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Internationales Theaterfestival in OWL

Hamlet auf japanisch

von Jan Herrmann

Ein junger Japaner hockt im Schneidersitz auf der Bühne. Um ihn herum türmen sich meterhohe, rotbespränkelte Eisengitter. Er hält einen Monolog, Hamlets Monolog. Kurz darauf schwingt er sich auf das Fahrrad und radelt singend auf der Bühne im Kreis herum. Der Dynamo erzeugt Licht.

Takeshi KawamuraWir befinden uns auf dem internationalen Theaterfestivals 360° in Bielefeld, in der Aufführung von "Hamlet Clone" der T-factory aus Japan. Es fällt nicht leicht, die Ebene der Beschreibung zu verlassen und sich auf das dünne Eis der Interpretation zu wagen. Zweifelsfrei hat Regisseur Takeshi Kawamura versucht, der japanischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, und das auf der Grundlage Hamlets. Scheinbar begünstigt das enge Rollenverständnis der traditionellen japanischen Gesellschaft Aus- brüche in extremer Form. Polonius, mit der Königin liiert, hat seine Tochter Ophelia sexuell belästigt. Diese wird als spätere Oberschülerin von Horatio dazu genötigt, auf den Strich zu gehen und Sex mit einem Obdachlosen zu haben. Horatio wiederum nimmt den Geschlechtsakt auf Video auf, bestrebt, die Revolution mit Geld aus dem Pornogeschäft zu unterstützen. Im Laufe eines Londonaufenthaltes hat Claudius seinen Auftritt als Transvestit, während Hamlet und Laertes den Gedanken hegen, ein Schwulenlokal zu eröffnen. Ob das Bild der japanischen Gesellschaft wirk- lich in so grellen Tönen gezeichnet werden muß, entzieht sich unserer Kenntnis. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, daß ein dosierterer Umgang mit dem schockierenden Element dem Stück nicht geschadet hätte.

Zurück bleibt ein Moment der Ratlosigkeit, welches in erster Linie schlicht und einfach dem Umstand zu verdanken ist, daß das Stück auf japanisch aufgeführt wurde. Die Alternative, zentrale Textpassagen übersetzt auf einer überdimensionalen Leinwand zu präsentieren, war kein gleichwertiger Ersatz. So stand der Zu- schauer meist vor der Wahl, sich entweder auf den Text oder das Figurenspiel zu konzentrieren. Auch die Kombination von wilden Tanzeinlagen, filmischen Sequenzen, sphärischen Klängen und einem Erzähler aus dem off, hat das Verständnis nicht erleichtert. Nun kann man darüber streiten, ob Ratlosigkeit per se negativ ist, oder ob wir so nicht genötigt werden über Mechanismen nachzudenken, mit denen wir sonst Sinn herstellen. Sollte dieses fruchtbare Chaos tatsächlich die Intention des Regisseurs gewesen sein, war er bei meinem Kommilitonen äußerst erfolgreich. Der konnte nach Aufführung nicht einmal sagen, welcher der zwölf Darsteller eigentlich Hamlet war.



Informationen zu weiteren Veranstaltungen: Theaterlabor Bielefeld






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