Selbstbeschreibung der Projektgruppe
 
 
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In welchem Verhältnis stehen die Gender Studies zu anderen Forschungsbereichen?

Da die Gender Studies aus der Frauenbewegung hervorgegangen sind und eine ihrer wesentlichen Aufgaben darin besteht, die Analysekategorie „Geschlecht“ und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen wissenschaftlich aufzuarbeiten, kann schnell der Eindruck entstehen, dass sie „nur“ dazu dienen, Benachteiligungen entgegenzuarbeiten. Obwohl diese eher politische Komponente durchaus häufig in starker Verbindung zu den Gender Studies steht, wird darüber leicht deren wissenschaftliche Bedeutung unterschätzt. Dabei ist diese durchaus von großem Ausmaß und wirkt sich auch auf Disziplinen aus, die auf den ersten Blick scheinbar gar nichts mit Geschlecht zu tun haben.

Londa Schiebinger und Evelyn Fox Keller haben ein Konzept vorgeschlagen, dass sich sehr gut eignet, den wissenschaftlichen Einfluss der Gender Studies nachzuvollziehen. Es gliedert sich in drei Teile auf: women in science (Frauen in der Wissenschaft), science of gender (Wissenschaft des Geschlechtes) und gender in science (Geschlecht in der Wissenschaft). 

In dem Bereich women in science wird das Geschlechterverhältnis in den (Natur)wissenschaften untersucht und dessen Entwicklung historisch nachgezeichnet. So wird einerseits deutlich, dass viele wissenschaftliche Felder von weißen, heterosexuellen Männern dominiert waren und noch sind; andererseits wird aber auch die Rolle von Frauen in der Wissenschaft sichtbar gemacht, die bislang kaum wahrgenommen wurden. Beispielsweise in der deutschen Astronomie, die vormals in Gilden und Familien organisiert war und in der so auch Frauen (zum Beispiel die Ehefrauen von Astronomen) Anteil an den Forschungsarbeiten hatten.

Unter dem Titel science of gender werden (natur)wissenschaftliche Aussagen über Geschlecht und Sexualität untersucht. Obwohl diese eigentlich objektiv sein sollten und sich auch so verstehen, wandeln sie sich aber in verschiedenen Zeiten und Kulturräumen – ein Hinweis darauf, dass diese Aussagen von Weltanschauungen geprägt sind, welche die wissenschaftliche Arbeit beeinflussen. Besonders problematisch daran ist, dass auf diese Weise kulturell dominante Bilder über Geschlecht und Sexualität wissenschaftlich legitimiert und verfestigt werden.

Zwei Beispiele: Die Biology and Gender Study Group hat dargelegt, wie stark die wissenschaftliche Sichtweise auf das Verhältnis von Spermien- und Eizelle metaphorisch aufgeladen ist und zeitgenössische Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis transportiert (z.B. das „heldenhafte, kämpferische Spermium“ und die „passive, wehrlose Eizelle“) und teilweise sogar von den romantischen Beziehungen der Forschenden beeinflusst zu sein scheint.

Am Beispiel der Primatenforschung betont auch Donna Haraway, wie stark Biologie und Politik zusammenhängen können. Die Erforschung von Menschenaffen wurde und wird häufig als erkenntnisbringend für den „Naturzustand des Menschen“ und somit auch das Geschlechterverhältnis gesehen. Seitdem mehr Frauen sich in diesem Forschungsfeld betätigen, haben sich auch die Ergebnisse und Interpretationen geändert: androzentrische ( „der Mann als Norm“) Modelle über die Affengruppen wurden häufig von gynozentrischen („die Frau als Norm“) oder egalitären Vorstellungen abgelöst.

So zeigt sich, dass auch in scheinbar „harten“ Disziplinen wie Physik, Medizin oder Chemie der Forschungsvorgang auf allen Ebenen (Gegenstandswahl, Datenerhebung, Argumentationsweisen, Filterprozesse von wichtigem und unwichtigem, Hypothesenbildung usw.) von Kultur und Denkweisen der Forschenden beeinflusst wird. Wenn die Forschenden nun eine homogene Gruppe sind – beispielsweise weiße Männer aus angelsächsischen Industriestaaten – dann ist davon auszugehen (und wurde bereits in zahlreichen Studien nachgewiesen), dass sich dies auf die hervorgebrachten Forschungsergebnisse auswirkt.

Diese Überlegung führt bereits zu dem dritten Schwerpunktbereich: gender at science. Dieser kann als eine Art Meta-Ebene science of gender gesehen werden und geht der Frage nach, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, dass ideologische Vorstellungen (damit kann auch das „Alltagswissen“ gemeint sein) Einfluss auf die wissenschaftliche Arbeit haben.

Eine wesentliche Bedeutung der Gender Studies und kritischer, feministischer Ansätze liegt also darin, aufzuzeigen und nachzuweisen, dass wissenschaftliche Forschung stets durch den jeweiligen kulturellen und geschlechtlichen Hintergrund der Forschenden bestimmt ist und wie dies geschieht. Dies zeigt, dass es sowohl sozial gerecht als auch inhaltlich wichtig ist, dass Forschung nicht nur von Menschen einer bestimmten Gruppe betrieben wird, sondern möglichst viele Personen aus möglichst vielen gesellschaftlichen Feldern daran teilhaben; und andererseits die Notwendigkeit, die eigenen Hintergründe und vielleicht unbewusst transportierten Einstellungen immer wieder kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen.

 

Weiterführende Literatur:

The Biology and Gender Study Group: The Importance of Feminist Critique for Contemporary Cell Biology. In: Tuana, Nancy (Hg.): Feminism & Science. Indiana University Press: 1989. 

Ebeling, Smilla; Kirsten; Schmitz, Sigrid (Hg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Einführung in ein komplexes Wechselspiel. 1. Aufl. Wisebaden VS: 2006 (online).

Palm, Kerstin: Was bringt die Genderforschung eigentlich den Naturwissenschaften? In: Schmitz, Siegried/Schnitzel, Britta (Hg.): Genzgänge. Genderforschung in Inormatik und Naturwissenschaften. Ulrike Helmer Verlag, Königsstein/Taunus, S.50-64 

Schiebinger, Londa (Hg.): Gendered Innovations in Science and Engineering. Stanford University Press: 2008.

WikipediaStandpunkttheorienhttp://de.wikipedia.org/wiki/Standpunkttheorie