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Brief einer Leserin:

Plädoyer für die Literaturwissenschaft

"Was studierst du denn?" - "Literaturwissenschaft!" - "Ahh ... und was macht man damit?" Die Frage nach der Relevanz, ist die riesige Gretchenfrage, die hoch über dem Studiengang steht und die jedem Literaturstudenten ein gewisses Gefühl von Minderwertigkeit vermittelt. Und dann ist da noch dieses Gefühl, sich schon mal dafür entschuldigen zu müssen, kein Brot zu haben. Denn gerade das Brot scheint in der Relevanzfrage eine große Rolle zu spielen, so wird die Literatur häufig als Brot-los bezeichnet. Dabei spielt bereits in den herkömmlichsten Volksmärchen, gerade das Brot eine entscheidenden Rolle. Und auch ich, als Literaturstudentin widme mich gerne mit dem Brote dem Goethe.

Aber komisch ist es schon, trotz Buchmessen, jährlichen hundertfachen Neuerscheinungen, umsatzstarken Buchhandlungen und boomenden Internetpages for bookorder, wird eine Wissenschaft, die sich mit dem Inhalt der Bücher befasst, als äußerst fragwürdig empfunden. Als wenn es nichts zu erforschen gäbe.

Aber wo sonst kann man zeitgeschichtliche Denk- und Verhaltensweisen besser finden, als in der Literatur? Wo kann man mehr über eine Generation, ein Land, eine Kultur erfahren, als in der Literatur? Und ist es nicht gerade die Literatur, welche die Dinge zum Gegenstand hat, die von anderen Wissenschaften erst noch erforscht werden? Man denke an die Soziologie, die Psychologie, die Medizin, künstliche (geklonte) Wesen, Entdeckung des Weltraums, Erforschung der menschlichen Psyche. Alle diese Dinge, haben bereits vor ihrer Erforschung, ihr In-Erscheinung-treten in der Literatur gehabt. Deutet dies nicht daraufhin, daß gerade die Literatur hochinterdisziplinär ist und als Brücke zwischen den verschiedenen Wissenschaften fungieren kann?

Und ist es nicht die Literatur, welche unabhängig von politischen, sozialen, kulturellen, ökonomischen Situationen, über landessprachliche Grenzen hinaus, die Welt bereist? Spiegeln sich nicht gerade in der Literatur, die Gleichheit und verschiedenartigkeit von Ländern, Kulturen, sprachlichen, vergangenen und aktuellen Situationen wieder? Ist somit Literaturwissenschaft nicht auch eine Kulturwissenschaft, die über die eigenen Landesgrenzen hinaus fungiert? Erfahren wir nicht mehr über die Kultur eines Landes, indem wir seine Literatur lesen, als die Namen seiner größten Firmen im Wirtschaftsteil der Zeitung? Kann man auf der rein wirtschaftlichen Ebene Geschäfte führen, ohne daß man etwas über die Kultur und Gepflogenheiten aus den Ländern der Geschäftspartner kennt? Sollten wir da nicht über die Brücke der Literatur gehen, um bestimmte Verhaltensarten und Traditionen zu verstehen und zu respektieren?

Sind all dies keine Argumente, welche die wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur legitimieren? Da wir die Relevanzfrage scheinbar nicht so leicht ausradieren können, sollten wir Studenten der Kunst ohne Brot, vielleicht in Zukunft mit den Worten Oscar Wildes antworten: "In unserem Zeitalter sind nur unnötige Dinge unbedingt nötig." (Extravagante Gedanken, Zürich 1988)



Verena Knüpfer, Literaturstudentin







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