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Ein Jahr zwischen Eis und Mitternachtssonne

Als Austauschstudent und DaF-Praktikant im finnischen Jyväskylä

Logo der Universität JyväskyläWarum darf man in Finnland im Sommer nicht zu spät ins Bett gehen? Weil schon um 2 Uhr die Morgensonne so hell durchs Fenster scheint, dass dann an Einschlafen kaum mehr zu denken ist! Das war eine der ersten Erfahrungen, die ich gemacht habe, als ich im Juli 1997 in Helsinki ankam. Dort stand mir ein dreiwöchiger Intensivkurs in einer der mysteriösesten Sprachen unseres Kontinents bevor - Finnisch mit seinen zwölf Fällen und einem Wortschatz, der an nichts, aber auch gar nichts erinnert, was man aus gängigen Sprachen wie Deutsch, Englisch oder Französisch so kennt. Oder wer käme schon auf die Idee, dass sich hinter "mä rakkastan sua" eine Liebeserklärung verbirgt, dazu noch in der umgangssprachlichen Variante? Ein kleiner Trost war für mich immerhin, dass die finnische Aussprache dem deutschen Lautsystem gar nicht mal so fern liegt. Also eine Hürde weniger zu bewältigen als die armen Franzosen und Engländer in Finnland...

Dennoch hat es ein Vierteljahr gedauert, bis sich die Verzweiflung über die unerlernbar geglaubte Sprache allmählich ein bisschen gelegt hat und sich erste Erfolgserlebnisse einzustellen begannen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon längst in Jyväskylä angekommen, der kleinen Universitätsstadt im Herzen Finnlands, von vielen Seen und noch mehr hügeligem Wald umgeben, wo mich der ERASMUS-Austausch für ein Jahr hinführen sollte.

Auch ohne mich auf Finnisch verständigen zu können, war ich längst in ein interessantes Studienjahr gestartet, denn finnische Unis wissen, was sie ihren ausländischen Gästen schuldig sind: Ein breites Angebot an Lehrveranstaltungen auf Englisch und manchmal auch in anderen Fremdsprachen ist selbstverständlich - und in Jyväskylä war auch so mancher Leckerbissen dabei, von dem ich in Bielefeld nur träumen konnte. Das waren für mich vor allem die Veranstaltungen des Studiengangs "Intercultural Studies", wo sich Lehrende und Studierende unterschiedlichster Herkunft mit Fragen der interkulturellen Kommunikation im weitesten Sinne beschäftigten - und gleichzeitig interkulturelle Kommunikation praktizierten. Und da ich hier in Bielefeld Wirtschaftswissenschaften als Nebenfach studiere, habe ich in Jyväskylä auch die Lehrveranstaltungen im Fach Marketing eifrig genutzt, die mich im Vergleich zur hiesigen Wirtschaftsfakultät durch weniger Mathematik, dafür aber umso mehr Praxisnähe überzeugten.

Diese interessanten Studienmöglichkeiten, von denen ich vorher schon aus Informationsbroschüren und dem Internet erfahren hatte, waren einer der Gründe, warum ich mich für das Austauschjahr in Jyväskylä entschieden hatte. Vor Ort lernte ich dann auch noch die anderen Reize der mit gut 10.000 Studierenden noch durchaus überschaubaren Uni kennen: ein zweigeteilter, stadtnaher Campus in idyllischer Hügellage - oben, von hohen Bäumen überschattet, die Geisteswissenschaften, unten, direkt am Seeufer, die Natur- und Gesellschaftswissenschaften - mit modernster technischer Ausstattung, wie es sich für das Land mit den weltweit meisten Internetanschlüssen und Handys gehört, und ein günstiges, gemütliches Zimmer im Wohnheim, wie es allen ausländischen Studierenden dort schnell und unbürokratisch vermittelt wird.

Hauptgebäude der Universität Jyväskylä
Das Hauptgebäude der Uni im Sommer

Aber es waren nicht nur die Studienbedingungen, die mich nach Finnland gelockt haben. Mich hatte auch die Herausforderung gereizt, Natur und Kultur eines Landes kennen zu lernen, von dem ich längst nicht so viel wusste wie über "traditionelle" Zielländer für Auslandsstudienaufenthalte, z.B. England, Frankreich oder Spanien. Und rückblickend kann ich nur sagen, es hat sich wirklich gelohnt, diese Herausforderung anzunehmen! Von Anfang an glitt ich langsam immer tiefer in die finnische Lebensart hinein, gewöhnte mich an immer heißere Temperaturen in der Sauna (100 sind keine Seltenheit), begann beim Blaubeersammeln im Wald die finnische Naturverbundenheit zu schätzen und lernte viele weitere Facetten dieser tiefgründigen Kultur kennen. Als mein Austauschjahr zu Ende ging, war mir Finnland als eine zweite Heimat richtig ans Herz gewachsen, an die ich immer wieder sehnsüchtig zurückdenke.

Beim Start in das finnische Abenteuer hat mir sicher geholfen, dass ich schon vorher in Bielefeld gute Kontakte zu finnischen Austauschstudierenden aufgebaut hatte, denen ich in ihrer Heimat dann wieder begegnet bin und die mich bei den ersten Schritten auf dem für mich fremden Terrain sehr unterstützt haben. Aber auch neue Kontakte zu einheimischen Studierenden ließen sich an der Uni gut knüpfen, sei es bei den Aktivitäten, die speziell für die Austauschstudis organisiert wurden und von Saunaabenden bis zur Einführung in Pesäpallo, die finnische Baseball-Variante, reichten, oder z.B. im Rahmen von "Sturm und Drang", wie sich dort die Germanistik-Fachschaft nannte, bei deren Veranstaltungen ich als seltener deutscher Gast immer wieder willkommen war. Darüber hinaus ergaben sich natürlich auch vielfältige Kontakte zu anderen ausländischen Studierenden, von denen insgesamt ca. 200 an der Uni waren, so dass sich mein Bekanntenkreis aus diversen Nationalitäten zusammensetzte und mir über die Finnlanderfahrung hinaus noch viele weitere internationale Eindrücke verschaffte.

Es gab noch einen anderen Beweggrund, der mich nach Finnland geführt hatte, und das war das DaF-Praktikum: Ich habe dort nicht nur studiert, sondern zugleich auch meine ersten richtigen Erfahrungen im Unterricht von Deutsch als Fremdsprache gesammelt. Dafür war Jyväskylä in der Tat ein Ort, wie er sich attraktiver wohl kaum hätte finden können, denn Deutsch wurde von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung an den verschiedensten Institutionen und auf den verschiedensten Niveaustufen unterrichtet, und die finnischen Lehrkräfte, in deren Unterricht sich nicht allzu oft ein deutscher Muttersprachler zu verirren schien, haben mich alle freudig begrüßt und mir gerne für ein paar Stunden ihre Klassen zur Verfügung gestellt. So habe ich vor allem am Gymnasium und an der örtlichen Fachhochschule nicht nur Einblicke in die dortige Unterrichtspraxis gesammelt, sondern konnte unterm Strich auch eine ganze Menge Unterricht selbständig erteilen. Wenngleich das für mich in den ersten Stunden noch ziemlich gewöhnbedürftig, zugleich aber auch sehr spannend war, so fühlte ich mich doch bald schon sehr wohl in den finnischen Klassenzimmern und freute mich, dass ich offenbar auch von "meinen" SchülerInnen als willkommene Abwechslung zum Alltag mit den finnischen Lehrerinnen sehr wohlwollend aufgenommen wurde - zumal ich ja als Anfänger im Erlernen ihrer eigenen Muttersprache im Grunde in einer ganz ähnlichen Situation steckte wie sie als Deutschlernende.

Natürlich gab es auch Tage in Finnland, an denen ich zu zweifeln begann, ob ich wirklich das richtige Land gewählt hatte. So ging es mir vor allem im Herbst und Winter, wenn der Himmel schon die vierte Woche in Folge tiefgrau verhangen und vom Sonnenschein, den es doch im Sommer noch in solchem Überfluss gegeben hatte, keine Spur in Sicht war. Oder wenn das Thermometer sich zwischen -20 und -30 Grad bewegte und ich mich selbst in meinen Kühlschrank noch lieber verkrochen hätte, als draußen vor die Tür zu gehen. Ohne das hätte ich aber auch nie die Erfahrung gemacht, eine Temperatur wie -5 als frühlingshafte Erlösung zu empfinden - und als es dann gar noch wärmer wurde und der Himmel auch wieder in leuchtendem Blau erstrahlte, wirkte das schneeweiße Land so hell und frisch, dass ich richtig traurig wurde, als die weiße Pracht gegen Ostern schließlich dahinzuschmelzen begann. Ich war jedoch rasch wieder versöhnt, als ich im Mai schon wieder beim Einschlafen das Morgenrot bewundern konnte.

Felix Bubenheimer


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