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Aktuelles

 ZiF Conference: Responsible Research and Innovation: (RRI): Coming to Grips
with a Contentious Concept, 30.03.17 - 01.04.17
 John-G.-Diefenbaker-Preis für Prof. Martin Carrier
Auszeichnung für Prof. Martin Carrier:  "Blaise Pascal Medal in Social Sciences and Humanities" der Europäischen Akademie der Wissenschaften
 Values & Theories:  A workshop on the occasion of Martin Carrier's 60th birthday. 12 October 2015, ZiF.
Studiengang:  HEPS
Das I²SoS wurde am 3. Juli 2013 als neue Einrichtung in der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie gegründet.

 

Fragestellungen und Arbeitsprogramm

Das Arbeitsprogramm zielt insgesamt auf die Untersuchung der Forschungspraxis in den empirischen Wissenschaften unter den gegenwärtigen Bedingungen eines starken Anwendungsdrucks, ausgeprägten gesellschaftlichen Erwartungen und Befürchtungen, wie sie mit der Wissenschaft verbunden werden. Gegenstand der Untersuchung sollen insbesondere die Wechselbeziehungen zwischen diesen sozialen Rahmenvorgaben und den Erkenntnisleistung der Wissenschaft sein. Inhaltlich ist das Institut daher auf Social Epistemology ausgerichtet. Die Analyse der genannten Zusammenhänge bildet das übergreifende Forschungsanliegen des Instituts, dieses Anliegen entfaltet sich dabei konkret in den nachstehenden Themenfeldern.

Wissen und Werte

Urteile in der Wissenschaft sind zunächst von der Bindung wissenschaftlicher Aussagen an die Erfahrung geprägt. Die Wissenschaftsforschung hat diese Bindung in der jüngeren Vergangenheit durch den Begriff der materiellen Kultur ausgedrückt. Forschung ist mit den materiellen Gegenständen ihrer Untersuchung konfrontiert, seien es Materialien oder Lebewesen - auch diese Gegenstände oft nur mit Instrumenten und Forschungsapparaturen in den Erfahrungsraum treten. Vorstellungen über dingliche Objekte, die von Sinneserfahrungen geprägt sind, spielen eine wichtige Rolle in der Wissensproduktion und bilden deren wesentliche Grundlage. Beobachtungen und Experimente schränken entsprechend den Spielraum akzeptabler Denkansätze erheblich ein. Sie lassen aber doch Freiräume offen, die durch epistemische Werte, soziale Werte der Fachgemeinschaft und gesellschaftliche Werte gefüllt werden. Gegenstand solcher Einflüsse ist die Wahl von Forschungsproblemen, die Begriffsbildung, das Untersuchungsdesign sowie Beurteilungsverfahren für Hypothesen, Modelle oder Experimente.

Wissenschaftliche Forschung wird aus der Perspektive des Zusammenwirkens unterschiedlicher Werte analysiert. Insbesondere treten in der anwendungsorientierten Forschung der Gegenwart epistemische oder kognitive Werte (wie Erklärungskraft oder Vereinheitlichungsleistung) in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Wertvorgaben, die an die Wissenschaft herangetragen werden (wie kurzfristige technologische Nutzbarkeit). Es geht in der neueren naturwissenschaftlichen Forschung eben nicht allein um epistemische Werte, sondern wesentlich auch um utilitäre Werte, die die Nutzung wissenschaftlichen Wissens für praktische Zwecke hervorheben, sowie unter Umständen um gesellschaftliche Werte, die die Mitwirkungs-, Teilhabe- und Schutzansprüche von sozialen Gruppen zum Ausdruck bringen, sowie um ethische Werte, die die Freiheits- und Schutzansprüche von Personen betreffen. Die Wissenschaft operiert in einem Spannungsfeld von Werten unterschiedlicher Art. Dabei lassen die Beziehungen zwischen epistemischen, traditionell als innerwissenschaftlich betrachteten Werten und gesellschaftlichen Werten die Wechselwirkun-gen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft deutlicher hervortreten

Epistemische Defizite und ihre Ursachen

Der Einfluss von Werten auf die Richtung von Forschung und auf die Gestalt des Systems der wissenschaftlichen Wissens wird zum Teil begrüßt und als Hervorhebung des Umstands betrachtet, dass die Wissenschaft im Dienst des Menschen steht, er wird zum Teil aber auch mit Sorge als Kommerzialisierung und Politisierung der Forschung beklagt und als schädlich für den wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch und als Unterhöhlung der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft aufgefasst. Solchen Befürchtungen soll im Rahmen von I²SoS nachgegangen werden. So werden oft klinische Studien in der pharmazeutischen Forschung als Beispiel einseitiger und irreführender Untersuchungen genannt. Zu prüfen ist, ob in Beispielen solcher Art tatsächlich eine Unterhöhlung von Qualitätsansprüchen auftritt und was gegebenenfalls deren Ursachen sind.

Einen weiteren Bereich möglicher epistemischer Defizite stellt die statistische Prüfung quantitati-ver Hypothesen dar. Dieses Gebiet ist zunächst durch einen Grundsatzstreit zwischen der frequentistischen Statistik (Fisher, Neyman-Pearson) und dem Bayesianismus gekennzeichnet, der zu Unsicherheiten über das anzuwendende Regelwerk führt. Entsprechend wären theoretische Lücken die Ursache für epistemische Unzulänglichkeiten in diesem Bereich. Alternativ könnten beklagte Defizite auf der unzulänglichen Anwendung allgemein akzeptierter Regeln beruhen. In diesem Fall wäre wieder nach den Gründen einer anscheinend ungenügenden Verankerung methodologischer Standards in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu fragen.

Ebenso erheben die Natur und Ingenieurwissenschaften den Anspruch, zur Entwicklung von Technologien beizutragen, die dem Menschen sowohl in seinen Alltagstätigkeiten als auch beim Erwerb neuen Wissens unterstützen. Dabei sind die Begriffe der Unterstützung und des Lernens im Detail ungeklärt und spiegeln kaum Erkenntnisse der aktuellen Forschung zum sozialen Lernen wider. So werden bei der Untersuchung einmaliger Lernsituation andere Zeitskalen des Wissens-erwerbs (situationsübergreifend, langfristig) vernachlässigt.

Ökonomisierung der Wissenschaft

In neuerer Zeit am stärksten diskutiert werden die Folgen einer Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung wissenschaftlicher Forschung. Diese reichen tief in deren kognitiven Kern hinein, bedeuten also grundsätzliche Verschiebungen der Bedingungen wissenschaftlicher Kreativität. Bei den intellektuellen Faktoren geht es um die Freiheit von Wissenschaftlern, Wege zu verfolgen, die sich öffnen (Mikroautonomie), um die Voraussetzungen begrifflicher Neuerungen sowie um den Zusammenhang von Wissenschaft und Technik. Bei den institutionellen Faktoren spielt die Frage eine Rolle, ob Erkenntnisgewinn eher durch Konkurrenz oder durch Kooperation gefördert wird. Gegenwärtig steht die Intensivierung der Konkurrenz innerhalb der Fachgemeinschaft im Vordergrund. Dieser Gedanke wird durch die leistungsorientierte Mittelzuweisung und individuelle Bezahlung auch im Hochschulsektor zum Tragen gebracht. Die traditionelle Alternative in der Wissenschaft ist die Zusammenarbeit der Forscher. In dieser Tradition stehen auch Ansätze einer spezifischen Gruppenkreativität.

Ökonomische Folgen von Wissenschaft

Schwerpunktmäßig steht hier die Analyse des Zusammenhangs zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum im Fokus. Ausgangspunkt ist die Behauptung, dass aus wissenschaftlichem Fortschritt technologischer Fortschritt und hieraus wiederum wirtschaftliches Wachstum resultiert.

Im Einzelnen wird untersucht, welche Bereiche öffentlicher Forschung einen hohen und welche einen niedrigen Beitrag zum technologischen Fortschritt leisten, welche Folgen die staatliche Förderung technologienaher Forschungsbereiche hat (interner und externer Verdrängungswettbewerb), ob die Begründungen für solche staatliche Förderungen schlüssig sind und ob die Gefahr einer Instrumentalisierung der Wissenschaft zur Lösung ökonomischer Probleme besteht. Weiter wird hinterfragt, wie sich das Verhältnis von öffentlicher Forschung zu privater Forschung historisch entwickelt hat (soweit technologienah) und ob die Beziehung zwischen öffentlicher und privater Forschung substitutionaler oder komplementärer Art ist. In diesem Zusammenhang spielt auch eine Rolle, wie technologischer Fortschritt auf die verschiedenen wirtschaftlichen Bereiche verteilt ist. Zudem werden die über die rein ökonomischen Folgen hinausgehenden gesellschaftlichen Auswirkungen von Innovationen in die Analyse einbezogen.

Begleitforschung

Begleitforschung dient der Wissenschaftsreflexion aus der Zoom-Perspektive. Dabei schauen Wissenschaftsforscher den empirischen Wissenschaftlern gleichsam direkt über die Schulter und analysieren methodologische und ethische Probleme, die in diesem Zusammenhang auftauchen. Obwohl Wissenschaftsforscher weit weniger mit den Einzelheiten der Untersuchungen vertraut sind als die betreffenden Wissenschaftler, können sie eine neue Perspektive entwickeln, indem sie andere, ähnlich gelagerte Fälle hinzuziehen und die historische Entwicklung dieser analogen Fälle betrachten.

Methodologische Begleitforschung zielt auf zwei Aspekte. Erstens die Rekonstruktion der Argumentationsstruktur. Dabei wird herausgearbeitet, welche Prämissen der Untersuchung zugrunde liegen (und was entsprechend vorausgesetzt wird) und auf welche Ziele die Untersuchung gerichtet ist. Die Komplexität der einschlägigen Zusammenhänge macht dies zu einer nicht-trivialen Aufgabe. Zweitens geht es um die Analyse der Prüf- und Bestätigungsverfahren. Von zentraler Bedeutung ist dabei der Umstand, dass zum Teil gegensätzlich angelegte Modelle den Daten in etwa gleichem Umfang gerecht werden. In beiderlei Hinsicht ist das Ziel, die Transparenz der Argumentation zu erhöhen und herauszupräparieren, welche Aussagen aus welchen Voraussetzungen wirklich folgen.

Ein Forschungsgegenstand ist die Klimaforschung, deren Experimental- und Modellierungsanstrengungen genauer untersucht werden. Daneben liefert das I²SoS wissenschaftsreflexive Beiträge zu Forschungsschwerpunkten der Universität. Im Schwerpunkt "Interactive Intelligent Systems" widmet sich das I²SoS den gesellschaftlichen Auswirkungen oder der gesellschaftlichen Akzeptanz einer Robotisierung von Lebensbereichen. Dabei ist insbesondere der Pflegebereich und damit die medizinische Ethik von Relevanz. Im Forschungsschwerpunkt "Molecular and Nano Sciences" geht es insbesondere um die Analyse der Verschränkung von Wissen und Können, das für die sog. technologischen Wissenschaften kennzeichnend ist.

Bibliometrie und Forschungskommunikation

Die Bibliometrie stellt Verfahren dafür bereit, Kommunikationsprozesse in der wissenschaftlichen Gemeinschaft empirisch zu verfolgen. Sie macht es möglich, Cluster von Wechselbeziehungen zu identifizieren. Eine der Fragen, denen in diesem Zusammenhang nachgegangen wird, betrifft die Intensität der Kommunikationsprozesse zwischen stärker erkenntnisorientierten und stärker anwendungsorientierten Bereichen. Eine oft geäußerte Erwartung lautet, dass die Grundlagenfor-schung ein Reservoir von Einsichten und Ideen für innovative anwendungsorientierte Forschung bereitstellt. Ebenso findet sich die Behauptung, dass anwendungsorientierte Erkenntnisse unter Umständen Herausforderungen für die Grundlagenforschung aufwerfen und diese entsprechend befruchten. Solche Thesen lassen sich anhand bibliometrischer Daten untersuchen.

Ein zweiter Themenbereich betrifft die Wirkungen von bibliometrisch angeleiteten Evaluationsregimen. In vielen Disziplinen werden die Forschungsleistungen einzelner Wissenschaftler, aber auch ganzer Institute mithilfe solcher Methoden beurteilt. Es wird vermutet, dass solche Evaluationsregime epistemisch relevante Einflüsse auf die Fachgemeinschaften ausüben. Zum Beispiel erhöhen sie die Konkurrenz innerhalb der Disziplinen und induzieren unter Umständen Änderungen im Publikationsprofil (Primat von Zeitschriften und Aufgabe des Buchs als Medium der Forschung, Aufsplitterung von Ergebnissen auf möglichst viele Beiträge). Die Bibliometrie erlaubt es, solche Annahmen zu überprüfen und dadurch einen Zusammenhang zwischen epistemischen und sozialen Charakteristika der Fachgemeinschaft herzustellen.