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Schüler, die lernen wollen!

Aus dem Tagebuch eines Praktikanten in Südafrika

Durban, 5.20 Uhr: Die Sonne geht über dem Hafen von Durban auf, als der Radiowecker mich aus meinen Träumen reißt. "The temperature at sunrise is 22°C" verkündet der Moderator. Ein weiterer heißer Tag steht ins Haus. Trotzdem binde ich mir wie jeden Morgen die Krawatte um. In einer Schule, in der die Schüler in ihrer Schuluniform schwitzen, sollten auch die Lehrer ein bisschen leiden.

Unterricht in Umlazi Und als Gast muss man sich erst recht an die Regeln halten. "If you are in Rome, do like the Romans," ist Val's Meinung. Sie ist die Lehrerin meiner Schule, die mich für die 6 Wochen DaF-Praktikum in ihre Familie aufnimmt. Val ist weiß. Eine Besonderheit an einer schwarzen Schule in einem Land, in dem die Hautfarbe leider immer noch wichtig ist.

6.45 Uhr: Ankunft in Umlazi. Guten Morgen Africa! Durban ist Europa, ist Luxusautos und glitzernde Shopping-Center. Umlazi ist das größte Township von Durban. "Etwa eine Million Menschen leben hier," schätzt Carol, die Deutschlehrerin meiner Schule. Am Straßenrand drängen sich kleine Verkaufsstände, immer wieder auch "informal settlements", winzige Hütten, die aus dem zusammengebastelt werden, was grade so rumliegt. An der Ampel steht ein Minibustaxi. Von den Bässen der Kwaito-Musik vibriert unser Wagen. Gehörschaden ist bei einer Fahrt mit den Minibussen meist in den 3 Rand (etwa 1 Mark) Fahrpreis inkludiert. Aus dem Taxi blicken 15 schwarze Gesichter, Weiße gibt es nicht in Umlazi.

7.00 Uhr: Allmorgendliche Versammlung. Von dem Hügel, auf dem das Ogwini Comprehensive Technical College steht, blicke ich auf das Township. Die Morgensonne taucht die Hügel mit ihren Hütten und Einfamilienhäusern in ein mildes Licht. Vor mir auf dem Fußballplatz stehen 1.600 SchülerInnen und singen. Meist singen sie auf Zulu, fast immer sind es christliche Lieder, immer singen sie wunderschön. Dazwischen motivierende Ansprachen des Schulleiters. Oft wird die Gemeinschaft betont und die Verantwortung des Einzelnen für sie.

7.30 Uhr: Nach der Lehrerbesprechung ruft die Sirene zur ersten Stunde. Ich betrete die Klasse 8a. 58 Schüler erheben sich von ihren Bänken und schmettern mir ein "Guten Morgen Herr Sarcletti" entgegen. Die 12- bis 15-jährigen lernen erst seit kurzem Deutsch, das vom südafrikanischen Erziehungsministerium als "important for trade and tourism" eingestuft wurde. Deshalb wird es auch an einigen schwarzen Schulen unterrichtet. (Dem Goethe-Institut in Pretoria ist das gar nicht recht, es möchte die Sprache der (weißen) "Elite" vorbehalten.)

Eigentlich wollte ich heute einen der zwei Overheadprojektoren der Schule einsetzen. Nachdem ich die Leinwand auf einem Tisch stehend mit dem Riemen meiner Tasche an einem Dachbalken des spartanischen Klassenraums befestigt habe, stellt sich heraus, dass es heute keinen Strom in der Klasse gibt. Dann eben nicht, Improvisieren ist alles. Also wiederholen wir das deutsche Alphabet und ein Teil der Klasse buchstabiert seine Namen auf Deutsch. Wenn ich versuche die Namen auszusprechen, gibt es immer wieder Gelächter. Ich frage mich, ob ich die verschiedenen Klick- und Schnalzlaute des Zulu jemals aussprechen werde. Sprachenlernen kann so schwer sein.

8.30 Uhr: Wieder die Sirene, ab in die kleine Bibliothek, vor der schon die 9E wartet. In dieser Klasse hat nur ein Teil der Schüler Deutsch gewählt, die anderen lernen Afrikaans. Die 28 Schüler passen kaum in den Raum, einige teilen sich den Stuhl, alle teilen sich die 18 Deutschbücher. Wenn ich einzelne Schüler aufrufe, stehen die auf. Anfangs ist das für mich genauso befremdlich wie die Lautstärke, mit der sie den Lehrer im Unterricht ansprechen. Wie soll ich eine Sprache unterrichten, wenn die Schüler nur flüstern? Es dauert etwa drei Wochen, bis die Schüler ihre Scheu überwunden haben.

12 Uhr: Mittagspause. Nach der halbstündigen Frühstückspause hatte ich zwei kleinere Lerngruppen in der Bibliothek. Das macht den Unterricht zwar effektiver, inzwischen hat es aber 33°C im Schatten bei 85% Luftfeuchtigkeit, das entspricht gefühlten 42°. Ich tropfe in-zwischen und auch den Schülern macht die Hitze zu schaffen. Jetzt stehen sie am Betonzaun, der das Schulgelände umgibt. Auf der anderen Seite des Zauns haben Anwohner kleine Stände aufgebaut und verkaufen Snacks.

... und hier ist Bielefeld - da komm ich wech. 12.30 Uhr: Noch zwei Stunden. Die 12E muss ich heute wieder mit Präpositionen und dem dazugehörigen Kasus traktieren. Ich steige auf einen Stuhl: "Der Lehrer steigt...". Nondladla liegt knapp daneben, Wiseman weiß die richtige Antwort,. "Und jetzt steht der Lehrer..." Die Schüler haben Spaß an meinem Unterrichtsstil. Sie kennen nur Frontalunterricht; der komische Lehrer aus Deutschland ist eine neue Erfahrung für sie. Dabei lasse ich die Unterrichtskonzepte (kommunikativ, handlungsorientiert etc.), mit denen mich mein Studium ausstattet, meist sowieso in der Tasche.

14.30: Feierabend. Inzwischen bin ich von der Hitze völlig gelähmt. Zu Hause angekommen mache ich erst mal ein Nickerchen. Danach Hefte korrigieren und den Unterricht für morgen vorbereiten. Nach dem Abendessen sitze ich wie jeden Abend noch ein bisschen auf der Terrasse und blicke auf die blinkenden Lichter des größten Hafens Afrikas. Und wie jeden Abend überkommt mich ein tiefes Glücksgefühl: So anstrengend mein Praktikum ist, so schön ist es, ein winziges Stückchen zum Neuaufbau dieses wunderbaren Landes beitragen zu können. Beim Einschlafen denke ich an meine Schüler und ihren Willen, unter schwierigsten Bedingungen zu lernen. Ich träume von dem neuen, gerechten Südafrika, in dem diese Jugendlichen die Elite sein werden.






Mario A. Sarcletti


Zum Südafrikanischen Erziehungsministerium





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