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Rezension

Wie Schmidts Katze

von Thomas Combrink

Die Arno Schmidt Stiftung wird nicht müde, den Lesern weitere Materialien zur biografischen Aufarbeitung eines Werkes an die Hand zu geben, das nun zum Glück schon seit einigen Jahren von vielen Seiten ergiebig beackert wird. Das Tagebuch von Alice Schmidt aus dem Jahre 1954, das nun bei Suhrkamp verlegt wurde, gibt einen intimen, wenn auch vielleicht nicht ganz verläßlichen Einblick in das Leben des Ehepaares.

"Mit ´n Kätzeln auf´m Bett kanns draußen gießen so viels will, da fühl ich mich behaglich." Alice Schmidt, die Ehefrau des Bargfelder Heide-Dichters Arno Schmidt, war eine skurrile Person. Den Eindruck muss man jedenfalls unweigerlich gewinnen, wenn man einen intensiveren Blick in das von ihr im Jahre 1954 verfasste Tagebuch wirft. Ihre ganze Liebe galt, neben Arno und seiner Literatur versteht sich, auch und vor allem den Katzen oder "Kätzeln", wie sie es ausdrückt. Und überhaupt hatte sie einen unverkennbaren Hang zu Verniedlichungen, was sich darin ausdrückt, dass sie die Substantive häufig ganz ungeniert noch mit den Endungen "-chen" oder "-el" versorgte. Durch das "Topperlümpchen" und die "Kleinchen" und die "Kätzel", die so schön "butzen", was - wie uns die Anmerkung erklärt - der familiensprachliche Ausdruck bei den Schmidts fürs Schlafen war, gelangt der Leser in eine Welt, die bei genauerem Hinsehen nur äußerlich intakt ist. Da ist man als Betrachter wirklich baff, wenn Alice Schmidt die Trauer um den Tod der Katze "Topper" mit dem Leid gleichstellt, dass der Verlust ihres jüngeren Bruders Werner in ihr hervorgerufen hat. Viele Fragen bleiben also offen, denn die Psyche dieser Schriftstellergattin ist mit Widersprüchen behaftet. So schimpft sie auch lauthals über die "Christenhunde" und jeder, der die Literatur von Arno Schmidt kennt, weiß, dass aus ihr die Stimme ihres Mannes spricht.

Tatsächlich belegt das Tagebuch in vielen Fällen den Einfluss ihres Mannes, auf eine Art, bei der man doch fast peinlich berührt ist, über eine so sorglos wie unreflektierte Auf- und Übernahme des Gedankenguts ihres damals noch als literarischen Geheimtipp geltenden Ehegatten. Außerdem ist einer der interessanten Punkte dieses Tagebuches etwas, das mit gar keinen Wort vorkommt: Sexualität. Laufen die Schmidtschen Texte (vor allem die in den sechziger Jahren) ja fast über von Obszönitäten, so findet sich in dem Tagebuch über die Libido des Ehepaars eigentlich nichts. Wie kommt´s? So könnte man fragen, und doch wird man nur spekulieren dürfen. Natürlich kann es sein, das Alice ihre Einträge schon immer mit der Perspektive getätigt hat, dass die Nachwelt einmal ein Auge darauf werfen wird. So sind dann die wirklich intimen Themen gleichsam mit dem Gedächtnis der 1983 vestorbenen Alice Schmidt erloschen. Damit wären ihre Aufzeichnungen also beleibe nicht so authentisch, wie man es bei einem Tagebuch annehmen könnte.

Aber nicht, das wir uns uns falsch verstehen: Alice Schmidt ist nicht nur Sprachrohr und Medium ihres Mannes - sie gibt auch Kontra und rügt ab und an das Verhalten von Arno gegenüber den Verlagen. Auch dafür lohnt es sich, das Tagebuch einmal heranzuziehen, denn wie Schmidt sich innerbetrieblich gegenüber den Verlegern gebärdet, ist wohl nicht immer anständige. Wenn nach Einsendung eines Manuskriptes nicht sofort eine Rückmeldung ins Haus flatterte, dann hing bei den Schmidts erst mal für einige Tage der Haussegen schief. Für ihn galt das als ein ganz und gar verantwortungsloses Verhalten von seiten der Verleger ihm gegenüber. Auch ist es interessant zu beobachten, mit welchen Personen Arno Schmidt schon bereits Anfang der fünziger Jahre Kontakt hatte. Briefe werden getauscht mit Heinrich Böll (den Schmidt übrigens irrtümlich für einen Lektor bei Kiepenheuer & Witsch hält) und Martin Walser, und doch wird im Jahr 1954 ebenfalls die Zeitschrift "Akzente" ins Leben gerufen, für die der Bargfelder Dichter einen Beitrag verfassen soll.

Alice Schmidt hat natürlich nicht nur 1954 Tagebuch geschrieben; dieses Jahr wurde unter anderem gewählt, weil "hier der biographische Hintergrund zu Arno Schmidts Roman Das steinerne Herz dokumentiert ist". Die Reisen nach Ahlden und Berlin gehören in diesen Zusammenhang. Das Tagebuch von Alice Schmidt aus dem Jahr 1954 ist aber, so muss man wohl neidlos anerkennen, ein gelungenes editorisches Unternehmen, da es durch die ehegeschichtlichen Archive eines Paares führt ohne in der puren, bedeutungslosen Idiosynkrasie zu versanden. Wir erfahren sehr viel über das, was uns bei Arno Schmidt am meisten interessiert: Literatur.




Alice Schmidt:
Tagebuch aus dem Jahr 1954.
Herausgeben von Susanne Fischer.
Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag.
334 Seiten, ISBN 3518802208, 38,00 EUR.















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