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münden - entzüngeln

Mit den Stimmen der Vorgänger

Von Thomas Combrink

Der kleine österreichische Verlag "Edition Korrespondenzen", der in Wien ansässig ist, publiziert interessante Arbeiten bekannter und weniger bekannter Autoren. Ein Band mit Gedichten der jungen Lyrikerin Anja Utler wurde dieses Jahr dort veröffentlicht, der umstandslos deutlich macht, wie stark sich Literatur mit ihrem eigenem Sujet beschäftigen kann.

Anja Utlers Gedichtband "münden - entzüngeln" wurde von der Kritik bislang euphorisch gefeiert, und es ist in der Tat auf den ersten Blick nicht einzusehen, wieso man ihr diese lyrischen Ehren verweigern sollte. Eine innere Stringenz, ein festes strukturelles Rückgrat, eine Überlegtheit in der Komposition und die für Lyrik fast lebensnotwendige Komprimiertheit und Reduktion auf das Nötigste finden sich in diesem schmalen Bändchen wieder. Utler erarbeitet sich ihre Gedichte anhand von Wortfeldern, was bereits der Titel des Buches illustriert. Denn im "münden" versammeln sich gleich etliche Bedeutungen, die in den Gedichten ganz unterschiedlich aktiviert werden. Die beiden wichtigsten Wortfelder, die sich hinter diesem Ausdruck verbergen, haben zum einem etwas mit dem Sprechen und zum anderen mit den Bedeutungen, die sich um den semantischen Bereich des Flusses ranken, zu tun. Auch im "entzüngeln" wird die Bildlichkeit des Sprechens über den Körperteil der Zunge fortgeführt. Allerdings hat Anja Utler eine Form des lyrischen Sprechens geschaffen, die sich vielleicht zu stark mit sich selbst beschäftigt.

Zwar könnte man so lapidar wie pauschal behaupten, dass jedes anständige Gedicht narzisstische Momente besitzt, in denen die eigene Bedingtheit oder der Prozess der Entstehung reflektiert werden, und in einigen Texten über die Lyrik Anja Utlers wurde ja schon darauf hingewiesen, dass ihre Arbeiten eben nicht bloß Spiele mit sprachlichen Münzen sind oder zum schlichten lŽart pour lŽart gerechnet werden dürfen. Auch existenzielle Momente, so hieß es, begegnen uns in den Gedichten, wenn man die Verben beachtet, die etwas mit Gewalt, mit Zerstörung, mit der Attackierung von Körperlichkeiten zu tun haben und die Brüchigkeit und Gefährdung des lyrischen Ichs andeuten wie in diesem Gedicht:

    trifft ja es tritt sich - sein leuchten - es
    schachtet sich ein: ins gesicht splittert
    streut: in den poren das brennt: sich das
    trinkt: sich durchs auge den mund - tiefer - so
    sind die gezehrt jetzt geschlagen mir: prasseln
    sie funkend durchsprüht (..) sinken wieder
    wie: aufgelassen als aschige stollen gelöscht
    so: entragen sie tragen dahinter, im stillen,
    es aus
Dass sich in "münden - entzüngeln" also auch Stimmen zu Wort melden, die direkt auf ein lebendes und damit fühlendes Subjekt zielen, soll hier gar nicht in Frage gestellt werden. Natürlich ist es verpönt, von so etwas wie einer Intention zu sprechen bei einer Lyrik, in der es gerade um die Vielzahl von möglichen Interpretationen geht und um die Ambivalenzen, die durch Sprache entstehen können, aber trotzdem scheinen die existenziellen Momente doch eher in homöopathischen Dosen vorhanden zu sein, sozusagen als ein interessantes Abfallprodukt, das durch das genaue Betrachten der sprachlichen Partikel nebenher entstanden ist.

Diese Lyrik beharrt geradezu auf dem Benennen von materiellen Elementen. Dabei ist die Verquickung von organischer und anorganischer Natur eines der auffälligsten Kennzeichen der Gedichte, das vielleicht am deutlichsten auf die verwandtschaftliche Nähe zu Paul Celan hinweist. Im Übrigen ergibt sich meines Erachtens eine ungute, weil ungemein offensichtliche Beziehung zu drei Schriftstellern: Thomas Kling, Franz Josef Czernin und eben Paul Celan. Trotz einer enorm gründlichen Arbeit mit und an Sprache wirkt "münden - entzüngeln" von daher nicht in einem emphatischen Sinne neu, sondern eher wie eine logische und konsequente, aber gewissermaßen auch vorhersehbare Fortführung von bisher erreichten ästhetischen Positionen. Es schleicht sich ein Gedanke an inspirative Provinzialität beim Leser ein, der den Bezug zu Thomas Kling feststellt, gleichzeitig aber auch Klings Anspielungen auf Celan (gerade in seinem Band "Auswertung der Flugdaten" deutlich) kennt und somit nach der Lektüre von Anja Utlers Lyrikband etwas betroffen ist über die weitreichenden Folgen, die Intertextualität haben kann.

 

Anja Utler
münden - entzüngeln. Gedichte.
Edition Korrespondenzen, Wien 2005
ISBN 3-902113-33-2, Gebunden, 96 Seiten, 17,40 EUR












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