Department of History - Historical Studies of Science
 
 
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"Erkenne Dich selbst!"

Aktuelles

14.-25.10.2013
PD Dr. Sybilla Nikolow als Gastwissenschaftlerin am Doktoratskolleg Plus "Die Naturwissenschaften im historischen, philosophischen und kulturellen Kontext", Universität Wien.
29.9.2013
Kommentar von PD Dr. Sybilla Nikolow zur Sektion "Kalter Krieg und heiße Dinge. Wissenschaftliche Objekte im Systemwettstreit" der 96. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für die Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik "Eiserne Vorhänge im Wissensfluss? Transfer und Verpflechtungen von Wissenschaften, Techniken und Medizin im Kalten Krieg", 27.-29.9.2013, Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Abstracts der Tagung im DGGMNT-Nachrichtenblatt 1/2013
29.9.2013
Vortrag von Christian Sammer "Kunststoff. Die Gläsernen Figuren aus Dresden und Köln im Systemwettstreit" in der Sektion "Kalter Krieg und heiße Dinge. Wissenschaftliche Objekte im Systemwettstreit" der 96. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für die Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik "Eiserne Vorhänge im Wissensfluss? Transfer und Verpflechtungen von Wissenschaften, Techniken und Medizin im Kalten Krieg", 27.-29.9.2013, Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Abstracts der Tagung im DGGMNT-Nachrichtenblatt 1/2013
19.9.-21.9.2013
Tagung "Erkenne Dich selbst!". Strategien der Sichtbarmachung des Körpers in der Arbeit des Deutschen Hygiene-Museums im 20. Jahrhunderts, Deutsches Hygiene-Museum Dresden
Veranstaltungsflyer
23.7.2013
Vortrag von PD Dr.Sybilla Nikolow: "The Museums of the Future" with New Objects of Knowledge. The Case of the German Hygiene Museum in the 20th Century, 24th International Congress of History of Science, Technology and Medicine
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Visuelle Gesundheitsaufklärung mit Wissensobjekten aus dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden im 20. Jahrhundert

Gefördert durch die Logo Volkswagen-Stiftung

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden verkörperte zur Zeit seiner Gründung im Jahr 1911 einen neuartigen Museumstypus. Es wurde nicht mehr - wie im klassischen Museum - eine kostbare historische Expertensammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, vielmehr wurde Aufklärung des mündigen Staatsbürgers über neueste Erkenntnisse der Medizin, Biologie, Wirtschaft und Politik zur Aufgabe des Museums erklärt.

Plakat der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911Die Aufforderung "Erkenne Dich selbst!" zielte neben der Selbsterkenntnis als psychischen Prozess jetzt vornehmlich auf das Wissen um den eigenen Körper und seine Gesunderhaltung. In erfolgreichen Ausstellungen, die unter diesem Titel vom Deutschen Hygiene-Museum Dresden seit Mitte der 1930er Jahre in verschiedenen deutschen und europäischen Städten gezeigt wurden, konnten die Besucher ihren Gesundheitszustand unter Anleitung selbst überprüfen und damit in den Genuss neuester Untersuchungsmethoden kommen. Kennzeichen dieser sogenannten visuellen Gesundheitsaufklärung aus Dresden war die angestrebte lückenlose Sichtbarmachung von körperlichen Zuständen. Sie war eingebunden in eine Kultur der individuellen Selbstsorge und von der politischen Hoffnung getragen, ganze Bevölkerungskollektive kontrollieren und regulieren zu können.

Die Herstellung von Exponaten in hauseigenen Werkstätten stand von der ersten Dresdener Ausstellung ihrer Art 1903 bis zur Umwandlung des ehemaligen DDR-Museums in eine Stiftung am Ende der 1990er Jahre im Zentrum der Tätigkeit des Deutschen Hygiene-Museums. Anders als in klassischen Museen und im Gegensatz zu seinem heutigen Selbstverständnis als öffentliches Forum für Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft wurden die Exponate in verschiedenen Medien und für diverse Abnehmer auch als warenförmige Lehrmittel vertrieben. Dem Museum gelang es, sich mit der Entwicklung solcher innovativer Visualisierungsstrategien und Vertriebsstrukturen zu professionalisieren und ein Massenpublikum zu erreichen.

Das Forschungsprojekt untersucht alle diese Wechselbeziehungen zwischen Museumsobjekten, Wissensgeschichte, Bildung und Politik. Die Ausstellungen, Exponate und Lehrmittel werden als Grenzobjekte (boundary objects) aus verschiedenen Interessen und Belangen verstanden, die zu einer Ressource für das Museum in seinen Austauschbeziehungen zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit wurden. Ihre Besonderheit besteht darin, dass es sich um Wissensobjekte (objects of knowledge) handelt, die nicht nur Wissen, Praktiken und Erkenntnisse verkörpern, sondern gleichzeitig das Medium ihrer Vermittlung darstellen. Die Exponate erscheinen als komplexe Kulturprodukte, in die neben wissenschaftliche, kognitive, materielle und apparative Ressourcen auch ästhetische und didaktische Überlegungen eingegangen sind. Über die 100jährige Hausgeschichte hinaus kann damit beispielhaft nachvollzogen werden, welchen Anteil die von Dresden ausgehende Gesundheitsaufklärung für das neue Selbstverständnis des Körpers im 20. Jahrhundert hatte und auf welchen multimedialen Wegen dieses Wissen vermittelt wurde.

Anhand einer systematischen Aufarbeitung und Analyse des historischen Bestands sollen Kontinuitäten und Brüche in der Produktion von Ausstellungen, exklusiven Schlüsselexponaten und Lehrmitteln für den Massenmarkt sowie in seiner Öffentlichkeitsarbeit im Detail rekonstruiert werden. Zur Analyse der objektzentrierten Vermittlungsform werden neuere Methoden aus der Museums- und Bildungsforschung, Technik-, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte sowie Medien-, Sozial- und Kulturgeschichte angewendet und miteinander kombiniert. Erstmals werden unter anderem auch die Unterrichtssammlungen zur nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik gesichtet, die Aufschluss über die Rolle des Museums in der Ausbildung von Gesundheitslehrern im Nationalsozialismus geben können. Durch die enge Kooperation zwischen Universität, Forschungseinrichtung und Museum wird das kulturelle Erbe, das in den Dresdener Objekten lagert, wieder öffentlich zugänglich und für heutige Fragen der Wissensvermittlung nutzbar gemacht.

Das Forschungsprojekt wird von PD Dr. Sybilla Nikolow geleitet und in Kooperation mit Prof. Dr. Hans-Jörg Rheinberger und Prof. Klaus Vogel durchgeführt.

Kontakt: PD Dr. Sybilla Nikolow