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Schwerpunktbeschreibung
Mit der Entwicklung biomedizinischer Techniken vollzieht sich heute ein erneuter technologischer Innovationsschub in der Medizin, der sowohl die Forschung als auch die Versorgung betrifft. Er geht einher mit Veränderungen in der Alltagspraxis, im Verhältnis von Ärzten bzw. Ärztinnen und Patienten/Patientinnen und in den gesellschaftlichen Deutungsmustern von Gesundheit, Krankheit, Körperlichkeit, Subjektivität und Verantwortung. Dabei entstehen neue gesellschaftliche Diskurse, die selbst solche Deutungsmuster erst schaffen; hier werden die Legitimationen und Leitbilder für Technologieschübe in der gesellschaftlichen Kommunikation erzeugt und erprobt.
Ausgehend von diesem komplexen Wechselspiel zwischen technologischer Innovation und gesellschaftlicher Legitimation, das durch Ursache-Wirkungs-Beziehungen in beiden Richtungen gekennzeichnet ist, nimmt der Promotionsschwerpunkt beide Aspekte dieses Wechselwirkungsverhältnisses in den Blick. Soziale Deutungsmuster und Technologien, so die These, entstehen in enger sozialer Koproduktion und können daher nicht losgelöst von einander betrachtet werden.
Aus dieser Wechselwirkung zwischen Technikinnovation und sozialen Deutungsprozessen entstehen sowohl ethische Problemlagen, als auch Fragen der politischen und rechtlichen Regulierung im Kontext von Technikgenese und Technikfolgen. Diese weitreichenden und zukunftsrelevanten Fragen stehen vor dem Hintergrund einer elaborierten ethischen Debatte einerseits und einer ausdifferenzierten interdisziplinären Wissenschafts- und Technikforschung andererseits.
Der Promotionsschwerpunkt knüpft an diese beiden etablierten Traditionen an und führt sie unter Berücksichtigung der neuen Problemlagen in der biomedizinischen Entwicklung weiter. Er basiert auf der Beobachtung, dass die neuen Techniken zunehmend in den medizinischen Alltag hineindiffundieren, und auf der darauf aufbauenden Hypothese, dass dadurch ganz neue Fragen jenseits der breit diskutierten ethischen Problemlagen aufgeworfen werden die sowohl aus theoretischer als auch empirischer Perspektive einer wissenschaftlichen Analyse und Bearbeitung bedürfen. Der Focus des PSP liegt dabei auf dem empirischen Zugang zu solchen zunächst vielleicht kleinformatig erscheinenden, möglicherweise aber sehr weit reichenden Veränderungen der medizinischen und gesellschaftlichen Praxis.
Fünf mögliche Themenfelder für Dissertationsprojekte ergeben sich aus diesem Zugang:
Der Schwerpunkt bearbeitet diese Fragenkomplexe in eng vernetzter ? tendenziell nach dem Modell eines Graduiertenkollegs organisierter ? Kooperation zwischen den Promovenden unter kontinuierlicher Beteiligung der Betreuer. Im skizzierten Themenbereich sind viele Arbeitsfelder für Dissertationsvorhaben denkbar. Die folgende Themenliste bietet nur einige Anhaltspunkte:
• Wissenssoziologische Rekonstruktion genetisch definierter Krankheitsbilder
• Genetisierung bw. Biologisierung von Krankheiten und deren Deutungen in der Praxis
• Konvergenz elektronischer Datenverarbeitung und avancierter Genomanalyse (Gen-Chips und Biobanken)
• Implikationen neuer systembiologischer Krankheitskonzepte und Behandlungsansätze in der Medizin
• Entgrenzung von Gesundheit und Krankheit: Auswirkungen auf das Gesundheitswesen
• Biopolitik: Selbstdisziplinierung und Entstehung neuer Verantwortlichkeiten
• Herausbildung neuer Körper- und Selbstkonzepte
• Folgen von Enhancement- und Lifestyle-Medizin
• Legitimation biomedizinischer Praxis in öffentlichen Diskursen
• Öffentliche Debatten und Regulierung der Biomedizin
• Gemeinwohl und Individualinteresse in öffentlichen Debatten über Biomedizin
• Vorsorge und Überwachung: Legitimationsmuster von public health genetics
• Biomedizin und „Technokratisierung“ ärztlichen Handelns
• Verwissenschaftlichung biomedizinischen Diagnose- und Therapieansätze und technokratisches Bild des Patienten
• Medizinische Professionalisierung in der universitären Ausbildung
• Professionalität und Institutionen des Gesundheitssystems
• Institutionelle Rahmenbedingungen medizinischen Handelns
• Verfügbarkeit der Angebote, allgemeiner und gleicher Zugang zu ärztlichen Leistungen
• „Individualisierte“ Medizin; Implikationen für Theorie und Praxis der Medizin
• Medikalisierung, Individualisierung und ökonomisch bedingte Ungleichheiten
• Medizinische Angebote und globale Ungleichheit
• Privatisierung und Internationalisierung (gen-)diagnostischer Leistungen
• Implikationen prädiktiver (genetischer) Untersuchungen und Risikoprognose
• Folgen der Biomedizin für staatliche Gesundheitspolitik und für die Sozialversicherungssysteme
• Fragen des Rechts auf (Nicht-) Wissen, der informierten Wahl der Behandlungsmethode, der Sicherstellung adäquater Formen der genetischen Beratung bzw. individuellen Risikokommunikation
• Rolle der sozialen Umgebung der Patienten (Familiensysteme als Entscheidungsträger) und deren rechtlich-normative Konsequenzen
• Instrumente und Formen der umfassenden öffentlichen und behandlungsbezogenen Aufklärung der Bevölkerung
• Selbstbestimmung im Spannungsfeld ethischer Normen und sozialer Erwartungen
• Veränderte Anspruchskonstellationen (Ansprüche z.B. auf ein „gesundes Kind“, „eigene Stammzellen“ oder einen „eigenen“ Klon)
• Ethische Pflicht zur Offenbarung genetischer Daten oder zur Teilnahme an Bevölkerungsstudien
• Populationsgenetische Forschung und freiwillige Teilnahme und informierte Zustimmung (informed consent)
• Entgrenzung von Forschung und Versorgung
• „Zwangs-Vorsorge“ und persönliche Autonomie
• Öffentliche Kommunikation (partizipative Formen der Technikbewertung)