordnungsvorstellungen in Deutschland zwischen dem Vormärz und den 1960er Jahren vorbereitet (P. Nolte). Dieses Projekt versucht die an der Fakultät entwickelten sozialgeschichtlichen und begriffsgeschichtlichen Forschungsansätze miteinander zu vermitteln und damit einen ideengeschichtlichen und begriffskritischen Grundlagenbeitrag zur modernen "Gesellschaftsgeschichte" zu leisten.
Ein weiteres laufendes Projekt in diesem Bereich ist die Vorbereitung einer Gesamtdarstellung der Geschichte der USA von den kolonialen Anfängen im frühen 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei kommt es besonders darauf an, die neuen sozial- und kulturgeschichtlichen Forschungsansätze und Themen aufzunehmen und zu überprüfen, inwieweit eine kohärente Synthese der amerikanischen Geschichte um sie herum aufgebaut und geschrieben werden kann.

(2) Der Bereich Sozialgeschichte konzentriert sich auf die vergleichende Geschichte unterschiedlicher europäischer Gesellschaften vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, die Geschichte sozialer Klassen, Schichten und Gruppen, die Entwicklung sozialer Mechanismen und Karrieren wie auch auf die Geschichte sozialer Vorstellungen, Normen und Utopien.
(a) Im Berichtszeitraum hat der Leiter des Arbeitsbereichs (H.-G. Haupt) eine Geschichte des europäischen Kleinbürgertums im langen 19. Jahrhundert verfaßt, an einem internationalen Projektzusammenhang über das Verhältnis regionaler und nationaler Identitäten im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts teilgenommen und deren Ergebnisse mitpubliziert, an einem europäischen Diskussionszusammenhang über die Zunftordnung im alten Europa teilgenommen und in einer Tagung den Zustand der Zünfte in verschiedenen europäischen Ländern um 1800 analysiert. Die Ergebnisse der Tagung werden in Buchform erscheinen. Außerdem ist der Verantwortliche des Projektbereichs Mitherausgeber einer Europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die im Unterschied zu vorliegenden Gesamtdarstellungen die verändernden Kräfte im Europa der letzten beide Jahrhunderte betont und damit hier auf die Dynamik der Entwicklung abhebt.
(b) Im Arbeitsbereich Sozialgeschichte hat sich aber auch auf die kulturgeschichtliche Wende der Geschichtswissenschaft deutlich niedergeschlagen. Damit haben Projekte an Einfluß gewonnen, die sich stärker auf gesellschaftlich relevante Diskurse und Diskurszusammenhänge konzentrieren. In einem, die italienische, französische und deutsche Entwicklung der 1960er Jahre vergleichenden Projekt wird die Bedeutung des Rechts, der Justiz und der Richter im Prozeß der Justizreformdiskussion untersucht. Damit wird nicht nur ein Beitrag zu einer vergleichenden Geschichte des Rechts- und Justizsystems in den drei Ländern geleistet, sondern auch ein Kapitel der Vorgeschichte der Studenten- und Arbeiterunruhen am Ende der 60er Jahre geschrieben und die Bedingungen ermittelt, unter denen die Richter in drei europäischen Ländern handelten. In einem Projekt zu den Reform- und Modernisierungsdiskursen in der CSSR und der DDR vor dem Prager Frühling soll ein Beitrag zur Geschichte der Öffentlichkeit unter didaktischen Bedingungen geleistet werden. Das Projekt steht unter der Frage, in welchem Ausmaß es den reformerischen Kräften und den Modernisierern in den beiden Staaten gelingt in einer hierarchischen autoritären und diktatorischen politischen Ordnung eine Teilöffentlichkeit zu etablieren, in der der freie Austausch von Meinungen und Positionen möglich ist.
(c) VW-Projekt Justiz in den 60er Jahren (E. Bokelmann: Diskurs und Handeln. Untersuchung der Justizreform in der gesellschaftlichen Umbruchsphase der 60er Jahre in Frankreich; J. Requate: Habilitationsvorhaben: Justiz im Demokratisierungsprozeß der Bundesrepublik der 60er Jahre; H. Reiter: Justizreformdiskurs im Italien der 1960er Jahre).
(d) VW-Projekt Die Mitglieder von NSDAP und SED im Kreis Bernburg (1928-1958): Staatsparteien im Vergleich (T. Kupfer; U. Breymeier): Ziel des Projekts ist die vergleichende Analyse der Mitgliederstrukturen von NSDAP und SED im anhaltischen Kreis Bernburg. Die Kenntnis der inneren Zusammensetzung der jeweiligen Staatspartei ist unerläßlich für das Verständnis der Funktionsweise autoritärer Diktaturen. Es soll untersucht werden, ob strukturelle Ähnlichkeiten im Gesellschaftsaufbau von Drittem Reich und SBZ/DDR trotz eines Ausgangspunktes in gegensätzlichen politischen Lagern auch sozialstrukturell ähnliche Staatsparteien hervorgebracht haben.
(e) VW-Projekt Reform- und Modernisierungsdiskurse in der CSSR und der DDR vor dem Prager Frühling, 1962/3-1967 (R. Kessler).
(f) DFG-Projekt Die Selbstthematisierung des Nationalen in autobiographischen Zeugnissen des deutschen Bildungsbürgertums, 1870-1914 (D. Günther, Habilitationsvorhaben: Der Ort des Nationalen in den Selbstthematisierungen deutscher Bildungsbürger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Ein Beitrag zur kulturellen Wirkungsgeschichte nationaler Vorstellungen): Das Projekt, das im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit - Ansätze zu einer neuen 'Geistesgeschichte' seit dem 1.4.1997 gefördert wird, folgt einer vielfach geforderten wirkanalytischen Fundierung der historischen Nationalismusforschung: obgleich bzw. weil gerade "Wirkung" im schlichten Sinne von "Einfluß" und "Erfolg" die nicht hinterfragte Grundannahme der historischen Nationalismusforschung darstellt.
(f) Habilitationsvorhaben Chr. Benninghaus Die Kultivierung der Differenz. Badereisen im 19. Jahrhundert: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte die Reise ins Bad zu den typischen Gewohnheiten der bürgerlichen und adeligen Oberschicht. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes wird zum einen untersucht, ab wann und inwieweit sich die Reise ins Bad im späten 18. und im 19. Jahrhundert in Adel und Bürgertum als kulturelle Praxis durchsetzte. Zum anderen wird gefragt, wie innerhalb der sich stetig neugruppierenden, internationalen Badegesellschaft soziale Unterschiede in den Praktiken und Interaktionsprozessen des Badealltags ausgedrückt und damit gleichzeitig reproduziert, zum Teil aber auch infrage gestellt oder vorübergehend außer Kraft gesetzt wurden. Die Habilitation versucht damit eine Kombination aus sozial- und kulturgeschichtlichen Herangehensweisen.
(g) "Zivilisatorischer Fortschritt" und Massenkultur. Ihre Verbreitung und Rezeption bei Arbeiterschaft und Bürgertum um die Jahrhundertwende. Ein deutsch-englischer Städtevergleich (K. Ditt): Die Sozialgeschichte hat in den 1970/80er Jahren das Handeln und Bewußtsein der sozialen Großgruppen vielfach auf ihre wirtschaftliche und soziale Situation zurückgeführt und daraus die Unterschiedlichkeit ihrer Ideologien und Politik erklärt. In diesem Projekt wird danach gefragt, ob die Verbreitung bzw. Rezeption von Modernitätsphänomenen nivellierend oder differenzierend auf Lage und Bewußtsein von Arbeitern und Bürgern eingewirkt hat. Aus dem breiten Komplex der Modernitätsphänomene wird dazu zum einen die Durchsetzung von technologischen Errungenschaften (Gas, Elektrizität, Haushaltsgeräte und Telefon), zum anderen von Formen der Massenkultur (Film, Rundfunk und Sport) in der Frühphase der Zweiten Industriellen Revolution und den Anfängen der Moderne (ca. 1880-1930) verfolgt. Darüber hinaus wird nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Verbreitung bzw. Rezeption dieser Phänomene der Moderne in Deutschland und England am Beispiel unterschiedlicher Stadttypen (Industrie-/Verwaltungsstädten) gefragt, um durch den internationalen Vergleich ihren nivellierenden oder differenzierenden Einfluß gegenüber den nationalen Traditionen zu beurteilen.

(3) Im Zentrum der Forschungen auf dem Gebiet der Zeitgeschichte (I. Gilcher-H.) stand im Berichtszeitraum die Vergleichende Analyse der 68er Bewegungen in Europa und den USA. Orientiert an Fragestellungen, Begriffen, Hypothesen und Modellen der Sozialen Bewegungs-Forschung wurden die Entstehungsbedingungen, Formierungsprozesse, Mobilisierungsdynamiken und der Zerfall der Protestbewegungen untersucht, die einen bedeutsamen Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte markieren. Erste Forschungsergebnisse wurden auf einem von Frau I. Gilcher-Holtey organisierten internationalen Kongreß im Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld (November 1997), auf der internationalen Tagung 68-Trente ans après der Universität Nanterre (Mai 1988), auf dem Kongreß Les années 68: événement, cultures, politiques et modes de vie des Institut d'histoire du temps présent (Paris, November 1998) sowie auf einer deutsch-französischen Doktorandenkonferenz unter Leitung von Michelle Zancarini-Fornel (IHTP) und I. Gilcher-Holtey an der Université Paris VIII (November 1998) präsentiert. Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung lag auf der vergleichenden Analyse der Intellektuellen in Franbkreich und Deutschland (1945-1989).

(4) Forschungsschwerpunkte im Bereich der Wirtschaftsgeschichte sind im Berichtszeitraum: (a) Allgemeine Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik, (b) Unternehmensgeschichte, (c) Wirtschaftsgeschichte der Region Ostwestfalen und (d) Neue Institutionenökonomie.
(a) Allgemeine Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik [Rüstungswirtschaft und internationale Beziehungen (Abelshauser), Autarkiepolitik (Petri), Außenwirtschaft (Delhaes), Soziale Marktwirtschaft (Breker)]: Im Berichtszeitraum ist ein längeres Forschungsprojekt zur Geschichte der westdeutschen Aufrüstung fertiggestellt und veröffentlicht worden. Die Zusammenarbeit mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Potsdam, aus der diese Arbeit hervorgegangen ist, wurde mit einer Untersuchung über die internationalen Finanz- und Wirtschaftbeziehungen der NATO-Staaten in den 50er Jahren fortgesetzt. Entstanden sind bisher zwei auf internationalen Konferenzen zur Diskussion gestellte, aber noch nicht veröffentlichte Studien über das Verhältnis der NATO-Wirtschaftsorganisation und der OEEC am Beispiel des internationalen Rohstoffkartells und über militärische Aspekte der internationalen Finanzbeziehungen. Das Projekt wird fortgesetzt.
Ebenfalls abgeschlossen und 1997 publiziert wurde das von der VW-Stiftung geförderte Projekt zur wirtschaftlichen Mobilisierung für den Zweiten Weltkrieg (The Economics of World War II), das als joint venture zwischen Bielefeld und Warwick organisiert wurde und an dem sich Wirtschaftswissenschaftler und -historiker aus fünf Ländern beteiligten. Ein Folgeprojekt zur italienischen Autarkiepolitik, das zusammen mit Vera Zamagni (Bologna) geleitet wurde, konnte 1997 ebenfalls abgeschlossen werden und diente dem Bearbeiter an der Universität Halle an der Saale als Grundlage seiner Habilitation.
Die Wirtschaftsgeschichte der frühen Bundesrepublik steht im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprojektes mit dem Arbeitstitel Erfolgsfaktoren des deutschen Exportes in den 1950er und 1960er Jahren. Hier wird angestrebt, einen neuen Erklärungsansatz für die nach dem 2. Weltkrieg herausragenden deutschen Exporterfolge zu liefern. Der Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt auf einer Analyse des institutionellen Rahmens, der ebenso wie die langfristig gewachsene binnenwirtschaftlichen Verflechtung ("Clustersystem") der deutschen Wirtschaft auf seine Rückwirkungen auf das deutsche "Exportwunder" der 50er Jahre überprüft werden soll.
Währungsgeschichte (Dickhaus): Der bisherige Schwerpunkt Analyse der internationalen bzw. europäischen Währungspolitik in der Nachkriegszeit wurde bis 1973 vorangetrieben. Dabei wurden v.a. die in währungspolitischer Hinsicht turbulenten 1960er Jahre untersucht. Ferner die Haltung der deutschen Zentralbank zur Gloablisierung in den 1950er Jahren; Währungsreform 1948, zum einen in regionaler Hinsicht, zum zweiten die Auseinandersetzungen um die Festlegung eines geldpoltischen Paradigmas Ende der 1940er Jahre. Dabei zeigte sich, daß entgegen der allgemein üblichen Einschätzung im direkten Anschluß an die Währungsreform das geldpolitische Paradigma nur nach einer kontroversen Auseinandersetzung festgelegt wurde. Das Ziel Stabilität und die Mittel Diskontpolitik waren auch in der jungen Bundesrepublilk keineswegs unumstritten.
Ferner wurde eine Analyse der internationalen Währungspolitik der deutschen Zentralbank für den Zeitraum 1948 bis 1958 abgeschlossen und veröffentlicht. Gleichwohl wurde die Arbeit an dieser Thematik weitergeführt. Im Mittelpunkt standen dabei die Internationalisierung der Kapitalmärkte seit 1945 und die Haltung der Zentralbank zur Europäischen Integration und zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft - zwei Themen, denen angesichts der bevorstehenden Europäischen Währungsunion und der Diskussionen zur Globalisierung eine besondere Aktualität zukommt. Auch in Zukunft ist geplant, diesen thematischen Schwerpunkt weiterzuverfolgen. Dabei werden eine Analyse der währungspolitisch turbulenten 1960er Jahre und die Entwicklung der Zentralbankunabhängigkeit im Mittelpunkt stehen.
(b) Unternehmensgeschichte [Vereinigte Stahlwerke (Reckendrees), Krupp (Abelshauser), Netzwerkanalyse (Fiedler), "Arisierung" (Köhler), KMU (Dickhaus)]: Die Unternehmensgeschichte (einschließlich Bankengeschichte) stellt einen weiteren Schwerpunkt der Forschungstätigkeit am Lehrstuhl dar. Abgeschlossen wurde eine umfangreiche Monographie über den größten deutschen Montankonzern, die Vereinigten Stahlwerke AG, von der Gründung im Jahr 1926 bis zur Reorganisation im Jahr 1933. Die Arbeit eröffnet am Beispiel des deutschen Stahltrusts bisher unbekannte Einblicke in die Zwangslagen und Handlungsspielräume der deutschen Industrie in der Weimarer Republik. Vor dem Abschluß steht das von der Krupp-Stiftung geförderte Projekt zur Unternehmensgeschichte der Firma Krupp zwischen Aufrüstung und Demontage (1933-1953). Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der mikroökonomischen Analyse der deutschen Rüstungswirtschaft. Ebenfalls vor dem Abschluß steht die im Berichtszeitraum fortgesetzte Forschungsarbeit über Netzwerke personeller Verflechtungen deutscher Großunternehmen in der Zwischenkriegszeit. Diese Arbeit benutzt das soziometrische Verfahren der Netzerkanalyse zu einer repräsentativen Studie über die Wirtschaftselite der 1920er und 1930er Jahre, die Industrie-Bank-Beziehungen und die Kapitalverflechtungen der 350 größten Aktiengesellschaften. Neu begonnen wurde eine Untersuchung über die "Arisierung" deutscher Privatbankhäuser im Dritten Reich, deren Ziel es ist, den Prozeß der Verdrängung jüdischer Privatbanken aus dem Wirtschaftssystem zu analysieren und die Folgen des personellen und finanziellen Aderlasses für den Bankensektor abzuschätzen. Die Studie kann sich dabei auf bisher unbearbeitete Quellen und Fallbeispiele stützen. Begonnen wurde auch ein Forschungsprojekt über klein- und mittelständische Unternehmen (KMUs) im Kaiserreich, deren Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung bislang weitgehend vernachlässigt worden ist. Prospektiv ist eine Zunahme von Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen zur Unternehmensgeschichte zu erwarten. Bewilligt hat die Thyssen-Stiftung ein Forschungsprojekt über die Rolle von Fusionen und Übernahmen in der deutschen Industrie (1898-1938). Ferner koordiniert der Lehrstuhlinhaber ein mehrjähriges Forschungsprojekt zur Geschichte der BASF und wird selbst die Zeit nach der Wiedergründung (1953) untersuchen. Auf Initiative von Mitarbeitern des Lehrstuhls ist 1997 im Rahmen des SFB "Bürgertum" eine Tagung über Die wirtschaftsbürgerliche Elite in Deutschland im 20. Jahrhundert durchgeführt worden, deren Beiträge demnächst in einem Sammelband veröffentlicht werden. Andere Forschungen und Forschungsvorhaben zu Unternehmen und Unternehmern fallen unter die Forschungsschwerpunkte Wirtschaftsgeschichte der Region (c) sowie Neue Institutionenökonomie (d).
(c) Regionale Wirtschaftsgeschichte [Wixforth (IHK, EMR), Abelshauser u.a. (Minden-Lübbecke), Fiedler (Bünde)]: Zu einem Feld wachsender Forschungsaktivität ist die Wirtschaftsgeschichte Ostwestfalens geworden, einer Region, die aufgrund ihrer Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zu einer ausgeprochen erfolgreichen und diversifizierten Wirtschaftsstruktur mit einem eigenständigen Charakter gefunden hat. Vor dem Abschluß steht eine am Lehrstuhl erarbeitete Bibliographie zur Wirtschaftsgeschichte der Region, die zur Zeit 1000 Titel, einschließlich der oft schwer zugänglichen "grauen Literatur" mit Fundstellen umfaßt und den Stand (und die weißen Flecken) der Forschung dokumentieren soll. Abgeschlossen wurden zwei Arbeiten zur 150jährigen Geschichte der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld und zur Geschichte der Elektrizitätsversorgung in Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe. Ein weiteres Projekt vor dem Abschluß ist ein im Jahr 1999 erscheinender Sammelband zur Wirtschaftsgeschichte des Kreises Minden-Lübbecke. Es handelt sich dabei um eine erste forschungsorientierte Analyse der Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung der Region im 19. und 20. Jahrhundert. In Arbeit ist die Erstellung eines industriearchäologischen Stadtführers, der die Geschichte der Tabakindustrie in Bünde (Kreis Herford) zum Jahr der Industriekultur (2000) zum Thema hat.
(d) Neue Institutionenökonomie [Abelshauser (Mitbestimmung, Historische Schule, institutioneller Wandel)]: Einen vierten Forschungsschwerpunkt, zu dem die Arbeit im Berichtszeitraum begonnen hat, stellt die Herausforderung der Neuen Institutionenökonomie an eine andere Sichtweise der Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts dar. Die Orientierungsprobleme der gegenwärtigen Wirtschaftsentwicklung ("Globalisierung", "Wissensgesellschaft") lenken den Blick zurück auf den Wandel der institutionellen Rahmenbedingungen und auf die Notwendigkeit empirischer und theoretischer Forschungen zu der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entfalteten "Zweiten Wirtschaftlichen Revolution". Erste Vorstudien liegen inzwischen zur Geschichte der Mitbestimmung, der Historischen Schule als dogmenhistorischer Vorläufer der Institutionenökonomie und zur Geschichte der Wirtschaftspolitik im langen 20, Jahrhundert vor, die im Rahmen einer Publikation des Vereins für Socialpolitik veröffentlicht werden soll. Projektanträge zu den geplanten Sonderforschungsbereiche der Fakultäten Soziologie und Geschichtswissenschaft betreffen die vergleichenden Untersuchung deutscher und amerikanischer Unternehmen der "neuen", wissenschaftsgestützten Industrie unter globalen Wettbewerbsbedingungen und die "Große Depression" als Treibhaus des institutionellen Wandels.

(5) Im Bereich Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte wurden Forschungen zu den zwei schon im vergangenen Berichtszeitraum genannten Schwerpunkten fortgeführt: Bildungs- und Beschäftigungssystem (historische Berufssoziologie, Professionalisierungsprozesse); organisierte wissenschaftliche Expertise und der administrative Umgang mit Risiken (Umweltgeschichte, Grenzwertemodell).

(6) Ein weiterer Schwerpunkt der Forschungen an der Fakultät liegt im Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte, insbesondere von der Frühen Neuzeit bis zum 20. Jahrhundert und in bezug auf Europa, Lateinamerika und Nordamerika. Methodisch gesehen handelt es sich dabei im wesentlichen um sozial-, kultur- und politikgeschichtliche Forschungen, und es wird Wert auf trans- und internationale Bezüge bzw. Vergleiche gelegt, insbesondere auch auf die Dimension einer spezifisch europäischen Frauen- und Geschlechtergeschichte. Allerdings war die Professur für Geschlechtergeschichte vom Sommersemester 1997 bis zum Wintersemester 1998/99 vakant und ist in wechselnder Besetzung vertreten worden. In diesem Zeitraum wurden u.a. Projekte zu den Themen Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder 1870-1914 und Wie aus Müttern Eltern wurden. Konstruktionen von Mutter-, Vater- und Elternschaft in der wohlfahrtstaatlichen Politik Schwedens und der Bundesrepublik Deutschland 1945-1995 abgeschlossen.


5. Iberische und lateinamerikanische Geschichte

(a) Beteiligte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
  Hochschullehrerin: Barbara Potthast[-Jutkeit]
Honorar-Prof.: Johann Hellwege
Wiss. Mitarbeiterin: Astrid Frevert (DFG, bis Okt. 1998)
Drittmittel: Silke Hensel (Postdoc), Thomas Krüggeler (Habilitationsstipendium DFG)

(b) Darstellung der Forschungsarbeiten

Die Forschungsschwerpunkte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beziehen sich auf Spanien und Lateinamerika sowohl in der Frühen Neuzeit als auch im 19. und 20. Jahrhundert.
Ein Schwerpunkt liegt in der Frauen- und Familiengeschichte, die auch in der Lehre eine wichtige Rolle spielt. Besonderes Augenmerk innerhalb der allgemeinen Geschichte von Frauen und Familie in Lateinamerika gilt der Frage nach den Ursachen und der Bedeutung von alleinstehenden Frauen und ihrer Kinder in lateinamerikanischen Gesellschaften, nach der Bedeutung von Geschlechterbeziehungen in Migrantenfamilien sowie der Frage nach Familiennetzwerken und ihrer sozialen und politischen Bedeutung. Die bereits im letzten Forschungsbericht genannten Projekte wurden fortgeführt, neu hinzugekommen ist ein Projekt über Prostitution in Kuba (1850-1920), die Forschungen über die Kaufmannsfamilie Anchorena in Argentinien wurden abgeschlossen und liegen in publizierter Form vor.
Migrationsprozesse stehen im Zentrum mehrerer Projekte, wobei die Fragestellung sowohl auf die angeführte Gender-Problematik als auch auf Fragen der Herausbildung von Ethnizität in diesem Prozess zielt. Zum einen wird nach der Herausbildung bzw. Veränderung von ethnisch-nationalem Bewusstsein im Migrationsprozess von Europa nach Lateinamerika im 19. Jahrhundert gefragt, wobei besonders Schicht- und Geschlechtszugehörigkeit als differenzierende Faktoren eingeführt werden. In einer anderen Studie steht die Migrantenbevölkerung der "Hispanics" in den USA im 20. Jahrhundert im Mittelpunkt des Interesses. Erzwungene Migration, das heißt Vertreibung, indigener Völker durch die entstehenden Nationalstaaten Mexiko und USA und ihre Auswirkungen auf die indigenen Völker sind das Thema eines weiteren Forschungsprojektes in diesem Kontext. Ethnizität und Umwelt wiederum stehen im Mittelpunkt einer Studie zur Veränderung des Verhältnisses von Mensch und Umwelt im Andenraum in der Folge der spanischen Eroberung.
Zur Geschichte der iberischen Halbinsel gibt es ebenfalls eine Reihe von Projekten, die sich um zwei Themenkomplexe gruppieren:
Einen ersten Themenkomplex bilden Aspekte der Industrialisierung und der Klassenbildung im Spanien der Restaurationszeit (1874-1923). Ein Projekt ordnet sich in das Gebiet der Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung ein. Mit Hilfe einer vergleichenden Untersuchung der Entstehung der Gewerkschaftsbewegung in vier spanischen Regionen (Asturien, Baskenland, Madrid, Valencia) verfolgt es, wie sich die regionalen Gewerkschaften in den spanienweiten Dachverband Unión General de Trabajadores (UGT) eingliederten.
Den zweiten Themenkomplex bildet die Untersuchung von Eliten im Spanien der Frühen Neuzeit, wobei sich hier die thematische Bandbreite von der Gelehrtenkultur des 16. Jahrhunderts bis zur niederandalusischen Weltgeistlichkeit des 18. Jahrhunderts erstreckt. Charakteristisch für diese Projekte ist das Interesse an informellen Beziehungen und sozialen Netzen sowie die methodische Öffnung zu mikro- und kulturhistorischen Ansätzen.


6. Osteuropäische Geschichte

(a) Beteiligte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
  Hochschullehrer: Stephan Merl
Wiss. Mitarbeiter: Lutz Häfner
Drittmittelpersonal: Guido Hausmann (SFB 177) bis 1997, Leo Stoltmann (ABM, bis September 1998)

(b) Darstellung der Forschungsarbeiten

Die Forschung des Schwerpunktes Osteuropäische Geschichte konzentriert sich auf die Wirtschafts- und Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Für die Zeit nach 1945 werden vergleichend Polen, Ungarn und die DDR einbezogen. Dabei wird folgenden Themen besondere Beachtung geschenkt: Geschichte der Stadt und des Bürgertums in Rußland vor 1914, Agrarsektor im Industrialisierungsprozeß Rußlands und der Sowjetunion, Alternativen der Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Zwischenkriegszeit und Stalinismus, Entstalinisierung und "große Reformen" 1953-1964 in der Sowjetunion, Konsumgeschichte Osteuropas, genossenschaftliche Formen und soziale Kosten des Transformationsprozesses. Die Bearbeitung der genannten Themen erfolgt aus vergleichender Perspektive unter Berücksichtigung der Entwicklungen in Westeuropa. Ein Teil der historisch untersuchten Fragen (Geschichte der Agrargenossenschaften, Geschichte des Bürgertums) hat eine unmittelbare Bedeutung für den sich gegenwärtig in Osteuropa vollziehenden Transformationsprozeß.
Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 177 wurde das Projekt Sozialstruktur, Selbstverwaltung und bürgerliche Eliten in Städten vor 1914 Rußland im Vergleich mit Deutschland von der DFG finanziert. Dabei wurde untersucht, ob sich durch die Änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die von der in den 1860er Jahren eingeleiteten Reformpolitik und der in den 1880er Jahren anlaufenden Industrialisierung ausgelöst wurden, vor dem Ersten Weltkrieg andeutete, daß Rußland eine ein Jahrhundert früher in Westeuropa vollzogene Entwicklung nachzuholen begann. Glichen sich Stadtfunktion und soziale Schichtung der Stadtbevölkerung allmählich den westeuropäischen Mustern an? Oder ist die russische Entwicklung primär als eigenständiger, völlig anders gearteter Ablauf zu werten? Über Werkverträge konnten mehrere russische Historiker, die bereits seit längerer Zeit über die städtische Selbstverwaltung und das Wirtschaftsbürgertum arbeiteten, zur Mitarbeit gewonnen werden. Regelmäßige Arbeitstreffen fanden in Moskau und St. Petersburg statt, um die Zwischenergebnisse bei der Projektarbeit zu diskutieren.
Das in Zusammenarbeit mit der Universität Exeter, dem Frederiksberg-Seminarium in Kopenhagen und der Pädagogischen Staatsuniversität Jaroslavl' durchgeführte Tempus (Tacis) Projekt zur Reform der Geschichtslehrerausbildung in Rußland wurde 1997 abgeschlossen. Im Rahmen des Projektes fand ein intensiver Austausch von Dozenten, Doktoranden und Studenten statt. Außerdem wurde im April 1997 in Jaroslavl' eine Sommerschule durchgeführt. Die Antragstellung für zwei Anschlußprojekte was erfolgreich. Die im Rahmen des Herzen-Programms finanzierte Fortsetzung der Kooperation mit der Pädagogischen Staatsuniversität Jaroslavl' zielt im Rahmen der Reform des Geschichtscurriculums auf die Lerninhalte, insbesondere sollen die Lehrmaterialien, die den Studienrenden in den Hauptkursen zur Geschichte zur Verfügung stehen, grundlegend überarbeitet und durch Übersetzungen von Texten aus dem Deutschen und Englischen ergänzt werden. Fortgesetzt wird ebenfalls der intensive Austausch von Hochschullehrern, Doktoranden und Studierenden. Im Rahmen des Projektes "Istorija II" steht in den Gebieten von Jaroslavl' und Kostroma die Weiterbildung von Geschichtslehrern im Vordergrund. Gemeinsam mit der Universität Exeter und der Pädagogischen Universität Ulaan Baator wird ein TEMPUS-Tacis-Projekt zur Reform der Geschichtslehrerausbildung in der Mongolei durchgeführt, in dessen Rahmen Sommerschulen veranstaltet und Curriculumseinheiten entwickelt werden.
Im Rahmen der über den DAAD geförderten Hochschulkooperationen der Universtität Bielefeld mit Hochschulen in Osteuropa beteiligt sich der Schwerpunkt Osteuropäische Geschichte an den Kontakten mit Posen und Warschau. Inhaltlich geht es dabei um die Absprache gemeinsamer Forschungsprojekte und einen Austausch von Dozenten und Doktoranden. Schließlich ist die Beteiligung des Schwerpunktes an der Durchführung eines deutschsprachigen MBA-Studiengangs an Akademie für Volkswirtschaft bei der Regierung der Russischen Föderation in Moskau zu erwähnen. Dieser Studiengang wird aus Mitteln des DAAD gefördert. In den Berichtsjahren wurde der zweite und dritte Studienjahrgang abgeschlossen.


Abteilung für Geschichte (allgemeine Angaben) Drittmittelprojekte