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"Eine Wissenschaft für sich..."

Von Fußballästheten

von Jan Herrmann

Was haben der wetterfeste Stehplatzbesucher und der Gast eines gemütlichen literarischen Zirkels gemeinsam? "Mehr als gemeinhin angenommen," meint der Bielefelder Literaturprofessor Friedmar Apel. Er hielt am 24.11.05 im Rahmen der Reihe "Fußball - eine Wissenschaft für sich" eine Vorlesung über Literatur und Fußball..

"Beide sind Ästheten," so Apel. Auf der Suche nach dem vollkommenen Moment. In dem sich Kraft, Schnelligkeit und Eleganz perfekt ergänzen. Zu beobachten in manchen Aktionen des neuen Bielefelder Lieblings Zuma. Wenn er den Ball gefühlvoll aus der Luft herunternimmt, seinen Gegenspieler mit einer Körpertäuschung ins Leere laufen lässt, antritt und mit dem Außenrist den Ball am herausstürzenden Oliver Kahn vorbei und auf den besser postierten Mitspieler spitzelt - dann ist man geneigt, Apels Ausführungen zuzustimmen. Es gibt sie im Fußball. Diese seltenen Momente. Wenn der blonde Engel einen 40-Meter-Pass aus dem Fußgelenk schlägt; ein kleiner Argentinier seinen Sololauf über das halbe Spielfeld mit einem Tor krönt oder Klaus Fischer den Fallrückzieher formvollendet ausführt. "Doch daneben," erläutert Apel, "gibt es auch viel Leiden." Denn solche Symbiosen gehen Fuß und Ball eher selten ein. Viel häufiger wird das Spielgerät lieblos traktiert. Ist doch der Fuß anthropologisch gesehen nicht das Gliedmaß, mit der sich ein Ball am präzisesten spielen ließe. Das wäre die Hand. So kommt es, dass selbst den Profis Fehler unterlaufen, die einem Kreisligakicker alle Ehre machen würden. Aber genau das macht diese seltenen Momente der Vollkommenheit ja so wertvoll, so erhaben. Wenn nach einem Fehlpassfestival plötzlich ein Spielzug aufblitzt, bei dem auf einmal alles harmoniert.

"Nur eines ist sinnloser als Fußball: das Nachdenken über Fußball," hat Martin Walser einmal gesagt. Natürlich lässt sich nicht aus jeder Begegnung gleich eine Lebensphilosophie schälen. Aber ist Fußball nicht mehr, als dass 22 Leute hinter einem Ball herrennen? Und ist ein Roman nicht mehr als die Geschichte irgendeiner fiktiven Person? Steckt nicht in beidem "eine ganze Menge Welt" (Ror Wolf)? "In beidem, in der Liebe und im Fußball," philosophiert Apel, "führt weder reines Offensivspiel noch pure Defensive zum Erfolg." Die Mischung macht's. Natürlich: wer nie aufs Tor schießt, kann nie einen Treffer erzielen. Aber manchmal muß man sich auch zurücknehmen, unverkrampft sein und sich die Situation entwickeln lassen. Man muß wissen, was in welcher Situation angemessen ist: Forechecking oder auch mal hinten-rum-spielen. Manchmal muß man auch einfach nur die Seite wechseln.

Und die Wirkung? Aristoteles verlangt vom Drama, dass es die Gefühle der Zuschauer anspricht. Furcht und Mitleid sollen erregt werden, um während der Theatervorstellung und nicht im Alltag ausgelebt zu werden (Katharsis). Denn ein Übermaß an Furcht und Mitleid im Alltag hätte für den Einzelnen negative Folgen. Werden beim Fußball nicht auch Emotionen erregt, deren Ausleben im Alltag verheerende Folgen hätte? Ist es nicht besser, am Samstagnachmittag den Gegner und vielleicht auch den Schiedsrichter zu beschimpfen, als die Aggressionen Samstagabend in der Kneipe auszuleben? So bietet der Fußball ein Ventil für den Überschuß an Aggressionen.

Zum Schluß liest Apel noch aus Ror Wolfs "Rammer und Brecher Sonetten":

    Morast und Schlamm und Sturm jawohl und Regen.
    Der Regen fällt herab, als es beginnt.
    Das Gras ist naß. Im Kessel braust der Wind.
    Die Schirme gehen auf. Die Schauer fegen.

    Es knarrt am Dach. Das Regenwasser rinnt.
    Der Nebel schwebt. Man sieht sich was bewegen.
    Es kommt jemand und jemand geht entgegen.
    Und patscht vorbei und jemand stochert blind.

    Und stampft und dampft und hat ihn nicht erreicht.
    Das Feld ist leer. Der Weg zum Tor verstopft.
    Die Pfütze spritzt und jemand ganz durchweicht.

    Und jemand triefend dort und jemand tropft.
    In dieser Suppe sieht man nun vielleicht,
    Wie matt das Leder an den Pfosten klopft.


Sind Fußball und Literatur also doch nicht wesensfremd? Steckt in beidem vielleicht ähnlich viel Weisheit und Schönheit? Brauche ich doch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich den schwadronierenden DSF-Experten meine Lebenszeit schenke? Es könnte ja auch das literarische Quartett sein...










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