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Ultradoitsh und Wunschdoitsh

Ein Gespräch mit Zé do Rock über Sinn und Unsinn der deutschen Sprache

Im Rahmen der Veranstaltungsserie “Heimatkunst” lädt die Fakultät in Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der Stadt vier Autoren nach Bielefeld ein. Begleitend hierzu beschäftigt sich im Sommersemester das Seminar “Hybride und interkulturelle Literaturen” unter Leitung von Professor Dr. Werner Kummer mit der Arbeit multikultureller Schriftsteller. Die Lili wird über alle Lesungen in ihrer Internet-Ausgabe berichten. Terézia Mora liest am 20. Juni im Rathaussaal und Feridun Zaimoglu tritt am 8. September gemeinsam mit der Hip-Hop Gruppe “Konkret” in der Forum Boge Fabrik auf. An dieser Stelle veröffentlichen wir zunächst ein Gespräch mit dem “Shriftstella” Zé do Rock, der am 17. Mai die Reihe der Lesungen mit einer Performance im Foyer des Rathaussaals eröffnete.


LiLi: Sie schreiben ihre Romane in ihrer eigenen Kunstsprache. Was ist Ultradoitsh?

Zé do Rock: Das erste Buch ist auf Ultradoitsh. Das zweite ist nur teilweise auf Ultradoitsh und hauptsächlich auf Wunschdoitsh. Beides ist vereinfachtes Deutsch. Es ist ein Modell für die Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung. Es gibt am Ende des erstes Buchs noch ein Beispiel für unseriöses Ultradoitsh: Ultradoitsh-U, wo die Grammatik entschlackt wird. Das ist natürlich nicht ernsthaft gemeint, weil man von den Leuten nicht verlangen kann, daß sie ihre Sprache verändern.

LiLi: Wie entstand die Idee zu diesem Projekt?

Zé do Rock: Nachdem ich nach meinem ersten Besuch in Deutschland habe ich Freunden Briefe geschickt. Ich dachte: Ich werde jetzt nicht groß schreiben oder für einen Laut wie "sch" drei Buchstaben benutzen. Es machte mir viel zu viel Mühe und so habe ich "chs" mit "x" abgekürzt, usw. Allmächlich hat das alles ein System gekriegt. Das war die ursprüngliche Idee von Ultradoitsh.

Das Buch an sich: Ich hab mich immer bei den Deutschen beschwert, daß ihre Sprache so schwierig ist. Die haben immer gesagt: Ja schwierig, aber exakt. Mit Exaktheit hat das nichts zu tun, es ist eine ziemlich chaotische Sprache. Zwar auch sehr ausdrucksreich aber das hat nichts mit den ganzen Regeln zu tun. Ich wollte den Deutschen zeigen, daß man es auch einfach machen kann. Die ganzen Komplikationen, die es in der Sprache gibt tragen nichts dazu bei, daß Deutsch ausdrucksreicher wird. Wenn man Fuchs klein schreibt und mit einem x am Ende, ist es weiterhin ein "fux" - es geht kein Ausdrucksreichtum verloren.

Mein konstruktiver Beitrag ist Ultradoitsch. Mit diesem Projekt sollten zwei konsequente Änderungen pro Jahr vom Jahr 1995 bis 2012 eingeführt werden. Das erste Buch wollte ich nicht nur über Sprache schreiben, damit es nicht nur Germanisten lesen. Ich wollte diese bittere Medizin der Sprache in viel süßem Saft lösen und vermischen, damit die Leute es auch trinken. Darum habe ich meine Lebensgeschichte geschrieben, meine dreizehn Jahre um die Welt.

Das zweite Buch, UFO IN DER KÜCHE (ein autobiografischer seiens-fikschen), ist in Wunschdoitsh geschrieben. Ich habe bis jetzt etwa 9000 Leute in meinen Lesungen und Performances abstimmen lassen. Nach jeder Ändrung habe ich das Publikum gefragt ob sie sie wollen oder nicht. Daraus ist dann Wunschdoitsh entstanden, eine Art basisdemokratisches Deutsch.

LiLi: Sie schreiben also selber auch im Alltag in dieser Sprache?

Zé do Rock: Ja, das ist auch kein Problem. Die Leute wissen nur nicht das es kein Problem ist. Ich schreibe jetzt Wunschdoitsh und nicht mehr Ultradoitsh. Ich fülle auch Formulare so aus, die Leute verstehen und ich habe noch nie eins zurück gekriegt.

Nicht einmal in einer Diktatur wurden die Leute gezwungen eine perfekte Rechtschreibung zu verwenden. Die Leute denken immer, daß nur ein freier Schriftsteller das machen kann. Aber jeder kann das. Natürlich können Schüler nicht Ultradoitsh schreiben, sonst werden sie dafür bestraft. Und eine Sekretärin wird wahrscheinlich Ärger mit ihrem Chef kriegen wenn der nicht gerade ein Ultradoitshfan ist. Aber jeder Mensch könnte es benutzen. Heutzutage weiß doch niemand mehr, wie er schreiben soll. Die Leute haben wegen der neuen Rechtsschreibung keine Ahnung mehr. Sie fragen mich manchmal: Ist das jetzt die neue Rechtschreibung? Was weiß ich? Niemand weiß es. Teilweise wissen es nicht mal die Leute, die die Reform gemacht haben.

LiLi: Gab es schon Reaktionen von Germanisten und Linguisten auf Ultra- und Wunschdoitsh?

Zé do Rock: Ja es gab einige. Ein paar Mitglieder vom Internationale Gremium zur Reform der Rechtschreibung fanden mein Buch ganz lustig, nahmen es aber nicht ernst. Sie sagten, daß es nicht wissenschaftlich ist. Aber was heißt schon wissenschaftlich? Wenn man eine Reform macht, bei der achtzig Prozent der Bevölkerung unzufrieden ist, dann ist mir eine nicht wissenschaftlich begründete Reform lieber, als das, was da passiert. Ich bin natürlich nie gegen Reformen und mag diese Reform auch nicht zu sehr kritisieren, sie war aber ein bißchen daneben. Das Problem war, daß nicht nur die Linguisten entschieden haben, sondern auch Beamte, Kulturpolitiker, usw. Jeder hat von einer Seite gezogen, jeder hat auf eine Ausnahme gedrängt. Zu viele Köche haben den Brei verdorben. Es gibt Linguisten und Germanisten die mit mir einer Meinung sind und die sind meistens von Ultradoitsh begeistert.

LiLi: Kann man ihre Romane überhaupt in andere Sprachen übersetzen?

Zé do Rock: Es ist durchaus übersetzbar. Eine Übersetzung ist auf Brasilianisch. Nur muß ich den Brasilianern nicht Brasilien erklären, also muß alles verkehrt herum sein. Natürlich geht es nicht um die Deutsche Sprache, sondern ums Brasilianische. Ich nenne es Brasilisch - also Brasiles - das ist ein Wort, das es nicht gibt. Die Leute dort kritisieren oft, daß Brasilisch kein gutes Portugiesisch ist. Wir sprechen aber kein schlechtes Portugiesisch, sondern wir sprechen ein gutes Brasilianisch. Wir müssen es nur offiziallisieren und die Schriftsprache anpassen.

Es gibt ähnliche Projekte für Englisch, Französisch, Spanisch. Im Internet organisiere ich gerade mit Freunden ein vereinfachtes Englisch: RITE - Reducing Iragularitivs in traditional English. Nur für italienisch sehe ich keinen Grund die Sprache zu reformieren, weil sie ja schon logisch ist. Aber meine Bücher sind Romane, mit 95% Geschichte und 5% Sprache, also können die Italiener gut ohne die 5% auskommen. Es gibt auch in Deutschland Leute, die finden ich hätte normal schreiben sollen, ohne den Sprachkram, dann hätte ich Millionen verkauft.

Lili: Die Diskriminierung von Migranten wird in ihren Romanen thematisiert. Gibt es einen Austausch mit Kollegen, wie Feridun Zaimuglu, die sich ähnlich mit Sprache und Alltagserfahrung auseinandersetzen?

Zé do Rock: Natürlich bin ich gegen jede Art von Rassismus und Nationalismus und den ganzen Scheiß. Ich würde nur nicht sagen, daß das Buch ein Manifest des Antirassismus ist. In meinem ersten Buch geht es um meine Trämp-Reise um die Welt, im zweiten um eine Ufo-Entführung und die Entführung des berühmten Literaturkritikers Marshel Rauch-Rampenliczki. Aber ab und zu treffen die Buchhelden auf Rassismus und dann ist es drin. Mit Zaimuglu habe ich noch vor zwei Wochen über dieses Thema geredet. Ich nenne ihn immer noch Kanake, obwohl eigentlich ich der Kanake bin, weil ich Ausländer und er ein deutscher Staatsbürger ist.. Ich habe jedoch weniger Probleme mit Rassismus als er, denn er schaut halt etwas dunkler und türkischer aus, während ich in der Masse verschwinde.

So kann man sehr verschiedene Erfahrungen in Deutschland haben. In Deutschland ist es immer komfortabler Brasilianer zu sein als Türke. Die Türken sind immer das Hassobjekt eines Teils der deutschen Bevölkerung. Sie sind halt islamisch und es gibt viele Türken hier. Brasilien ist weit weg, es gibt keine brasilianischen Asylanten oder große Gruppen brasilianischer Gastarbeitern. Sie verschwinden in der Masse. Aber je dunkler der Brasilianer ist, je mehr hat er zu beklagen.

Ich kenne einen Zairer für den es fürchterlich ist und ich kann mir vorstellen, daß er harte Zeiten hat. Er fährt in einer Gruppe von etwa 200 Fahrradfahrern und ein Polizist sieht den Schwarzen und fragt nur ihn woher er das Rad hat. Wenn Polizei kontrolliert sieht man meistens, daß die Hautfarbe der Kontrollierten nicht so ganz arisch ist. In Brasilien ist es ähnlich: Je dunkler man ist, desto mehr Probleme hat man, desto weniger Vertrauen erweckt man, desto mehr wird man als der Täter angesehen, wenn man nach einem Täter sucht. Dieser Zairer war neulich mal schlecht drauf, er hielt den Rassismus nicht mehr aus. Ich sagte ihm: Ja Mei, damit muß man leben mit den Deutschen! Nein es sind gar nicht Deutsche, meint er, in seiner Firma arbeiten fast nur Jugos, Griechen und Türken.




Zé do Rock Von Zé de Rock sind im Verlag Gustav Kiepenheuer bisher erschienen: "UFO in der Küche: ein autobiografischer seiens-fikschen" (1998) und "fom finde ferfeelt: welt-strolch macht links-shreibreform" (1997); Taschenbuch bei Piper.





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