Monarchie der Hoefe
 
 

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Eine Monarchie der Höfe.
Der vizekönigliche Hof als politischer Kommunikationsraum in der spanischen Monarchie (16.-17. Jahrhundert)
Una monarquía de cortes.
La corte virreinal como espacio de comunicación política en la Monarquía Hispánica (siglos XVI y XVII)

 

1. Thema
Die Bielefelder Tagung soll die politische Bedeutung des Vizeköniglichen Hofes in der Herrschaftsordnung der Monarchie der spanischen Habsburger vergleichend untersuchen. Die Absicht zur Organisation der Tagung erwächst aus dem Thema meiner im Herbst 2001 an der Universität zu Köln eingereichten Habilitationsschrift "Konsens und Konflikt in der Spanischen Monarchie (1621-1643). Die vizeköniglichen Höfe in Valencia, Neapel und Mexiko und die Reformpolitik des Conde-Duque de Olivares". Die Tagung schließt darüber hinaus inhaltlich an ein Symposium zum Thema "Poder y sociedad: cortes virreinales en la América hispánica, siglos XVI, XVII y XVIII" an, das ich mit meiner spanischen Kollegin Pilar Latasa im September 1999 im Rahmen des XII Congreso Internacional de la Asociación de Historiadores Latinoamericanistas Europeos (AHILA) in Porto organisiert habe. Schließlich soll die Tagung theoretische und methodische Perspektiven der neueren Politikforschung und insbesondere des Bielefelder SFB 584 "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte" aufgreifen, an dessen Kolloquium ich seit meiner Lehrstuhlvertretung im Sommersemester 2002 teilnehme. Konzeptuelle Überlegungen zur Thematik der Tagung habe ich zudem im Wintersemester 2002/3 im Bielefelder Forschungskolloquium zur Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit vorgestellt.
Das Symposium geht von der These aus, dass der vizekönigliche Hof eine der zentralen Arenen des Politischen in der Spanischen Monarchie darstellt. Jüngere Studien haben die komplexe politische Struktur der "zusammengesetzten Monarchie" (Koenigsberger) der spanischen Habsburger betont und im Kontext der internationalen Forschung zur europäischen Frühneuzeit das lange Zeit gültige Absolutismus-Paradigma zurückgewiesen bzw. relativiert. Die Spanische Monarchie behielt im Rahmen ihrer Ausdehnung in Europa und Übersee seit der kastilisch-aragonesischen Kronunion im späten 15. Jahrhundert bis zum Ende der Herrschaft der spanischen Habsburger im Jahr 1700 einen deutlich "föderalen" Charakter, der seinen sinnfälligsten Ausdruck in der Kontinuität lokaler und reichsweiter Rechtsnormen und -bräuche sowie historisch-politischer Identitäten fand. Die Krone konnte mit den ihr zur Verfügung stehenden finanziellen und militärischen Machtmitteln keine umfassend zentralistisch organisierte Herrschaft über das spanische Weltreich ausüben. Daher blieb sie auf die Bewahrung eines Interessenausgleichs angewiesen, der die am Königshof und in den verschiedenen Reichen in die Herrschaftsordnung integrierten politischen Akteure einschloss. Der Fürstenhof gilt heute in der Forschung als zentraler Ort sozialer und politischer Integration der frühneuzeitlichen Monarchien, als "jener topographische, soziale und kulturelle Raum, der den Ort des königlichen 'Hofhaltens' bildet - in seiner Funktion als Forum politischer Entscheidungen und Auseinandersetzungen, als Markt für Ämter, Privi-legien und andere von der Krone zu vergebende Vorteile und Marktchancen, als Szene fürstlicher Repräsentation und vor allem als 'point of contact' zwischen dem Herr-scher und seinen Untertanen" (Asch).
Die jüngere Forschung hat damit das von Elias auf seine Funktion als "absolutistisches Herrschaftsinstrument" zugespitzte Modell des Fürstenhofes und seines Zeremoniells differenziert und den Blick auf die verschiedene Akteure, Strategien und Medien verbindende Aushandlung sozialer und politischer Interessen sowie die konkurrierenden symbolischen und zeremoniellen Repräsentationen erweitert (Winterling, Asch, Mörke, Paravicini). Diese Ansätze der neueren Hof- und Politikforschung aufgreifend muss der Hof folglich als ein Ort des Aushandelns "kollektiv bindender Entscheidungen" und der Repräsentation der darin involvierten Akteure gefasst werden. Das höfische Zeremoniell diente dabei nicht nur der Abbildung, sondern ebenso und vor allem der Herstellung sozialer und politischer Verbindlichkeiten (Frevert). Im Sinne des Bielefelder SFB 584 soll der Hof als politischer Raum gefasst werden, der durch spezifische Repräsentationen, Legitimationsformen und Kommunikationsstile charakterisiert ist, die sich in verschiedenen Praktiken, Diskursen und Symbolen ausdrücken. Politisches Handeln am und im Umkreis des Hofes trägt in besonderem Maße einen symbolischen, repräsentativen und inszenatorischen Charakter. Der Hof ist somit als sozialer und politischer Raum mit eigenen Spielregeln, Verfahrensordnungen, institutionellen Arrangements und Legitimationen zu fassen, in dem unterschiedliche Akteure interagieren sowie Machtverhältnisse präsentiert und repräsentiert werden. In der Spanischen Monarchie war der Königshof in Madrid allerdings angesichts der enormen geographischen Ausdehnung und "föderalen" Struktur des spanischen Weltreiches nur in begrenztem Maße in der Lage, die Interessen der Monarchie und ihrer Territorien angemessen zu repräsentieren und die einzelnen Provinzen und Reiche in die Monarchie zu integrieren. Aus diesem Grunde weiteten die spanischen Habsburger im 16. Jahrhundert die in den Territorien der mittelalterlichen Krone von Aragonien bereits verbreitete Institution des königlichen Statthalters und Vizekönigs auf die hinzugewonnenen italienischen und amerikanischen Territorien aus.
Dem Vizekönig und dem vizeköniglichen Hof kam fortan eine zentrale Bedeutung für die Kommunikation und die Aushandlung monarchischer und territorialer Interessen innerhalb der Spanische Monarchie zu. Umso erstaunlicher ist es, dass der vizekönigliche Hof bislang in der Forschung zur Spanischen Monarchie ein weitgehend vernachlässigtes Thema geblieben ist. Allgemeine Informationen zum vizeköniglichen Hof sind aus den thematisch breiter angelegten Monographien über die verschiedene Reiche und Provinzen der Spanischen Monarchie sowie über die in ihnen agierenden Vizekönige zu entnehmen. Die Erforschung des Vizekönigtums ist allerdings bislang vornehmlich rechts- und institutionengeschichtlich geprägt oder widmet sich, bislang vornehmlich für das 16. Jahrhundert, der Persönlichkeit und Amtstätigkeit einzelner Vizekönige.
Im Rahmen der Kunstgeschichte sowie durch die jüngere kulturgeschichtliche Er-weiterung der politischen und Sozialgeschichte lässt sich jedoch in den letzten Jahren eine zunehmende Anzahl von Arbeiten heranziehen, die sich mit verschiedenen Orten und Formen der Repräsentation der monarchischen Herrschaft be-schäftigen, ohne allerdings den vizeköniglichen Hof selbst als Forschungsgegenstand und Konzept in den Vordergrund zu stellen.
Der Vizekönig war Repräsentant der Person des Königs und höchster königlicher Beamter in dem ihm überantworteten Reich, wo er eine vom König delegierte zeitlich, räumlich und sachlich begrenzte Macht ausübte. Darüber hinaus verfügte er über einen Teil der königlichen Patronage. Der Vizekönig residierte in einem repräsentativen Königspalast und war von einem Hofstaat umgeben, dem neben seiner Familie und persönlichen entourage die festen Palastangestellten sowie die in der Regel nicht im Palast wohnenden königlichen Beamten angehörten. Die vizekönigliche Hofhaltung im Königspalast und das Auftreten des Vizekönigs in der Öffentlichkeit seiner Residenzstadt waren durch verschiedene Formen des Zeremoniells und der Prachtentfaltung geprägt, in denen der Vizekönig als alter ego des Monarchen im Mittelpunkt stand.
Während die Vizekönige bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts über besonders umfassende Vollmachten und ein hohes Maß der Eigenverantwortlichkeit verfügten, wurde ihre Macht in der Folgezeit zugunsten verschiedener spezialisierter Behörden und Fachbeamten eingeschränkt. Bis zum frühen 17. Jahrhundert konzentrierten sich die politischen Kompetenzen der Vizekönige schließlich auf beratende, interpretierende, vermittelnde und ausführende Funktionen.
Der Vizekönig agierte somit im Schnittpunkt verschiedener, am Königshof und in seinem Reich vertretener sozialer und politischer Interessen und Repräsentationen. Angesichts seiner fehlenden Souveränität war er bei der Umsetzung politischer Entscheidungen und des Zeremoniells grundsätzlich auf einen Ausgleich mit und zwischen den verschiedenen sozialen und politischen Akteuren angewiesen. Der vizekönigliche Hof erweist sich somit nicht nur als eine zentrale Arena des Politischen in der Spanischen Monarchie, sondern auch als besonders geeigneter Zugang zum Verständnis der komplexen politischen Struktur und Praxis der Monarchie insgesamt.
Das von Pilar Latasa und mir im Rahmen des AHILA-Kongresses von 1999 in Porto organisierte Symposium hat bereits einige Aspekte der rechtlich-institutionellen Ordnung und politischen Kommunikation am und im Umkreis des vizeköniglichen Hofes im spanischen Amerika vorgestellt und diskutiert (Symbolik und Zeremoniell, Haushaltsorganisation, Patronageformen, Jurisdiktionsstreitigkeiten). Diese Ansätze sollen nun ausgebaut und unter Einschluss der iberischen, der übrigen europäischen und der asiatischen Territorien der Spanischen Monarchie erweitert und verglichen werden. Dabei sollen auch die Höfe der spanischen Gouverneure in Mailand und Brüssel mit in die vergleichende Untersuchung einbezogen werden.

2. Inhaltliche Anlage der Tagung
Für den konkreten inhaltlichen Ablauf ist vorgesehen, verschiedene Fachkollegen zu einem empirisch-historisch gestützten Vortrag zum Vizeköniglichen Hof bzw. dem Hof des Generalgouverneurs einer konkreten Stadt der iberischen, europäischen, amerikanischen und asiatischen Territorien der Spanischen Monarchie einzuladen. Die verschiedenen Beiträge sollen dabei aus einer vergleichenden Perspektive auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin diskutiert werden. Die Auswahl der Städte und der jeweils ausgewiesenen Forscher erfolgt anhand der aktuellen Bibliographie. Die Liste der Vortragenden wird durch einige Sektionsleiter und Diskussionsteilnehmer ergänzt, die als ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der Geschichte der Spanischen Monarchie zu einer Vertiefung der Diskussion über die vergleichenden Aspekte des Themas beitragen sollen.
Um die Vorträge und die Diskussion auf die vorgestellten allgemeinen Überlegungen hin zu fokussieren, sollen auf der Tagung insbesondere die folgenden Aspekte synchronisch und diachronisch behandelt werden:

a) Der Hof als Ort der sozialen und politischen Repräsentation
  • Der Palast der Vizekönige bzw. Gouverneure als architektonisch, symbolisch und zeremoniell strukturierter politischer Raum
  • Der Vizekönig bzw. Gouverneur als Repräsentant des Monarchen sowie seines eigenen Standes und Hauses
  • Symbole und Zeremoniell als spezifische Formen politischer Kommunikation am und im Umkreis des Hofes
  • Konflikte um Symbole und Zeremoniell als Ausdruck sozialer und politischer Rang- und Deutungskämpfe im Palast des Vizekönigs bzw. Gouverneurs sowie in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen der Residenzstadt
b) Der Hof als Ort des Aushandelns und Herstellens politischer Verbindlichkeiten
  • Die Binnenstrukturen des Hofes als sozialer und politischer Raum (Institutionengefüge, Rechtsnormen und Traditionen)
  • Die sozialen und politischen Akteure am und im Umkreis des Hofes, ihre Anbindung an den Königshof in Madrid sowie die von den verschiedenen Akteuren benutzten Strategien, Semantiken und Medien der Kommunikation sozialer und politischer Geltungsansprüche
  • Jurisdiktionsstreitigkeiten als politische Praxis am und im Umkreis des Hofes

3. Nachbereitung der Tagung
Die Ergebnisse der Tagung sollen anschließend durch die Teilnehmer überarbeitet und in einem Sammelband veröffentlicht werden, dem der Veranstalter der Tagung eine Einleitung voranstellen wird, die zentrale Ergebnisse und weiterführende Fragen behandeln soll.

Programm Abstracts

Prof. Dr. Christian Büschges
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie
Arbeitsbereich Iberische und Lateinamerikanische Geschichte