Arbeitsgebiete

Die Forschungsschwerpunkte im Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte liegen in der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte. Dabei reichen die behandelten Themen von der Frühen Neuzeit bis in die postsozialistische Jetzt-Zeit (16.-21. Jahrhundert). Russland und die Sowjetunion stehen im Mittelpunkt, doch werden die Länder Osteuropas durchaus mitberücksichtigt, nicht nur für die Zeit nach 1945, in der der Ostblock einen abgeschlossenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Raum bildete. Da die Orientierung am „Westen“ (ob Nachahmung, Abgrenzung oder Austausch) spätestens seit der Frühen Neuzeit ein zentrales Motiv in der russischen Geschichte ist, spielen Vergleich, Transfer und Verflechtungsprozesse auch in unserer Forschung eine zentrale Rolle. Dabei ergeben sich, je nach historischer Epoche und Fragestellung, andere Schwerpunkte in den regionalen und nationalen Bezügen: Handelsbeziehungen, kultureller Austausch, soziale und geographische Mobilität, Migrationsprozesse, Zirkulation von kulturellen Gütern und Konzepten, u.a.

Das weitverbreitete Klischee der „Rückständigkeit Russlands“ beruht nicht nur auf der Vorstellung eines westlichen Normmodells der Modernisierung; immer wieder führt es auch dazu, dass Russland in der Forschung als bloßer Empfänger in einem einseitigen Kulturtransfer von West nach Ost verstanden wird. Diese stereotypen Engführungen gilt es zu überwinden. ähnlich wie in den postcolonial studies, die nach den Rückwirkungen asymmetrischer kolonialer Beziehungen auf den Hegemon fragen, lassen sich für die Verflechtungen Russlands in europäische und globale Kontexte durchaus wechselseitige Entwicklungen analysieren.

So hat der ethnographische Blick, der sich in der Frühen Neuzeit an Russland (wie auch an der Neuen Welt) schärft und in den Menschen eine mehr oder wenige exotische Alterität konstruiert, maßgeblichen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung der Betrachter und ihrer Leser. Und nicht nur Alterität wird im Hinblick auf Russland konstituiert, auch wenn das hinsichtlich der Ethnien des Ostens des Vielvölkerreiches sicherlich die vorherrschende Perspektive ist. Doch gerade in der Beschreibung von Aufständen und Revolten klingen mehr Parallelen als Unterschiede an und die Ereignisse gemahnen die Beobachter an Konflikte, mit denen sie „zu Hause“ in ganz ähnlicher Weise konfrontiert sind.

Im Russland des 19. Jahrhunderts ist der Vergleich mit dem Westen das Leitmotiv, das die Debatten um die Gestaltung der Zukunft, um Reform und Reaktion, prägen. Seit den napoleonischen Kriegen, die breite Teile der Bevölkerung unmittelbar mit Ausländern in Berührung gebracht haben, ist es bei weitem nicht mehr nur die Regierung, die sich um der militärischen Konkurrenzfähigkeit willen mit dem Westen auseinandersetzt. Vielmehr ziehen die Diskussionen um Anlehnung und/oder Abgrenzung immer weitere Kreise und erfassen gerade auch staatsferne Gruppen, die sich überhaupt erst mittels dieser breiten Diskussionen als „Intelligencija“ konstituieren, ein Begriff der im Ancien Régime Russlands praktisch immer mit Opposition zum bestehenden System konnotiert war. Man will für „das Volk“ sprechen, doch gleichzeitig entfernt man sich immer mehr von der großen Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung und ist gerade auch durch die langen Exil-Auslandsaufenthalte v.a. international vernetzt und politisch engagiert. In diese ständigen vergleichenden Diskussionen fallen auch die Bemühungen um die Etablierung von Zivilgesellschaft in Russland, wobei hier die Achsen Zentrum-Peripherie und Hauptstädte-Provinz eine zentrale Rolle spielen.

Die Sowjetisierung im 20. Jahrhundert ist ein weiteres wichtiges Feld von komplexen Verflechtungsprozessen, auch wenn sie häufig nur als ein Phänomen der Abschottung verstanden wird. Der Sowjetkommunismus lässt sich weder auf rein russische Quellen, noch allein auf westliche Konzepte zurückführen. Er ist ein Amalgam, das sich aus den verschiedensten Quellen, v.a. aber aus einer weitgehend transnationalen Praxis speist. Und auch wenn in der Folgezeit unter Stalin die Türen zur Außenwelt in vielen Bereichen zugeschlagen werden, so findet doch in der Nachkriegszeit mit der Sowjetisierung Osteuropas eine Art Rückfluss statt, der sich trotz allen Zwangs genauso wenig auf einen bloßen Transfer reduzieren lässt, sondern mit massiven Umformungen und Transformationen einhergeht, die die Volksdemokratien Osteuropas nachhaltig vom Modell der Sowjetunion unterscheiden.

Gerade bei der sog. „Wiedergeburt“ des Islam in den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken ist die Metapher des Dornröschenschlafs eine irreführende, blendet sie doch aus, wie sehr hier die verschiedensten religiösen und säkularen Traditionsbestände zusammenfließen und eine eigene, neue Spielart der Religion hervorbringen.

All diese eminent geschichtsmächtigen Prozesse sind Beispiele für die Vielschichtigkeit von transnationaler Zirkulation und Verflechtung, die im Rahmen unserer Forschungen untersucht werden. Dabei spielt die Kooperation mit Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft in Ostmittel- und Osteuropa sowie Asien eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang werden regelmäßig Sommerschulen v.a. in Russland angeboten, die den Studierenden einen direkten Austausch mit Wissenschaftlern und Studierenden aus diesen Ländern ermöglichen sollen.

Die Forschungsprojekte umfassen Themen aus folgenden Bereichen:


Wirtschafts-, Sozial-, und Kulturgeschichte

  • Der Agrarsektor im Industrialisierungsprozess Russlands und der Sowjetunion
  • Konsumgeschichte Osteuropas
  • Genossenschaften im Transformationsprozess der Landwirtschaft
  • Geschichte des Bürgertums und der Zivilgesellschaft in Russland vor 1914
  • Die administrative Kommandowirtschaft

Politische Kommunikation

  • Revolten als Kommunikationsphänomene in der Frühen Neuzeit
  • Bittschriften als Form und Medium der politischen Kommunikation in Russland
  • Kommunikation und Herrschaft in der Sowjetunion Kommunikation und Meinungsbildung im Stalinismus
  • Stalinismus und Nationalsozialismus im Vergleich
  • Sowjetisierung und Entstalinisierung in Osteuropa
  • öffentlichkeit und Medien im 19. und 20. Jahrhundert

Biographische Ansätze

  • Bäuerliche Autobiographik im Russland des 19. und 20. Jahrhunderts
  • Kollektivbiographie einer Familie im sowjetischen Jahrhundert
  • Oral History: Ehemalige Gulaghäftlinge aus Osteuropa

Zentrum und Peripherie

  • Islam in Russland und Zentralasien
  • Russland als Vielvölkerreich