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Hier eine Stellungnahme und Protestnote des studentischen Fachvertreters für "Osteuropäische Studien", Manfred Niedballa, zu den offensichtlich geplanten Streichungen und der damit verbundenen Einsparung des Studienfachs "Slavistik" sowie den Auswirkungen auf das Fach "Osteuropäische Studien":

Slavistik darf nicht sterben!

Wie aus Universitätskreisen bekannt geworden ist, soll das Fach "Slavistik: Russisch" an der Universität Bielefeld dem Rotstift zum Opfer fallen. Die Studierenden und die studentischen Fachvertreter Roberta Schiwek und Sascha Schröder wehren sich entschieden gegen diese Pläne.

Die fundamentalen Veränderungen Osteuropas haben nicht nur die bundesdeutsche Wirklichkeit gestern und heute entscheidend beeinflusst, sondern sie werden anerkanntermaßen auch in der Zukunft für ganz Europa lebenswichtig (vielleicht überlebenswichtig) sein. Russland als größter und wichtigster osteuropäischer Staat bietet der Slavistik eines der interessantesten, an Aktualität kaum zu überbietenden Betätigungsfelder in Forschung und Lehre.

Es ist notwendig, dass sich die Slavistik in Bielefeld den zukunftsträchtigen, über die Jahrtausendwende hinausweisenden (Forschungs-)Aufgaben Osteuropas stellt. Bielefeld kann dabei in einem interdisziplinären Ansatz Germanistik, Linguistik, Literaturwissenschaft und Osteuropäische Studien mit der Slavistik fächerübergreifend verbinden und über Bielefeld hinaus einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der vielfältigen Veränderungen in Osteuropa leisten.

Der Ausbau und die Pflege der russischen Sprache sind auch für Kontakte auf ökonomischem, soziologischem oder kulturellem Gebiet von allerhöchster Wichtigkeit.

Als Spezialistin für fundierte Vermittlung slawischer Sprachen auf hohem Niveau ist die Slavistik in Bielefeld für alle Bereiche unverzichtbar. Dies gilt auch für die Aufrechterhaltung der vielen Kontakte zu unserer Partnerstadt Nowgorod. Zwischen der Universität Nowgorod und der Bielefelder Universität besteht seit Jahren eine Kooperation mit vielerlei Kontakten. Vor Kurzem war eine Gruppe Nowgoroder Germanistik-Studierender auf Einladung der Slavistik vier Wochen zu Gast in Bielefeld. Derartige persönliche Kontakte zwischen russischen und deutschen Studierenden sind von allerhöchstem Stellenwert, da die Gäste nach ihrer Rückkehr bei einem als positiv erlebten Deutschlandaufenthalt in ihrem Land als Multiplikatoren wirken können. Das dürfte sich als Investition in die Zukunft für beide Seiten erweisen. Mit ihren besonderen Beziehungen ist die Slavistik für solche Kontakte geradezu prädestiniert.

Die Studierenden und ihre Fachvertreter sind sich dessen bewusst, dass geplante Einsparungen immer den Weg des geringsten Widerstands gehen. Das Rektorat und die Kommissionen der Universität sollen wissen, dass die Studierenden der Slavistik gemeinsam mit den Mitstreitern von den Osteuropäischen Studien für die Erhaltung und den Ausbau des Studiengangs Slavistik kämpfen werden und gegen jede, wie auch immer geartete Einsparungspolitik in diesem unentbehrlichen Bereich stimmen.

Was die "Osteuropäischen Studien" als Magister-Nebenfach betrifft, so ist es vom Fortbestand der Slavistik abhängig. Die erforderlichen Sprachlehrveranstaltungen des Hauptstudiums sind themengebunden und können nicht durch Sprachkurse für Hörer aller Fakultäten ersetzt werden. Dies wäre allenfalls zum Erwerb von Sprachgrundkenntnissen möglich. Diese sollen jedoch bei Aufnahme des Studiums "Osteuropäische Studien" im Grundstudium in den für Slavisten vorgesehenen sprachpraktischen Lehrveranstaltungen erworben werden und sind in der Zwischenprüfung nachzuweisen. Wie kann die Universität Bielefeld ohne die Slavistik regelmäßig die geforderten, aufeinander aufbauenden Sprachgrundkenntnisse in der russischen und in der polnischen Sprache im Umfang von acht Semesterwochenstunden im Grundstudium gewährleisten? (Sprachgrundkenntnisse werden bei Aufnahme des Nebenfachstudiums nämlich nicht vorausgesetzt. Das bedeutet, die Universität Bielefeld muss die Voraussetzungen zu deren Erwerb schaffen. [vgl. bis heute gültiges Informationsblatt für Studierende der Osteuropäischen Studien vom 13.4.1994])

Bereits die Zwischenprüfung wird zur Hälfte in russischer bzw. polnischer Sprache abgenommen. Zum Erwerb dieser Sprachkenntnisse sind die Sprachlehrveranstaltungen im Grundstudium bestimmt. Im Hauptstudium sind Sprachlehrveranstaltungen Pflicht. Diese können nur von der Slavistik bestritten werden. Im Hauptstudium sind insgesamt acht Veranstaltungen zu jeweils zwei Semesterwochenstunden erforderlich, je vier in russischer und in polnischer Sprache. Sie sind Zulassungsvoraussetzung zur Magisterprüfung und müssen als Hauptstudiumspflichtveranstaltungen ausgewiesen werden und können deshalb auch nicht durch Veranstaltungen für Hörer aller Fakultäten bestritten werden. (Es würde auch nicht der Konzeption von "Hörer aller Fakultäten" entsprechen und würde die Möglichkeiten dieses Angebots, nicht nur durch das Erfordernis insgesamt 24 Semesterwochenstunden - nur für diese Gruppe von Studierenden - anbieten zu müssen, bei Weitem übersteigen.)

Hauptstudiumspflichtveranstaltungen, wie z.B. "Fachsprache Russisch" oder "Fachsprache Polnisch" könnten auf dem erforderlichen Niveau von den Veranstaltungen für Hörer aller Fakultäten gar nicht angeboten werden. Hingegen könnten aber sehr wohl die erforderlichen Veranstaltungen von der Slavistik (auch im erforderlichen Umfang) angeboten und zusätzlich für Hörer aller Fakultäten geöffnet werden.

Mit den Ausführungen im Anhang zur gemeinsamen Magisterprüfungsordnung für das Fach "Osteuropäische Studien" vom 17.2.1997 und durch den Beschluss der Studienordnung vom 1.7.1997 ist die Universität Bielefeld, so die Auffassung des studentischen Fachvertreters der Osteuropäischen Studien, Manfred Niedballa, eine Verpflichtung zur Entwicklung und Sicherung des Fortbestands des neuen Magister-Nebenfachs eingegangen und muss die dazu erforderlichen Sprachlehrveranstaltungen anbieten. (Siehe auch 7 Studienordnung, "Studienziele": die Vermittlung von osteurop. Sprachen...) Das ist, darin sind sich alle Fachvertreter einig, nur im Rahmen der Slavistik möglich.

Des Weiteren ist nicht hinnehmbar, dass Anfang nächsten Jahres der Lehrvertrag einer fachlich ausgezeichneten und im Lehrbetrieb sehr versierten Russischlektorin von der Nowgoroder Universität aus bürokratischen Unwägbarkeiten nicht mehr verlängert und bis auf Weiteres ihre Stelle auch nicht mehr neu besetzt werden soll. Es ist offenbar geplant ein neues Ausschreibungsverfahren von gewöhnlich mehrsemestriger Dauer zu starten, ohne den Erfordernissen des laufenden Lehrbetriebs Rechnung zu tragen und ohne die überaus zahlreichen Wünsche der Studierenden nach Fortsetzung der Sprachkurse in den folgenden Semestern bei der bewährten Russischlektorin zu berücksichtigen. Bei neuer Stellenbesetzung in ferner Zukunft ist ein gleichwertiger Ersatz für diese Kurse überhaupt nicht sicher gestellt. Der häufige Wechsel des Lehrpersonals bei kurzen Vertragslaufzeiten wirkt sich in aller Regel sowohl für die Lebensplanung der Betroffenen als auch für die Studienplanung der Studierenden negativ aus und ist angesichts der Forderung nach kürzeren Studienzeiten kontraproduktiv. Wir fordern, der Lektorin eine Weiterbeschäftigung zu ermöglichen, auch wenn dem juristische Hemmnisse entgegenstehen. In einem solchen Fall müssen die bürokratischen Hürden genommen werden um erforderliche Lehrveranstaltungen zu sichern. In der Zukunft kann der Fortbestand der Osteuropäischen Studien nur gemeinsam mit der Slavistik sicher gestellt werden; ein eventueller Ausbau der Osteuropäischen Studien zum Hauptfach kann ebenso nur gemeinsam mit der Slavistik gelingen. Dazu sind die Sprachlehrveranstaltungen der Slavistik unabdingbar. Wohl und Wehe hängen vom beiderseitigen Fortbestand ab. Dazu ist es notwendig die Mittel aufzustocken und nicht einzusparen.

Wir fordern: Slavistik darf nicht sterben!!

M.N.


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