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| (a) Beteiligte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen |
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Hochschullehrer und -lehrerinnen: Werner Abelshauser, Lothar Albertin (emeritiert), Gisela Bock (bis Juni 1997), Ute Frevert (seit Oktober 1997), Ingrid Gilcher-Holtey, Heinz-Gerhard Haupt (April 1998), Martina Kessel (Vertretung seit Oktober 1998; Ernennung zum April 1999), Peter Lundgreen, Sidney Pollard (emeritiert; November 1998 verstorben), Joachim Radkau, Reinhard Vogelsang (Hon.-Prof.), Hans-Ulrich Wehler (emeritiert)
Wiss. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: Christina Benninghaus (seit April 1998), Jean-Christoph Caron (seit Okt. 1998), Gunilla Budde (bis August 1998), Monika Dickhaus, Dagmar Ellerbrock (seit Okt. 1998), Svenja Goltermann (seit Okt. 1997), Paul Nolte, Jörg Requate (seit April 1998)
Drittmittelpersonal: Elisabeth Bokelmann (VW-Stiftung), Bettina Brandt (DFG), Ursula Breymayer (VW-Stiftung), Olaf Breker (DFG), Linda von Delhaes (VW-Stiftung), Martin Fiedler (DFG), Heike Franz (SFB 177), Carolyn Grone (DFG), Dagmar Günther (DFG), Rebekka Habermas (SFB 177, bis Ende 1997), Manfred Hettling (SFB 177, bis Ende 1997), Claudia Huerkamp (DFG), Ingo Köhler (DFG), Thomas Kühne (DFG), Frank-Michael Kuhlemann (SFB 177, bis Ende 1997), Torsten Kupfer (VW-Stiftung), Andreas Lüking (SFB 177, bis Ende 1997), Rolf Petri (VW-Stiftung), Alfred Reckendrees (Hans Böckler-Stiftung), Herbert Reiter (VW-Stiftung), Jörg Rosenberger (SFB 177, bis Ende 1997); Michael Schäfer (SFB 177, bis Ende 1997), Anne Schmidt (DFG), Dirk Schumann (Habil.-Stipendium der DFG), Christoph Seidel (SFB 177, bis Ende 1997), Volker Wellhöner (DFG), Harald Wixforth (DFG, bis Juni 1997), Dieter Ziegler (SFB 177, bis Ende 1997)
sonstige: Karl Ditt (Priv.Doz.) |
| (b) Darstellung der Forschungsarbeiten |
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Die Arbeiten im Schwerpunkt 19./20. Jahrhundert umfassen eine breite Palette von Problemstellungen und Themen. Sie reichen von einer umfassenden Synthese der deutschen "Gesellschaftsgeschichte" seit dem 18. Jahrhundert über Studien zur Sozialgeschichte des deutschen und europäischen Bürgertums bis hin zu Forschungen über die Wiederentstehung des Parteiensystems nach dem Zweiten Weltkrieg.
Den allgemeinsten Nenner vieler Studien zum 19./20. Jahrhundert bilden Fragen nach den Besonderheiten, Kosten und Krisen des Modernisierungsprozesses in Deutschland. Einen Schwerpunkt bildeten dabei längerfristig angelegte Forschungsprojekte zum Zusammenhang von sozialer Herkunft, Bildungschancen und beruflichem Status im 19. Jahrhundert. In anderen Untersuchungen ging es um die Rolle der Landwirtschaft und landwirtschaftlicher Interessen im deutschen Kaiserreich und ihrer Bedeutung für die Tradierung "vorindustrieller Traditionen". Unter diese Rubrik gehören auch Forschungen über die nationalsozialistische Genozidpolitik und ihren Zusammenhang mit der Modernisierung der Gesundheitspolitik.
(1) Die Geschichte des 19./20. Jahrhunderts ist seit der Gründung der Fakultät ein zentraler Schwerpunkt ihrer Forschung und. Zum besonderen Profil des Lehrstuhls (U. Frevert) zählt die Auseinandersetzung mit jenen Entwicklungen und Prozessen, die der Moderne - als einer Epoche extremer Beschleunigung und massiver gesellschaftlicher, politischer, ökonomischer und kultureller Umbrüche - eigen sind:
- gesellschaftliche Mobilisierung und Selbstorganisation
- Etablierung und Verflüssigung einer polaren Geschlechterordnung
- Konstituierung von Nationalstaaten bei zunehmender internationaler Verflechtung und Konkurrenz
- Durchsetzung des Rechts-, Verfassungs- und Wohlfahrtsstaates
- Demokratisierung und Parlamentarisierung des politischen Systems (mit dramatischen Rückbauphasen)
- Entstehung eines politischen Massenmarktes
- Herstellung und Formwandel industrieller Markt- und Dienstleistungsökonomien
- Rationalisierung und Individualisierung der Lebensführung
- Organisation und Eskalation staatlicher Gewalt.
Als Geburtsstunde dieser Epoche gilt die Französische Revolution; ihr Ende ist noch nicht in Sicht. Sie ist nicht nur eine Epoche des Aufbruchs und Fortschritts von den "ständischen Begrenzungen" der Vormoderne zum "befreiten Individuum" der Moderne , sondern auch eine Epoche der Gewalt, der Zerstörung und des Verlustes. Sie steht ebenso für die Erfindung und erfolgreiche Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte in Europa und den USA wie für die stete Verletzung und Gefährdung dieser Rechte durch Prozesse der Exklusion und Vernichtung. Sie hat den Menschen in Europa nicht nur immer mehr Wohlstand, Bildung, Mobilität und Gesundheit geschenkt und diese Leistungen immer gleichmäßiger verteilt, sondern sie hat auch die Kluft zwischen "reichen" und "armen" Regionen, zwischen starken und schwachen Ländern in der Welt vergrößert. Sie hat das Projekt einer "Bürgergesellschaft" aus der Taufe gehoben und nie aus den Augen verloren, nahm aber gravierende Rückschläge, Unterbrechungen und Verformungen bei seiner praktischen Umsetzung in Kauf.
Auf diese komplizierten, alles andere als gradlinig verlaufenden Prozesse beziehen sich die Interessen und Arbeitsgebiete der Lehrstuhlinhaberin und der Mitarbeitenden. Ihr räumlicher Schwerpunkt liegt auf der Geschichte Europas und der USA; zeitlich reichen die Lehr- und Forschungsaktivitäten am Lehrstuhl vom späten 18. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre.
Im Rahmen eines Habilitationsprojektes wird unter dem Arbeitstitel Deutsche Gesellschaft. Geschichte und Selbstbeschreibung im 19. und 20. Jahrhundert eine sozial-, ideen- und wissenschaftsgeschichtliche Studie über die Entwicklung sozialer Ordnungsvorstellungen in Deutschland zwischen dem Vormärz und den 1960er Jahren vorbereitet (P. Nolte). Dieses Projekt versucht die an der Fakultät entwickelten sozialgeschichtlichen und begriffsgeschichtlichen Forschungsansätze miteinander zu vermitteln und damit einen ideengeschichtlichen und begriffskritischen Grundlagenbeitrag zur modernen "Gesellschaftsgeschichte" zu leisten.
Ein weiteres laufendes Projekt in diesem Bereich ist die Vorbereitung einer Gesamtdarstellung der Geschichte der USA von den kolonialen Anfängen im frühen 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei kommt es besonders darauf an, die neuen sozial- und kulturgeschichtlichen Forschungsansätze und Themen aufzunehmen und zu überprüfen, inwieweit eine kohärente Synthese der amerikanischen Geschichte um sie herum aufgebaut und geschrieben werden kann.
(2) Der Bereich Sozialgeschichte konzentriert sich auf die vergleichende Geschichte unterschiedlicher europäischer Gesellschaften vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, die Geschichte sozialer Klassen, Schichten und Gruppen, die Entwicklung sozialer Mechanismen und Karrieren wie auch auf die Geschichte sozialer Vorstellungen, Normen und Utopien.
(a) Im Berichtszeitraum hat der Leiter des Arbeitsbereichs (H.-G. Haupt) eine Geschichte des europäischen Kleinbürgertums im langen 19. Jahrhundert verfaßt, an einem internationalen Projektzusammenhang über das Verhältnis regionaler und nationaler Identitäten im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts teilgenommen und deren Ergebnisse mitpubliziert, an einem europäischen Diskussionszusammenhang über die Zunftordnung im alten Europa teilgenommen und in einer Tagung den Zustand der Zünfte in verschiedenen europäischen Ländern um 1800 analysiert. Die Ergebnisse der Tagung werden in Buchform erscheinen. Außerdem ist der Verantwortliche des Projektbereichs Mitherausgeber einer Europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die im Unterschied zu vorliegenden Gesamtdarstellungen die verändernden Kräfte im Europa der letzten beide Jahrhunderte betont und damit hier auf die Dynamik der Entwicklung abhebt.
(b) Im Arbeitsbereich Sozialgeschichte hat sich aber auch auf die kulturgeschichtliche Wende der Geschichtswissenschaft deutlich niedergeschlagen. Damit haben Projekte an Einfluß gewonnen, die sich stärker auf gesellschaftlich relevante Diskurse und Diskurszusammenhänge konzentrieren. In einem, die italienische, französische und deutsche Entwicklung der 1960er Jahre vergleichenden Projekt wird die Bedeutung des Rechts, der Justiz und der Richter im Prozeß der Justizreformdiskussion untersucht. Damit wird nicht nur ein Beitrag zu einer vergleichenden Geschichte des Rechts- und Justizsystems in den drei Ländern geleistet, sondern auch ein Kapitel der Vorgeschichte der Studenten- und Arbeiterunruhen am Ende der 60er Jahre geschrieben und die Bedingungen ermittelt, unter denen die Richter in drei europäischen Ländern handelten. In einem Projekt zu den Reform- und Modernisierungsdiskursen in der CSSR und der DDR vor dem Prager Frühling soll ein Beitrag zur Geschichte der Öffentlichkeit unter didaktischen Bedingungen geleistet werden. Das Projekt steht unter der Frage, in welchem Ausmaß es den reformerischen Kräften und den Modernisierern in den beiden Staaten gelingt in einer hierarchischen autoritären und diktatorischen politischen Ordnung eine Teilöffentlichkeit zu etablieren, in der der freie Austausch von Meinungen und Positionen möglich ist.
(c) VW-Projekt Justiz in den 60er Jahren (E. Bokelmann: Diskurs und Handeln. Untersuchung der Justizreform in der gesellschaftlichen Umbruchsphase der 60er Jahre in Frankreich; J. Requate: Habilitationsvorhaben: Justiz im Demokratisierungsprozeß der Bundesrepublik der 60er Jahre; H. Reiter: Justizreformdiskurs im Italien der 1960er Jahre).
(d) VW-Projekt Die Mitglieder von NSDAP und SED im Kreis Bernburg (1928-1958): Staatsparteien im Vergleich (T. Kupfer; U. Breymeier): Ziel des Projekts ist die vergleichende Analyse der Mitgliederstrukturen von NSDAP und SED im anhaltischen Kreis Bernburg. Die Kenntnis der inneren Zusammensetzung der jeweiligen Staatspartei ist unerläßlich für das Verständnis der Funktionsweise autoritärer Diktaturen. Es soll untersucht werden, ob strukturelle Ähnlichkeiten im Gesellschaftsaufbau von Drittem Reich und SBZ/DDR trotz eines Ausgangspunktes in gegensätzlichen politischen Lagern auch sozialstrukturell ähnliche Staatsparteien hervorgebracht haben.
(e) VW-Projekt Reform- und Modernisierungsdiskurse in der CSSR und der DDR vor dem Prager Frühling, 1962/3-1967 (R. Kessler).
(f) DFG-Projekt Die Selbstthematisierung des Nationalen in autobiographischen Zeugnissen des deutschen Bildungsbürgertums, 1870-1914 (D. Günther, Habilitationsvorhaben: Der Ort des Nationalen in den Selbstthematisierungen deutscher Bildungsbürger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Ein Beitrag zur kulturellen Wirkungsgeschichte nationaler Vorstellungen): Das Projekt, das im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit - Ansätze zu einer neuen 'Geistesgeschichte' seit dem 1.4.1997 gefördert wird, folgt einer vielfach geforderten wirkanalytischen Fundierung der historischen Nationalismusforschung: obgleich bzw. weil gerade "Wirkung" im schlichten Sinne von "Einfluß" und "Erfolg" die nicht hinterfragte Grundannahme der historischen Nationalismusforschung darstellt.
(f) Habilitationsvorhaben Chr. Benninghaus Die Kultivierung der Differenz. Badereisen im 19. Jahrhundert: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte die Reise ins Bad zu den typischen Gewohnheiten der bürgerlichen und adeligen Oberschicht. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes wird zum einen untersucht, ab wann und inwieweit sich die Reise ins Bad im späten 18. und im 19. Jahrhundert in Adel und Bürgertum als kulturelle Praxis durchsetzte. Zum anderen wird gefragt, wie innerhalb der sich stetig neugruppierenden, internationalen Badegesellschaft soziale Unterschiede in den Praktiken und Interaktionsprozessen des Badealltags ausgedrückt und damit gleichzeitig reproduziert, zum Teil aber auch infrage gestellt oder vorübergehend außer Kraft gesetzt wurden. Die Habilitation versucht damit eine Kombination aus sozial- und kulturgeschichtlichen Herangehensweisen.
(g) "Zivilisatorischer Fortschritt" und Massenkultur. Ihre Verbreitung und Rezeption bei Arbeiterschaft und Bürgertum um die Jahrhundertwende. Ein deutsch-englischer Städtevergleich (K. Ditt): Die Sozialgeschichte hat in den 1970/80er Jahren das Handeln und Bewußtsein der sozialen Großgruppen vielfach auf ihre wirtschaftliche und soziale Situation zurückgeführt und daraus die Unterschiedlichkeit ihrer Ideologien und Politik erklärt. In diesem Projekt wird danach gefragt, ob die Verbreitung bzw. Rezeption von Modernitätsphänomenen nivellierend oder differenzierend auf Lage und Bewußtsein von Arbeitern und Bürgern eingewirkt hat. Aus dem breiten Komplex der Modernitätsphänomene wird dazu zum einen die Durchsetzung von technologischen Errungenschaften (Gas, Elektrizität, Haushaltsgeräte und Telefon), zum anderen von Formen der Massenkultur (Film, Rundfunk und Sport) in der Frühphase der Zweiten Industriellen Revolution und den Anfängen der Moderne (ca. 1880-1930) verfolgt. Darüber hinaus wird nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Verbreitung bzw. Rezeption dieser Phänomene der Moderne in Deutschland und England am Beispiel unterschiedlicher Stadttypen (Industrie-/Verwaltungsstädten) gefragt, um durch den internationalen Vergleich ihren nivellierenden oder differenzierenden Einfluß gegenüber den nationalen Traditionen zu beurteilen.
(3) Im Zentrum der Forschungen auf dem Gebiet der Zeitgeschichte (I. Gilcher-H.) stand im Berichtszeitraum die Vergleichende Analyse der 68er Bewegungen in Europa und den USA. Orientiert an Fragestellungen, Begriffen, Hypothesen und Modellen der Sozialen Bewegungs-Forschung wurden die Entstehungsbedingungen, Formierungsprozesse, Mobilisierungsdynamiken und der Zerfall der Protestbewegungen untersucht, die einen bedeutsamen Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte markieren. Erste Forschungsergebnisse wurden auf einem von Frau I. Gilcher-Holtey organisierten internationalen Kongreß im Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld (November 1997), auf der internationalen Tagung 68-Trente ans après der Universität Nanterre (Mai 1988), auf dem Kongreß Les années 68: événement, cultures, politiques et modes de vie des Institut d'histoire du temps présent (Paris, November 1998) sowie auf einer deutsch-französischen Doktorandenkonferenz unter Leitung von Michelle Zancarini-Fornel (IHTP) und I. Gilcher-Holtey an der Université Paris VIII (November 1998) präsentiert. Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung lag auf der vergleichenden Analyse der Intellektuellen in Franbkreich und Deutschland (1945-1989).
(4) Forschungsschwerpunkte im Bereich der Wirtschaftsgeschichte sind im Berichtszeitraum: (a) Allgemeine Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik, (b) Unternehmensgeschichte, (c) Wirtschaftsgeschichte der Region Ostwestfalen und (d) Neue Institutionenökonomie.
(a) Allgemeine Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik [Rüstungswirtschaft und internationale Beziehungen (Abelshauser), Autarkiepolitik (Petri), Außenwirtschaft (Delhaes), Soziale Marktwirtschaft (Breker)]: Im Berichtszeitraum ist ein längeres Forschungsprojekt zur Geschichte der westdeutschen Aufrüstung fertiggestellt und veröffentlicht worden. Die Zusammenarbeit mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Potsdam, aus der diese Arbeit hervorgegangen ist, wurde mit einer Untersuchung über die internationalen Finanz- und Wirtschaftbeziehungen der NATO-Staaten in den 50er Jahren fortgesetzt. Entstanden sind bisher zwei auf internationalen Konferenzen zur Diskussion gestellte, aber noch nicht veröffentlichte Studien über das Verhältnis der NATO-Wirtschaftsorganisation und der OEEC am Beispiel des internationalen Rohstoffkartells und über militärische Aspekte der internationalen Finanzbeziehungen. Das Projekt wird fortgesetzt.
Ebenfalls abgeschlossen und 1997 publiziert wurde das von der VW-Stiftung geförderte Projekt zur wirtschaftlichen Mobilisierung für den Zweiten Weltkrieg (The Economics of World War II), das als joint venture zwischen Bielefeld und Warwick organisiert wurde und an dem sich Wirtschaftswissenschaftler und -historiker aus fünf Ländern beteiligten. Ein Folgeprojekt zur italienischen Autarkiepolitik, das zusammen mit Vera Zamagni (Bologna) geleitet wurde, konnte 1997 ebenfalls abgeschlossen werden und diente dem Bearbeiter an der Universität Halle an der Saale als Grundlage seiner Habilitation.
Die Wirtschaftsgeschichte der frühen Bundesrepublik steht im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprojektes mit dem Arbeitstitel Erfolgsfaktoren des deutschen Exportes in den 1950er und 1960er Jahren. Hier wird angestrebt, einen neuen Erklärungsansatz für die nach dem 2. Weltkrieg herausragenden deutschen Exporterfolge zu liefern. Der Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt auf einer Analyse des institutionellen Rahmens, der ebenso wie die langfristig gewachsene binnenwirtschaftlichen Verflechtung ("Clustersystem") der deutschen Wirtschaft auf seine Rückwirkungen auf das deutsche "Exportwunder" der 50er Jahre überprüft werden soll.
Währungsgeschichte (Dickhaus): Der bisherige Schwerpunkt Analyse der internationalen bzw. europäischen Währungspolitik in der Nachkriegszeit wurde bis 1973 vorangetrieben. Dabei wurden v.a. die in währungspolitischer Hinsicht turbulenten 1960er Jahre untersucht. Ferner die Haltung der deutschen Zentralbank zur Gloablisierung in den 1950er Jahren; Währungsreform 1948, zum einen in regionaler Hinsicht, zum zweiten die Auseinandersetzungen um die Festlegung eines geldpoltischen Paradigmas Ende der 1940er Jahre. Dabei zeigte sich, daß entgegen der allgemein üblichen Einschätzung im direkten Anschluß an die Währungsreform das geldpolitische Paradigma nur nach einer kontroversen Auseinandersetzung festgelegt wurde. Das Ziel Stabilität und die Mittel Diskontpolitik waren auch in der jungen Bundesrepublilk keineswegs unumstritten.
Ferner wurde eine Analyse der internationalen Währungspolitik der deutschen Zentralbank für den Zeitraum 1948 bis 1958 abgeschlossen und veröffentlicht. Gleichwohl wurde die Arbeit an dieser Thematik weitergeführt. Im Mittelpunkt standen dabei die Internationalisierung der Kapitalmärkte seit 1945 und die Haltung der Zentralbank zur Europäischen Integration und zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft - zwei Themen, denen angesichts der bevorstehenden Europäischen Währungsunion und der Diskussionen zur Globalisierung eine besondere Aktualität zukommt. Auch in Zukunft ist geplant, diesen thematischen Schwerpunkt weiterzuverfolgen. Dabei werden eine Analyse der währungspolitisch turbulenten 1960er Jahre und die Entwicklung der Zentralbankunabhängigkeit im Mittelpunkt stehen.
(b) Unternehmensgeschichte [Vereinigte Stahlwerke (Reckendrees), Krupp (Abelshauser), Netzwerkanalyse (Fiedler), "Arisierung" (Köhler), KMU (Dickhaus)]: Die Unternehmensgeschichte (einschließlich Bankengeschichte) stellt einen weiteren Schwerpunkt der Forschungstätigkeit am Lehrstuhl dar. Abgeschlossen wurde eine umfangreiche Monographie über den größten deutschen Montankonzern, die Vereinigten Stahlwerke AG, von der Gründung im Jahr 1926 bis zur Reorganisation im Jahr 1933. Die Arbeit eröffnet am Beispiel des deutschen Stahltrusts bisher unbekannte Einblicke in die Zwangslagen und Handlungsspielräume der deutschen Industrie in der Weimarer Republik. Vor dem Abschluß steht das von der Krupp-Stiftung geförderte Projekt zur Unternehmensgeschichte der Firma Krupp zwischen Aufrüstung und Demontage (1933-1953). Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der mikroökonomischen Analyse der deutschen Rüstungswirtschaft. Ebenfalls vor dem Abschluß steht die im Berichtszeitraum fortgesetzte Forschungsarbeit über Netzwerke personeller Verflechtungen deutscher Großunternehmen in der Zwischenkriegszeit. Diese Arbeit benutzt das soziometrische Verfahren der Netzerkanalyse zu einer repräsentativen Studie über die Wirtschaftselite der 1920er und 1930er Jahre, die Industrie-Bank-Beziehungen und die Kapitalverflechtungen der 350 größten Aktiengesellschaften. Neu begonnen wurde eine Untersuchung über die "Arisierung" deutscher Privatbankhäuser im Dritten Reich, deren Ziel es ist, den Prozeß der Verdrängung jüdischer Privatbanken aus dem Wirtschaftssystem zu analysieren und die Folgen des personellen und finanziellen Aderlasses für den Bankensektor abzuschätzen. Die Studie kann sich dabei auf bisher unbearbeitete Quellen und Fallbeispiele stützen. Begonnen wurde auch ein Forschungsprojekt über klein- und mittelständische Unternehmen (KMUs) im Kaiserreich, deren Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung bislang weitgehend vernachlässigt worden ist. Prospektiv ist eine Zunahme von Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen zur Unternehmensgeschichte zu erwarten. Bewilligt hat die Thyssen-Stiftung ein Forschungsprojekt über die Rolle von Fusionen und Übernahmen in der deutschen Industrie (1898-1938). Ferner koordiniert der Lehrstuhlinhaber ein mehrjähriges Forschungsprojekt zur Geschichte der BASF und wird selbst die Zeit nach der Wiedergründung (1953) untersuchen. Auf Initiative von Mitarbeitern des Lehrstuhls ist 1997 im Rahmen des SFB "Bürgertum" eine Tagung über Die wirtschaftsbürgerliche Elite in Deutschland im 20. Jahrhundert durchgeführt worden, deren Beiträge demnächst in einem Sammelband veröffentlicht werden. Andere Forschungen und Forschungsvorhaben zu Unternehmen und Unternehmern fallen unter die Forschungsschwerpunkte Wirtschaftsgeschichte der Region (c) sowie Neue Institutionenökonomie (d).
(c) Regionale Wirtschaftsgeschichte [Wixforth (IHK, EMR), Abelshauser u.a. (Minden-Lübbecke), Fiedler (Bünde)]: Zu einem Feld wachsender Forschungsaktivität ist die Wirtschaftsgeschichte Ostwestfalens geworden, einer Region, die aufgrund ihrer Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zu einer ausgeprochen erfolgreichen und diversifizierten Wirtschaftsstruktur mit einem eigenständigen Charakter gefunden hat. Vor dem Abschluß steht eine am Lehrstuhl erarbeitete Bibliographie zur Wirtschaftsgeschichte der Region, die zur Zeit 1000 Titel, einschließlich der oft schwer zugänglichen "grauen Literatur" mit Fundstellen umfaßt und den Stand (und die weißen Flecken) der Forschung dokumentieren soll. Abgeschlossen wurden zwei Arbeiten zur 150jährigen Geschichte der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld und zur Geschichte der Elektrizitätsversorgung in Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe. Ein weiteres Projekt vor dem Abschluß ist ein im Jahr 1999 erscheinender Sammelband zur Wirtschaftsgeschichte des Kreises Minden-Lübbecke. Es handelt sich dabei um eine erste forschungsorientierte Analyse der Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung der Region im 19. und 20. Jahrhundert. In Arbeit ist die Erstellung eines industriearchäologischen Stadtführers, der die Geschichte der Tabakindustrie in Bünde (Kreis Herford) zum Jahr der Industriekultur (2000) zum Thema hat.
(d) Neue Institutionenökonomie [Abelshauser (Mitbestimmung, Historische Schule, institutioneller Wandel)]: Einen vierten Forschungsschwerpunkt, zu dem die Arbeit im Berichtszeitraum begonnen hat, stellt die Herausforderung der Neuen Institutionenökonomie an eine andere Sichtweise der Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts dar. Die Orientierungsprobleme der gegenwärtigen Wirtschaftsentwicklung ("Globalisierung", "Wissensgesellschaft") lenken den Blick zurück auf den Wandel der institutionellen Rahmenbedingungen und auf die Notwendigkeit empirischer und theoretischer Forschungen zu der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entfalteten "Zweiten Wirtschaftlichen Revolution". Erste Vorstudien liegen inzwischen zur Geschichte der Mitbestimmung, der Historischen Schule als dogmenhistorischer Vorläufer der Institutionenökonomie und zur Geschichte der Wirtschaftspolitik im langen 20, Jahrhundert vor, die im Rahmen einer Publikation des Vereins für Socialpolitik veröffentlicht werden soll. Projektanträge zu den geplanten Sonderforschungsbereiche der Fakultäten Soziologie und Geschichtswissenschaft betreffen die vergleichenden Untersuchung deutscher und amerikanischer Unternehmen der "neuen", wissenschaftsgestützten Industrie unter globalen Wettbewerbsbedingungen und die "Große Depression" als Treibhaus des institutionellen Wandels.
(5) Im Bereich Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte wurden Forschungen zu den zwei schon im vergangenen Berichtszeitraum genannten Schwerpunkten fortgeführt: Bildungs- und Beschäftigungssystem (historische Berufssoziologie, Professionalisierungsprozesse); organisierte wissenschaftliche Expertise und der administrative Umgang mit Risiken (Umweltgeschichte, Grenzwertemodell).
(6) Ein weiterer Schwerpunkt der Forschungen an der Fakultät liegt im Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte, insbesondere von der Frühen Neuzeit bis zum 20. Jahrhundert und in bezug auf Europa, Lateinamerika und Nordamerika. Methodisch gesehen handelt es sich dabei im wesentlichen um sozial-, kultur- und politikgeschichtliche Forschungen, und es wird Wert auf trans- und internationale Bezüge bzw. Vergleiche gelegt, insbesondere auch auf die Dimension einer spezifisch europäischen Frauen- und Geschlechtergeschichte. Allerdings war die Professur für Geschlechtergeschichte vom Sommersemester 1997 bis zum Wintersemester 1998/99 vakant und ist in wechselnder Besetzung vertreten worden. In diesem Zeitraum wurden u.a. Projekte zu den Themen Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder 1870-1914 und Wie aus Müttern Eltern wurden. Konstruktionen von Mutter-, Vater- und Elternschaft in der wohlfahrtstaatlichen Politik Schwedens und der Bundesrepublik Deutschland 1945-1995 abgeschlossen.
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