Bergische Universität Wuppertal

FB 1 - Gesellschaftswissenschaften

WS 1999/2000

Fach: Sozialpsychologie

Seminar: Grundlagen der Sozialpsychologie II

Dozent: Dr. Andreas Zick

Thema des Referats: Sozialer Einfluß in Kleingruppen

Name des Referenten: Michael Schweinberger

Datum: 27.1.2000

Gliederung

1. Einleitung

2. Konformität

2.1 Majoritätseinfluß

Zwei klassische Experimente

Erklärungsversuche

Bedingungen des normativen/informativen Einflusses

2.2 Minoritätseinfluß

Die Macht einer konsistenten Minorität

Bedingungen, unter denen Konsistenz zu Einfluß führt

2.3 Majorität und Minorität: Prozesse, Effekte

Erklärungsansätze/vermittelnde Prozesse

Unterschiedliche Effekte von Majoritäts-/Minoritätseinfluß

3. Compliance

3.1 Diskurs über Bitt-stellen

3.2 Die Reziprozitätsnorm als Falle

3.3 Fallen-stellen: Strategien

3.4 Wenn Leute nein sagen

4. Entscheidungsprozesse in Gruppen

4.1 Gruppenpolarisierung

4.2 Erklärungsansätze zur Gruppenpolarisierung

4.3 Gruppendenken

5. Gehorsam: der soziale Einfluß von Autoritäten

5.1 Das Milgram-Experiment

5.2 Situative Determinanten von Gehorsam

5.3 Der fundamentale Attributionsfehler

5.4 Ursachen

5.5 Wenn Leute rebellieren

6. Fazit

Literaturverzeichnis

 

1. Einleitung

VORBEMERKUNG: Das vorliegende Dokument stellt lediglich ein Skript dar. Dieses Skript soll es den Seminarteilnehmern nur ermöglichen, den referierten Stoff noch einmal nachzulesen. Es diente der Referatsvorbereitung und ist nicht vollkommen akkurat überarbeitet worden. Daher ist es - auch wegen der verschiedenen Quellen, s. Literaturverzeichnis - nicht ganz homogen, und es wechseln sich Stichpunkte mit unvollständigen Sätzen und ausformulierten Aussagen ab.

ROUTE:

Konformität:

Majoritätseinfluß

Minoritätseinfluß

Minorität/Majorität: Prozesse, Effekte

Compliance

Entscheidungsprozesse in Gruppen:

Gruppenpolarisierung/-denken

Gehorsam: Milgram

EINORDNUNG:

Sozialpsychologie: Sozialer Einfluß gehört zur Sozialpsychologie, da diese sich mit dem Einfluß sozialer Faktoren auf Verhalten beschäftigt.

Seminar: Sozialer Einfluß gehört zum Thema "Soziale Gruppen/Gruppendynamik", da es sich um sozialen Einfluß in Gruppensituationen handelt.

DEFINITION:

"Sozialer Einfluß bezieht sich dabei auf eine Veränderung in Urteilen, Meinungen und Einstellungen eines Individuums als Ergebnis der Konfrontation mit den Urteilen, Meinungen und Einstellungen anderer Individuen" (Stroebe et. al. 1996, 504).

Sozialer Einfluß variiert nach dem Grad des Drucks, den er auf das Individuum ausübt. Menschen können (1) mit den Gruppennormen konform gehen oder ihre Unabhängigkeit behaupten, (2) einen Gefallen tun oder Nein-sagen, und (3) gehorchen oder sich den Befehlen einer Autorität widersetzen.

Konformität, Compliance und Gehorsam sind also drei Arten sozialen Einflusses, die in dem Grade variieren, in dem sie auf das Individuum Druck ausüben.

ABKÜRZUNGEN im folgendem:

MA = Majorität

MI = Minorität

VP bzw. VPN: Versuchsperson(en)

VL = Versuchsleiter

VG = Versuchsgruppe

2. Konformität

Konformität ist die Tendenz von Menschen, ihr Verhalten in Einklang mit den Gruppennormen zu bringen (frei übersetzt nach: Brehm et. al. 1999, 243).

Sonderform: Einschmeichelung (Ingratiation) bei Statushöheren.

2.1 Majoritätseinfluß

Zwei klassische Experimente

Sherif: autokinetischer Effekt

Frühes EXPERIMENT

zum sozialen Einfluß:

Muzafer Sherif (1935): "Thema": visuelle Wahrnehmung; autokinetischer Effekt: Ein real sich nicht bewegendes Licht scheint sich in Abwesenheit von Bezugspunkten in alle möglichen Richtungen zu bewegen, VPN nicht informiert. Aufgabe: Ausmaß der Lichtbewegung zu schätzen.

Sitzungen:

1

2

3

4

VG 1

A = alleine

G

G

G

VG 2

G = Gruppe

G

G

A

Ergebnis:

Fazit: Menschen entwickeln auch in unstrukturierten Reizsituationen stabilen inneren Bezugsrahmen, um Reize beurteilen zu können, geben diese aber in Gruppen (langfristig) zugunsten von Gruppennormen auf.

Die Überraschung des Solomon Asch

Sherif konfrontierte die VPN mit mehrdeutigen Reizsituationen: Sozialer Einfluß in diesem Fall ist noch wenig verwunderlich. Aber folgen Menschen auch offensichtlich falschen Urteilen anderer?

EXPERIMENT:

Asch (1951, 1956): Aufgabe: Beurteilung, welche der Vergleichslinien einer Grundlinie entspricht, dabei entsprach je 1 Vergleichslinie der Grundlinie:

Menschen folgen auch offensichtlich falschen Urteilen anderer.

Ähnliche Befunde aus vergleichbaren Experimenten: Forschungszweig mit vor allem drei Zielen:

Zumeist (in Replikationsstudien) verwendet: Crutchfield-Technik: VPN in abgetrennten Kabinen mit elektronischen Displays, auf denen ihnen die Reaktionen von (simulierten) Helfern des VL dargeboten werden.

Erklärungsversuche

Wenn Menschen in Gruppen einen Realitätsaspekt beurteilen sollen, haben sie zwei Interessen:

1) Zur richtigen Beurteilung gibt es zwei Informationsquellen:

In Konformitätssituationen stehen diese in Gegensatz zueinander und das Individuum muß zwischen o.g. Informationsquellen wählen: Wenn es sich für die soziale Realität entscheidet, unterliegt es dem Informationseinfluß.

2) Aufgrund der Abhängigkeit von anderen (z.B. bei der Bedürfnisbefriedigung) will das Individuum einen möglichst guten Eindruck machen. Mit dem Ausmaß positiver/negativer Sanktionierung von Verhalten geben Menschen konforme Urteile ab: normativer Einfluß.

Ebenen, auf der sich die Konformität auswirkt:

Änderung . . .

des beobachtbaren Verhaltens:

der privaten Meinung:

Normativer Einfluß:

Ja

Nein

Informationseinfluß:

Ja

Ja

Daher Unterscheidung: öffentliche/private Konformität.

Unterscheidungsmerkmal: anhaltende Dauer der geänderten Meinung bei VPN mit privater Konformität.

Vergleich der Experimente von Sherif und Asch:

Aufgabe:

Effekt:

Art der Konformität:

Sherif: mehrdeutige Reizsituation

Informationseinfluß

private Konformität

Asch: eindeutige Beurteilungen

normativer Einfluß

öffentliche Konformität

Bedingungen/Einflußgrößen des normativen/informativen Einflusses

Normativer Einfluß:

  Ausmaß, in dem die Mitglieder einer Gruppe voneinander abhängig sind (Wettbewerb, Belohnung)

  offener Vergleich von Gruppen hinsichtlich Kooperationsfähigkeit

2.2. Minoritätseinfluß

Die Macht einer konsistenten Minorität

Die MI hat keinen Zugang zu den Mitteln des normativen und des informativen Einflusses. Stattdessen:

Serge Moscovici (1976): Einfluß der MA: durch Zahl, MI: durch Verhaltensstil, dessen wichtigstes Element Konsistenz ist, d.h.: klare Positionen beziehen/verteidigen/Einfluß Majorität widersetzen:

EXPERIMENT zur Konsistenz:

Moscovici et. al. (1969): 6 VPN, davon je 2 Gehilfen des VL. Aufgabe: Farbe von (leuchtend blauen) Dias mit einer einfachen Farbbezeichnung beurteilen. Gruppen:

ERGEBNIS: bei "konsistenter MI": 32 % VPN nannten mindestens einmal "grün".

Zu Beachten weiterhin:

Mögliche Gründe für den Einfluß von Konsistenz (nach Brehm, Kassin & Fein 1999, 223; gehört genaugenommen zum nächsten Unterpunkt "Bedingungen, unter denen Konsistenz zu Einfluß führt"; dort werden aber im Anschluß an Stroebe et. al. eine Attributionserklärung versucht und weitere Punkte genannt):

Bedingungen, unter denen Konsistenz zu Einfluß führt

Attributionserklärung: Warum reagieren die so? Suche nach Attributionen für die Ursachen des Verhaltens.

Nach Harold Kelleys Kovarianzprinzip: Wenn ein Beobachter über Informationen aus mehreren Beobachtungen verfügt, findet das Kovarianzprinzip Anwendung: Ein Fremder X stürzt begeistert aus Kino. War es der Film (Stimulus), die Person (Fremder) oder waren es die Umstände (z.B. das vollklimatisierte Kino)?

Sind alle drei hoch: Stimulusattribution, ist nur die Konsistenz hoch: Personenattribution.

Demnach ist bei einer konsistenten MI zu erwarten, daß das Verhalten der MI individuellen Eigenschaften zugeschrieben wird (Personenattribution), weil andere/die Majorität nicht in der gleichen Weise handeln (niedriger Konsens) und das Verhalten der MI über die Zeit hinweg beständig ist (hohe Konsistenz).

Verstärkend:

Abschwächend:

2.3 Majorität und Minorität: Prozesse, Effekte

Erklärungsansätze/vermittelnde Prozesse

Frage: Welche Prozesse vermitteln jeweils den Einfluß der MIen auf MAen und umgekehrt? Einflußebenen?

Annahme: MIen werden emotional stark abgelehnt und üben deshalb vermutlich weniger öffentlichen Einfluß aus. Moscovicis (1980) Auffassung:

Latané u. Wolf (1981): Social-Impact-Theorie: Einfluß unabhängig von seiner Quelle (MI oder MA).

SOCIAL IMPACT = STÄRKE [Status, Macht, Sachkenntnis] x [räumliche/zeitliche] NÄHE x GRÖSSE [Anzahl] der Einflußquelle. Merkmal des Modells: Sozialer Einfluß als reziproker Prozeß, sowohl MI als auch MA kann aktive Einflußquelle sein. Eine MI hat demnach weniger Einfluß als eine MA, da

Anwendungsbeispiel: Nach der Social-Impact-Theorie nimmt ein Armeeoffizier in dem Maß Einfluß, in dem er stark (machtvolle Position), physisch nah und zahlreich ist (mit den anderen Mitgliedern der Institution im Rücken!), relativ zu seinen Untergegebenen.

Fazit: Einerseits kann die Social-Impact-Theorie nicht die Prozesse erklären, die zu sozialem Einfluß führen, andererseits lassen sich aber Voraussagen machen, wann sozialer Einfluß auftritt. Ferner kann "Unmittelbarkeit" nicht strikt definiert werden.

Einflußebenen von MA&MI:

Unterschiedliche Effekte von Majoritäts-/Minoritätseinfluß

Nemeths (1986) erweiterte Definition von sozialem Einfluß: Sozialer Einfluß = (def.) als jegliche Veränderung in den Denkprozessen/Meinungen von Menschen unabhängig von der Richtung der Veränderung. Demnach: MI mehr kognitive Anstrengungen/andere Denkprozesse als MA, diese nicht positionsrelevant, sondern themenrelevant: Anstoß zum Nachdenken über die von MI dargebotenen und weitere Alternativen. Folge:

EXPERIMENT dazu: Mucchi-Faina et. al. (1991), Universität Perugia: Aufgabe: Studenten sollten das Ausmaß der Zustimmung für die Vorschläge anderer Studenten zur Förderung des internationalen Rufes von Perugia angeben und eigene Vorschläge machen. Dabei wurde ein Vorschlag als von der MA, ein anderer als von der MI der VPN stammend vorgestellt (Vorschläge: konventionell oder unkonventionell).

ERGEBNIS: MAsvorschläge riefen ein höheres Maß an Zustimmung hervor, aber die VPN in der Bedingung

  1. originelle MI/konventionelle MA erarbeiteten mehr orginelle ( originellere/unterschiedlichere/öfter einzigartige) Vorschläge als die VPN in
  2. konventionelle MI/ originelle MA.

Allgemein: MIsperspektiven einen positiven Beitrag zur Kreativität.

3. Compliance

Einwilligung, Befolgung, Willfährigkeit; frei übersetzt: Wie kann ich eine Person dazu bringen, daß sie mir eine Gefälligkeit erweist, mir Waren abkauft usw.? Mit Compliance werden also Änderungen des Verhaltens bezeichnet, die durch direkte Bitten/Hilfeersuchen usw. hervorgerufen wurden.

3.1 Diskurs über Bitt-stellen

Menschen folgen Bitten eher, wenn sie überrascht werden (fast-talker Eddie Murphy) und wenn das Ersuchen sich vernünftig anhört, selbst wenn letztere keinen richtigen Grund für Compliance bietet.

3.2 Die Reziprozitätsnorm als Falle

Wir folgen Bitten oft, wenn wir uns verpflichtet fühlen, weil der Bittsteller uns einen Gefallen getan hat. Menschen differenzieren zwischen der Benutzung der Reziprozitätsnorm für persönliche Ziele und der Vorsicht vor dem selbst-in-die Falle-gehen.

3.3 Fallen-stellen: Strategien

Robert Cialdini (1993):

Abändern der Bitte:

Technik:

Beschreibung:

 

von klein zu groß

Foot in the door

Beginnen Sie mit einer sehr kleinen Bitte; Zustimmung sichern; dann eine größere Bitte machen.

Low-balling

Sichern Sie Zustimmung für eine Bitte, und erhöhen Sie dann die Größe dieser Bitte, indem Sie versteckte Kosten aufzeigen.

 

von groß zu klein

Door in the face

Beginnen Sie mit einer sehr großen Bitte, die abgelehnt werden wird; dann lassen Sie eine bescheidenere Bitte folgen.

That`s not all

Beginnen Sie mit einer etwas überzogenen Bitte; dann senken Sie sofort die offenbare Größe dieser Bitte, indem Sie Preisnachlaß oder einen Bonus anbieten.

3.4 Selbstbehauptung: Wenn Leute nein sagen

Vielen Leuten fällt es schwer, sich zu behaupten, "nein" zu sagen. Es zu tun, erfordert Wachsamkeit und daß wir erkennen, welchem Zweck solche Fallen dienen.

4. Entscheidungsprozesse in Gruppen

Wie unterscheiden sich die Entscheidungsprozesse in Gruppen von denen in Individuen?

4.1 Gruppenpolarisierung

Wie kann sich Gruppendiskussion auf die Entscheidungen der Gruppe auswirken?

Gruppenpolarisierung: Wenn Individuen mit ähnlichen Meinungen an einer Gruppendiskussion teilnehmen, werden ihre Meinungen extremer.

EXPERIMENT:

Moscovici u. Zavalloni (1969):

1. Französische Schüler sollten Einstellungen zu De Gaulle oder Nordamerikanern privat aufschreiben.

2. In Gruppen Konsens zu jedem Item herstellen/Diskussion.

3. Privates Einstellungsurteil.

ERGEBNIS: Die VPN wurden in ihren Einstellungen extremer.

4.2 Erklärungsansätze zur Gruppenpolarisierung

4.3 Gruppendenken

Gruppendenken ist eine extreme Form der Gruppenpolarisierung.

Entstehung: Wenn in einer

das Streben nach Konsens den Entscheidungsprozeß derart dominiert, daß die Wahrnehmung der Realität beeinträchtigt wird, entsteht möglicherweise Gruppendenken.

Begünstigende Variablen:

Bsp.: Schweinebuchtinvasion 1961. Kennedy/Berater: Entsendung kleiner Gruppe von Exilkubanern zu Invasion der kubanischen Küste: Fehlschlag.

5. Gehorsam: der soziale Einfluß von Autoritäten

Gehorsam wird im Anschluß an Brehm et. al. definiert als eine Verhaltensänderung, die durch die Befehle einer Autorität hervorgerufen wird.

5.1 Das Milgram-Experiment

Merkmale der bisherigen Phänomene:

  1. Einflußquellen/ Zielpersonen: gleicher Status
  2. Druck der Einflußquelle: eher implizit als explizit.
  3. Keine Androhung von Sanktionen im Falle von Widerstand

Eine andere Art der Einflußnahme liegt vor, wenn ...

  1. Einflußquelle: hoher Status
  2. Befehl, ungewolltes Verhalten auszuführen
  3. Kontinuierliche Kontrolle über Befehlsausführung

Derart: Stanley Milgrams in "Obedience to Authority" (1974) beschriebenen . . .

EXPERIMENTE zum Gehorsam:

VPN: per Zeitungsannonce gesucht, Bezahlung 4 $, Alter: 20-50, Beruf: große Streuung.

"Thema": Auswirkung von Bestrafung auf Lernen.

Situation: "Biologielehrer" (VL), "Schüler" (Gehilfe), "Auslosung", Elektroden an Handgelenken des Schülers (Erläuterung: Stromstöße äußerst schmerzvoll, aber ohne dauerhaften Schaden), Lehrer (echte VP) in seperatem Raum mit Schockgenerator (30 Knöpfe, 15-450 V, semantisch verdeutlichte Spannungshöhen wie "mittlerer Schock" oder "Gefahr: höchster Schock"), Probeschock für Lehrer (45 V).

Instruktion: Paarassoziationsaufgabe (Auswendiglernen einer Liste von Wortpaaren); falsche Antwort: 15 V plus 15 weitere Volt für jeden weiteren Fehler.

Verlauf: "Schüler": machte viele Fehler, Folge: immer stärkere Stromstöße, bei jedem Zaudern des Lehrers drängte der VL mit 4 abgestuften Befehlen zum Weitermachen: von "Bitte machen Sie weiter" bis "Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen". Zusätzlich Appelle des Schülers: Stöhnen, Rufen: schmerzhaft, Schreien, Verweigerung: die VP mußte aber weitermachen, weil "keine Antwort eine falsche Antwort ist". Ende des Experiments: Wenn die VP sich trotzdem weigerte, weiterzumachen oder 3 Stromstöße der höchsten Stufe (450 V) verabreicht hatte.

ERGEBNIS: 62,5 % der VPN gingen bis zu Stromstößen der höchsten Ebene, Mittelwert 368 V. Die Autorität eines Wissenschaftlers ohne Sanktionen/Waffe reichte aus, um innere (Gewissen)/ äußere Kräfte (Schreie) zu beschwichtigen. Frage: Waren Milgrams VPN "von Natur aus böse"? Alles spricht dagegen: 1. Anspannung (Nervosität, Faustballen) der VP, 2. Kontrollbedingung (Schockniveau selbst bestimmen): 70 % der VPN gingen nicht über 75 V/nur 5 % über 150 V. Ihr Verhalten wurde durch starke situative Faktoren verursacht.

5.2 Situative Determinanten von Gehorsam

Um den Unterschied verschiedener situativer Faktoren zu untersuchen, variierte Milgram . . .

    1. Telefonisch: Maximaler Gehorsam 21 % (einige VPN: telefonisch Übertreibung).
    2. Räumliche Umgebung (Yale University vs. heruntergekommenes Bürogebäude): n.s. (= nicht signifikant)
    3. Versprechen ("herzleidender" Schüler: Teilnahme nur nach Versprechen, jederzeit herausgelassen zu werden; ab 150 V verlangte er dies): Maximaler Gehorsam verringerte sich (nur) um 10 %.
    4. Abwesenheit des VL (VL verließ den Raum, übertrug Autorität auf eine 2. VP, die zunächst nur die Reaktionszeiten des Schülers hätte aufzeichnen sollen): Diese hatte scheinbar - alleine - die Idee, mit jedem Fehler höheren Stromstoß zu geben, und bestand auf der Ausführung des Befehls: Maximaler Gehorsam nur 20 %. Wollte bei Verweigerung der 1. VP die 2. VP die Stromstöße selbst verabreichen: griffen einige die 2. VP körperlich an oder zogen den Stecker aus der Dose (bei Wissenschaftler anwesend: niemand).
    5. Das Verhalten von "Kollegen" der VPN (2 Gehilfen: der 1. stellte die Aufgabe, der 2. registrierte die Reaktionen des Schülers. In "nicht gehorsame andere Teilnehmer anwesend" stieg bei 150 V der 1., bei 210 V der 2. Gehilfe aus. In "gehorsame andere Teilnehmer anwesend" war die die Lernaufgaben stellende VP von einem "co-teacher", der die Stromstöße verabreichte, begleitet.):

ERGEBNIS: Der Einfluß wirkte nur implizit (durch Verhalten), die Versuchsteilnehmer hatten nie miteinander gesprochen! Das Verhalten Gleichgestellter macht einen Unterschied von 10-92 % von Gehorsam aus: herausragende Rolle interpersonaler im Gegensatz zu intrapersonalen Faktoren.

Weiteres Experiment zu "Autoritäten": Hofling et. al. (1966) gaben sich am Telefon als Doktoren aus und erteilten Krankenschwestern unvernünftige Anweisungen (Verabreichen eines unüblichen Medikaments in zu hoher Dosis mit u.U. schädlichen Wirkungen an einen bestimmten Patienten). 21 von 22 Krankenschwestern mußten letztlich davon abgehalten werden, das Medikament tatsächlich zu verabreichen.

5.3 Der fundamentale Attributionsfehler

Umfrage unter Menschen aus allen Lebensbereichen: Alle unterschätzten das Ausmaß an Gehorsam: FUNDAMENTALER ATTRIBUTIONSFEHLER: Tendenz zur Unterschätzung situativer und Überschätzung persönlicher Faktoren. Persönliche Faktoren haben jedoch geringen Einfluß: kaum Unterschiede in Bezug auf Geschlecht, Beruf, Persönlichkeitsmerkmalen, sogar hinsichtlich verschiedenen Ländern/Kulturen: Allgemeinheit des Phänomens.

Auch heute noch Replikationsstudien: die Holländer Wim Meeus u. Quinten Raaijmakers (1995) ließen die VPN statt physischen psychologische "Attacken" verabreichen. Den VPN war im Labor ein Gehilfe vorgestellt worden, der im Rahmen eines Bewerbungsgespräches einen Test absolvieren sollte, welcher über Job/Nicht-Job entscheiden sollte. Angeblich ohne das Wissen des "Bewerbers" wolle der VL die Fähigkeit, unter Streß zu arbeiten, untersuchen. Aufgabe war, dem Berwerber (im anderen Raum über ein Mikrophon) verschiedene Testfragen vorzulesen und den Bewerber mit einer eskalierenden Serie von negativen Bemerkungen zu stressen, z.B. mit "Wenn Sie so weiter machen, werden Sie den Test nicht bestehen". Im Verlauf des Tests protestierte der Bewerber, bat um Abbruch, weigerte sich dann, die Beschimpfungen zu tolerieren und verfiel evtl. in einen Zustand der Verzweiflung. Sichtbare Zeichen von Anspannung zeigend, schwankte der Bewerber in seinem Auftreten und versagte. ERGEBNIS: 92 % der VPN, männliche wie weibliche, gehorchten bei Anwesenheit des VL und "verabreichten" die insgesamt 15 stressverursachende Bemerkungen, bei Abwesenheit des VL (Kontrollgruppe) verabreichte keine einzige VP alle 15.

5.4 Ursachen

Milgram:

  1. Positive Erfahrungen (Belohnung für Gehorsam, Vertrauenswürdigkeit, Legalität)
  2. Schrittweise Eskalation von immer extremer werdenden Verhaltensweisen.
  3. "Handlungsverschiebung": "Ich bin nicht verantwortlich, ich wurde angewiesen, es so zu tun!" (Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse).

In diesem Zusammenhang haben Adorno et. al. die F(aschismus)-Skala entwickelt, um Individuen mit einer "autoritären Persönlichkeit" zu identifizieren. Sie fanden heraus, daß Personen mit hohen F-Werten rigide, dogmatisch, sexuell frustriert, ethnozentrisch, intolerant gegenüber Andersdenkenden und straf-/racheorientiert sind. Sie sind gegenüber Autoritäten unterwürfig und aggressiv gegenüber Untergegebenen. Tatsächlich sind Leute mit hohen F-Werten eher dazu bereit als Leute mit niedrigen F-Werten, hohe E-Schocks in "Milgram-Experimenten" zu verabreichen (Elms & Milgram 1966).

Frage der Ethik: Kosten/mögliche Schäden teilnehmender VPN durch wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt rechtfertigbar?

5.5 Wenn Leute rebellieren

Sozialer Einfluß kann nicht nur zu Gehorsam, sondern auch zu Rebellion führen, weil Gruppen schwieriger zu kontrollieren sind als Individuen. William Gamson et. al. (1982): angebliche Diskussion über "Gemeinschaftsregeln" in einem "Marktforschungsinstitut" in Gruppen zu je 9 VPN, auf Video aufgenommen für einen großen Ölkonzern, der gerade den Geschäftsführer einer örtlichen Tankstelle verklagte, der sich gegen höhere Benzinpreise ausgesprochen hatte. Nach der Schilderung des Falls schlugen sich die meisten VPN auf die Seite des Geschäftsführers. Haken: Um den Fall zu gewinnen, sollte nach dem Willen der Ölfirma jedes Gruppenmitglied vor der Kamera den Standpunkt des Konzerns vertreten und eine Vollmacht unterschreiben, die die Verwendung der Videos vor Gericht erlaubte. ERGEBNIS: Nur 1 von 33 Gruppen folgte allen Anweisungen, die anderen weigerten sich oder wollten sogar gegen den Konzern vorgehen. Unterschied: Milgram: Einzelpersonen, Gamson: Gruppen

6. Fazit

Die Phänomene sozialen Einflusses sind meist nicht ein Resultat bewußter Entscheidungen. Häufig verneinten die Versuchsteilnehmer (außer Milgrams) kategorisch, beeinflußt worden zu sein. Die Prozesse wirken nicht auf bewußter Ebene: Erst kommt das Verhalten und dann die Gedanken.

Literaturverzeichnis

Der Stoff ist großenteils entnommen aus:

Stroebe, W., Hewstone, M. & Stephenson, G. M. (Hrsg.)(1996). Sozialpsychologie: Eine Einführung (3., erw. u. überarb. Aufl.). Heidelberg: Springer, 503-544.

Ergänzend:

Brehm, S. S., Kassin, S. M. & Fein, S. (1999). Social psychology (4th. ed.). Boston: Houghton Mifflin.