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In die Dämmerung hinein schreiben

Zum Tod von Ernst Jandl, des Dichters "aus der fremde"

So merkwürdig es klingen mag: Ernst Jandl, der große Komiker, der Humorist, den wir so sehr dafür liebten, dass er uns lachen machte, war ein eher humorloser Mensch. Er produzierte seine Sprachkomik gewissermaßen synthetisch, er muss sie gespeist haben aus einem seelischen Reservoir, das man kaum ahnen konnte. Er war, vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten, ein häufig tief deprimierter Mensch, einer den die Melancholie visitiert hatte und der, wie er selbst bitter und distanziert formulierte, nur "bisweilen aufhellung der seelenverfassung" erlebte.

Er hätte sich freuen können, den ihm wurde viel Bewunderung und Liebe entgegengebracht, aber er sah sich vorzugsweise als armen Hund. Als einen, dem in vieler Hinsicht nicht zu helfen war - nicht ohne Grund wimmelte es von Bildern seiner selbst als Hund bei ihm, vom Gedichtbandtitel "der gelbe hund" bis zu dem "nur ein hund", der um die Weihnachtspforte schleicht und von dem man nicht erfährt, ob er eingelassen wird, bis zu den Hunden auch, die treu-dumm sind und schamlos, da sie auf der Straße tun, wozu andere sich zurückziehen.

1956 erschien der erste Gedichtband, "Andere Augen", da war er 31 Jahre alt, und man hätte denken können, dass sich da ein melancholisch konservativer Dichter mit soliden Entwicklungsmöglichkeiten zeige. In Kenntnis der späteren Gedichte gelesen aber, erweisen sich die frühen Gedichte schon als unheimlich und unterminiert, und wenn man das Inhaltsverzeichnis seines vielleicht bemerkenswertesten Lyrikbandes, "Laut und Luise" (1966), aufschlägt, kann man an den Datierungen der Gedichte ablesen, dass zwischen 1957 und 1962 der große Durchbruch erfolgt sein muss. Mit diesem Band änderte sich die Geschichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, und die "experimentelle" Literatur trat in eine neue Phase, die Jandl nun ganz entschieden mitgestaltete.

Jandl schloß sich nicht einfach der "Konkreten Poesie" an (welcher ohnehin nur ein geringer Teil seines Werkes im strengen Sinne zuzurechnen ist), sondern erprobte Sprache als Material auf einer so breiten Skala, fand für fast jedes der Gedichte dieses Bandes so grundlegend neue und jeweils andere Verfahren der Textkonstitution, dass der lyrische Reichtum dieses Bandes bis heute überwältigend ist - und übrigens sowohl von der Öffentlichkeit wie von der Wissenschaft noch gar nicht recht zur Kenntnis genommen wurde. Bekannt und geradezu populär wurden zumindest einige Gedichte dieses und des folgenden Bandes, "Der künstliche Baum", 1970, sehr schnell. Ernst Jandl wurde - nicht zuletzt auch Dank seiner präzisen, kraftvollen, fast knallenden Vortragsweise - Star seiner Lesungen; für die öffentliche Legitimierung von Lautdichtungen und Sprechtexten, von Sprachspielen und kalkulierten Kalauern als Mitteln der Lyrik der Moderne hat er sehr viel getan. Inzwischen stehen "ottos mops" und "lichtung" in fast jedem Lesebuch, und auch das "bestiarium" hören viele Kinder mit großem Entzücken.

Über den endlich akzeptierten ´Sprachspieler` Jandl kam freilich der Hörspielautor und große Pathetiker stets zu kurz. Den Jandl war es, der 1967 Prinzipien der äußersten sprachlichen Ökonomie, die barsche Klitterung von Zitaten aus der Alltagssprache erstmals aufs Hörspiel zu übertragen wagte und in "fünf man menschen", verfaßt mit seiner Lebensgefährtin Friederike Mayröcker, exemplarische deutsche (und österreichische) Lebensläufe der ersten Jahrhunderthälfte von einer Kompanie Stimmen chorisch und böse kurz angebunden vortragen ließ. Das Stück dauerte 16 Minuten, und danach sah die Gattung anders aus - das später so genannte Neue Hörspiel hatte begonnen; Jandl und Mayröcker erhielten dafür den Hörspielpreis der Kriegsblinden 1968.

Ernst JandlJandls Sprachspiele aber waren ja nicht einfach nur lustig, mehr als Kabarett und Nonsens. Wenn er das Lächeln der Mona Lisa im Titel eines Hörspiels entstellte zu "Das Röcheln der Mona Lisa", dann ließ er da ganz unnachgiebig und unheimlich den Tod einwandern und die Destruktivität Platz greifen. Nein, verbindlich und optimistisch gelächelt wird bei ihm nie. Dies Element der verzweifelten Aggressivität gegen eine ungeliebte Welt und auch gegen sich selbst nahm mit den Jahren immer mehr zu, und damit begann ein neuer "experimenteller" Umgang mit der Literatur und mit sich selbst. Es begann Jandls atemberaubende Altersradikalität, die systematische Vermeidung von Versöhnung und Altersharmonie.

Alle Begleiterscheinungen des Alterns sollte in aller Krudheit ausgesprochen werden, sollten unnachgiebig zum Sujet der Lyrik gemacht werden, und so verdanken wir Jandl die schockierenden, auf höchst pathetische Weise wahrhaftigen Gedichte der Wende "die bearbeitung der mütze" (1978), "der gelbe hund" (1980) und "selbstportrait des schachspielers als trinkende uhr" (1983). Auch die Sprechoper "aus der fremde" von 1980 gehört hierher, wo mit der unbarmherzigen Distanz zu sich selbst, zu der er so erschreckend fähig war, vom Alltag des alternden Schriftstellerpaars berichtet wird. Jandl hat 1982 in Athen bei einer Tagung des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie, dessen Gründung er aufs Dringlichste vorangetrieben hatte, in einer dreckigen alten Fabrikhalle Passagen aus dieser Sprechoper selbst rezitiert, so intensiv, in einem so heulendem Sprechgesang, als getretener Hund und als Schmerzensmann, dass er den Zuhörern immer in Erinnerung bleiben wird.

Er hat Pathos wieder möglich gemacht, gerade auch indem er es durch die von ihm erfundene, verfremdende "heruntergekommene Sprache" brach und erträglich machte und das Groteske alles bemüht ´feinen` Sprechens höhnisch abservierte. Das war nicht einfach "Gastarbeiterdeutsch", wie es oft hilflos vereinfachend heißt, sondern die Vorführung dessen, wohin es mit dem Pathos gekommen war, das doch gerettet werden muss, um menschlichen Schmerz angemessen ausdrücken zu können. Und nicht vergessen wollen wir ihm auch, dass er den Krieg und das Militär und alles, was damit angerichtet werden kann, immer wieder in Kürze und Schärfe denunziert hat - nicht zuletzt in dem großen, dank seines so scharf plastischen Vortrags ebenfalls populär gewordenen Lautgedichts "schtzngrmm", das an die von Jandl so verehrten Gedichte des Expressionisten August Stramm anschließt. In der gegenwärtigen politischen Situation muss auch daran erinnert werden, das jenes Gedicht welches auf schneidend hellsichtige Weise die Atmosphäre beim ´Anschluss´ Österreichs an das Reich konkretisiert, ebenfalls von Ernst Jandl stammt: Es ist "wien: heldenplatz" von 1962, eines der grandios expressiven und notwendig häßlichen Gedichte der deutschsprachigen Literatur dieses Jahrhunderts, eine Dichte politische Vignette zum 15. März 1938 und der bekannten häßlichen Kundgebung.

Am Ende fluchte und spottete Jandl oft nur noch darüber, dass er sich noch vor ein Blatt hinsetzte und auf Gedichte hoffte, was sein einziger "widerlicher lebenszweck" sei. Aber ein Gott gab ihm immer noch zu sagen, was er leidet, und so kam es dann zu Gedichten, bei denen es einem kalt den Rücken herunterläuft, zum Beispiel "der wahre vogel":

    fang eine liebe amsel ein
    nimm eine schere zart und fein
    schneid ab der amsel beide bein
    amsel darf immer fliegend sein
    steig höher auf und höher
    bis ich sie nicht mehr sehe
    und fast vor lust vergehe
    das müsst ein wahrer vogel sein
    dem niemals fiel das landen ein
Das scheint sadistisch und ist doch nur Ausdruck der Sehnsucht danach, "abheben" zu dürfen, des Leidens daran, nicht mehr richtig gehen zu können. Der Dichter singt bekanntlich wie der Vogel singt, und ganz am Ende kann und muss er einer werden. Dann kann man, da ein bedeutendes Werk nun vollendet ist, nur noch von und für Ernst Jandl, der am Freitag [dem 09. Juni 2000] 74-jährig in Wien gestorben ist, seinen "spruch mit kurzem o" zitieren:

Ssso



Jörg Drews







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