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Lektüren und Lektionen

Seit Beginn des laufenden Semesters gibt es für Literaturinteressierte die neue Veranstaltungsreihe “Lektüren und Lektionen”, die von Prof. Dr. Friedmar Apel in Zusammenarbeit mit der Fachkonferenz Deutsch/Germanistik des Oberstufenkollegs ins Leben gerufen wurde. In loser Terminfolge werden in den nächsten Monaten Kunst- und Kulturschaffende zeitgenössische Literatur und aktuelle Theorietrends präsentieren.

Apel, der seit Oktober 1999 einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld bekleidet, möchte mit der Reihe von Lesungen, Vorträgen und Inszenierungen gleichermaßen akademisches und nicht-akademisches Publikum ansprechen, weshalb die Termine eher ein Parallelangebot als eine Ergänzung zu literaturwissenschaftlichen Veranstaltungen darstellen. Auch in der Wahl des Oberstufenkollegs als Veranstaltungsort zeigt sich Apels Intention, das Universitätsgelände für das “Stadtpublikum” attraktiver zu machen.

Einen besseren Lockvogel als Robert Gernhardt hätte er sich für den Auftakt der Reihe kaum aussuchen können. Der Großmeister des Flachsens und Tiefsens, der zum ersten Male in seiner immerhin 40jährigen Karriere als Dichter Bielefeld die Ehre gab, ist in den letzten Jahren zum absoluten Publikums- und Kritikerliebling avanciert, auch, wenn er selbst konstatierte: Die Große Menge wird mich nie begreifen / Die Pfeifen. Eine mehr oder minder große Menge von rund 300 Pfeifen fand sich am 2. Mai ein, um der Lesung “Reim und Zeit” zu lauschen, in der Gernhardt sein Gesamtwerk vortrug; nein, nicht ganz! Da es aber kaum ein Gedicht gibt, das nicht zumindest latent mit Reimen zu tun hätte bzw. kaum eines, das nicht Zeit-Zeichen wäre, gab es an diesem Abend viel zu hören. In einer Stunde, eingeteilt in zwölf eigenhändig mit Portiersklingel eingeläutete Runden, erfuhr das Publikum Grundsätzliches u.a. über die Transzendenz des Bankwesens, den Trost der Kunst oder virtuelle Trüffelschweine:

Der 1937 in Reval/Estland geborene Gernhardt, der nicht nur als Dichter, sondern auch als Maler, Zeichner, Humorkritiker und -theoretiker unverschämt einfallsreich ist, wird wie kein anderer mit dem Begriff der “Fallhöhe” in Verbindung gebracht. Mimetisch bedient er sich der Formensprache und der Themen großer Meister, dichtet in fremden Zungen über diesen Zungen ganz fremde Themen, schwingt sich auf zum dicksten Pathos, nur um dessen Bauchklatscher um so freudvoller zu inszenieren. Doch Gernhardt als Nonsense-Dichter zu bezeichnen, trifft nicht das Eigentümliche seiner Kunst; dieses liegt gerade nicht darin, bloß Sinn zu negieren, sondern gerade in der Synthese aus Non- und Megasense, die sich einem umso vollständiger erschließt, je mehr man an literarischer Bildung genossen und gelitten hat...

Für Dichter, Publikum und Initiatoren war die Lesung ein voller Erfolg, wenn auch mancher in der Menge spätestens in der 12. Runde intellektuell zu Boden ging, da sich die Lektüre auch als Lektion darüber entpuppte, wie viele Reime in wie wenig Zeit man vortragen kann!

Die weiteren Termine der Veranstaltungsreihe stehen noch nicht genau fest; sie werden aber rechtzeitig durch Aushänge bekannt gegeben (etwa Apels Büro in C4-145).




Andrea Hesse




Robert Gernhardt: Trost im Gedicht, Trost und Rat





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