Home

Fakultät

Universität

Archiv

Mail

Impressum
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Licht am Ende des sturmverhangenen deutschen Sprachhorizonts

von Dorit Funke

Ein Aushang in der Uni: angeboten werden "Kurse während den Semesterferien". Neulich beim Bäcker: "immer mittwoch's" gibt es ein bestimmtes Brot. Irgendetwas an diesen Ausdrücken stimmte doch nicht - ein klarer Fall für Bastian Sicks Wegweiser. Seine gesammelten Kolumnen über grammatikalische Probleme und stilistische Auffälligkeiten beseitigen viele Zweifel; daß diese Aufklärung zudem unterhaltsam und kenntnisreich vorgetragen wird, macht dieses Buch zu einem Lesevergnügen.

In der titelgebenden Kolumne "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" beschreibt Sick anschaulich, wie der Dativ in das Territorium des Genitivs eindringt und ihn teilweise schon verdrängt hat. Paradebeispiel dafür ist die Präposition ‚wegen', die in der Umgangssprache fast ausschließlich mit dem Dativ verwendet wird, aber eigentlich den Genitiv regiert. Wie bei vielen seiner Kolumnen hat der Autor auch hier am Ende eine Tabelle angefügt, in der er z.B. Präpositionen und ihre Fälle, Länder und deren Bewohner oder die Mehrzahl von Fremdwörtern übersichtlich auflistet. Hier findet sich auch die Antwort auf das am Anfang genannte Problem: ‚während' steht ausnahmslos mit dem Genitiv, so daß es also "während der Semesterferien" heißen muß.

Beim besagten Bäcker gibt es ,mittwoch's' wohl Apostrophe im Überangebot. Der Apostroph darf bei Wörtern, die auf -s enden, nicht gesetzt werden. Laut Sick breitet sich in Deutschland eine Apostrophenpest aus, die nicht nur den Genitiv (des Internet's) oder den Plural (Mädel's und Jungen's), sondern auch unschuldige Wörter befallen hat wie link's oder Futter'n wie bei Mutter'n. Nicht zu Unrecht fragt Sick, ob die totale Apostrophe droht. Bleibt abzuwarten, ob sich dieser Wahn fortsetzt oder einfach von einem anderen abgelöst wird.

Bastian Sicks Buch ist ein Leuchtturm im stürmischen Meer der deutschen Grammatik, Orthographie und Ausdrucksweise. Die einzelnen Kolumnen sind witzig, treffend und lesenswert, so daß sie nicht als trockene Abhandlungen, sondern als informative Anekdoten gelten können. Wie wird u.a. der Plural von Fremdwörtern gebildet, was bedeutet die Präposition ‚durch' wirklich, welches Geschlecht hat Nutella, wie werden starke und schwache Verben gebeugt? Außerdem beschäftigt Sick sich ausführlich mit nicht gelungenen Übersetzungen aus dem Englischen ("Leichensäcke im Supermarkt" sowie "Das wundersame Arsenal des Krieges" sind sehr lesenswert) und den vielen Anglizismen im Deutschen. Weiterhin deckt er den Mißbrauch von Redewendungen, Synonymen und des Plurals auf, wundert sich über aberwitzige Formen der Steigerung und berichtet vom "über-mäßigen" Gebrauch des "Binde-striches". Am Ende des Buches hat Sick ein kleines ABC zusammengestellt, in dem er kurz und bündig bestimmte Fragen klärt: Heißt es jetzt an oder zu Weihnachten, gewinkt oder gewunken, erstmal oder erst mal?

Der Autor selbst versteht sein Buch nicht als Lehrbuch, allenfalls als lehrreiches Buch, mit dem er sowohl gegen wuchernde Stilblüten als auch gegen eine zunehmende Verunsicherung der Menschen im Sprachgebrauch ankämpfen will. Er maßt es sich nicht an, absolute Wahrheiten verkünden zu wollen. Denn dies ist v.a. bei Stilfragen eher eine Frage des persönlichen Geschmackes, als daß man sie eindeutig mit richtig oder falsch beantworten könnte. Daher ist es äußerst angenehm, daß Sick dem Leser ironisch mahnend entgegentritt, ohne den Zeigefinger allzu pädagogisch zu erheben.




Bastian Sick:
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache.
Kiepenheuer & Witsch
ISBN 3462034480, 8,90 EUR.















Universität Bielefeld