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Keine Poesie für das große Publikum

Die 23. Tagung des Colloquiums Neue Posie

Zum 23. Mal traf sich in Bielefeld das Colloquium Neue Poesie. An der öffentlichen Lesung im Rathaussaal beteiligten sich in diesem Jahr 17 Autoren und Autorinnen. Am 6. Mai sprachen wir mit Hartmut Geerken in der Bielefelder Kunsthalle über die Geschichte der Autorengruppe, die öffentlichen Lesungen und die interne Arbeit des Colloquiums im Haus Neuland.

LiLi: Können sie sich noch an die erste öffentliche Veranstaltung in der Bielefelder Kunsthalle vor 23 Jahren erinnern?

Hartmut Geerken: Ja sehr gut, es war eine sehr intensive Zeit. Diese Veranstaltung fand ganz spontan statt, es war eine Entscheidung von einer Stunde auf die andere. Alles war improvisiert. Ich hatte den Raum vor dem Vortragsaal mit zerknüllten Zeitungen ausgelegt. Nur ein schmaler Streifen an den Wänden blieb frei. Ich stand an der Stirnseite und habe gelesen, während ich einen meiner Filme auf mich projizierte. Das Publikum kam herein und scheute sich auf die Zeitungen zu treten, damit es nicht knistert. Meine Idee war aber: knistern gehört zu meiner Lesung. Ich wollte daß es Lärm gibt. Als ich von meinem Manuskript aufsah, sah ich, daß die Menschen auf dem Streifen an der Wand standen. Sie standen dort wie aufgereiht aber keiner trat auf diese Zeitungen. So kann man als Autor reinfallen, wenn man sich auf das Publikum verläßt.

LiLi: Wie war die Entwicklung der weiteren Jahre?

Hartmut Geerken: Wir können eine ganz deutliche Entwicklung feststellen. Die Zahl der Zuhörer wurde immer größer. Seit Jahren habe wir wahrscheinlich das größte Publikum überhaupt für eine solche Veranstaltung in ganz Deutschland, mit durchschnittlich 500 bis 600 Leuten im Rathaussaal.

LiLi: Ist das für die Dichter ein besonderer Anreiz?

Hartmut Geerken: Es ist schon etwas ganz besonderes, wenn man 23 mal am selben Ort liest. Ich will nicht sagen, daß es eine familiäre Verbindung zwischen Autoren und Publikum gibt , aber es ist etwas in dieser Richtung. Viele Leute im Publikum kennen die Autoren seit vielen, vielen Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten und jedes Jahr treffen sie sie wieder. Ich kann mir das auch nicht erklären, vielleicht ist es das, was man: "ein Publikum heranziehen" nennt. Es macht einfach Spaß, viele Dichter hintereinander zu hören. Das ist sehr farbig. Ein anderer Faktor ist die Universität, mit den beiden Professoren Ramm und Drews. Ich glaube immer sehr viele Studenten im Publikum zu sehen.

LiLi: Weiß vor der Lesung wirklich niemand genau, was geschieht?

Hartmut Geerken Es ist tatsächlich reiner Zufall. Eine Liste geht herum und jeder kann sich eintragen wo er will. Wir achten nur darauf, daß zum Beispiel nicht alle visuellen Beiträge oder alle phonetischen Beiträge hintereinander kommen.

LiLi: In diesem Jahr haben u.a. Jaap Blonk, Valerie Scherstjanoi und Ilse Garnier Lautdichtung vorgetragen. Ist es für Sie als Dichter etwas besonderes Lautdichtung vorzutragen?

Hartmut Geerken: Ich habe selber in Bielefeld gemeinsam mit Valerie Scherstjanoi Lautdichtung gemacht. Das hat immer mehr mit dem Körper zu tun. Bei der Darbietung eines phonetischen Textes, bei einer phonetischen Performance ist der ganze Körper beteiligt und nicht nur die Stimme. Das ist das spannende daran. Mich interessiert immer, wie mein Körper funktioniert, wie er reagiert auf bestimmte Dinge. Wie weit kann ich gehen, wo ist die Grenze, kann ich die Grenze überschreiten?

LiLi: Gibt es einen Unterschied zwischen der Lautdichtung, die Sie im Studio aufnehmen und dem Livevortrag?

Hartmut Geerken: Für mich persönlich gibt es keinen Unterschied. Ich mach auch phonetische Arbeiten im Studio ohne jegliches Publikum umgeben nur von technischen Apparaten. Aber ich fühle mich da genauso wohl wie bei einer öffentlichen Veranstaltung. Nur daß ich eben vor dem Publikum dann doch meine Hosen nicht ausziehen kann, so wie ich das im Studio mache.

LiLi: Im letzten Jahr haben sie schlicht aus dem Register ihres Buchs "kant" vorgelesen. Wie kommt man denn auf diesen Gedanken?

Hartmut Geerken: Das ist weder eine Notlösung noch eine Provokation. Es gibt den Begriff des Listengedichts, das aus einer Liste von Wörtern besteht. Diese Wörter können phonetisch miteinander verbunden sein, sie können inhaltlich irgendwelche Verbindungen aufweisen, es gibt also ganz verschiedene Möglichkeiten. Mein Buch hat drei Indexe: einen Personenindex, einen Ortsindex und einen Sachindex. Wenn ich eine Seite aus dem Sachindex vorlese, hat man schon einen Eindruck, worum es in diesem Buch geht. Denn das sind Schwerpunkte, die dort verzeichnet sind. Also es war nicht als Provokation gedacht. Ist es so angekommen? Wenn ich selbst ein Buch lese - sagen wir mal ein wissenschaftliches Buch -, dann lese ich immer erst vorne das Inhaltsverzeichnis, dann lese ich die Fußnoten und dann hinten die Indexe und dann erst lese ich den Text. Ich verschaffe mit so einen Überblick über das ganze Ding. Mehr wollte ich bei dieser Lesung auch nicht. Ich wollte einfach dem Publium stichwortartig sagen, was in dem Buch enthalten ist.

LiLi: Die Mitglieder des Colloquiums orientieren sich nicht an den Kriterien des Buchmarktes, gibt es Schwierigkeiten die Arbeiten zu publizieren?

Hartmut Geerken: Wir haben die ganze Bandbreite: Autoren wie Jandl oder Mayröcker, die bei großen Verlagen sind und deshalb keinerlei Probleme haben. Die Poesie die wir hier vertreten ist keine Poesie für das große Publikum. Es gibt diese Ausnahmen: Ernst Jandl ist ein Renner, er hat große Auflagen. Aber ansonsten haben es die Autoren der Neuen Poesie, der phonetischen und akustischen Poesie sehr schwer. Es ist jetzt natürlich mit den neuen Tonträgertechniken sehr viel einfacher geworden für die phonetischen Autoren. Es ist heute überhaupt kein Problem mehr sogar in Einzelanfertigungen CD`s zu brennen und sie selber zu vertreiben. Das ist bei Büchern schwieriger.

LiLi: Warum gibt es die Zweiteilung der Arbeit des Colloquiums in öffentliche Lesung und interner Arbeit im Haus Neuland?

Hartmut Geerken: Das Bielefelder Colloquium Neue Poesie ist in erster Linie eine Arbeitstagung. Wir treffen uns vier Tage im Jahr, immer im Mai. Da wird stundenlang gearbeitet, intern unter Ausschluß des Publikums. Autoren lesen Texte oder präsentieren ihre visuellen Texte vor den anderen Dichtern. Es gibt Werkstattgespräche, man diskutiert darüber und stellt Fragen an den Autor. Es dreht sich vor allem um das "Machen", es sind reine Werkstattgespräche. Die öffentliche Lesung, die wir jedes Jahr machen ist praktisch so eine Art "Bonbon" für die Bielefelder, damit die auch teilhaben können an dem was wir machen. Wir machen das alles honorarfrei.

LiLi: Wie funktioniert die Zusammenarbeit unterschiedlichster Dichter?

Hartmut Geerken: Jedem ist es freigestellt etwas vorzustellen. Man wird nicht beauftragt etwas zu machen. Bei der ersten Sitzung wird danach gefragt, wer etwas zu präsentieren hat. Das können visuelle oder phonetische Arbeiten sein, es kann ein Hörspiel oder es können Texte sein. Ich selber habe schon viele Hörspiele präsentiert und zur Diskussion gestellt. Es müssen auch keine aktuellen Texte sein, an denen gerade gearbeitet wird. Obwohl es natürlich wünschenswert ist, daß es aktuelle Arbeiten sind, über die man sich unter Umständen selbst noch nicht klar ist als Autor. Die Diskussionen können zum besseren Verständnis der eigenen Arbeit beitragen. Wir hatten dieses Jahr viele Arbeiten, die weit zurückliegen - auch in der öffentlichen Veranstaltung: Ilse Garnier hat phonetische Dinge aus den sechziger Jahren präsentiert. Es gibt keinerlei Grenzen. Die Offenheit ist für uns Prinzip.

LiLi: Warum gibt es gerade diese "Konzeption"?

Hartmut Geerken: Wir haben ja keinerlei Statuten. Es gibt absolut nicht schriftliches. Und wir lassen die Medien nicht zu zu den Sitzungen. Das zweite oder dritte Kolloquium fand im Senatssaal der Universität Bielefeld statt. Bevor wir kamen hatte der WDR eine Unzahl von Mikrofonen aufgestellt, für jeden Autor eins. Wir sind dann übereingekommen, daß wir beginnen, wenn die Mikrofone wieder abgebaut sind. Als der WDR wieder eingepackt hatte begannen wir mit unserer internen Sitzung.

LiLi: In diesem Jahr gab es in der Kunsthalle eine Hommage an Robert Lax.

Hartmut Geerken: Robert Lax ist unser ältestes Mitglied, er lebt auf der griechischen Insel Patmos. Als das fünfte Colloquium in Athen stattfand wurde Lax das erste Mal eingeladen. Er war auch dreimal in Bielefeld. Jetzt ist er alt - er ist 85 - und nicht mehr reisefähig. Mit dieser Installation in der Kunsthalle und meinem Hörspiel zu Robert Lax, das hier aufgeführt wird, wollen wir an seine Arbeit erinnern.

LiLi: Wie könnte die Arbeit des Colloquiums in Zukunft aussehen?

Hartmut Geerken: Es ist ja nicht so, daß wir nur dieses Colloquium im Mai hier in Bielefeld haben. Es gibt sehr viele Extensions hinaus in andere Städte. Das fünfte Colloquium fand in Athen statt. Da habe ich zufällig in Athen gelebt und organisiert, daß das Colloquium dort stattfinden konnte. Wir sind in Berlin, Freiburg oder Kiel aufgetreten. Nie das ganze Kolloquium, aber immer Vertreter der Gruppe. Im letzten Jahr waren wir in München zu einer langen Nacht der Dichter. Solche Auslagerungen kleinerer Gruppen oder Themen wird es immer geben und möglicherweise auch in stärkerem Maße. Und es wäre ja gelacht, wenn wir nicht das 25 Colloquium schaffen würden.




Von Hartmut Geerken sind zuletzt erschienen: "kant" (1998) und "Poststempel Jerusalem" (1993); beide Verlag Klaus Ramm.





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