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Die Originalversion dieses Textes steht im Internet unter www.uni-bielefeld.de/~mdemidov/chaos_dt.htm

Der Fall mit dem Radfahrer

Eine Geschichte von Mischa Demidov

Ein Radfahrer nähert sich auf seinem Rad einer Ampel, die auf rot steht. Dazu muß man bemerken, daß dieser Radfahrer der absolute Wagehals ist und fast immer bei rot über die Straße fährt. Und so auch dieses Mal - als er sieht, daß die Autos noch weit weg sind, fegt er einfach so über die Straße. Eine an der Ampel stehende Frau mit Kind schreit ihm nach: "Ein guuutes Beispiel sind Sie für unsere Kinder!" Der Radfahrer fährt weiter, ohne etwas gehört zu haben, weil es auf der Straße einfach zu laut ist. Ja und überhaupt, wichtig ist hier nicht der Radfahrer, sondern daß die Frau recht hatte!

Woher sollen denn die Kinder wissen, was gut ist und was schlecht? So aber kann man einfach sagen: Guck dir diesen Onkel an, was der macht, ist schlecht. Interessant ist allerdings etwas anderes: Woher weiß denn diese Frau, daß rotes Licht schlecht und grünes gut ist? Obwohl, wenn sie die Straßenverkehrsregeln kennt, braucht sie darüber nicht einmal nachzudenken.

Ich kannte aber einen Typen, der unter der Gedächtsnisschwäche litt und solche Sachen ständig vergaß. Immer wenn er an eine Kreuzung kam, begann er darüber nachzudenken, was denn jetzt gut ist und was schlecht? Dann blieb er jedes Mal lange stehen und dachte: "Ich hab' schon wieder alles vergessen". "Gut", dachte er, "dann werde ich eben der erste sein, der sagt was gut ist und was schlecht". In diesem Moment aber stellten sich ihm jedes Mal zwei Fragen: erstens warum und zweitens wie. Und während er auf den nicht enden wollenden Strom der Autos sah, dachte er, daß man dies schon aus dem Grunde sagen müsse, damit die Autos keinen Anlaß haben, ihn hindernislos zu überfahren. Das heißt, man muß im hindernisfreien Raum ein Hindernis schaffen. Nennen wir den hindernisfreien Raum beispielsweise Chaos. D.h., das Bedürfnis zu sagen, ob das gut ist oder schlecht, entsteht aus dem Chaos. Hier wird es aber schon uninteressant! Denn hilft etwa unserem Gedächtnisschwachen das Wissen, daß er etwas aus dem Chaos schafft zur Schaffung eben dieses etwas? Ja soll sich das Chaos doch zum Teufel scheren!

Wie kann man etwas schaffen, was sich von ihm unterscheidet?! Man kann das Chaos nehmen und gucken, wodurch es sich unterscheidet von dem... äh von der... äh....halt mal, wovon unterscheidet es sich denn? Solange das nicht geschaffen ist, wovon sich das Chaos unterscheidet, gibt es nichts, wovon es sich unterscheiden könnte. Nein, dann nimmt man doch besser das, wovon sich das Chaos unterscheidet und guckt, wie sehr. Allerdings, stopp mal, wie kann man das nehmen, wovon sich das Chaos unterscheidet, wenn man gar nicht weiß, wovon es sich, das Chaos, überhaupt unterscheiden kann? Dann muß man das betrachten, was die Eigenschaft hat, sich zu unterscheiden, und schauen, wie sehr es im Chaos vorhanden ist.

Richtig, nur dann darf das nicht heißen "es unterscheidet sich von", sondern "es ist in ihm vorhanden", weil wir doch schon herausgefunden haben, daß es erstmal nichts gibt, wovon sich das Chaos unterscheiden könnte. Und im Chaos ist nur das vorhanden, was es zum Chaos macht, sonst hätten wir schon längst gefunden, was wir suchen. Das heißt, über das Vorhandensein von etwas im Chaos können wir nur das Chaos beschreiben, aber nicht das, was sich von ihm unterscheidet.

Aber was ist, wenn wir das betrachten, was im Chaos nicht vorhanden ist? Ja, aber was ist das? Das ist doch genau das, was wir suchen! Und was ergibt sich daraus? Sobald wir an die Schaffung von irgendwas sich vom Chaos unterscheidenden denken, denken wir in erster Linie an das Chaos selbst. Genau hier wird es interessant.

Aber wartet mal, wie kann denn das interessant werden, worüber man nicht mal nachdenken kann? Und so beginnt bei dem Gedächtnisschwachen ein neuer Anfall von Vergeßlichkeit und er kann sich nicht einmal mehr daran erinnern, woran er gerade gedacht hat. Er sieht sich um und sieht, wie ein Radfahrer über die Straße fährt und eine Frau mit Kind ihm hinterherruft. "Ein guuutes Beispiel sind Sie für unsere Kinder!"

Gut, daß es so ein Wissen gibt, welches uns erlaubt nicht zu denken. Dann kann man auch eben nichts vergessen.

Übersetzung aus dem Russischen: Ljoscha Loeffelstihl


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