Alte Geschichte

1. Gegenstand und Selbstverständnis des Faches

Die Alte Geschichte bildet an der Universität Bielefeld eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Sie behandelt die gesamte griechische und römische Antike im Kontext des vorderasiatisch-nordafrikanischen sowie nordwesteuropäischen Zivilisationsraums. Ihr zeitlicher Beginn wird mit dem Aufkommen einer ersten Schriftkultur (Mykene) auf der griechischen Halbinsel um 1500 v.Chr., ihr Ende mit der sukzessiven Ablösung des Römischen Reiches im Westen durch germanische Königtümer sowie der Expansion des Islam in den Mittelmeerraum in der Zeit von ca. 400-700 n.Chr. markiert.

Das wesentliche geographische Zentrum der griechisch-römischen Antike bildet die Mittelmeerwelt, die allerdings über dynamische Kontaktzonen in einem steten Austausch mit anderen Kulturräumen stand. Innerhalb dieses globalen Interaktionsraumes entwickelte seit ca. 800 v.Chr. die griechische Kultur eine überaus prägende Kraft, die in den folgenden Jahrhunderten nicht nur bis weit in den Osten (Indien) und Süden (Karthago) ausstrahlte, sondern auch der machtpolitischen Vereinigung der Mittelmeerwelt unter römischer Herrschaft eine breite zivilisatorische Basis gab. Ohne die Entstehung des Römischen Weltreiches und das Kontinuum griechischer Kultur ist schließlich der Aufstieg des Christentums zur Weltreligion nicht vorstellbar. Unter universalhistorischem Aspekt grenzen diese drei Phänomene - griechische Kultur - Imperium Romanum - Christentum - die Antike einerseits von anderen Epochen und Zivilisationsräumen ab; andererseits bilden sie zentrale Elemente eines Traditions- und Sinngebungszusammenhanges, der die Antike mit dem europäisch-atlantischen Kulturraum der Neuzeit verbindet, der aber auch in den von spätantiken Formationen stark geprägten frühen Islam weist. Die drei Potenzen sind deshalb gerade heute für die Bestimmung kultureller und politischer Identitäten in Europa von nicht zu überschätzender Bedeutung.

2. Forschungsprofil

Die Bielefelder Althistoriker tragen dieser spezifischen Prägung der Antike auf verschiedene Weise Rechnung: durch das Edieren, Übersetzen und Kommentieren von antiken Texten, durch rezeptionsgeschichtliche Arbeiten sowie durch die Untersuchung und Vergegenwärtigung der Geschichte ihrer Disziplin, die im engeren Sinn etwa 200 Jahre alt ist. Diese Wissenschaftsgeschichte ist durch die Verknüpfung von Problem- und Diskursgeschichte mit der Biographie ein notwendiges Korrektiv der eigenen Lehr- und Forschungstätigkeit. In Forschung und Lehre bemühen wir uns, die wesentlichen Phänomene der griechisch-römischen Antike durch den vergleichenden Blick auf angrenzende oder strukturell ähnliche Zivilisationsräume stärker zu konturieren und in einen "globalen" Zusammenhang einzuordnen. Das stets notwendige Spezialstudium wird deshalb durch die Vermittlung abstrahierenden Zusammenhangwissens ergänzt. Die disziplin- und epochenübergreifende Kooperation ist vor diesem Anspruch genauso notwendig wie die theroriegeleitete Modellbildung und der Strukturvergleich. Beides bildet zudem die unabdingbare Voraussetzung, um die griechisch-römische Antike innerhalb einer vormodernen "Weltgeschichte" sinnvoll und nachvollziehbar zu verorten. Eine wesentliche Rolle in diesem Verstehens- und Interpretationsprozess spielen Begriffe, Modelle und Theorien der klassischen wie der modernen Soziologie. Die Orientierung an nach wie vor unverzichtbaren Kategorien wie Institution, Macht/Herrschaft oder Ungleichheit wird um kulturgeschichtliche bzw. kulturwissenschaftliche Zugriffe erweitert. Historische Gesellschaften und Teilgesellschaften werden dabei verstärkt als Interpretationsgemeinschaften aufgefaßt, die sich symbolische Ordnungen schaffen und integrative Handlungen vollziehen, um Kommunikation, Partizipation und Konsens zu ermöglichen. Den Zugang eröffnen traditionelle hermeneutische sowie neuere diskursanalytische Verfahren, während quantifizierende Methoden wegen der hierfür meist unzureichenden Quellengrundlage im Vergleich zur Erforschung anderer vormoderner Epochen eine geringere Bedeutung haben. Von diesem Vorbehalt nicht betroffen ist die prosopographische Methode, die eingebunden in wesentliche historische Fragestellungen einen wichtigen Beitrag zur Erkenntnis zu leisten vermag.

Aktuelle Forschungsfelder sind:

  • politische Kultur und Ordnungsmodelle antiker Gesellschaften in Diskurs und Praxis
  • Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung
  • Entstehung und Verdichtung der griechischen Polis im Rahmen transmediterraner Mobilität; mobile Gesellschaften jenseits der Polisorganisation und ihr Beitrag zur kulturellen und politischen Entwicklung der Antike
  • Raumbilder und Mythenbildung im Kontext von Migration und Expansion
  • Krieg als soziales und kulturelles Phänomen der Antike
  • Wissenschafts- und Rezeptionsgeschichte.

3. Lehre und Ausbildung

Der beschriebene Zusammenhang zwischen empirischer Forschung und abstrahierender Deutung ermöglicht den Bielefelder Althistorikern eine Vermittlung von geschichtlicher Orientierung und Bildung über die Forschung im engeren Sinn hinaus. Die Ausbildung ist in hohem Maße auch durch das Bemühen geprägt, (alt-) historische Kompetenzen zu vermitteln, die in verschiedenen Kontexten zum Tragen kommen - über den schulischen und musealen bis in den journalistischen und künstlerischen Bereich. Didaktisch und fachhistorisch vorbereitete Exkursionen sowie der stete Erfahrungsaustausch mit professionellen Althistorikern jenseits des universitären Bereiches gehören deshalb zum Standardprogramm des Studiums bereits in der Bachelorphase. Die Bielefelder Althistoriker äußern sich ferner selbst nicht allein durch wissenschaftliche Forschungspublikationen, sondern suchen auch durch Lehr- und Schulbücher, kommentierte Texteditionen, Bücher für ein breiteres Publikum sowie Artikel und Rezensionen in Publikumszeitschriften und Tageszeitungen zu einer Verankerung der Antike im geschichtlichen Bewußtsein beizutragen. Neben den traditionellen Formen fachspezifischer Lehre (Vorlesung, Grundkurs, Seminar, Übung) stehen gemeinsame Seminare mit Dozenten anderer Disziplinen sowie ein regelmäßiges Kolloquium mit Vorträgen von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen aus dem In- und Ausland, so daß an der Universität Bielefeld eine vielfältige und intensive Ausbildung im Fach Alte Geschichte gewährleistet ist.

Über Forschung und Ausbildung hinaus sehen wir in der Vermittlung von geschichtlicher Orientierung und Bildung einen wertvollen und unabdingbaren Beitrag zur Aufrechterhaltung eines kulturellen Zusammenhanges in der Gesellschaft, der die Weiterarbeit am Projekt von Aufklärung durch Erinnerung erst ermöglicht.

(Raimund Schulz / Uwe Walter, Frühjahr 2009)

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