Fakultät für Gesundheitswissenschaften
 
 
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VorBild – Stärkung der vorpolitischen politischen Bildung bei benachteiligten Jugendlichen im schulischen Setting

Kooperationsprojekt zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung und der Universität Bielefeld (Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Dr. Uwe H. Bittlingmayer, Diana Sahrai, M.A., Dipl.-Päd. Ute Sauer; Jun. Prof. Dr. Ullrich Bauer; Caroline Seige BpB)

Das Projekt VorBild zielt auf die Entwicklung von Unterrichtsmodulen (Sekundarstufe 1) an der Schnittstelle sozialen Lernens (Gesundheitsförderung) und politischer Bildung. Zielgruppe sind benachteiligte und schulbildungsferne Kinder und Jugendliche, die an Förderschulen unterrichtet werden. In Kooperation mit Förderschulen aus drei Bundesländern werden die Unterrichtsmaterialien in der Praxis umgesetzt und summativ evaluiert.


 

Die Homologie von Gesundheit und Bildung

In zahlreichen Untersuchungen wird herausgestellt, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem individuellen Bildungsniveau und den Morbi-ditäts- und Mortalitätsraten existiert. Bildung kann deshalb als gesundheitsfördernde Ressource betrachtet werden.
Spätestens seit dem PISA-Schock ist aber auch deutlich geworden, dass in Deutschland ein besonders hohes Maß an sozialen Ungleichheiten existiert. Das heißt, dass die soziale Herkunft von Kindern und Jugendlichen von entscheidender Bedeutung für den individuellen Bildungserfolg, aber auch für die Wahrscheinlichkeit ist, zu erkranken. Der Befund des „Präventionsdilemmas“ (Ullrich Bauer) bezeichnet dann den empirischen Sachverhalt, dass sich sozial benachteiligte und schulbildungsferne Milieus kaum von Präven-tionsangeboten erreichen lassen, die ihre Lage potenziell verbessern könnten.

 

Der Mätthäus-Effekt in der (politischen) Bildung

Strukturanalog zu dem „Präventionsdilemma“ existiert im Bereich der politischen Bildung ein Zusammenhang zwischen dem Schulbildungs-niveau und der Bereitschaft, auf Angebote politischer Bildung zurück zu greifen. Schulbildungs-ferne und sozial benachteiligte Milieus werden durch bestehende Angebote politischer Bildung bislang kaum erreicht, und sie engagieren und organisieren sich auch weniger in Vereinen oder im Ehrenamt. Deshalb kann von einem Mätthäus-Effekt in der politischen Bildung gesprochen werden: Bildungsgewohnte Gruppen nutzen souverän die Angebote und profitieren zusätzlich von ihrem Engagement.

 

Sozio-Analyse als Kompetenzstärkung

Nach Erkenntnissen aus der Ungleichheitsforschung ist die geringere Nutzung von Angeboten zur Gesundheitsförderung oder auch zur politischen Bildung eine Konsequenz von Prozessen der Selbstselektion benachteiligter Gruppen. Vor diesem Hintergrund versucht das VorBild-Projekt einerseits subjektbezogene Kompetenzen wie Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Interaktionskompetenzen zu fördern und zu stärken. Andererseits wird die Förderung und Stärkung der Subjekte verbunden mit der Auseinandersetzung um die sozialen Strukturen und Mechanismen der Ausgrenzung und Selbstselektion. Das Projekt VorBild lehnt sich damit an die Vorstellung einer Sozio-Analyse von Pierre Bourdieu an, in der die Einsicht in die Mechanismen der Ausgrenzung durch die Ausgegrenzten selbst, das zentrale Ziel bezeichnet. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die reine Informations- und Wissensvermittlung, sondern die Schaffung einer hinreichenden motivationalen Basis, sich mit politischen Fragen aktiv auseinander zu setzen und Partizipationschancen trotz benachteiligender Lebensbedingungen zu erreichen.

 

Modulstruktur

Im Projekt VorBild werden sechs Unterrichtsmodule speziell für Kinder und Jugendliche aus schulbildungsfernen und sozial benachteiligten Milieus entwickelt. Die ersten drei Module beziehen sich im weiteren Sinne auf soziales Lernen an Förderschulen. Soziales Lernen wird von uns gefasst als Stärkung interaktiver Kompetenzen, Stärkung des Selbstwertgefühls und der internalen Kontrollüberzeugungen (so genannte „Life Skills“). Nach unseren eigenen Daten ist der Einsatz spezieller Programme zur Förderung von Life Skills wie etwa „Erwachsen werden“ von Lions Quest an Förderschulen im Gegensatz zu Gymnasien kaum üblich (Bittlingmayer/Sirch 2006), nicht zuletzt, weil die zu Grunde liegenden Unterrichtsmaterialien zu textlastig und die vorgeschlagenen Unterrichtsstunden zu Fern von den Lebenswelten sozial benachteiligter Milieus sind. Die ersten drei Module sollen diesem Mangel begegnen.
Die Unterrichtsmodule 4-6 beziehen sich im engeren Sinn auf politische Bildung in Förder-schulen. Hier stehen drei Motive im Vordergrund: die Vorstellung individueller Rechte, die Vor-stellung demokratischer Gemeinschaften und schließlich die Vorstellung von Gruppenrechten im Sinne der Problematik von Mehrheit und Minderheiten.

 

Projektplan (Arbeitsschritte)

  • Schuljahr 2006/07 (2. Halbjahr): Entwicklung von Modulen zum sozialen Lernen und Piloteinsatz an einer Brandenburger Förderschule
  • Schuljahr 2007/08 (1. Halbjahr): Entwicklung von Modulen zur politischen Bildung und Piloteinsatz an einer Brandenburger Förderschule
  • Schuljahr 2007/08 (1. Halbjahr): Einsatz von Modulen zum sozialen Lernen an insgesamt 10 Förderschulen in Bremen und NRW
  • Schuljahr 2007/08 (2. Halbjahr): Einsatz von Modulen zur politischen Bildung an insgesamt 10 Förderschulen in Bremen und NRW
  • Summative Evaluation der Wirksamkeit der Unterrichtsmodule von Februar 2007 bis Juli 2008 Fortbildungen des pädagogischen Personals in den Förderschulen zur Einweisung in die Unterrichtsmaterialien (Januar 2007 bis März 2008)

 

Ausgewählte Literatur:

Bauer, Ullrich, 2005, Das Präventionsdilemma, Wiesbaden: VS

Bittlingmayer, Uwe H./Ulrike Sirch, 2006, „Erwachsen werden“ an deutschen Schulen. Eine Implementierungsstudie in den ausgewählten Bundesländern Hamburg, NRW und Baden-Württemberg, Bielefeld: o.V.