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Ausnahmezustand jenseits der Konventionen

Das Fringe Festival 2005 in Edinburgh

Von Nicole Karczmarzyk

Shakespeare hat einmal gesagt "Gute Gründe müssen den besseren weichen". Etwas in der Art mögen sich auch die acht Theatergruppen gedacht haben, die 1947 uneingeladen zum Edinburgh International Festival kamen und mangels öffentlicher Bühnen ganz einfach in Privatwohnungen oder öffentlichen Räumen spielten. Dieses "Gatecrashing" begründete das Edinburgh Fringe Festival, das sich inzwischen als weltweit größtes Kunstfestival etabliert hat. Jedes Jahr im August findet nun neben dem International Festival für hohe Kunst das "Fringe" statt, ein "Festival am Rande", dessen Programm zu einem Drittel aus Theaterstücken und Stand Up Comedy besteht und von musikalischen Aufführungen ergänzt wird.

Jedes Jahr wird die Royal Mile überfüllter, das Programm dicker und die Unterkunft teurer: In diesem Jahr wurden insgesamt 1799 verschiedene Veranstaltungen an knapp 300 Schauplätzen gezeigt; Orte die erst im August von ihrer Identität als Bühne erfuhren.

Künstler aus den verschiedensten Ländern mit den verschiedensten Shows treten auf und die Royal Mile wird einmal im Jahr zur Plattform für Straßenkünstler, Menschenmassen und Künstler, die für ihre Kunst werben, so daß alljährlich in der schottischen Hauptstadt ein künstlerischer Ausnahmezustand jenseits der Konventionen des Kulturbetriebs ausbricht. Die Einwohnerzahl Edinburghs von normalerweise 450 000 verdoppelt sich in dieser Zeit durch zureisende Touristen. Die High Street, das längste Stück der Royal Mile, ist in dieser Zeit für den Autoverkehr gesperrt, obwohl es bei den dichtgedrängten Menschenmassen ohnehin kein Durchkommen gäbe. Das "Fringe" windet sich durch die Altstadt: Auf drei Bühnen werben hier Theatergruppen mit Szenen ihrer Vorstellungen; die Royal Mile verwandelt sich in eine Bühne auf der Schwertschlucker, Jongleure, Tänzer und allerlei Kleinkünstler die Vorbeiziehenden zum Verweilen und Staunen einladen. Nebenbei vervollständigen Künstler mittels Installationen und Kostümen das Straßenbild und versuchen, die in Stand Up Comedys vielfach parodierten Flyer unter das Volk zu bringen.

All dem Treiben haftet der Charakter von "fahrendem Volk" an, was noch deutlicher wird, wenn der Besucher die ersten Veranstaltungen in den umfunktionierten Kirchen oder Kellern sieht. Einige Künstler bieten ihre Vorstellungen mit geradezu rampensäuischer Lust dar, während andere nervös von ihren Handrücken ablesen, obwohl sie bloß vor zehn bis dreißig Zuschauern stehen.

Wie bereits vor zwei Jahren spukt auch in diesem Jahr der antiamerikanische Geist und das Thema Terrorismus durch das beinah telefonbuchdicke Programm. Mit Stücken wie "My Pyramids!" von Volcano, über die Geschichte der folternden Soldatin Lynndie England im Abu Ghraib Gefängnis oder "Guardians" produziert von der Mahwaff Theatre Company, werden auch von amerikanischen Ensembles Bilder aus den Medien thematisiert, die sich in unser Bewußtsein eingebrannt haben. Wie in jedem Jahr kann man unterschiedlichste Facetten des Off-Theaters in Edinburgh entdecken, sogar das burleske Theater ist mit drei Aufführungen vertreten.

Weniger antiamerikanisch, sondern einfach nur "anti" präsentiert sich dem Publikum der von Martin Danziger neuinszenierte Klassiker des absurden Theaters, Alfred Jarrys "Ubu". In einem feuchten Keller der mittelalterlichen Gebäude in der Niddry Street wird der Zuschauer von drei Schauspielern durch die turbulente Macbeth-Parodie geführt und begegnet dem Antihelden Pa Ubu, seiner Frau, Ma Ubu und seinem Assistenten Fuquhar. Auf recht groteske Weise wird dem Besucher eine politische Satire gezeigt, mit vulgären Charakteren, mit Unmengen an Nahrungsmitteln, die durch den Kellerraum fliegen und Schauspielern, die sich für keine Abscheulichkeit zu schade sind. Spätestens nach dem Sturz des Königs - ein Aufstand, an dem die Zuschauer durch das Werfen von Tomaten maßgeblich beteiligt sind - muß man erkennen, wie wohl man sich doch mit diesen unangenehmen Charakteren im feuchten, langsam nach altem Bier und Tomaten riechenden Keller, fühlen kann.

Wieder auf der Royal Mile begegnen dem Besucher drei junge Herren mit heruntergelassenen Hosen und Pint in der Hand, die Flyer in Form von Bierdeckeln verteilen. Die drei werben für ihre Show "Two - by Jim Cartwright". Daneben sechs junge Damen in Netzstrümpfen, Korsagen und - Vogelkäfigen. Hier wirbt die Kissbar Company für ihr Stück "Cagebirds", daß sich mit der Unterdrückung der Frau und gesellschaftlicher Isolation beschäftigt. Abends in den Kellern des "Smirnoff Underbelly" oder der Schloßartigen Kulisse des Veranstaltungsortes "The Pleasance" begegnen dem Zuschauer Stand Up-Comedians wie Mickey D, der in diesem Jahr mit "Real Name Michael Dwyer" sein 5. Fringe Festival bestreitet, oder Nathalie Haynes, die Gewinnerin des "Sell Out Show"-Awards vom letzten Jahr. Nathalie erläutert ihrem Publikum in atemberaubender Geschwindigkeit u.a. die Etymologie des Wortes "cunt" und was sie von dicken Kindern hält, während Mickey D wichtige Überlebenstips für Tequila&Acid-Abende mit daraus resultierenden Black-outs gibt.

Auch das 59. Fringe Festival bietet wieder eine Fülle von Shows und bringt in diesem Jahr über 16 000 Künstler auf die Bühnen. Wer von seinem Besuch des Fringe Festivals reihenweise hohe Kultur erwartet, bleibt besser im heimischen Staatstheater, denn das Fringe Festival liefert Unterhaltung in den unterschiedlichsten Qualitäten und Dramaturgien, womit es gar nicht erst den Anspruch subventionierter Virtuosität erheben will. Wem der Charakter der Off-Kultur gefällt, überwindet auch schnell die jährliche Enttäuschung einige Shows gesehen und andere nicht gesehen zu haben, denn nirgendwo könnte dieses Gefühl sich besser anfühlen als in Edinburgh im August.

 









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