Selbstbeschreibung der Projektgruppe
 
 
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Kommentierte Literaturauswahl

EINFÜHRUNGEN UND HANDBÜCHER

+ Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS Verlag 2010.

Das fast 1000 Seiten umfassende Handbuch bietet einen sehr umfangreichen Überblick hinsichtlich der thematischen Verortung der Frauen- und Geschlechterforschung sowie des aktuellen Forschungsstandes. In die Bereiche "Zentrale Fragestellungen und theoretische Konzepte", "Methoden und Methodologie" sowie "Arbeitsfelder und Forschungsergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung in unterschiedlichen Disziplinen" unterteilt, sind 113 Beiträge namhafter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entstanden. Vom französischen Feminismus über Männlichkeitsforschung, weibliche Mittäterschaft und Biographieforschung bis hin zu Gender und Ökonomie, Altern und Migrationsforschung lassen sich sowohl verschiedene Einblicke in die Gender-Forschung gewinnen als auch weitere Ausblicke denken.

+ Degele, Nina: Gender/Queer Studies. Eine Einführung. Stuttgart: UTB 2008.

Dieses Buch widmet sich aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive den Gender und Queer Studies respektive den Gender/Queer Studies. Den Fokus richtet Degele auf die enge Verbindung von Gender Studies und Queer Studies und deren Gemeinsamkeiten mit einer Soziologie, die sie als Verunsicherungswissenschaft rahmt: In allen drei wissenschaftlichen Richtungen verortet Degele den Ansatz, der Entnaturalisierung und der Entselbstverständlichung und damit den Anspruch, die Kontingenz der Gesellschaft sichtbar zu machen. Das Buch ist gegliedert in Theorie, Methodologie und Anwendung. Es wird zunächst die historische Entwicklung der drei Wissenschaften nachgezeichnet sowie die enge Beziehung der drei untereinander analysiert. Im Anwendungsteil finden sich schließlich sieben Beiträge verschiedener Autor_innen, die sich unter anderem mit Gender Mainstreaming, Pornographie oder Hartz-IV und Queer auseinandersetzen. Insgesamt bietet das Lehrbuch einen guten, jedoch knappen Einblick in das Thema. Zum Einstieg ist es gut geeignet.

+ Hark, Sabine: Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie. Wiesbaden: VS Verlag, 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2007.

Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie“ ist der dritte Teil der Lehrbuchreihe zur sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung (in Deutschland). Die Reihe richtet sich insbesondere an Studierende. Sie versteht sich als Einführung in wichtige Arbeitsfelder und zentrale Fragen der Frauen- und Geschlechterforschung. Der dritte Band beschäftigt sich mit komplexen theoretischen Fragen der feministischen Theorie. Das Lehrbuch ist in Form eines Readers gestaltet, das heißt es enthält (leicht gekürzte) Originaltexte. Anhand von vier Themenkomplexen (I. Konstruktion von Geschlecht, II. soziale Ungleichheiten, III. symbolisch-diskursive Ordnungen, IV. Verhältnis Feminismus und Wissenschaft) werden zentrale Fragen feministischer Theorie diskutiert. Zu jedem Themenkomplex gibt es als Einstieg einen kurzen Kommentar und jeweils vier Texte von (überwiegend deutschsprachigen) feministischen Wissenschaftler/inne/n. Der jüngste Text (A. Engel zu queerer Identitätskritik und VerUneindeutigung) ist von 2005, der älteste (K. Hausen zur „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“) von 1976. Die ausgewählten Texte und ihre Verfasser/innen haben zu ihrer Zeit und darüber hinaus zu Diskussionen über feministische Theorie angeregt und/oder hegemoniale Wissensbestände hinterfragt. Sie vertreten unterschiedliche und zum Teil kontroverse Positionen, die einen Einblick in die Heterogenität feministischer Theorie ermöglichen.
Band 1: Bührmann, Andrea; Diezinger, Angelika; Metz-Göckel, Sigrid: Arbeit – Sozialisation – Sexualität. Zentrale Felder der Frauen- und Geschlechterforschung. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS 2007.
Band 2 Althoff, Martina; Bereswill, Mechthild; Riegraf, Birgit: Feministische Methodologien und Methoden: Traditionen, Konzepte, Erörterungen. Opladen: Leske + Budrich 2001.

+ Löw, Martina / Mathes, Bettina (Hg.): Schlüsselwerke der Geschlechterforschung. Wiesbaden: VS Verlag, 1. Aufl. 2005.

Mit den Schlüsselwerken der Geschlechterforschung präsentieren die AutorInnen einen, wie sie selbst kritisch anmerken, „heimlichen“ Kanon der Geschlechterstudien. Dem Kanon an sich wird aus Sicht der Gender Studies aufgrund seines normierenden und ausgrenzenden Charakters mit Unbehagen begegnet, denn im Kanon der Weltliteratur sind Werke von Frauen unterrepräsentiert. Jedoch kann ein Kanon als Gedächtnis der Gesellschaft auch vorrangig wissenschaftskritisch vorgehen. In diesem Band werden einflussreiche Werke, „die die Frauen- und Geschlechterforschung begründet und vorangetrieben haben“ sowie deren Anbindung an die jeweilige Fachdisziplin kritisch reflektiert, wie z.B. Barbara Dudens „Geschichte unter der Haut“, die hier von Karen Nolte besprochen wird oder Simone de Beauvoir`s Werk „Das andere Geschlecht“, mit dem sich Ursula Konnertz auseinandersetzt.

 

GESCHLECHTERFORSCHUNG, THEORIE, METHODEN / METHODOLOGIE

+ Althoff, Martina; Bereswill, Mechthild; Riegraf, Birgit: Feministische Methodologien und Methoden: Traditionen, Konzepte, Erörterungen. Opladen: Leske + Budrich 2001.

Feministische Methodologien und Methoden“ ist der zweite Teil der dreibändigen Lehrbuchreihe zur sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung. Die Reihe richtet sich insbesondere an Studierende. Sie versteht sich als Einführung in wichtige Arbeitsfelder und zentrale Fragen der Frauen- und Geschlechterforschung. Der zweite Teil zeichnet Entwicklungslinien der Diskussionen um Methodologien und Methoden in der (deutschen, feministischen) Frauen- und Geschlechterforschung nach. Das Lehrbuch ist in Form eines Readers gestaltet, das heißt, es enthält, zum Teil stark gekürzte, Originaltexte, die durch Hinweise auf weiterführende Literatur ergänzt werden. Es ist in drei Teile gegliedert: Der erste Teil beschäftigt sich mit methodologischen Erörterungen im Kontext der Frauenbewegung, wissenschaftskritischen und politischen Ansprüchen zu Beginn der Frauenforschung. Der zweite Teil behandelt methodologische Fragen anhand konkreter empirischer Studien zu den Themen Gewalt, Arbeit und Politik. Der dritte Teil zeichnet (neuere) Debatten um die Kategorie Geschlecht und ihre theoretischen und methodologischen Implikationen nach. Zu jedem Thema gibt es zunächst einen einführenden Kommentar, in dem ein kurzer Überblick über die jeweilige Thematik und Leitfragen formuliert werden. Die ausgewählten Texte spiegeln wichtige Positionen und Perspektiven sowie zentrale Ansätze der Methodendiskussion in der Frauen- und Geschlechterforschung wider.
Band 1: Bührmann, Andrea; Diezinger, Angelika; Metz-Göckel, Sigrid: Arbeit – Sozialisation – Sexualität. Zentrale Felder der Frauen- und Geschlechterforschung. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS 2007.
Band 3: Hark, Sabine (Hrsg.): Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS 2007.

• Aulenbacher, Brigitte / Bereswill, Mechthild / Löw, Martina / Meuser, Michael / Mordt, Gabriele / Schäfer, Reinhild / Scholz, Sylka (Hg.): FrauenMännerGeschlechterforschung. State of the art. Münster: Westfälisches Dampfboot, 1. Aufl. 2006.

• Riegraf, Birgit / Aulenbacher, Brigitte (Hg.): Erkenntnis und Methode. Geschlechterforschung in Zeiten des Umbruchs. Für Ursula Müller. Wiesbaden: VS Verlag, 1. Aufl. 2009.

+ West, Candance / Zimmerman, Don: Doing Gender. In: Gender and Society, Jg. 1, H. 2. 1987, S. 125–151.

Basierend auf den Transsexuellenstudien von Garfinkel (1967) und Kessler/McKenna (1978), sowie den interaktionstheoretischen Studien von Goffmann (1976-1979) stellen Candace West und Don H. Zimmerman Gender als performative Alltagshandlung dar, welche innerhalb von Interaktionen aktiv hergestellt, dargestellt und wahrgenommen wird. Das Konzept des 'Doing Gender' kritisiert das Verständnis von Geschlecht als biologisch gegebener Tatsache, welche in Alltagshandlungen seinen Ausdruck findet. Die Geschlechterzugehörigkeit wird demnach nicht als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen betrachtet, sondern als eine Konstruktion, welche in einem fortlaufenden Herstellungsprozess in allen menschlichen Aktivitäten hervorgebracht und reproduziert wird. http://www.soc.washington.edu/users/brines/doinggender.pdf

• Wetterer, Angelika (Hg.): Geschlechterwissen und soziale Praxis. Theoretische Zugänge - empirische Erträge. Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2008.

 

POLITIK/EN - GENDER MAINSTREAMING, RECHT, GLEICHSTELLUNG UND DIVERSITY

+ Andresen, Sünne / Koreuber, Mechthild / Lüdke, Dorothea (Hg.): Gender und Diversity: Albtraum oder Traumpaar? Interdisziplinärer Dialog zur "Modernisierung" von Geschlechter- und Gleichstellungspolitik. Wiesbaden: VS Verlag, 1. Aufl. 2009.

Das Buch beschreibt das Konzept der Diversität nicht nur, sondern bringt auch selbst die unterschiedlich gewählten Zugänge zum Thema. Die ursprünglich in den USA entwickelte Unternehmensstrategie des Managing Diversity belebt die gleichstellungspolitischen Debatten und liefert neue Impulse. Neben Managing Diversity wird Gender Mainstreaming belichtet. Beide Innovationen gehen mit grundlegenden Infragestellungen der bisherigen Praxis von Gleichstellungspolitiken einher und haben damit einen enormen Bedarf auch an wissenschaftlich begründeter Reflexion und Orientierung ausgelöst. Hierzu leistet dieses Buch einen Beitrag. Dieser Band umfasst Beiträge von Dieter Lenzen, Christine Keitel, Sünne Andresen, Mechthild Koreuber, Tove Soiland, Claudia von Braunmühl, Barbara Riedmüller, Dagmar Vinz, Susanne Schröter, Michael Meuser, Günther Vedder, Gertraude Krell, Beate Rudolf, Sigrid Schmitz, Debra E. Meyerson, Deborah M. Kolb, Susan Meriläinen, Keijo Räsänen, Saija Katila, Andrea Löther . Alle Beiträge gehen auf eine positive Weise mit den Spannungen im Arbeits- und Forschungsfeld der Gleichstellung um.

+ Auth, Diana / Buchholz, Eva / Janczyk, Stefanie (Hg.): Selektive Emanzipation. Analysen zur Gleichstellungs- und Familienpolitik. Opladen: Verlag Barbara Budrich 2010.

Das von drei Politikwissenschaftlerinnen herausgegebene Buch umfasst 12 Aufsätze von Politik- und SozialwissenschaftlerInnen. Im Fokus stehen die Gleichstellungs- und Familienpolitik der Großen Koalition in Deutschland (2005-2009) sowie ausgewählte europäische Vergleichsstudien. Zentrale These ist, dass die Gleichstellungspolitik zu einem „Nebenprodukt“ der Familienpolitik mit selektiver Wirkung geworden sei. In ihrer Einleitung heben die drei Herausgeberinnen positiv hervor, dass Familienpolitik von einem randständigen Bereich zu einem zentralen Politikfeld geworden sei, in dem die Gleichstellungspolitik aber eher „zu einem Beiprodukt verkomme“. An die Stelle einer Gleichstellungspolitik, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst, seien die Ziele der Anhebung der Geburtenrate und der Erhöhung der Frauenerwerbsquote getreten, zu deren Erreichen eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Familie unabdingbar sind. Eine solche politische Zielsetzung führe aber nicht für alle Frauen gleichermaßen zu mehr Chancengleichheit und Wahlfreiheit, sondern zu einer selektiven Emanzipation, die mit mehr Gleichstellung für die ohnehin besser gestellten Frauen einhergehe.

+ Jansen, Mechthild / Röming, Angelika / Rohde, Marianne (Hg.): Gender Mainstreaming: Herausforderung für den Dialog der Geschlechter. München: Olzog 2003.

Der Sammelband ist sowohl als annähernde Lektüre wie auch als Handbuch für die Praxis gedacht. Ausgehend von der These, dass Geschlechtergerechtigkeit ohne die Anwendung der Gender Mainstreaming-Strategie undenkbar ist, setzt sich die bewusst sehr heterogen zusammengestellte AutorInnenschaft in 15 Beiträgen mit verschiedenen auch bundesländerspezifischen Ansätzen auseinander. Durch die unterschiedlichen Arbeits- und Wissenszusammenhänge der ExpertInnen, die aus den Bereichen Politologie, Pädagogik, Geografie, Rechtswissenschaft, Theologie und Gewerkschaften kommen, zeigen sie unter anderem, dass Gender Mainstreaming trotz allgemeiner Richtlinien relativ offen und flexibel gehalten sein muss, um in individuellen und spezifischen Kontexten zu funktionieren.

+ Koreuber, Mechthild / Mager, Ute (Hg.): Recht und Geschlecht: Zwischen Gleichberechtigung, Gleichstellung und Differenz. Baden-Baden: Nomos 2004.

Der 215-seitige Sammelband ist im Zuge einer Ringvorlesung zu dem Thema "Recht und Geschlecht" an der Freien Universität Berlin entstanden. Elf Autorinnen setzen sich in vier Kapiteln ausgehend von der These, dass die Gleichheitsfrage eine Gerechtigkeitsfrage ist, mit dem komplexen reziproken Verhältnis zwischen Recht und Wirklichkeit hinsichtlich der Geschlechter auseinander. Da die Autorinnen nicht ausschließlich im Bereich des Rechts arbeiten, sondern auch als Professorin, Frauenbeauftragte oder Journalistin tätig sind, erhält man sowohl sprachlich als auch thematisch Abwechslung und einen vielseitigen Blick auf das Thema Recht und Geschlecht. Susanne Baer erörtert beispielsweise in ihrem Beitrag „Justitia ohne Augenbinde?“ die Frage, ob das Recht geschlechterneutral oder geschlechtersensibel richten soll. Die Juristin und Rektorin der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Ursula Nelles, präsentiert augenzwinkernd einen Leitfaden zum erfolgreichen Misserfolg am Beispiel der Gesetzesänderung zur Vergewaltigung in der Ehe. Konstanze Plett beschäftigt sich in ihrem Aufsatz „Das unterschätzte Familienrecht - Zur Konstruktion von Geschlecht durch Recht“ unter anderem mit der Frage, was Geschlecht rechtlich eigentlich ist und wo sich im Gesetz die Definition dafür findet, während sich die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach abschließend mit der Frage: „Wie männlich ist die Rechtswissenschaft?“ auseinandersetzt.

+ Meuser, Michael / Neusüß, Claudia (2004): Gender Mainstreaming- Konzepte-Handlungsfelder- Instrumente. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Das Buch bringt einen umfassenden Beitrag zur Aufklärung der politischen Strategie des Gender Mainstreaming und wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben. Neben einer Einführung in die Strategie des Gender Mainstreaming von den beiden VerfasserInnen umfasst es sechs Hauptgliederungspunkte: 1. Gender Mainstreaming- ein Konzept und seine Geschichte, 2. Geschlechterpolitik und Organisation. 3. Implementation von Gender Mainstreaming, 4. Handlungsfelder von Gender Mainstreaming, 5. Instrumente von Gender Mainstreaming und 6. Geschlechterforschung und Geschlechterpolitik. Jeder Bereich ist untergliedert in mehrere Fachaufsätze von bekannten AutorInnen im Bereich Gender Mainstreaming. Aus diesem Grund bietet dieses Buch einen umfassenden Überblick über die Strategie des Gender Mainstreaming und deren vielfältigen Handlungsfelder.

 

SOZIALE UNGLEICHHEIT UND INTERSEKTIONALITÄT

+ Cornelißen, Waltraud (Hg.): Gender Datenreport. Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. München 2005.

Der ca. 800-seitige kommentierte Gender Datenreport liefert nützliche Zahlen und Fakten zum Thema Gleichstellung von Frauen und Männern in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, Einkommen, Lebens- und Familienformen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, politische Partizipation und bürgerschaftliches Engagement, soziale Sicherung, Gesundheitsstatus und Gesundheitsrisiken, Behinderung und abschließend Gewalthandlungen und Gewaltbetroffenheit. Dazu wurde vorhandenes Datenmaterial zur sozialen Lage und Lebensführung von Frauen und Männern in dem kritischen Bewusstsein, dass eine geschlechtsspezifische Datenanalyse die Differenz zwischen den Geschlechtern reproduziert und konstituiert, von namhaften ExpertInnen zusammengetragen, ausgewertet und interpretiert. Der Bericht soll dazu dienen, den Gleichstellungs-Diskurs zu aktualisieren, für neue relevante Themen zu sensibilisieren und diese zu implementieren.

• Gottschall, Karin: Soziale Ungleichheit und Geschlecht. Kontinuitäten und Brüche, Sackgassen und Erkenntnispotentiale im deutschen soziologischen Diskurs. Opladen: Leske + Budrich 2000.

+ Klinger, Cornelia / Knapp, Gudrun-Axeli / Sauer, Birgit (Hg.): Achsen der Ungleichheit: Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität (Politik der Geschlechterverhältnisse). Frankfurt/New York: Campus Verlag 2007.

In diesem Band setzen sich verschiedene AutorInnen u.a. Brigitte Aulenbacher, Markus Schroer und Regina Becker-Schmidt mit sozialer Ungleichheit auseinander und richten dabei einen Fokus auf die Differenzkategorien Klasse, Ethnizität/Rasse und Geschlecht, um soziale Ungleichheit spezifischer bestimmen zu können. In 15 Beiträgen beschäftigen sie sich inhaltlich beispielsweise mit Bevölkerungskontrolle in Indien und China, mit der Konstruktion von Fremdheit oder mit der Analyse eines Diskurses der „Überflüssigen“. Die AutorInnen beschäftigen sich sowohl mit Wandel als auch mit Kontinuität in den Formen sozialer Ungleichheit und richten ihre Aufmerksamkeit auf die Interdependenz der drei Differenzkategorien. Sie plädieren für eine generelle Integration dieser Differenzkategorien in die Ungleichheitsforschung.

• Winker, Gabriele / Degele, Nina: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript 2005.

+ Klinger, Cornelia / Knapp, Gudrun-Axeli / Sauer, Birgit (Hg.): Achsen der Ungleichheit: Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität (Politik der Geschlechterverhältnisse). Frankfurt/New York: Campus Verlag 2007.

Soziale Ungleichheit war und ist das große Thema der Soziologie - ist die Soziologie doch im Zuge der „sozialen Frage“ überhaupt erst entstanden. Dieses Werk will durch eine Mehrebenenanalyse Anstöße geben, die Analyse sozialer Ungleichheiten generell breiter und „que(e)rliegender“ anzulegen, um so die Verwobenheit und Wechselwirkungen unterschiedlicher Unterdrückungsmechanismen offen zu legen und dadurch tendenziell gesellschaftliche Lebensverhältnisse zu verbessern. Die Autor_innen gehen sehr strukturiert ans Werk, indem sie ihre Argumentation und die Entscheidung für die Kategorien Klasse, Geschlecht, Körper und Rasse einer Einleitung folgend im Theorie- und Methodenteil logisch nachvollziehbar darlegen. Sie beziehen dabei sowohl die Strukturebene, als auch die Ebene der Repräsentation sowie die Identitätsebene in ihre Überlegungen ein. Die im Theorie- und Methodenteil entwickelten Werkzeuge und Herangehensweisen finden anschließend im Empirieteil anhand von narrativen Interviews zum Thema Erwerbslosigkeit und der damit zusammenhängenden spezifischen Alltagsbewältigung Anwendung.

 

ARBEIT UND FAMILIE

+ Brückner, Margrit: Liebe und Arbeit – Zur (Neu)Ordnung der Geschlechterverhältnisse in europäischen Wohlfahrtsstaaten. In: Hamburger, Franz / Eggert, Annelinde / Heinen, Angelika / Luckas, Helga / May, Michael / Müller, Heinz (Hg.): Gestaltung des Sozialen – Eine Herausforderung für Europa. Bundeskongress soziale Arbeit 2001. Opladen: Leske + Budrich 2002, S.170-198.

Laut Margrit Brückner gehören sowohl Liebe als auch Arbeit zur Vorstellung eines „guten Lebens“, sind jedoch erstens ungleich auf die Geschlechter verteilt und werden zweitens ungleich bzw. hierarchisch bewertet. Während die Gesellschaft ihren Fokus auf Erwerbstätigkeit richtet, begegnet sie Fürsorgearbeit mit geringerer Wertschätzung. Die stärkere weibliche Beteiligung am Arbeitsmarkt ist Teil von Debatten und wird politisch gefördert, die männliche Beteiligung an Liebe und Fürsorge bleibt jedoch undiskutiert. Für Brückner besteht eine enge Verbindung zwischen Liebe und Fürsorgearbeit, die sie jedoch nicht näher spezifiziert. Diese Verbindung sieht sie jedoch nicht zwischen Liebe und Erwerbsarbeit. Brückner zeichnet die Geschlechterverhältnisse in europäischen Wohlfahrtsstaaten hinsichtlich der Übernahme bzw. den Gestaltungsformen und -möglichkeiten von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit nach und vergleicht die Wirksamkeit unterschiedlicher europäischer sozialpolitischer Maßnahmen und Strukturen. Die Autorin schließt mit ihrem Beitrag an die Care-Debatte an und plädiert unter anderem für eine Demokratisierung der Verhältnisse und für die Entwicklung allgemeiner Kriterien, die einen gleichberechtigten Zugang zur Sorgearbeit ermöglichen.

+ Eckart, Christel / Senghaas-Knobloch, Eva (Hg.): Feministische Studien. Extra-Heft: Fürsorge, Anerkennung, Arbeit. Weinheim: Deutsche Studien Verlag 2000.

Mit diesem Extra-Heft der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift Feministische Studien steigen die Autorinnen in die Care-Debatte ein. Nach einer thematischen Einführung werden in neun Beiträgen verschieden akzentuierte Positionen eingenommen, die sich in vier Themenbereiche einordnen lassen. Im ersten Themenblock „Fürsorge als politisches Korrektiv“ schreibt u.a. Christel Eckart über die Schwierigkeit „Zeit zum Sorgen“ zu finden bzw. zu ermöglichen und Joan Tronto über „Demokratie als fürsorgliche Praxis“. Der zweite Teil handelt von „Anerkennungskämpfen“. Kari Waerness schreibt hier beispielsweise über „Fürsorgerationalität“ und Eva Senghaas-Knobloch über „Fairness und Fürsorglichkeit in Familie und Betrieb“. Im dritten Teil geht es um „Tradition und Lebensentwürfe“ mit Beiträgen von Caroline Bühler und Ursula Apitzsch. Abschließend befasst sich Mechthild Veil im Bereich „Arbeit in der Zukunftskommission“ mit dem Thema „Geschlechterkonflikt in der Arbeit: Auseinandersetzung mit der bayerisch-sächsischen Zukunftskommission“.

+ Kortendiek, Beate: Familie: Mutterschaft und Vaterschaft zwischen Traditionalisierung und Modernisierung. In: Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methode, Empirie. Reihe Geschlecht und Gesellschaft, Band 35. Wiesbaden: VS Verlag 2004, S. 384-394.

Beate Kortendiek setzt sich in diesem Handbuchbeitrag mit dem Wandel der Familie und mit Elternschaft auseinander. Sie bezieht sich dabei auf aktuelle Basisdaten unter anderem der Shell-Studie und auf viele weitere Untersuchungen. LeserInnen erhalten dadurch einen guten Überblick über die aktuelle Forschungslage und viele nützliche Literaturhinweise. Sie reflektiert zunächst kritisch den Diskurs über Familie, Mutterschaft und Vaterschaft und geht auch auf bestehende Paradoxien ein, beispielsweise auf die Auffassung von Familie als Auslaufmodell bei gleichzeitigem Wissen, dass immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Familienhaushalten mit Kindern leben. Zudem geben laut Shell-Studie ca. 2/3 der befragten Jugendlichen an, Familie als Ort von Geborgenheit und zum Glücklichsein zu brauchen und später selber Kinder zu wollen. Des weiteren setzt sie sich mit Elternschaft auseinander bzw. mit Mutterschaft und Vaterschaft. Dabei geht sie auf das sich historisch verändernde Mütterleitbild ein und betont die heutige Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Mütterkonzepte in einer Zuwanderungs-Gesellschaft. Zudem setzt sie sich kritisch mit der Väterforschung auseinander und deren postuliertem Wandel vom „abwesenden Vater“ der Nachkriegszeit zum „neuen Vater“ seit den 70ern. Ihr Credo: Mütter, Väter und Kinder sind selbst die Produzenten neuer Familienformen und -normen.

+ Krebs, Angelika: Arbeit und Liebe. Die philosophischen Grundlagen sozialer Gerechtigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002.

„Wer Schweine erzieht, ist ein produktives Mitglied der Gesellschaft, wer Menschen erzieht, ist ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft.“ Mit diesem 150 Jahre alten, jedoch immer noch aktuellen Zitat von Friedrich List beginnt Angelika Krebs ihre Studie. Es geht um die Debatte bezüglich der Anerkennung von familialer Arbeit, die nicht nur Thema der Gender Studies ist, denn die Philosophie-Professorin macht sie als Thema der Sozialpolitik und der Philosophie sichtbar und verbindet mehrere Bereiche miteinander. Das Buch besteht aus vier umfangreichen Teilen, die mit vielen Zahlen, Daten und Fakten unterlegt sind. Der 1. Teil befasst sich mit dem Korpus Arbeit und diskutiert sowohl verschiedene Theorien und Definitionen bezüglich des Arbeitsbegriffes, als auch das Thema Familienarbeit. Im 2. Teil geht es um Gerechtigkeit und Gleichheit. Dabei werden verschiedene philosophische Ansätze unter anderem von Michael Walzer, Aristoteles und Avishai Margalits herangezogen. Im 3. Teil führt Angelika Krebs Arbeit und Gerechtigkeit zusammen. Sie diskutiert das Recht auf Arbeit oder Grundeinkommen, sowie das Recht auf Anerkennung von Arbeit und übt dabei Kritik an Philippe van Parijs und seiner Forderung "surfers should be fed", in der es darum geht, Arbeitslosen eine Prämie dafür zu geben, dass sie auf einen raren Arbeitsplatz verzichten. Im 4. Teil befasst sie sich mit Liebe und Gerechtigkeit, rekurriert dabei wieder kritisch auf Walzer, diskutiert den „Gift Exchange-Ansatz“ Elisabeth Andersons sowie Hugh LaFollettes Analyse persönlicher Nahbeziehungen. Eine ihrer Grundthesen lautet, dass nicht Gleichheit das Ziel von Gerechtigkeit ist, sondern Würde. Letztere ist in einer Gesellschaft, in der Anerkennung nur über bezahlte Arbeit erworben werden kann und die Identität eng mit dem Beruf verknüpft ist, nur über die Integration aller in dieses System möglich. Ihrer Meinung nach, ist dies eventuell durch ein allgemeines Grundeinkommen für Familienarbeit Leistende denkbar, im Sinne von "mothers should be fed". Bei der Lektüre ist philosophisches Vorwissen von Vorteil.

• Müller, Ursula: Geschlecht, Arbeit und Organisationswandel – Eine Re-Thematisierung. In: Kurz-Scherf, Ingrid / Correll, Lena / Janczyk, Stefanie (Hg.) : Arbeit: Zukunft. Die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsforschung liegt in ihrem Wandel. Münster: Westfälisches Dampfboot 2005, S. 224-240.

 

HOMO-, TRANS-, INTER-, HETEROSEXUALITÄT; QUEER

+ Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991.

In drei Kapiteln entfaltet die feministische Philosophin Judith Butler ihre Theorien rund um das Thema sex, gender und Begehren bzw. Geschlechtskörper, Geschlechtsidentität und Begehren. Sie übt Kritik an einem Diskurs über Geschlecht, der auf einer Trennung von sex und gender basiert und dazu geführt habe, den Körper in den Bereich der Natur und die Geschlechtsidentität in den Bereich der Kultur zu verbannen. Auch wenn sie sich darüber hinaus einer kritischen Relektüre von Subjektbegriffen wie auch dem Strukturalismus widmet, entfachte insbesondere ihre Debatte um den Körper kontroverse Diskussionen. Der Körper wird, nach Butler, durch gesellschaftliche Prozesse der Naturalisierung aus dem Diskurs ausgeklammert und stützt das System der Zweigeschlechtlichkeit, indem es ihm eine quasi-natürliche Basis verleiht. Das so eingesetzte System der Heteronormativität identifiziert sie als ein System der Macht, welches diskursiv die Kohärenz oder Linearität zwischen anatomischem Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren herstellt. D.h., ein als weiblich identifizierter Körper muss eine weibliche Geschlechtsidentität haben und ein dementsprechend heterosexuelles Begehren, das sich auf Männer richtet. Butler bezeichnet dieses Konstrukt als „heterosexuelle Matrix“. Sowohl Sprache als auch Politik bzw. das Gesetz benennt Butler als patriarchal geprägte Strukturen, die dieses System konstruieren, aufrechterhalten und reproduzieren. Sie versucht u.a. mit Rekurs auf Foucault, Derrida und Lacan, dieses System zu dekonstruieren, indem sie es entnaturalisiert, denn für Butler ist das anatomische Geschlecht (sex) bzw. die vermeintlich natürliche Binarität des Geschlechts ebenso kulturell konstruiert wie die Geschlechtsidentität. Das biologische Geschlecht beschreibt sie vielmehr als Effekt einer permanenten Inszenierung von Geschlechtsein. Der Körper wird laut Butler im Diskurs geformt. Durch den Diskurs wird die heterosexuelle Matrix in den Körper eingeschrieben – verortet in diesem Prozess allerdings auch das Potential für Verschiebungen. Geschlecht wird für Butler in Form einer Performanz real. Damit gibt es für sie keine „natürliche“ Grundlage für das heteronormative System der Zweigeschlechtlichkeit. Butlers Buch gilt als einflussreiches Werk für die Gender und die Queer Studies, da es vielerlei Diskussionen, besonders um die Kategorie Frau und den Körper, ausgelöst hat und dem feministischen Diskurs eine neue Richtung gegeben hat.

+ Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit 1. Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 18. Aufl. 1987.

Sexualität und Wahrheit ist 1976 als erster von drei Bänden über die Geschichte der Sexualität erschienen. Der dem Poststrukturalismus zugerechnete Philosoph, Historiker und Soziologe Foucault analysiert hierin die historischen Diskurse über Sex und in diesem Zusammenhang die Wirkungsweise von Machtstrukturen und die Entstehung von Wissen. Sein Hauptaugenmerk liegt hierbei auf dem 18. und 19. Jahrhundert und den Themenbereichen Homosexualität, Masturbation, Hysterisierung der Frau und der Konstruktion der Perversion. Eine seiner Grundthesen lautet, dass nicht Sexualität an sich seit dem viktorianischen Bürgertum unterdrückt wird, sondern die Rede über den Sex zu normativen Vorstellungen und Einschreibungen in die Körper führe. Diesem Wissen schreibt Foucault eine produktive Macht zu. Leitende Fragen sind für ihn, wie das Wissen über Sex entstanden ist und wie es sich als Instrument der Macht, zur Kontrolle, Steuerung und Regulierung der Sexualität etablieren konnte. Dazu führt er aus, wie die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts begonnen hat, eine Maschinerie in Gang zu bringen, um Diskurse über den Sex zu produzieren, welche die demographische Entwicklung der Gesellschaft beeinflussen sollte. Nach Foucault war hieran besonders die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Sex (Scientia sexualis) beteiligt, die den Sex in die heterosexuelle Kleinfamilie zum ausschließlichen Zwecke der Fortpflanzung verbannte. Sexualität und Wahrheit gilt als einflussreiches Werk sowohl für die Gender als auch für die Queer Studies.

+ Hartmann, Jutta / Klesse, Christian / Wagenknecht, Peter / Fritzsche, Bettina / Hackmann, Kristina (Hg.): Heteronormativität: Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Wiesbaden: VS Verlag 2007.

In diesem ca. 300 Seiten starken auch für Einsteiger_innen geeigneten Sammelband werden das in der Gesellschaft vorherrschende duale Geschlechtermodell und die Norm der Heterosexualität als zentrale und institutionalisierte Machtstrukturen unserer Gesellschaft verstanden und kritisch reflektiert. In der Einführung wird der Heteronormativitätsdiskurs in Ansätzen nachgezeichnet, was als Basis für die 19 thematisch vielfältigen Beiträge dient, in denen sich mit Körper, Geschlecht und Sexualität, Biologie, Gesellschaft und Methodologie auseinandergesetzt wird. Unter anderem beschäftigt sich Bettina Bock v. Wülfingen mit dem vermeintlichen Lesbenhormon, Wissenschaftsforscher_in Smilla Ebeling mit Heteronormativität in der Zoologie, die Erziehungswissenschaftler_in Sabine Jösting schreibt über Einarbeitungsprozesse junger Männer in die heterosexuelle Ordnung und Lüder Tietz über Geschlechterinszenierungen von Schwulen auf Pride-Paraden. Die Autor_innen zeigen, wie das Regime der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit definiert, was als natürlich, normal und gesund gilt und dadurch auch, was als scheinbar unnatürlich, unnormal und krank gilt. Die so als Abweichungen konstruierten Homo- und Bisexualitäten, Inter- und Transsexualitäten werden gesellschaftlich ausgegrenzt und rechtlich diskriminiert. Durch die mittlerweile zu verzeichnende Zunahme heteronormativitätskritischer Analysen, in denen Heterosexismen systematisch reflektiert werden, werden die heteronormativen Strukturen und Prozesse sichtbarer, die scheinbare Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit hinterfragbar und potentiell veränderbar. Doch die Autor_innen, hier besonders Jutta Hartmann, betonen, dass auch die Wissenschaften als Ergebnis von Machtverhältnissen einerseits und Produzent_in und Multiplikator_in von vermeintlichen Wahrheiten andererseits heteronormativ geprägt waren und nicht frei sind vom heteronormativen Blick.

+ Kraß, Andreas (Hg.): Queer Denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003.

Dieser von Andreas Kraß herausgegebene Sammelband besteht aus zehn erstmals ins Deutsche übersetzten Basistexten im Bereich Queer Studies und Gender Studies. Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert: Queer Theorie, Queer History und Queer Reading und wird durch eine Einführung vom Herausgeber eingeleitet. Unter den Autor_innen, weitgehend Literaturwissenschaftler_innen und Historiker_innen, befinden sich unter anderem Gayle S. Rubin, die im ersten Teil, aufbauend auf der These, dass sex immer politisch sei, eine „radikale Theorie der sexuellen Politik“ entwirft; Carolyn Dinshaw, die sich im zweiten Teil mit der Geschichte der Homosexualitäten unter Rekurs auf John Boswell beschäftigt und James Creech, der im dritten Teil Benjamin Constants französischen Roman „Adolphe“ queer liest und sich darin mit der Männlichkeitskrise und der homosexuellen Option des Protagonisten eingebettet in die Geschlechterordnung des 19. Jahrhunderts, beschäftigt und in der Geschichte eine Schattengeschichte entdeckt.

+ Schröter, Susanne: FeMale. Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern. Frankfurt: Fischer 2002.

Susanne Schröter geht der Frage nach, wie wir Männer und Frauen definieren und wie Individuen klassifiziert werden, die nicht in das hegemoniale duale Geschlechtermodell passen. Sie widmet sich aus einer ethnologischen und historischen Perspektive dem Phänomen des Gender-Crossing. Zunächst gibt sie einen Einblick in Geschlechterdiskurse, um dann von Grenzüberschreitungen der Geschlechter von der Antike bis zur Neuzeit zu berichten und schließlich aktuelle Gender-Crossing Beispiele unterschiedlicher Kulturen wie den Tobelijas auf dem Balkan, den Hijras in Indien, den Travestis in Brasilien und weiblichen Ehemännern in Ostafrika zu dokumentieren. Dabei zeigt sie unter anderem auf, wie brüchig und gefährdet die Position eines Gender-Crossers sein kann, wenn sie durch keine Institution legitimiert ist, und dass das duale Geschlechtermodell zwar in allen Gesellschaften vorherrscht, jedoch in den meisten Regionen der Erde auch die Option besteht, „die Grenzen der beiden Subkategorien „männlich“ und „weiblich“ zu überschreiten“.

 

GESCHLECHTERGESCHICHTE, FRAUENBEWEGUNG, FEMINISMUS

+ Bock, Gisela: Frauen in der europäischen Geschichte: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München: Beck 2005.

Das Buch ist in der Reihe „Europa bauen“ im Jahre 2000 erstmalig erschienen. Auf fast 400 Seiten in sechs Kapiteln widmet sich die Historikerin Gisela Bock der "Querelle des femmes" bzw. der „Querelle des sexes“: der im 15. Jahrhundert beginnenden langen Debatte der Geschlechter um die Geschlechter und den Kampf der Frauen um Gleichheit, Freiheit, Anerkennung sowie politische und soziale Rechte. Ausgehend von der die Querelle leitenden Frage, ob Frauen Menschen seien, schildert sie die sich wandelnden Lebens-, Arbeits- und Rechtsverhältnisse von Frauen und ihren Kampf in 500 Jahren europäischer Frauengeschichte. Die Geschichte der Frauen erweist sich dabei, wie Bock anhand vieler Zitate und Schriften zeigt, gleichzeitig auch als Geschichte der Diskurse über die Geschlechter bzw. die Frage, was Frauen und Männer und was Menschen überhaupt eigentlich sind. Mit Gisela Bock wird zum ersten Mal eine Autorin in die Reihe „Europa bauen“ aufgenommen und die Geschichte der Frauen, welche die Geschichtswissenschaft lange ignoriert hat, sichtbar.

+ Burmeister, Karl-Heinz: Olympe de Gouges. Die Rechte der Frau 1791. Göttingen: Wallenstein Verlag 2003.

Olympe de Gouges legte 1791 der französischen Nationalversammlung ihre „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ vor, in der sie in 17 Artikeln die volle rechtliche, politische und soziale Gleichstellung der Frauen forderte. Die Schrift war eine Reaktion auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die 1789 im Zuge der Französischen Revolution verkündet worden war. Jedoch galten diese Rechte und Pflichten nur für „mündige Bürger“ – und das waren ausschließlich Männer. In diesem Band ist ihr Manifest komplett abgedruckt, sehr gut übersetzt und interessant kommentiert. Für Menschen, die Interesse an Ideengeschichte im Gender-Zusammenhang haben, sehr gut geeignet.

+ Gerhard, Ute: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789. München: Beck 2009.

Ein kleines Buch, in welchem es der Soziologin Ute Gerhard gelingt, die Geschichte der Frauenbewegung(en) von 1789 bis heute zu erzählen, dabei über den deutschen Tellerrand hinaus zu blicken und viele FrauenrechtlerInnen im europäischen und nordamerikanischen Kontext vorzustellen und zu würdigen. In der Einleitung liefert sie in soziologischer Manier zunächst eine Operationalisierung der beiden Begriffe des Titels. Dabei sei es sinnvoll, von beiden Begriffen in der Mehrzahl zu sprechen, um die Vielgestaltigkeit der Frauenbewegungen, deren immer wieder neuen Anfänge und die unterschiedlichen Richtungen, die eingeschlagen wurden, deutlich zu machen. Angefangen bei Olympe de Gouges und ihrem Kampf während der Französischen Revolution im 18. Jahrhundert geht sie schnellen Schrittes durch die Geschichte. Sie widmet sich sowohl der bürgerlichen als auch der sozialistischen Frauenbewegung, erzählt unter anderem von der Gründerin der französischen Sufragettenbewegung Hubertine Auclert im 19. Jahrhundert, von August Bebel, Hedwig Dohm, Louise Otto und der Gründung der ersten Frauenzeitungen und Frauenvereine in Deutschland. Sie würdigt u.a. die amerikanische Bürgerrechtlerin und Frauenrechtlerin Elisabeth Cady Stanton, sowie Lida Gustava Heymann, Helene Stöcker und Alice Salomon. Zudem setzt sie sich mit der neuen Frauenbewegung der 1960er und 70er Jahre und der Gründung der ersten Frauenhäuser auseinander, wirft anschließend einen kurzen Blick auf die ostdeutsche Frauenbewegung und abschließend auf das oft unterstellte Ende des Feminismus und das Entstehen eines scheinbar neuen Feminismus. Das Buch ist insgesamt knapp gehalten, und oft wird ein gewisses Vorwissen vorausgesetzt. Jedoch erhält man einen guten Überblick über die Geschichte der Frauenbewegungen.

+ Karin Hausen: Die Polarisierung der “Geschlechtercharaktere” - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: W. Conze (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart 1976, S. 363–393.

Karin Hausen gilt als Begründerin der deutschen Geschlechtergeschichte und dieser Aufsatz als das entsprechende Grundlagenwerk. Sie zeichnet darin die Entstehung der “Geschlechtscharaktere”, also der Konstruktion und Bündelung von vermeindlichenspezifischen Eigenschaften von Männern und Frauen und deren Verortung in deren Charakter nach und gibt so Einblick in die Hintergründe der Geschlechterstereotype, die bis heute Bestand haben und verdeutlicht ihre Konstruiertheit. Der Aufsatz besteht aus fünf Teilen. Im ersten Teil gibt die Autorin eine Einleitung in ihr Thema beschreibt dessen Relevanz. Im zweiten Teil zeichnet sie die “Geschlechtseigentümlichkeiten” anhand von Lexikonartikeln aus dem 19. Jahrhundert nach und wendet sich im dritten Teil der Frage nach den Intentionen zu, die hinter diesen Konstrukten stehen. So arbeitet sie heraus, dass die Trennung und Harmonisierung der Sphären männlich/aktiv/Erwerbsarbeit/Öffentlichkeit und weiblich/passiv/Familienarbeit/Privatsphäre dazu beigetragen haben, die Systeme Ehe und Familie unter den damaligen gesellschaftlichen Veränderungen zu stabilisieren. Im vierten Teil geht Hausen der Frage nach dem Realitätsgehalt der Geschlechterideologie nach, betrachtet verschiedene gesellschaftliche Schichten, die Bildungspolitik und Berufsfelder. Im fünften Teil schließlich ergänzt sie ihre vorangegangenen Ausführungen mit tieferen Blick auf das Verhältnis von Familie und Gesellschaft und betrachtet die Bedeutung des Konzeptes Liebe, die paradoxe Position des Mannes in der Familie und das Verhältnis der Eltern zum Kind. Zusammenfassend ist zu sagen, dass Hausen mit der Aufspaltung der Sphären von Passivität, Privatsphäre und Familie versus Aktivität, Öffentlichkeit und Erwerbsarbeit und der internalisierenden Verortung dieser Sphären in den Geschlechtscharakteren eine bedeutenden Beitrag nicht nur zur Geschlechtergeschichte, sondern auch zum Verständnis aktueller Vorstellungen von Geschlecht leistet, der heute durchaus zum Grundlagenwissen in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen im deuschsprachigen Raum zählt. Trotz seiner anspruchsvollen Sprache und durchaus akademischen Dichte ist dieser Aufsatz also als Einstieg in die Thematik auch für Einsteiger_innnen empfehlenswert. Allerdings liegt in der Kürze des Textes auch eine leichte Schwäche. So kann es passieren, dass gerade Lesende mit wenig Vorwissen an vielen Stellen mit ausführlicheren Schilderungen, mehr Beispielen geholfen wäre, die dargelegten Thesen besser nachvollziehen zu können.

+ Kühne, Thomas (Hg.): Männergeschichte - Geschlechtergeschichte: Männlichkeit im Wandel der Moderne. Frankfurt/New York: Campusverlag 1996.

Die männlich geprägte Geschichtswissenschaft galt lange Zeit als neutral und allgemein, was sie tatsächlich jedoch nicht war. Frauen waren in dieser Geschichte unsichtbar. Notwendigerweise entstand zunächst die Frauengeschichte und ebenso notwendig, jedoch etwas später, die Männergeschichte. Der 220-seitige Sammelband u.a. mit Beiträgen von Carol Hagemann-White, Sabina Brändli, Ute Frevert, Nicolaus Sombart und Anne Charlott Trepp setzt sich mit Männlichkeitskonstruktionen in verschiedenen Epochen und verschiedenen Räumen auseinander. Dabei werden sowohl die geschlechtsspezifischen Erfahrungen von Männern sichtbar als auch die jeweils vorherrschenden Männerideale deutlich. Die AutorInnen gehen grundlegend davon aus, dass Männlichkeit und Weiblichkeit gesellschaftliche Konstrukte sind, die dem historischen Wandel unterliegen. Sie zeigen den historischen Wandel der Männlichkeiten in Beiträgen über Vaterschaft im 18. und 19. Jahrhundert sowie über Männermode im 19. Jahrhundert auf. Sie zeichnen die Konstruktion von Männlichkeit nach, indem beispielsweise dem Männlichkeitsideal der deutschen Turnbewegung 1811- 1871 nachgegangen wird. Des weiteren widmen sie sich dem Soldatentum und der Kriegskameradschaft im 20. Jahrhundert, Männerbünden und Studentenverbindungen sowie heroischem Liedgut.

 

MENSCHENRECHTE, TRANSNATIONALISIERUNG, MIGRATION, POSTKOLONIALISMUS

• do Mar Castro Varela, Maria / Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: Transcript 2005.

+ Graduiertenkolleg: Identität und Differenz (Hg.): Ethnizität und Geschlecht: (Post-) Koloniale Verhandlungen in Geschichte, Kunst und Medien. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2005.

Dieses Sammelwerk ist aus den Vorträgen der Tagung „Verhandeln, Verwandeln, Verwirren. Interdependenzen von Ethnizität und Geschlecht“, die im November 2004 an der Universität Trier im Rahmen des Graduiertenkollegs „Identität und Differenz, Geschlechterkonstruktion und Interkulturalität (18. bis 21. Jahrhundert)“ von den Stipendiat/inn/en des Kollegs ausgerichtet wurde, entstanden (vgl. auch Tagungsbericht online: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=759). Die 19 Beiträge des Sammelwerkes haben einen kulturwissenschaftlichen Zugang, die Verfasser/innen kommen u.a. aus der Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Japanologie, Kunstgeschichte, Literatur- und Medienwissenschaft. Das Buch ist in vier Bereiche unterteilt: Der erste, „Kolonialisierungsprozesse und ihre Geschichte(n)“ thematisiert die Zusammenhänge von Geschlechterhierachien und Kolonialhierachien bspw. anhand der katholischen Mission in Deutsch-Ostafrika oder spezifisch gestalteten Postkarten aus koloniesierten Gebieten. Im zweiten Bereich, „Von weißen und anderen Männern“ wird anhand verschiedener Beispiele (z.B. der wilhelminische Männerbund) gezeigt, dass sich der „weiße“ Mann erst vor dem Hintergrund der Konstruktion „anderer“, marginalisierter Männlichkeiten, seine Machtposition sichern kann. Der dritte Bereich, „Kulturelle Identität(en) zwischen Text und Performanz“, beschäftigt sich mit der Performanz und Inszenierung von Identität und Subjektivität in der Literatur (z.B. Prosagedicht „Am nächsten Tag sollten die Deportationen beginnen“ von Paul Celan). Im letzten Bereich, „(Neu-)Verhandlungen von Alterität“, werden Möglichkeiten der Veränderung der Konzeptionen von Geschlecht und Ethnizität und potenziell widerständige Praxen, jedoch auch die Grenzen derselben anhand mehrerer Beispiele beschrieben (z.B. Amazonastieflandindianer im Umgang mit Touristen).

+ Han, Petrus: Frauen und Migration. Stuttgart: Lucius und Lucius UTB 2003.

Dieses empirisch sehr gehaltvolle Buch versteht sich sowohl als Grundlagenbuch für Studierende und Fachkräfte wie auch als eine Art Bestandsaufnahme für die, laut Autor, mittlerweile unübersichtlich gewordene Literatur zu diesem Thema. Migration von Frauen wurde bis in die 1980er Jahre in der Migrationssoziologie nicht beachtet, schreibt Petrus Han, mitunter weil im Dunst der geschlechtlichen Arbeitsteilung nur Männer als aktive Akteure der Migration wahrgenommen wurden und Frauen lediglich als passive „Anhängsel“ im Migrationsprozess betrachtet wurden. Tatsächlich haben jedoch im 19. Jahrhundert Millionen verheirateter und unverheirateter Frauen ihre Heimaten verlassen, um beispielsweise in den USA Arbeit zu finden. Zwischen 1930 und 1979 waren mehr als die Hälfte der ImmigrantInnen in die USA Frauen. Han geht grundlegend von der Annahme aus, dass Geschlecht ein zentrales Strukturprinzip für die Migration ist und dass in fast allen Gesellschaften patriarchale Sozialstrukturen die Migrationsprozesse determinieren. Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, in denen er zunächst die historische Entwicklung der internationalen „Feminisierung der Migration“ und deren Wandel von der abhängigen, permanenten Form der Migration zur temporären, unabhängigen, nachfrageorientierten Migrationsform nachzeichnet. Anschließend widmet er sich der Analyse der Ursachen und hier besonders den makrostrukturellen Bedingungen der Feminisierung der Migration. Zudem setzt er sich mit der sozioökonomischen Marginalisierung von Migrantinnen in den jeweiligen Aufnahmeländern unter dem Aspekt der Geschlechterungleichheit auseinander und analysiert dabei die beteiligten Wirtschaftssektoren und die Arbeitsbedingungen. Abschließend widmet er sich den psychosozialen Folgen der Migration. Er gelangt zu der These, dass in den aufnehmenden Ländern von einer "neuen Art Versklavung" gesprochen werden kann - im informellen Sektor der privaten Haushalte, im Niedriglohnsektor des formellen Arbeitsmarkts und in der Sexarbeit.

• Reuter, Julia / Villa, Paula-Irene (Hg.): Postkoloniale Soziologie. Empirische Befunde, theoretische Anschlüsse, politische Intervention. Bielefeld: Transcript 2009.

+ Ruppert, Uta: FrauenMenschenrechte: Konzepte und Strategien im Kontext transnationaler Frauenbewegungspolitik. In: Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS Verlag, 3. erweiterte und durchgesehene Auflage 2010, S.916-923.

„Menschenrechte haben kein Geschlecht“, erklärte Hedwig Dohm einst. Uta Ruppert kritisiert in diesem Handbuchbeitrag jedoch die Tatsache, dass die Allgemeinen Menschenrechte bis heute für Frauen in vielen Ländern der Welt nicht mehr als ein theoretisches Versprechen darstellen. Nach Ruppert, haben die transnationalen Frauenbewegungen der letzten 200 Jahre gezeigt, wie schwierig die Aneignung der vermeintlich universellen und allgemein geltenden Menschenrechte für Frauen tatsächlich war und immer noch ist. Ruppert skizziert in diesem Aufsatz die Menschenrechtverletzungen von Frauen und verschiedene Erklärungsansätze diesbezüglich. Sie schildert den internationalen Aneignungskampf von Frauen und richtet ihren Fokus dabei auf die transnationale Frauenpolitik der 1990er Jahre und auf die Vereinten Nationen. Im Zuge mehrerer UN-Weltkonferenzen ist es Frauenbewegungen und Frauenorganisationen weltweit gelungen, die Notwendigkeit der Verwirklichung der Menschenrechte von Frauen in den Mittelpunkt der Politik zu rücken. So kam es in den 1990ern u.a. dazu, Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung anzuerkennen. Damit erhielt der Slogan „Das Private ist politisch“, der auf lokaler und nationaler Ebene bereits wirksam war, auch auf internationaler Ebene Gültigkeit, was viele weitere Debatten und Erfolge z.B. hinsichtlich Geburtenplanung, Bildung oder sexueller Selbstbestimmung sowie die Entwicklung der CEDAW („Convention On The Elemination Of All Forms Of Discrimination Against Women“) nach sich zog, auf die Uta Ruppert hier näher eingeht.

 

KÖRPER UND GESUNDHEIT

• Bardehle, Doris / Stiehler, Matthias (Hg.): Erster deutscher Männergesundheitsbericht. Ein Pilotbericht. München: W. Zuckschwerdt Verlag, 1. Aufl. 2010.

+ Duden, Barbara: Der Frauenleib als öffentlicher Ort: Vom Mißbrauch des Begriffs Leben. Frankfurt: Mabuse-Verlag, Neuauflage 2007.

In dem 1991 erstmals erschienenen Werk der Historikerin Barbara Duden wird eine Körpergeschichte als Geschichte des Erlebens oder sinnlichen Wahrnehmens am Beispiel von Frauen und dem Zustand der Schwangerschaft entworfen. In drei Kapiteln über die Frau, den Fötus und das Leben beschreibt sie einen Wandel des Körperempfindens. Es geht ihr unter anderem darum herauszufinden, wie das Sprechen über Etwas zum Erleben desselben führt. Die als Pionierin auf dem Gebiet der Körpergeschichte geltende Duden beschreibt, wie kirchliche/religiöse, medizinische und pädagogische Diskurse sowie die Technik ein „Leben“ bzw. ein Subjekt im Körper schwangerer Frauen erschufen. Der Schwangerschaftsfrühtest macht Etwas sichtbar, das von Manchen bereits als Leben interpretiert und somit als beschützenswert erklärt wird. Die Visualisierung des Fötus mittels Ultraschall hat zudem den "öffentlichen Fötus" geschaffen. Beides hat zu einem Wandel sowohl im allgemeinen als auch im subjektiven Verständnis und Erleben von Schwangerschaft beigetragen. Die Frau wird in diesem Prozess zur biologischen Umwelt des Fötus. Duden spricht hier von einer Entkörperung der Frauen, was sich auch im Zusammenhang mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch widerspiegelt. Der Schwangerschaftsabbruch gilt in der BRD als rechtswidrig aber nicht als strafwürdig, wenn Frauen sich beraten lassen, über ihre Entscheidung nachdenken und sie öffentlich rational begründen. Nach Duden lernen Frauen in diesem Rahmen, sich in ein fremdes ungeborenes „Leben“ einzukörpern und sich dieses „Leben“ vorzustellen. Das Sprechen über die Möglichkeit von etwaigen Schuldgefühlen nach einem Abbruch kann unter dem gesellschaftlichen Druck und der Kriminalisierung der Tat tatsächlich dazu führen, auch Schuld zu empfinden. Es geht ihr dabei also um eine Problematisierung der symbolischen und somatischen Wirkmacht der gesetzlich verordneten Beratung schwangerer Frauen, die die Schwangerschaft beenden wollen.

+ Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt/New York: Campusverlag 1999.

In sechs Kapiteln entwirft der Kultur- und Wissenschaftshistoriker Thomas Laqueur die Geschichte der Geschlechtervorstellungen bzw. die Entstehung des biologischen Geschlechts (sex) unter Bezugnahme visueller und sprachlicher Praxen. Sein Augenmerk liegt dabei auf der historischen Entwicklung der objektiven und optischen Auffassung, Darstellung und Beschreibung des menschlichen Körpers und der Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und der sexuellen Differenz. Er beschreibt anhand vieler Beispiele, Texte und Bilder die heutige Zweigeschlechtlichkeit als historisches Phänomen, indem er von einem Wandel vom Ein-Geschlecht-Modell zum Zwei-Geschlechter-Modell ausgeht. Mit seiner These vom Ein-Geschlechter-Modell, welches von der Antike bis ins 18. Jahrhundert vorherrschend gewesen sein soll, beschreibt er, dass Geschlechterunterschiede hauptsächlich als soziale Unterschiede verstanden wurden, und nicht als biologische. Diesem Modell zufolge gab es nur ein anatomisches Geschlecht in zwei verschiedenen „Versionen“. Frauen und Männer hatten demnach keine unterschiedlichen Körper, sondern es wurde angenommen, dass Frauen die gleichen Geschlechtsorgane haben wie Männer, nur in anderen, weniger perfekten Ausprägungen und innerhalb des Körpers statt außerhalb. Beispielsweise wurde die Vagina als ein nach innen gestülpter Penis verstanden, die Schamlippen als Vorhaut, die Eierstöcke als Hoden und der Uterus als Hodensack. Das Zwei-Geschlechter-Modell hingegen beschreibt Laqueur als eine politische Erfindung, eine Konstruktion diskursiver Praktiken des 18. Jahrhunderts. Eine der Hauptthesen des Buches ist, dass die Wahrnehmung und Darstellung des anatomischen Geschlechts immer schon durch die soziokulturelle Vorstellung von Geschlecht geprägt ist, dass also Natur immer schon durch einen kulturellen Blick betrachtet und erklärt wurde. Der Geschlechterunterschied ist demnach Effekt kultureller Praxen.

+ Pauli, Andrea / Hornberg, Claudia: Gesundheit und Krankheit: Ursachen und Erklärungsansätze aus der Gender-Perspektive. In: Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS Verlag, 3. erweiterte u. durchgesehene Auflage 2010, S. 631-643.

Die an der Universität Bielefeld verorteten Autorinnen Claudia Hornberg und Andrea Pauli analysieren in ihrem Handbuchbeitrag die unterschiedlichen Morbiditäts- und Mortalitätsprofile von Männern und Frauen sowie die verschiedenen Erklärungsansätze bezüglich des unterschiedlichen Gesundheitsverhaltens von Frauen und Männern. Demnach verbringen Frauen im Vergleich zu Männern weniger Lebenszeit bei guter Gesundheit, haben aber gleichzeitig eine ca. sechs bis sieben Jahre höhere Lebenserwartung (80,8 zu 74,8 Jahre) als Männer. Dieses kulturübergreifende „Geschlechterparadox“ beschäftigt die Forschung schon lange und veranlasst die Autorinnen, die aktuelle Forschungslage dahingehend zu untersuchen, inwieweit Unterschiede in Gesundheit und Krankheit in Bezug auf die Geschlechter allein mit biologischen und genetischen oder eher mit verhaltens- oder umweltbezogenen Faktoren zu erklären sind. Sie stellen die Forderung nach einem Ausbau der geschlechtersensiblen Gesundheitsforschung, insbesondere der geschlechtersensiblen Analyse und Aufbereitung des erhobenen Datenmaterials, sowie die Forderung nach einer Verbesserung der geschlechtergerechten Gesundheitsberichterstattung bzw. Öffentlichkeitsarbeit und die bessere Integration des Gender Mainstreaming Ansatzes im gesamten Public Health Bereich.

+ Villa, Paula-Irene: Sexy Bodies: Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Wiesbaden: VS Verlag 2006.

Die Soziologin Paula-Irene Villa geht in sechs Kapiteln auf eine, wie sie es nennt, Reise mit dem Ziel, Antworten auf die Frage „Was ist der Körper?“ zu finden. Das Buch soll als Orientierungshilfe und Einführung im Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung um den Körper verstanden werden. „Es soll eine Reiselektüre sein, die neugierig macht und durchaus auch irritieren will. Gewohntes wird fragwürdig und Einfaches erscheint verwirrend komplex.“ Sie widmet sich aus sozialkonstruktivistischer Perspektive insbesondere drei Fragen, die gleichzeitig die wesentlichen Kapitel ihres Buches darstellen: Was tun wir, um das Geschlecht zu sein? Was sagen wir, um das Geschlecht zu sein? Und was spüren wir, um das Geschlecht zu sein? Sie verweist damit auf drei Themenfelder: Geschlechtskörper und Handeln, Geschlechtskörper und Diskurs sowie Geschlechtskörper und leibliches Empfinden. Villa versteht den Körper als transdisziplinäres Forschungsfeld. Kritisch untersucht sie verschiedene Forschungsansätze und gelangt zu der These, dass der Körper sowohl Natur als auch Kultur zugleich ist bzw. dass der Geschlechtskörper naturhaft und diese Naturhaftigkeit sozial konstruiert ist. Zudem macht es für Villa keinen Sinn, Natur und Kultur als Gegenpole zu verstehen. Des weiteren analysiert sie den Körper als Rohstoff, welcher zunehmend der Selbstoptimierung dient. Denn er wird entsprechend verschiedener Normen modelliert – „er wird vermessen, gewogen, operiert, dünn gehungert, geliftet, trainiert, gefärbt, gereinigt, behandelt.“ Dabei wird von Idealen ausgegangen, die wir meinen, körperlich erreichen zu müssen. Denn nur wer den „richtigen“ schönen, der Norm entsprechenden Körper hat, ist ein richtiges Geschlecht. Die Herstellung des „richtigen“ Körpers ist nicht mehr nur Transsexuellen vorbehalten, sondern jedem möglich und wird vor allem von Frauen genutzt. Villa wirft daher die Frage auf, ob konstruktivistische Theorien bezüglich des Körpers nicht teilverantwortlich dafür sind, dass sich immer mehr Menschen von der „Natur“ des Körpers befreien und die Unzulänglichkeiten des realen Körpers beseitigen lassen.

 

GENDER IN MEDIEN UND KULTUR

+ Eismann, Sonja (Hg.): Hot Topic: Popfeminismus heute. Mainz: Ventil Verlag 2. Aufl. 2008.

Herausgeberin, Sonja Eismann hat für die Anthologie „Hot Topic – Popfeminismus heute“ 47 Frauen gebeten, "Themen, die ihr Leben oder ihr Denken bestimmen, mit einem persönlichen Zugang - das Private ist schließlich nach wie vor politisch - zu einem theoretischeren Diskurs-Level zu führen, um zu demonstrieren, dass Feminismus kein abstraktes Konzept ist, sondern als gelebte Alltagskultur alle Lebensbereiche durchdringt" (12). Entstanden sind 28, zum Teil provokante, zum Teil anekdotische Essays zu ganz unterschiedlichen „brennenden“ Themen im Kontext von Popkultur. Begleitet werden die Texte mit Comics und Bild-Collagen, die einzelne Beiträge illustrieren oder eigene Statements darstellen. Die beteiligten Autorinnen kommen aus verschiedenen feministischen Zusammenhängen, es befinden sich Musikerinnen-Künstlerinnen-Wissenschaftlerinnen-Aktivistinnen-etc. unter ihnen, sie verbindet die gemeinsame popkulturelle Sozialisation. „Hot Topic“ ist in sechs Themenkomplexe mit jeweils vier bis sechs Texten gegliedert: Im 1. Teil, Sexualität/Identität, werden „klassische“ feministische Themen, wie Verhütung, Schwangerschaftsabbruch und Pornografie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Im 2.Teil, Körper/Bilder, beschäftigt sich unter anderem Sarah Diehl mit Anorexie als Strategie zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper und diskutiert provokante so genannte „Pro-Ana-Websites“. Chris Köver widmet sich im 3.Teil, Medien/Arbeit, feministischen Aspekten in Mainstream TV-Serien, wie den Gilmore Girls oder Buffy. Weitere Themen sind Grrrl Zines, Cyberfeminismus und der Erwerbsarbeit im Medienbereich.Im 4. Teil, Do It Yourself/Aktivismus, beschreibt u.a. die an der Universität Bielefeld tätige Erziehungswissenschaftlerin Britta Hoffarth ihre Erfahrungen mit Mutter-Sein und D.I.Y.-Musik. Julie Miess schreibt im 5.Teil, Feminismus/Alltag, eine Miniautobiografie über ihren Weg Feministin zu werden/sein. Weitere Themen sind hier Feminismus und Fußball und Feminismus zwischen Ost und West. Im letzten Teil, Musik/Repräsentation, diskutiert Rosa Reitsamer die Frage, wie weiße Männlichkeit in Rock und Pop konstruiert wird und Clara Völker beschreibt ihre Erfahrungen als weiße DJane im HipHop und versucht die Frage zu beantworten, warum es so wenig weibliche DJ´s in diesem Bereich gibt und fordert die Sichtbarmachung von Frauen im HipHop. „Hot Topic“ ist für jede und jeden geeignet.

+ Liebrand, Claudia / Steiner, Ines (Hg.): Hollywood hybrid: Genre und Gender im zeitgenössischen Mainstream-Film. Marburg: Schüren-Verlag 2003.

„Gender-Konfigurationen werden von Genres modelliert; und Gender-Konfigurationen konstituieren Genres.“ Dieser Ausgangsthese widmen sich die AutorInnen dieses Sammelbandes. In 13 Beiträgen werden sowohl die Produktion von Gender-Inszenierungen durch Genres sowie die (Neu-)Definition von Genres durch Gender-Performanzen bzw. Gender-Stereotypen thematisiert. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im 1. Teil geht es um Genre-Gender-Theorien. Hier werden theoretische Möglichkeiten und Schwierigkeiten von Genre-Gender-Interferenzen bzw. -Interdependenzen thematisiert, mit Beiträgen von Gereon Blaseio, Andrea B. Braidt und Irmela Schneider. Letztere befasst sich mit der Historizität von Gender und Genre und deckt Parallelen zwischen ihnen auf. Sie beschreibt, dass Genre und Gender sich nicht nur beide von dem lateinischen Begriff genus (Gattung, Geschlecht) ableiten, sondern dass auch die Entwicklung des filmwissenschaftlichen Gebrauchs von Genre mittlerweile große Ähnlichkeit damit hat, wie Gender im Diskurs der Geschlechterforschung verwendet wird. Der 2. Teil handelt von Genre-Gender-Lektüren. Anhand der Analyse von Mainstream Kinofilmen (wie z.B. Terminator 2, Clueless, Philadelphia, Romeo + Julia oder Gladiator) aus verschiedenen Genres, u.a. dem Kriegsfilm, dem Melodram, dem Science Fiction-Film oder dem Teen Movie, wird die enge Verbindung zwischen Genre und Gender schließlich sichtbar gemacht. Sandra Rausch untersucht beispielsweise in ihrem Beitrag „Männer darstellen/herstellen - Gendered Action in James Camerons Terminator 2“ die Inszenierung des männlichen Körpers und versteht die Figur des Terminators als Transvestit im Sinne Judith Butlers. Sie entdeckt dabei die besondere Offenheit des Science Fiction-Films für die Auflösung fester Kategorien, sowie die Referentialität des Films in bezug auf andere Genres und deren Geschlechterkonfigurationen.

+ Maier, Tanja: Gender und Fernsehen: Perspektiven einer kritischen Medienwissenschaft. Bielefeld: Transcript 2007.

Die Medienwissenschaftlerin Tanja Maier verknüpft in ihrer Studie Cultural Studies und Gender Studies, genauer Fernsehforschung und Geschlechterforschung, um neue methodische und theoretische Zugänge im Bereich Fernseh- und Rezeptionsforschung zu eröffnen. Sie geht aus einer „kritisch-feministischen Position“ heraus am Beispiel der Fernsehserie Lindenstraße der Frage nach, wie sich das Verhältnis zwischen der strukturellen Macht der Medien gegenüber der Handlungsmacht der Rezipient_innen neu denken lässt. Dabei geht es ihr um das Verhältnis von Struktur und Aktivität im Fernsehen und beim Fernsehen in bezug auf seine gesellschaftlichen Wirkungen und der möglichen Brechungen. Kritisch untersucht sie einerseits Produktanalysen, die sich mit Inhalt und Struktur der Serie und deren Prägungs- oder Einschreibungspotential hinsichtlich des Publikums auseinandersetzen, die Zuschauer_innen als Objekt betrachten und eher passiv verstehen und andererseits Rezeptionsstudien, die ihren Fokus auf die aktiv verstandenen Zuschauer_innen richten, indem sie deren Wahrnehmung, Nutzung, Aneignung und Interpretation der Serie Lindenstraße untersuchen und ihnen eher den Subjektstatus zuschreiben. Bei beiden Ansätzen werden sowohl die Gender-Perspektive als auch Ergebnisse der Geschlechterforschung weitgehend vernachlässigt. Obwohl gerade diese und daraus resultierende empirische Befunde dazu beitragen könnten, die Polarität beider Ansätze zu überwinden bzw. sie zu verbinden. Besonders die Konstruktion heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit ist, nach Maier, ein Feld, das Geschlechterforschung und Fernsehforschung verbindet. Daher gilt ihr Hauptinteresse dem Aufdecken der Mechanismen der Konstituierung heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit sowie der Hierarchisierung, Naturalisierung und Normierung von Geschlecht im Fernsehen. Untersucht wird somit die hegemoniale Arbeitsweise des Fernsehens hinsichtlich seiner Repräsentationskonventionen, welche die Aktivität der Rezipient_innen beschränken. Eine ihrer Hauptthesen ist daher, dass das Fernsehen eine normierende und disziplinierende Machttechnik ist und die Rezeptionsforschung die Effekte des audiovisuellen Textes vernachlässigt und gleichzeitig die Handlungs- und Interpretationsmöglichkeiten der Rezipient_innen überschätzt.

 

Stand: Februar 2011