Home

Fakultät

Universität

Archiv

Mail

Impressum
Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Terézia Mora

Ausgrenzung durch Anerkennung


Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Heimatkunst" war Terézia Mora am 20. Juni 2000 zu Gast in Bielefeld. Anläßlich ihrer Lesung im Foyer des Ratssaals sprachen wir mit der Schriftstellerin.

LiLi: Erzählungen die an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich spielen, eine Autorin die Ungarn verlassen hat, um in Berlin zu arbeiten - sind Grenzerfahrungen ein wichtiges Thema Ihrer Arbeit?

Terézia Mora: Ich denke, Kunstwerke entstehen erst durch Grenzerfahrungen, und berichten meistens auch von welchen - anderenfalls wären sie belanglos, "Geschichten, die die Welt nicht braucht". Ich für meinen Teil beginne mich zu äußern, wenn mir etwas an der Welt als außergewöhnlich aufgefallen ist - und außergewöhnlich ist etwas meist, wenn es sich nicht streng innerhalb von gewissen "normalen" Grenzen bewegt, sondern durch irgendetwas (eine Grenzüberschreitung) auffällig geworden ist. Ich glaube, damit stehe ich nicht allein: Eigentlich erzählen wir alle am liebsten Geschichten über eine ver-rückte Welt.

Deswegen kann ich auch manche Texte überhaupt nicht verstehen, die sich damit beschäftigen, daß in unserem Leben außer Selbstreflexion angeblich nichts mehr los ist. Meine Erfahrung sagt mir, die Welt ist in jedem Augenblick extrem.

LiLi: Stört Sie die Charakterisierung als multikulturell oder Migrantenliteratur, die zur Zeit für viele Autoren "nichtdeutscher Herkunft" benutzt wird?

Terézia Mora: Ja. Ich halte es für beschränkt und beleidigend, weil es eine Art "Ausgrenzung durch Anerkennung" darstellt: Guck, wie diese Nichtdeutschen fein schreiben können. Natürlich können sie das! Außerdem werden auch permanent Versuche unternommen, einem thematische Bekenntnisse zu entlocken. Also entweder: du bist ein kurdischer Autor, also hast du bis zum Grabe über das "Kurdenproblem" zu schreiben; denn das ist das einzige, was du von der Welt wissen kannst.

Oder aber - andersherum-: Frau Müller, wir danken Ihnen, daß sie so viele schöne Bücher über Rumänien geschrieben haben, aber wann werden Sie endlich bei uns ankommen? (Worauf Frau Müller antwortete: Ich habe mir früher nicht vorschreiben lassen, was ich zu schreiben habe, und werde jetzt nicht damit anfangen.) Oder, in meinem Falle, die hoffnungslvoll-lauernde Frage: werden Ihre nächsten Bücher auch über Ungarn erzählen? Gegenfrage: erzählt denn mein erstes Buch wirklich über Ungarn?

Und natürlich bleibt auch nie die Frage aus: wie schreibt es sich denn in einer "fremden" Sprache? Eine Sprache, in der man schreibt, ist keine "fremde". Etc.etc.etc. Lauter Fragen, die vom TEXT ablenken. So braucht man sich nicht mit "Merkwürdigkeiten" im Text beschäftigen, sie nicht zu "lösen", man kann sich einfach sagen: Aha, das ist was "Ausländisches", das bezieht sich gar nicht auf dich, weiter im Text.

LiLi: Nachdem Sie im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis gewonnen haben, war der Rummel um ihre Person gewaltig. Allein auf der Frankfurter Buchmesse mußten sie etwa dreißig Termine wahrnehmen.

Terézia Mora: Ich habe die Pressetermine als einen Teil der Arbeit am Buch aufgefaßt. Der wichtigere und angenehmere Teil dieser Arbeit war natürlich, das Buch zu schreiben, aber es ist auch wichtig, es zu "verkaufen". Letzteres auch ich den Sinne, daß man oft auch eine Menge Erklärungen um das Buch herum abgeben muß, das Geschriebene quasi noch einmal "mit eigenen Worten"(!) wiedergeben, insbesondere, da - zu meiner Enttäuschung - die meisten Rezension zu wenig analytisch waren. Das gehört mit zum Spiel, und manche Leute lesen ja auch gerne Autoreninterviews.

LiLi: Stört das nicht oft gewaltig? Etwa wenn die "Welt" gegen das "literarische Fräuleinwunder" und den "Hype aus Ungarn" polemisiert?

Terézia Mora: So wie ich den Artikel in der Welt verstanden habe, "polemisierte" er in meinem Sinne, indem er nämlich darauf hinwies, wie beschränkt solche Kategorisierungen sind, und sich dafür aussprach, Texte unabhängig von Moden zu betrachten, denn man tut manchen Autoren selbst dann unrecht, wenn man sie im Sinne einer Mode hochjubelt, weil sie nämlich mehr sind als eine Mode.

Manchmal stehe ich wirklich da und frage mich, wie ich - bzw. das was ich schreibe - in die eine oder andere Menge hineindefiniert werden konnte. Was habe ich zu tun mit dieser "Gruppe" oder jener "Generation", diesem ganzen Etcetera? "Dabei" sein zu können gehörte noch nie zu meinen Stärken und daher auch nicht zu meinen Zielen. Ich setze meine Hoffnung auf die Zeit: da es vermutlich kein "Alte-Schachtel-Wunder" geben wird, schreibt man vielleicht irgendwann ganz unbehelligt.

LiLi: Sie schreiben auch Drehbücher und arbeiten als Übersetzerin. Woran arbeiten sie zur Zeit?

Terézia Mora: Ich übersetze Péter Esterházys "Hauptwerk": Harmonia caelestis, einen Tausendseitenroman über die Geschichte seiner Familie - erzählt als europäische Kulturgeschichte; wirklich großartig, intelligent, kurweilig, respektlos, herzergreifend: alles. Das mache ich am Nachmittag.

Am Vormittag schreibe ich an meinem zweiten oder dritten Buch. Ich arbeite zur Zeit parallel an meinem ersten Roman und an neuen Erzählungen - mal sehen, was eher fertig wird. Ich habe vor, mir Zeit zu lassen - es gibt zu viel "Ungares".

Neben dem Schreiben und dieser großen Übersetzungsarbeit komme ich momentan nicht zum Drehbuchschreiben; obwohl ich einige interessante Angebote habe, mal sehen, vielleicht brauche ich ja mal eine Prosapause...

LiLi: Wird es eine Fortsetzung von "Seltsame Materie" geben? Nach den Erzählungen aus der Provinz vielleicht Grenzerfahrungen aus der Metropole Berlin?

Terézia Mora: "Seltsame Materie" ist ewig, zumindest solange es Materie gibt. Als ich meinen nächsten Erzählband anfing, sah es nach Berlin-Geschichten aus, dieses originelle Konzept hat sich aber im Laufe der Arbeit gottseidank selbst aufgehoben das ist das schöne: die Welt ist sowohl größer als auch kleiner als Berlin. Laß dich überraschen...





Terézia Mora Die Erzählungen "Seltsame Materie" sind im Rowohlt Verlag erschienen.











Universität Bielefeld