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Was ist eigentlich Kitsch?

Eine Tagung über Banales und Triviales

Hans Eisler sah im Jazz eine Gefahr für die Jugend: “Nichts gegen den Jazz, solange er Spaß macht”, befand der Berliner Komponist 1956. Dekadenz und Geschmacklosigkeit müsse gründlich getrennt werden, denn “Fanatismus, Sektierertum und eine Art Kult” könnten nicht geduldet werden. Zu ähnlichen Ergebnissen kam einige Jahre später in Frankfurt Adorno, der im Typus des Jazz “vorkünstlerisch Barbarisches” entdeckte. Die Diskussion über die Differenz von Kitsch und Kunst ist uralt. Auf einer Tagung im ZiF werden sich Wissenschaftler ausführlich mit dem Problem beschäftigen.


Kitsch oder Kunst? Ausschnitt aus Fritz Langs Film “Nibelungen”
Kitsch oder Kunst? Ausschnitt aus Fritz Langs Film “Nibelungen”
Prof. Dr. Braungart hat die Leitung und Organisation einer Tagung übernommen, die vom 3. bis zum 5. Dezember im Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität stattfindet. Der Titel der Tagung lautet: “Kitsch: Faszination des Banalen und Trivialen”

Der Begriff “Kitsch” kommt erst im 19. Jahrhundert auf. Die moderne Ästhetik hat jedoch schon am Ende des 18. Jahrhunderts einen Prozeß der Abgrenzung vom Trivialen und Banalen herausgebildet. Schiller setzt die Norm, daß sich das Kunstwerk von dem unterscheiden muß, was bloß den “zweideutigen Beifall des großen Haufens findet”. Bis hin zur Ästhetik Adornos und noch über ihn hinaus hat sich dieses normative, wertende Urteil erhalten.

Die Gründe dafür, warum die Moderne die Kunst so aufwertet sind vielschichtig. Einer davon dürfte sein, daß so auch auf versteckte Weise theologische Fragen behandelt werden können, die auch in der Moderne nicht erledigt sind. Dies läßt jedenfalls die Emphase, mit der die Moderne das Kunstwerk belegt und jede Verwischung der Grenzen zwischen Kunst und Kitsch als Sakrileg kritisiert, vermuten. Eben deshalb hat auch die sogenannte Postmoderne - in der Gegenwartsarchitektur, in der Gegenwartskunst, in der Popkultur oder auch in der Jugendkultur - mit geradezu provokativer Lust sich gegen diese Grenzziehungen aufgelehnt. In den Debatten um die Postmoderne war deshalb auch immer ein besorgter Unterton herauszuhören: Die ästhetischen Maßstäbe könnten tatsächlich dauerhaft in Bewegung geraten und liebgewonnene ästhetische Grenzziehungen so problematisch werden, daß sie womöglich nicht mehr herzustellen sind.

Aber nicht nur dies ist an der Geschichte des Kitsches, am Banalen und Trivialen, faszinierend und herausfordernd: Am Kitsch läßt sich nämlich mehr über die Eigentümlichkeiten und die elementare Bedeutung des Ästhetischen ablesen, als es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Im Kitsch äußert sich unverhohlen und ungeniert ein Bedürfnis nach affektiver Ansprache, nach Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit. Das muß die ästhetische Moderne provozieren, die sich auf ein Geschichtsverständnis des grundsätzlichen Sinnentzugs, des Verlusts, der Trauer, der Melancholie festgelegt hat.

Der Kitsch und seine Faszination, seine kulturgeschichtliche und anthropologische Bedeutung stehen im Zentrum der Tagung zu der Literaturwissenschftler, Kunstwissenschaftler, Musikwissenschaftler, Historiker und Philosophen, Filmpraktiker, Medienwissenschaftler und Theologen aus ganz Deutschland zusammenkommen werden. Eingeleitet wird die Tagung am Freitag durch den Braunschweiger Philosophen Claus Arthur Scheier, der das Phänomen “Kitsch” in Beziehung zur Moderne setzt. Der Kölner Kunstwissenschaftler Stefan Römer wird anschließend den Verwischungen der Grenzen zwischen Kunst und Kitsch in der zeitgenössischen Kunst nachgehen. Damit wird die Eröffnung einer Ausstellung der Osnabrücker Malerin Susanna Reinhardt vorbereitet, die sich selbst zu ihren Arbeiten äußern wird.

Zwei literatuwissenschaftliche Vorträge eröffnen den zweiten Veranstaltungstag: Der Gießener Germanist Gerhard Kurz wird untersuchen, inwieweit in den alltäglichen Kommunikationsformen des Klatsches protoliterarische Momente gesehen werden können und inwiefern Klatsch für Literatur selbst konstitutiv ist. Der Hamburger Literaturwissenschaftler Jürgen Stenzel wird darstellen, welche Position der Begriff des Kitsches in der Wertungsdebatte einnimmt. Anschließend wird der Gießener Musikwissenschaftler Eberhard Kötter zeigen, wie sich die Musikgeschichte des Trivialen bedient.
Am Samstagnachmittag wird der Themenkomplex “Kitsch und Religion” bzw “Kitsch und nationaler Kult” im Zentrum der Diskussion stehen. Hierzu sprechen der Gießener Literaturwissenschaftler Joachim Jacob, der Marbuger Theologe Rainer Lächele, der Weimarer Historiker Justus H. Ulbricht und die Bochumer Kunsthistorikerin Marina Schuster.

Am letzten Tag werden sich die Referenten auf die Bedeutung des Banalen für die modernen Medien und die Pop-Kultur konzentrieren. Eingeladen sind Andreas Schreitmüller, Leiter der Sparte Spielfilm bei ARTE, die Tübinger Kulturwissenschaftlerin Franziska Roller und der Kölner Literaturwissenschaftler Eckhard Schumacher.

Die Vorträge wenden sich nicht nur an die geladenen Fachvertreter, sondern auch an die interessierte Öffentlichkeit und natürlich an alle Studierenden der Universität.
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