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Die spinnen die Amis

... oder wie man Latein in den USA studiert

Ein Bericht von Dorit Funke

Für Anglisten und Romanisten ist es selbstverständlich: Sie gehen im Verlauf ihres Studiums mindestens für ein Semester ins Ausland, um dort "ihre" Sprache intensiv zu lernen. Doch welche Möglichkeiten haben eigentlich Latein-Studierende? Müssen sie tatsächlich ein ganzes langes Studium in dunklen staubigen Bibliotheken sitzen und einsam über alten Texten grübeln?

Im August 2000 brach ich für zwei Jahre in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf, um am Bryn-Mawr-College in der Nähe von Philadelphia Latein zu studieren. Durch einen Aufenthalt als Au-Pair nach dem Abitur hatte ich einen Teil meines Herzens an die USA verloren. Im Verlauf meines Studiums spielte ich immer wieder mit dem Gedanken, dort einmal zu studieren. Während der Au-Pair-Tätigkeit hatte ich schon das "private" Amerika kennengelernt und nun reizte mich auch die wissenschaftliche Welt jenseits des Atlantiks.

Vor dem Gang in das Ausland steht natürlich die Finanzierungsfrage. Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) werden nur für Studierende des 4-6 Semesters angeboten, die ihr Grundstudium bereits abgeschlossen haben. Informationen über diese Stipendien erhält man im Akademischen Auslandsamt (AAA) der Universität. Für fortgeschrittenere Semester bietet sich ein Fulbrightstipendium mit einer Laufzeit von 9 Monaten an. Dieses Stipendium ist mit einem Auslandssemester vergleichbar und ist nicht unbedingt auf einen Abschluß ausgerichtet. Die Studierenden sollen bei dem Fulbrightstipendium auch Gelegenheit haben, Land und Leute kennen zu lernen. Dies ist auch ganz im Sinne des Gründers und Namensgebers der Stiftung Senator J. William Fulbright, der die Institution nach dem zweiten Weltkrieg ins Leben rief. Sein für damalige Zeiten visionäres Konzept der Völkerverständigung sah den gegenseitigen Austausch auf akademischer und kultureller Ebene zwischen den USA und Deutschland vor.

Als dritte Möglichkeit neben DAAD und Fulbright bietet sich eine Bewerbung auf eigene Faust an: Dabei ist KIRKE, ein Internetprojekt der Universität Erlangen, von unschätzbarem Wert, da es weltweit alle Unis auflistet, die Latein anbieten. So suchte ich mir drei Unis aus und verschickte Bewerbungen. Als Referenz muß jeder Bewerber Beurteilungen von Hochschuldozenten vorweisen und den bisherigen Studienverlauf nachweisen und erläutern. Gefordert sind außerdem ausführliche Essays über den Grund der eigenen Bewerbung und über ein ausgewähltes wissenschaftliches Thema. Eine weitere Vorraussetzung ist die erfolgreiche Teilnahme an den Sprach- und Eignungstests TOEFL und GRE.

Das Bryn-Mawr-College akzeptierte meine Bewerbung und bewilligte ein Stipendium, das die Schulkosten (20 000 $ pro Jahr) und meine Lebenskosten abdeckte. Und ohne finanzielle Unterstützung ist ein Auslandsaufenthalt an einer Graduate School auch fast unmöglich, aber andererseits gehört eine umfangreiche Förderung in solchem Ausmaß durchaus in das Konzept der amerikanischen Universitäten.

Bryn-Mawr ist ein kleines privates College, das im Undergraduate-Bereich bis zum Bachelor noch ein reines Frauencollege ist. Der Graduate-Bereich für Magisterstudierende und Doktoranden (Infos unter brynmawr.edu/gsas) ist aber auch für Männer geöffnet.

Mit zwei anderen Erstsemestern begann ich mein Abenteuer Latein in den USA. Nach den ersten beiden Tagen war ich ziemlich erstaunt über die hohen Anforderungen. Das Stichwort heißt hier Spezialisierung: Im Magister konzentriert man sich auf ein einziges Fach. Zwar mußte ich insgesamt nur drei Seminare belegen, aber die haben es echt in sich. Zu der großen Übersetzungsmenge kamen noch mindestens vier bis sechs Aufsätze, die man pro Woche und Seminar lesen durfte und sollte.

Verstecken konnte man sich bei einer Teilnehmerzahl von drei bis sieben nicht. Im Fach Latein kamen auf ca. 20 Studenten fünf Professoren, die immer recht gut über den Leistungsstand der einzelnen informiert waren.

Im Gegensatz zu Bielefelder Verhältnissen wird in jedem Seminar mindestens eine Hausarbeit verlangt. Dabei wird sehr viel Wert auf eine eigene Problemstellung gelegt. Die Studenten sind aufgefordert, eigenständige Fragen zu wissenschaftlichen Problemen zu entwickeln und zu bearbeiten. Damit sich das Studium nicht allzu eintönig und schmalspurig entwickelt, sollen die Latein-Studierenden, an Seminaren anderer Fachbereiche, wie Archäologie, Kunstgeschichte oder Linguistik, teilnehmen.

Die im Vergleich zu Deutschland nur sehr geringe Anzahl der Studierenden trug wesentlich zu einem sehr guten Zusammenhalt untereinander bei. Haupttreffpunkt für die Studierenden war die Bibliothek, in der jeder ‚graduate student' seinen eigenen Schreibtisch hatte. Hier war das soziale Zentrum der Universität, wo sich Kommilitonen nicht nur über die neuesten Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen konnten.

Die Belohnung all meiner Anstrengungen war dann sicherlich die Abschlusszeremonie. Hier habe ich tatsächlich das erlebt, was man aus Film und Fernsehen kennt. Alle Absolventen, von B.A. über M.A. bis zum PhD., erschienen in Hut und Robe bekleidet. Einen besonderen Augenschmaus bildeten hierbei die Professoren in ihren eindrucksvollen Doktorroben, die sich je nach Universität in Farbe und Hutform unterscheiden. Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl, wenn man unter dem Beifall der Eltern und Gäste in das Zelt einmarschiert und dann später auf die Bühne geht, um das Zeugnis von der Präsidentin des Colleges entgegenzunehmen. Spätestens dann weiß man, warum man sich die Nächte mit Seminarvorbereitungen und Magisterarbeit um die Ohren geschlagen hat.








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