LiLi-HomepageInhalt von Ausgabe 3Impressum

Voriger Artikel

"Innovationsfonds" Klassische Philologie

oder: Warum Bielefelds "Universitas" ohne uns ALT aussieht

Mit fassungslosem Staunen gewahrt die älteste Kulturwissenschaft der Fakultät und Universität, die Klassische Philologie, daß es ihr just im Zeichen der kulturwissenschaftlichen Wende nunmehr an den Kragen zu gehen droht. Nachdem der Begriff des Klassischen als obsolet erkannt und auch der Name der Philologie verdächtig geworden sein soll, will man sich nun auch des mehr schlecht als recht gekannten Inhalts der Wissenschaft vom Altertum entledigen. Das Fach, das wie kein anderes vom interdisziplinären Zusammenspiel der Sprach- und Literatur-, der Politik- und Geschichts-, der Religions- und Naturwissenschaften lebt und dieses schon in der simpelsten Autorenlektüre der Grundstufe praktizieren muß, soll sich vor den jüngeren Spezialwissenschaften rechtfertigen hinsichtlich seines praktischen und theoretischen Nutzens im Kanon der universitären Fächer. Das Schlagwort der Stunde, das vermeintliche Fallbeil über dem Grauhaupt der Klassischen Philologie ist die Innovation (seit Pseudo-Apuleius' Asclepius [4.Jh.]; noch die Yale Critics wußten um den uralten Doppelsinn von 'Neuerung' und 'Wiederaufnahme').

Es gibt nicht viele Literaturwissenschaften, die von sich sagen können, daß die "schöne Literatur" im strengen Sinn nur einen kleinen Bruchteil ihres Untersuchungs- und Lehrgebiets ausmacht: Der überwiegende Teil der Lehrgegenstände betrifft die verschriftlichen antiken Grundlagen der Kultur- und Gesellschafts-, der Fach- und Realwissenschaften (nicht nur der septem artes liberales). Ein Altphilologe liest Catos Schrift über die Landwirtschaft und Manilius' Sternkunde mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie die Schriften der Rhetoriker, Poetiker, Grammatiker, Metriker, der Philosophen, Staatswissenschaftler, Religions- und Naturkundler. Und das alles, natürlich, in transkultureller Perspektive: Die ständige Rückbindung an die griechischen 'Archetypen' ist dabei genauso wichtig wie der stete Blick auf die europäische Rezeptionsgeschichte.

Interdisziplinarität ist Programm

Schon im kleinen Bielefeld stellt das altphilologische Mini-Ensemble Semester für Semester Erstaunliches auf die Beine. Allein im laufenden Halbjahr können sich die Studierenden einführen lassen in ein breites Spektrum der antiken Kultur- und Literaturgeschichte und -theorie: Neben Seminaren zur römischen Epigrammatik und Rhetorik, zu Religionsgeschichte und Kalenderwesen stehen Überblicksvorlesungen zu Theorie und Praxis römischer Literaturgeschichte und zum Lustspiel des Plautus und Terenz und seiner gewaltigen europäischen Nachwirkung. Das lateinische Mittelalter (mit seinen Heiligenviten und Chroniken) fehlt ebenso wenig wie der Blick zurück auf das Menschen- und Heldenbild der frühgriechischen Epik und der Ausflug in die ostwestfälische Regionalgeschichte (Lemgoer Hexenprozeßakten) - weitere Informationen im Internet: www.lili.uni-bielefeld.de/~klasphil/.

Im "Interdisziplinären Kolloquium: Klassische Philologie und Literaturwissenschaft", der neuesten Initiative des Faches, treffen Studierende und Lehrende zahlreicher Disziplinen zum epochenübergreifenden Gespräch über markante Stationen im uralten "Streit zwischen Innovation und Tradition" zusammen: Von der antiken Traumdarstellung und -deutung und dem Ironie-Begriff des homerischen Erzählers bis hin zu Montaignes Querelle des Anciens et des Modernes, Goethes "platonischem Symbolismus" und Baudelaires/Daumiers "Antike im Karikaturverfahren" reicht die Themenpalette allein in diesem Semester. Die Vielfalt der zu bearbeitenden Bereiche spiegelt sich entsprechend in den nicht wenigen Qualifikationsarbeiten wider, die zur Zeit angefertigt werden: von den Verwünschungsgedichten des ältesten europäischen Lyrikers, den Straßburger Papyri des Archilochos (7. Jh. v. Chr.) und ihrer Nachwirkung im Epodenwerk des Horaz, über die Genealogie einer anthropologischen Stilkritik (von Solon bis Seneca), die Kulturentstehungslehre des Lukrez und die Überlieferungsgeschichte der Elegien des Properz bis hin zur Darstellung der Todesschicksale in den "Metamorphosen" des Ovid und ihrer ikonographischen Tradition von der Buchmalerei bis zu Salvador Dali. Und - muß man es sagen, daß sie auch in der Bielefelder Latinistik ganz groß geschrieben werden: die "Neuen Medien im Lateinunterricht"?

Klassische Philologie aus Modernität

Hellsichtige Leute haben bemerkt, daß sich das Fach nach der Wegberufung des letzten Lehrstuhlinhabers nicht im frischen Glanz der Evaluationserfolge gesonnt, nicht auf seinen Lorbeeren ausgeruht hat, sondern der Bielefelder LiLi-Fakultät durch mannigfache Aktivitäten in interdisziplinärer Lehre und Forschung neue Perspektiven und Kooperationsbereiche erschlossen hat (ironischerweise nicht zuletzt in Vorlesungen, Seminaren und Forschungsbeiträgen zu Problemen [trans]kultureller Originalität und literarischer Innovation): und das bei katastrophal schlechter Ausstattung (mit zweieinhalb festen und eineinhalb vertretenen Stellen bei hoher personeller Fluktuation).

Weiß der Teufel, was die Ministerialbürokratie unter optimaler Auslastung versteht, wir wissen nur, daß eine Hochschullehrerstelle für annähernd 150 Studierende verdammt wenig ist. Wenn wir trotzdem auch über die schwierigen Jahre hin noch immer die Kurve bekommen haben, darf dies nicht zur Einstellung des Faches führen, sondern sollte vielmehr seine organisatorische Konsolidierung zur Folge haben (und wenn nur auf dem gegenwärtigen Niveau!). Nirgends ist eine "innovative" Latinistik für geringeren Aufwand zu haben als gerade in Bielefeld. Wir hängen eben nicht den alten Zeiten an - wir erforschen sie und vermitteln so wichtige Grundlagen der modernen Kultur. Wir sind Altphilologen aus Modernität. Bielefeld ist für uns kein schlechtes Pflaster. Und umgekehrt.

PD Dr. Jürgen Paul Schwindt, Fachsprecher Klassische Philologie


Leserbrief schreiben

Nächster Artikel