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Attila Bartis: Die Ruhe

"Die Freiheit ist ein für Menschen ungeeigneter Zustand..."

von Anke Eberhard

"Die Ruhe" ist das vierte Werk des ungarischen Autors Attila Bartis, von dem bisher erst der Roman "Der Spaziergang" in deutscher Sprache vorliegt. Geboren wurde Bartis 1968 im rumänischen Siebenbürgen. 1984 zog er mit seiner Familie aufgrund von Repressalien, die der Vater - ein der ungarischen Minderheit angehörender Journalist - zu erdulden hatte, in die ungarische Hauptstadt Budapest um. Hier konnte er die Wende nach dem Fall des eisernen Vorhangs direkt miterleben. Mit dem Roman "Die Ruhe" legt Bartis ein düsteres Werk über die vergeblichen Versuche der Befreiung von der Vergangenheit und ihren Sünden vor.

Die zentrale Rolle übernimmt die freudlose Gestalt des Sohnes. Die Schwester - für ihn selbstbewusste und fürsorgende Mutterfigur - floh unterdrückt und eingeengt von der Mutter in den Westen. Allein mit der Mutter zurückgeblieben leben sie aneinandergekettet in bizarrer, schmerzvoller Hassliebe. Die gemeinsame Wohnung, von der Mutter mit Relikten ihres längst vergangenen Ruhms vollgestopft, hat diese seit 15 Jahren nicht mehr verlassen. All ihrer Freiheiten im sozialistischen Regime beraubt, lässt sie erst die in den Westen desertierte Tochter für tot erklären, bevor sie sich in ihre Gruft zurückzieht und den Sohn zu ihrem Wärter und Mitgefangenen macht.

In temporeicher, starker Sprache gibt Bartis dem Leser durch den zynischen Blickwinkel des Sohnes Andro einen Einblick auf dessen mit Machtkämpfen unterschiedlichster Art durchzogene Welt. Die Chance auf Erlösung trifft Andro in Gestalt Eszters, die er bezeichnenderweise vor dem Sprung von der Freiheitsbrücke bewahrt. Sie ist die große Liebe, durch die er versucht, sich aus seiner in Hass und emotionaler Kälte erstarrten Beziehung zur Mutter und den eigenen Taten zu befreien. Doch mit seinen Aggressionen gegen sich und die Welt zerstört er auch sie.

Die morbiden Seiten unserer Existenz durchziehen dieses Bild trostloser, lebendig verwesender Menschlichkeit. Bartis überlässt dem Tod nicht die Absolution. Die brutale Beziehung zwischen Mutter und Sohn verliert nach deren herbeigesehntem Abgang nicht an Schmerz. "Im Ernstfall verzeiht man sich fast alles", - so einfach kann der Autor seine Hauptfigur nicht aus dem Geschehenen entlassen. Schuld bleibt bestehen, nostalgische Erinnerung wird nicht gewährt. Vergangenes hinter sich zu lassen und an einem anderen Platz Ruhe und Frieden im Sternenhimmel finden ist nicht genug. So muss der Sohn in seinem selbstgebauten Gefängnis - unerreichbar für Beistand jedweder Art - bleiben.

Der dramatische Ton der Erzählung erscheint mitunter irritierend bemüht. Nichtsdestotrotz zeichnet Bartis in beklemmender Weise eine intelligente Skizze des menschlichen Verlangens um Vergebung, das unerfüllt bleiben muss, wo die Reue des Einzelnen nicht ausreicht. Vom Verlag als Wenderoman angepriesen, scheint das Thema der Vergangenheitsbewältigung - trotz einiger kleiner Einblicke in das Ungarn der Wendezeit, dem Aufleben der Konsumorientierung und den Mahnmalen sozialistischer Misswirtschaft - hierfür der einzige Grund zu sein. Ob jedoch die Emotionen und Fragen der kollektiven Vergangenheitsbewältigung Ungarns den individuellen Konflikten eines Einzelnen gleichzusetzen sind bleibt fraglich.


Attila Bartis
Die Ruhe
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005;
ISBN 3-518-41682-0, 300 Seiten, gebunden, 22,80 EUR






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