Konzept "Geschichte moderner Gesellschaften"
Download als PDF-Dokument

Thomas Welskopp: Geschichte moderner Gesellschaften

Funktionale Ausdifferenzierung

Um diese Entwicklung verständlich zu machen, lohnt der Blick auf Niklas Luhmanns Systemtheorie, deren Hauptprämisse (unter vielen anderen) ist, dass sich Gesellschaften der "Moderne" durch ihre Tendenz zur funktionalen (nicht hierarchischen) Ausdifferenzierung von Institutionengefügen (hier: Kommunikationssystemen) von älteren Gesellschaftsformen unterscheiden. Die Ausdifferenzierung von Funktionsbereichen aber sorgt für eine Herausbildung spezialisierter interner Kommunikationssphären mit jeweils eigenen Sprachen (hier: Semantiken). Will man jene Funktionsbereiche beobachten, ist nun wiederum ein Abstraktionsschritt vonnöten, der die spezielle Logik ihrer internen Kommunikation sprachlich verständlich macht ? durch Übersetzungsleistungen.

Das macht nach Luhmann die "Moderne" aus, und sein Clou ist letztlich, dass die Mitglieder einer "Gesellschaft" nirgends einen Beobachtungspunkt finden können, von dem aus sie das Ganze der "Gesellschaft", deren Teile sie sind, beobachten können. Das "Moderne" einer "Geschichte moderner Gesellschaften" ist auch, die Selbstbeschreibung von "Gesellschaft" als einem geschlossenen Ganzen als untersuchungsbedürftige Konstruktion "moderner" Sozial- und Geschichtswissenschaften zum Thema zu machen, selber aber auf eine perspektivische Annäherung an das, was das "Gesellschaftliche" jeweils ausmacht, zu setzen und "Gesamtgesellschaft" als ein sich schließlich doch notwendig entziehendes Kompositum der verschiedenen Beobachtungsperspektiven anzuerkennen. Deshalb "Gesellschaften", der Plural: Nur im Blick in die Gesellschaften hinein, auf ihre Institutionen und andere Vergesellschaftungen und Gemeinschaftsbildungen, aber auch über die Einzelgesellschaften hinaus, im Vergleich, im Blick auf Gesellschaften übergreifende Beziehungen, Gemeinsamkeiten, Beeinflussungen, Anverwandlungen und Beobachtungen kann deutlich werden, was das "Gesellschaftliche" zu verschiedenen Zeiten der "Moderne" und an ihren verschiedenen Orten ausmacht.

Über Luhmann hinaus kann man spekulieren, dass die "Moderne" Gesellschaften hervorgebracht hat, die abstrakt, in unterschiedlichen Beobachtungssprachen, über sich selbst als imaginierte Einheiten nachdenken können. Die "klassische Moderne" hat dies lange in der Form einer Suche nach ihrer authentischen Form betrieben: nach "der" modernen Architektur, "der" modernen Malerei, "dem" modernen Staatswesen und "der" modernen Gesellschaftstheorie.


Reflexivität

Anthony Giddens und andere haben den Begriff der "zweiten Moderne" geprägt, in der wir nach ihrer Auffassung heute leben ? und wahrscheinlich auf absehbare Sicht leben werden. Dies sei, in einem anderen Wortspiel, die "reflexive" Moderne ? oder eine "Moderne", die in der Lage, aber auch gezwungen ist, über sich als "Moderne" nachzudenken, ohne noch über die Vorstellung einer allein gültigen "Gestalt" verfügen zu können.

Für Giddens und andere war das Umsichgreifen der postmodernen Theorie das Indiz, dass wir in der "reflexiven Moderne" angekommen sind, aber damit trotz allen postmodernen Beteuerungen die "Moderne" auch nicht verlassen (überwunden?) haben. Aus historischer Perspektive könnte man dagegen wiederum Giddens? (und anderer) Begriffsschöpfung als Symptom deuten, dass die "Moderne" schon immer eine "reflexive" gewesen ist, dass diese Fähigkeit zur grundsätzlichen Reflexion in einer abstrahierenden Sprache ohne die Grenzen und Sicherheiten letzter Gewissheiten einer ihrer wesentlichen, sie definierenden Bestandteile gewesen ist und weiter sein wird. Die Suche nach der chimärischen einheitlichen Gestalt der "Moderne" erscheint dann als für uns Historiker faszinierende Phase der "Reflexion", die sich daran aufrieb, auch noch die allerneuesten gesellschaftlichen Entwicklungen in der "Gestalt" einzufangen und festzubetonieren. Die "Postmoderne" reduzierte sich auf eine weitere Phase, in der man sich durch den unübersehbaren gesellschaftlichen Wandel in den westlichen Konsumgesellschaften, während die Machtblöcke sichtbar erodierten, befreit genug wähnte, Verunsicherungen spielerisch zu verarbeiten, um dann Zitat und Relativierung reflexhaft doch zu einer endgültigen "Gestalt" zu erheben.


Anverwandlungsfähigkeit

Von hier aus ist es ein gewagter, aber kurzer Schritt zu der These, dass sich sowohl Luhmann als auch Giddens (und die sprichwörtlichen anderen) in ihrer Reflexivität sich noch auf einer zu niedrigen Abstraktionsebene bewegt haben, dass es ein größeres Allgemeines gibt, das die "Gesellschaften der Moderne" kennzeichnet und etwa "funktionale Ausdifferenzierung" und "Reflexivität" miteinander verbindet, ohne alles auf ein einheitliches Prinzip zu reduzieren. Dann zählte dazu etwa das grundsätzliche Fehlen einer "modernen Gestalt", die es der "Moderne" seit ihren Anfängen erlaubt hat, von gesellschaftlichen Formen und Institutionen zu zehren, die sie nicht hervorgebracht hatte und die sie auf lange Sicht auch nicht reproduzieren konnte, sondern sich als Ressource anverwandelte, verbrauchte und schließlich zerstörte. "Anverwandlungsfähigkeit" wäre dann neben Ausdifferenzierung und Reflexivität eine weitere kennzeichnende Eigenschaft, die auf das "Allgemeine" der "Moderne" verweist, ohne sie allein, ohne Bezug zu den anderen Begriffen, zu erklären.


Institutionen höherer Ordnungen

Weiter: Luhmann hat darauf bestanden, dass in der "Moderne" das Prinzip der funktionalen Ausdifferenzierung das Prinzip der hierarchischen Gliederung abgelöst habe. Zugleich spricht er aber ? weniger ausführlich und fast nur von einem erkenntnistheoretischen Blickwinkel aus ? von "Beobachtungen der zweiten, dritten usw. Ordnung". Eine zeitgemäße Kapitalismusanalyse könnte zeigen, dass Institutionen einer "zweiten, dritten etc." Ordnung eines der wesentlichen bewegenden Elemente dieses Wirtschaftssystems sind. Immer neue Kommerzialisierungsschleifen, die etwa Aktien und Kredite in Finanzprodukte verwandelt haben und die Spekulation mit ihnen ermöglichten, worauf man heute über Optionen Wetten abschließen kann, die sich verkaufen lassen, machen die scheinbar unbegrenzte Anpassungs- und "Anverwandlungsfähigkeit" des Kapitalismus, wie zu zeigen ist, nicht ausschließlich, aber zu großen Teilen aus und erklären seine durch nichts sicht bar begrenzte Lebensdauer. Die Herausbildung von Kapitalismen "zweiter, dritter etc." Ordnung schließt Beobachtung ein, reduziert sich aber nicht auf strategisches Handeln, ebenso wie es Ausdifferenzierung und Reflexion einschließt, aber weder in dem einen noch dem anderen aufgeht. Die Tendenz zur Bildung von "Institutionen höherer Ordnungen" scheint nicht nur dem Kapitalismus inhärent. An seinem Beispiel kann man aber besonders gut zeigen, dass sich auf dieser Ebene der Betrachtung, anders als bei Luhmann vorgesehen, doch auch wieder ein hierarchisches Element in die gesellschaftlichen Gefüge einschleicht.


Selbstkolonisation

Ausdifferenzierung und die Herausbildung von Institutionen höherer Ordnungen wirken gemeinsam darauf hin, dass sich die "Anverwandlungsfähigkeit" der "Moderne" nicht auf die verändernde und zerstörende Aneignung vormoderner oder außermoderner gesellschaftlicher Formen beschränkt, sondern auf die bestehenden Institutionen der "modernen Gesellschaften" selber ausgreift. Solche Tendenzen zur "Selbstkolonisation" werden sicher im 20. Jahrhundert deutlicher zu zeigen sein, und sie werden wiederum im Bereich der kapitalistischen Wirtschaft leichter und sicherer zu identifizieren sein als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Aber was passierte im Verlauf des 19. Jahrhunderts mit den bereits "modern" erfundenen "erfundenen Traditionen"? Eine solche Betrachtung verschiedener "moderner" Semantiken könnte auch für die "klassische Moderne" Überraschendes zu Tage fördern ? mit erhellender Wirkung.


Autoselektion

Joseph Alois Schumpeters Floskel von der "schöpferischen Zerstörung" wird in jeder wirtschaftlichen Krise neu aktualisiert, ist aber bislang noch nicht einmal für eine zeitgemäße Analyse des Kapitalismus systematisch nutzbar gemacht worden. Nun wäre zunächst darauf hinzuweisen, dass in diesem Bild die oben angeführten Anverwandlungsfähigkeit und Selbstkolonisation sicher anklingen und vielleicht auch die Institutionenbildung höherer Ordnungen eine wichtige Rolle spielt. Aber in einer Dimension geht die Schumpeter?sche Metapher radikal darüber hinaus. Was sie, gegenüber den Komplementärbegriffen, pointiert herausstellt, ist das Produktive gerade des destruktiven Aspekts. Bei der Anverwandlung und Selbstkolonisation ist das Auszehren und Austrocknen vorhandener Institutionen unbeabsichtigte Nebenfolge, besitzt aber für die Dynamisierung der "modernen Gesellschaften" keine eigenständige, zukunftsweisende Bedeutung.

Das wird anders, wenn man Schumpeters "schöpferische Zerstörung" mit ihrer Fähigkeit zur "Autoselektion" gleichsetzt, einer Tendenz zur fortwährenden Auswahl überlegener und Aussonderung unterlegener Optionen aus einer Reihe von Alternativen, die sich tatsächlich unterscheiden. In Luhmanns Begriff der "Entscheidung" ist "Autoselektion" sicherlich angesprochen. Die Entstehung des Begriffs und die Formulierung von Kriterien wirtschaftlicher Rationalität ließen sich auf dieser Basis vortrefflich historisieren, ohne auf eine anthropologische Vorstellung von einer historisch nur freizulegenden Grundrationalität als menschlicher Eigenschaft zurückzufallen. Weil es Anverwandlungsfähigkeit, Selbstkolonisation etc. in den "modernen Gesellschaften" gibt und sie beispielsweise Ausdifferenzierung lenken, kann "Autoselektion" auch in anderen als genuin ökonomischen Dingen vorkommen. Hierbei wäre aber durch die genauere historische Forschung zu klären, ob sie nicht im Bereich der Ökonomie, der historisch "herausgemendelten" Rationalität mit Entscheidungszwang unter Knappheitsbedingungen und Opportunitätskosten wirksamer ist als in Bereichen, in denen Beobachtung und Reflexion einen größeren Stellenwert einnimmt (und nach Luhmann eventuell Pseudoentscheidungen aufsitzt, wofür die politische Sphäre eine gewiss größere Affinität aufweist).


Massenmediale Rückkopplung und Pufferung

Medien hat es in allen menschlichen Gesellschaften gegeben und Massenmedien, je nachdem wie man die nötige Mindestreichweite definiert, um von einem solchen sprechen zu können, allerspätestens seit der Verbreitung des Buchdrucks. Es ist aber theoretisch noch alles andere als klar, ob für die "Moderne" ein besonderes Verhältnis zu den Massenmedien charakteristisch ist und ob sich dieses als ein massenmedialer Modus der Moderne beschreiben lässt oder nicht doch wiederum intern durch all die Eigenschaften und Faktoren gekennzeichnet ist, die die Rolle und die Wirkung der Massenmedien in den modernen Gesellschaften selber einem stetigen Wandel unterwerfen. Selbst bei Luhmann finden wir vergleichsweise wenig Klärendes über die Hypothese hinaus, dass auch die Informationsmedien, weil sie zirkulär wirken, zu einer systemischen Abschließung neigen. Aber bereits die Frage, ob die Informationsmedien ein weiteres Funktionssystem in der modernen Gesellschaft bilden, lässt Luhmann unentschieden.

Das mag damit zusammenhängen, dass die kommerzialisierten Massenmedien der späten Neuzeit auf der einen Seite in mehreren gesellschaftlichen Funktionssystemen zugleich verankert sind und auf der anderen Seite auf mehrere solcher Systeme zugleich einwirken. Drittens aber bilden sie ein eigenes selbstreferentielles System, indem sie sich in allererster Linie selbst gegenseitig beobachten. Die wichtigste Informationsquelle sind immer die anderen Massenmedien. Für Luhmanns Bild von der funktionalen Ausdifferenzierung der Systeme, die sich gegenseitig nicht mehr penetrieren, sondern nur noch irritieren können, wäre das eine viel zu "unordentliche" Vorstellung. Aber eine Zeitung als Wirtschaftsunternehmen ist Teil des Funktionssystems Wirtschaft und zugleich aber auch Teil von etwas anderem, weil sein Produkt wiederum auf andere Systeme einwirkt und diese Einwirkung über die wirtschaftliche Rentabilität des Blattes hinaus ein rationales Ziel in einer anderen als der rein wirtschaftlichen Logik darstellen kann, wenn gleich bewiesene Einwirkung wiederum die wirtschaftliche Rentabilität des Blattes nicht unberührt lässt. Wie verhält es sich auch mit dem Chefredakteur, der Regierungssprecher wird oder mit der Herausbildung massenmedialer Institutionen im politischen System selber, die intern eine massenmedial vermittelte Kommunikation aufbauen, die sich zu der äußeren verhält und somit vielleicht die externen Irritationen viel weiter in sich aufnimmt als zuvor?

Massenmedien erscheinen so als ein Generator von Kommunikationsverhältnissen ständig höherer Ordnungen. Eine ihrer generellen Wirkungen scheint die Herstellung von Kommunikation zu sein, die zwischen den Funktionssystemen verläuft. Vielleicht könnte man das "massenmediale Rückkopplung" nennen. Zugleich aber hat diese indirekte symbolische Re-Integration von Systemen in der "Pufferwirkung" der Massenmedien ihre Kehrseite, weil die vermeintliche Kommunikationsbrücke zwischen ihnen selber systemische Züge trägt und nach einer eigenen Logik konstruiert und verändert wird. Massenmedien können beispielsweise Vergemeinschaftungen suggerieren, indem sie eine gar nicht vorhandene und unmögliche Face-to-face-Interaktion simulieren. Bereits im heraufziehenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts lassen sich solche Prozesse im Detail beobachten. Für die Politik können Massenmedien eine gar nicht vorhandene Nähe zwischen Herrschern und Beherrschten erzeugen, die nicht nur Gaukelspiel ist, weil sie reale Rückkopplungseffekte für die Politik ? in Gestalt einer "Irritation" des Systems ? hervorrufen kann, aber zugleich paradoxerweise die tatsächliche Distanz der Politik "zum Bürger" vergrößert, die sich aus der Zwischenschaltung eines nach eigener Logik operierenden massenmedialen Systems ergibt. Die "öffentliche Meinung" ist eine Chimäre, der die Politiker heute dann wieder mit dem Hilfsmittel der Demoskopie nachjagen, die aber ihre Zahlen selber wiederum nicht außerhalb des Mediensystems errechnet, geschweige denn vermittelt.

Moderne Massenmedien sind für eine "Geschichte moderner Gesellschaften" noch ein Mysterium, aber die theoretische Beschäftigung mit ihrer Rolle und Wirkung in der Geschichte sollte sie weder als instrumentell einsetzbare Manipulationsmittel noch als dämonische Eigenmacht begreifen. Vielmehr wird es darauf ankommen, die komplexen Wechselwirkungen, die sich aus ihrer Verflochtenheit mit den anderen Funktionssystemen ergeben, am Beispiel konkreter historischer Konstellationen zu entwirren. Vielleicht kann eine "Geschichte moderner Gesellschaften" auf dieser Basis dann zu belastbareren theoretischen Aussagen kommen.


Was zeichnet die "Moderne" in der historischen Langzeitentwicklung aus?

Die "Moderne" ist nicht in einem Tag über uns hereingebrochen. Es ist, da hat Luhmann völlig Recht, auch nicht von einem Anfang zu sprechen, von dem aus die Entwicklung als ein Entfaltungsprozess angelegter Möglichkeiten zu denken ist. Solche Bilder sind philosophische Hilfskonstruktionen. Deutlich sollte geworden sein, dass die voran stehenden Überlegungen über den Zusammenhang zwischen den Begriffen "Gesellschaft" und "Moderne", die ein Arbeitsgebiet mit der anspruchsvollen Bezeichnung "Geschichte moderner Gesellschaften" sicher fortlaufend weiter treiben und modifizieren muss, eine Gesellschaftstheorie auf der Metaebene skizzieren, die nach gemeinsamen und prägenden Struktureffekten fragt, die bestimmten Institutionenkomplexen, Funktionssystemen, Vergesellschaftungen und Vergemeinschaftungen in der "Moderne" gemeinsam sind. Die eigentlichen Institutionenkomplexe etc. liegen auf einer tieferen Ebene der Abstraktion, wenn wir nämlich danach fragen, wie sich beispielsweise der Kapitalismus institutionell organisiert hat, welche Rolle Unternehmen darin spielen, wie und inwieweit man einen bestimmten Komplex sozialer Ungleichheit als Klassenstruktur beschreiben kann usw. Eine historische Gesellschaftstheorie, die empirische Arbeit anleiten soll und auswerten will, muss auf der Ebene konkreter Institutionen ansetzen und Klassengesellschaften, kapitalistische Marktwirtschaften, den Nationalstaat, die gesellschaftliche Organisation von Gewalt usw. thematisieren. Aber erst die Metareflexion kann einen allgemeineren Beobachtungspunkt für die Selbstbeschreibung konstituieren, der natürlich nicht das geschlossene "Ganze" begreifen lässt, sondern den Blick für Struktureffekte weitet, die auf der darunter liegenden institutionellen Ebene wirksam werden.

Vor diesem Hintergrund lässt sich als historische Langzeitperspektive die Frage gewissermaßen auf Dauer stellen, ob und inwieweit Institutionenkomplexe, Vergesellschaftungen und Vergemeinschaftungen in der Geschichte jeweils Effekte von funktionaler Ausdifferenzierung, Anverwandlungsfähigkeit, Selbstkolonisation, Institutionenbildung höherer Ordnungen, Autoselektion sowie medialer Rückkopplung und Pufferung erkennen lassen. Aus einem solchen Ansatz folgt die These, dass diese einzelnen Struktureffekte kein Kennzeichen nur der "Moderne", sondern auch zuvor als Elemente und treibende Kräfte gesellschaftlicher Entwicklung retrospektiv zu identifizieren sind.

Der historische Prozess erscheint dabei nicht unbedingt graduell und linear; es ist eher an Sprünge und mäandernde Bewegungen, auch Rückentwicklungen zu denken. Selbstkolonisation und Autoselektion sind keine darwinistischen Begriffe. Weniger Ausgangspunkte von Entfaltungen gilt es zu identifizieren als vielmehr Schwellensituationen, gekennzeichnet von "kritischen Massen" in den jeweiligen Konstellationen. Wenn wir einzelne Struktureffekte in vormodernen Gesellschaften nachweisen können, dann verflüssigt das in der Tat allzu mechanistische Transformationsvorstellungen; es bleibt aber die These, dass eben nicht sämtliche der angesprochenen Struktureffekte in den betrachteten Zeiträumen wirksam waren, dass es Hemmungen, Begrenzungen, Einhegungen jener Struktureffekte gab, und vor allem, dass sie nicht zugleich präsent waren und sich in ihren Wirkungen nicht derart ergänzten, dass, wie es die "Moderne" auszuzeichnen scheint, sie eine unwiderstehliche, irreversible Dynamik in Gang setzten, die kein Ende, zumindest keinen Abschluss, kennt. Genau jene synchronisierte Synchronität der Struktureffekte scheint die Gesellschaften der Moderne gegenüber der Vormoderne auszuzeichnen.

Luhmann beschreibt in seiner Evolutionstheorie einen ganz ähnlichen Vorgang, nämlich die Einlagerung dynamisierender Semantiken in die verschiedenen Bereiche gesellschaftlicher Selbstbeschreibung, die voneinander unabhängig stattfand, aber in ihrer Gesamtwirkung irgendwann auf dem Weg in die "Moderne" ein kritisches Maß erreichte, welches wiederum nicht punktgenau zu bestimmen ist, sondern sich eher als Schwelle in einem Prozess der Dezentrierung denken lässt. Für Luhmann ist die moderne Gesellschaft ohne Zentrum. Vielleicht ist diese Multipolarität der "Moderne" sowohl die Konsequenz der konzertierten Wirkung aller Struktureffekte als auch die Bedingung für ihr nicht mehr kontrollierbares Weiterwirken. Versuche der Einhegung mögen in einzelnen Teilbereichen der Gesellschaft vorübergehend gelingen, aber die Multipolarität der "Moderne" verurteilt jedes Unternehmen, von einem neuen Zentrum aus eine Kontrolle oder gar Lenkung zu etablieren, zum Scheitern. Damit ist auch die Dynamik einer "Moderne" auf Dauer gestellt, die ebenso wenig wie ein Zentrum ein Entwicklungsziel kennt und die aus guten theoretischen Gründen auch nicht abgeschlossen sein kann.

Bielefeld, im April 2005