Céline-Neuübersetzung
Conciergen, Kuppler und Kleinbürger
von Tomás Christ
Am 27. Mai des vergangenen Jahres wäre er 110 Jahre alt geworden,
und im selben Monat erschien die Neuübersetzung seines Hauptwerks
bei Rowohlt als Taschenbuch, die bereits 2003 als gebundene Ausgabe vorlag.
Werk und Autor sind bei einem breiteren Publikum gleichermaßen in
Vergessenheit geraten, auch wenn so verschiedene Leser wie Charles Bukowski
und Harald Schmidt sich von seiner sprachlichen Kraft und bedingungslosen
Ehrlichkeit beeindrucken und beeinflussen haben lassen. Die Rede ist von
Louis-Ferdinand Céline (sein eigentlicher Nachname war Destouches)
und seinem Erstlingswerk Reise ans Ende der Nacht (1932).
Der Autor wurde meist mit einer Reihe von mehr oder weniger zutreffenden
Etiketten belegt, wobei sich "krakeelender Menschheitsbeschimpfer",
"Antisemit", "Kollaborateur", "Egomane"
einerseits und "Armenarzt", "Weltreisender", "Kriegsverweigerer",
"Antinationalist" andererseits, gegenüberstehen. Daraus
läßt sich ablesen, daß wir es mit einem sperrigen, widersprüchlichen
Menschen zu tun haben, dessen Charakter sich weder durch sein Werk noch
durch biographische Dokumente und Details eindeutig erschließen
läßt.
Auch für Kenner des französischen Autors ist ein Wiederlesen
der Reise attraktiv, da sie sich in der Neuübersetzung um knapp einhundert
Seiten verlängert hat, und von Hinrich Schmidt-Henkel, der für
die deutsche Neufassung den Paul-Celan-Preis erhalten hat, in einer angemessenen
Form übersetzt wurde. Des Übersetzers Nachwort enthüllt
nicht nur seine Herangehensweise an die schwere Aufgabe, Célines
eigenen, rasanten Sprachstil in lesbare deutsche Sätze zu bringen,
es gibt auch eine durchaus plausible Erklärung für die verkürzte
(lies zensierte) deutsche Erstübersetzung von Isak Grünberg
aus dem Jahr 1932. So schreibt Schmidt-Henkel: "Große Teile
von Célines Reise ans Ende der Nacht gab es bislang auf
Deutsch tatsächlich nicht."
Worum geht es nun in diesem Debütroman, dessen Orginalmanuskript
den bisher höchsten Preis erzielte, der je für einen literarischen
Text bezahlt wurde? Für den Literaturwissenschaftler scheint der
Fall klar: Es handelt sich um einen typischen Picaroroman. Die Lebensstationen
eines sozialen Außenseiters werden nachgezeichnet, sein Sich-Durchschlagen,
die tägliche Sorge um das materielle Überleben, das Dasein als
Diener vieler (schlechter) Herren. Ein Roman voll sozialer Kritik also:
Die Welt wird hier von unten betrachtet und in weiten Teilen für
schlecht befunden. Zu diesem Urteil gelangt jedenfalls der Ich-Erzähler
Ferdinand Bardamu, Célines "Sprachrohr", und wie er Kriegsteilnehmer,
Afrika- und Amerikareisender, Vorstadtarzt und zuletzt Anstaltsleiter.
Doch die Reise ist weit mehr als "nur" ein moderner Schelmenroman.
Céline gehört zu den Autoren, bei denen oft das Wort "Sprachvirtuose"
strapaziert wird. Zehn Jahre nach dem Tod Prousts, des Hohepriesters einer
ästhetisierenden, hochkomplexen, sentimentbefrachteten Erinnerungsprosa,
gelingt es ihm mit einer noch heute erstaunlichen Leichtigkeit und Treffsicherheit
das Unterste der französischen Sprache nach oben zu kehren, und dem
Argot einen Platz in der Literatur zu verschaffen. Céline läßt
die Sprache der banlieues – der grauen urbanen Vorhöllen,
die Paris umgeben –, die Sprache von Conciergen, Kupplern, Kleinbürgern
und -kriminellen so plastisch zu Tage treten wie noch kein Autor vor ihm.
Sein sprachlicher Realismus trug ihm natürlich auch den Vorwurf der
Obszönität ein, obwohl der Roman auf Handlungsebene eher diskret
bleibt. Es gelingt Céline zudem, auch andere Sprachstile, etwa
die der Bürger, Intellektuellen und der mittlerweile etwas angestaubten
Blaublütigen, einzuarbeiten, und so den Leser in das facettenreiche
Bild einer nach dem Ersten Weltkrieg immer weiter aus den Fugen geratenden
Gesellschaft zu führen. Er tut dies nicht mit breiten, gobelinartigen
Gesellschaftspanoramen, sondern durch Dialoge, durch Charaktere, die mehr
durch ihre Sprache als durch ihre soziale Position beschrieben werden
– wie der Überpatriot Dr. Bestombes, ein Nervenarzt, der Bardamu
unbedingt wieder fronttauglich therapieren will – und durch kurze,
signifikante, oft auch zum Weinen komische Episoden, man denke nur an
Bardamus Abstieg in die Unterwelt eines öffentlichen Toilette am
New Yorker Times Square.
Wie Proust betreibt auch Céline Erinnerungsarbeit, meist spricht
Bardamu aus der Distanz der Jahre, doch ist in seiner Prosa kein Suchen
nach Verlorenem, sondern ein Fortschreiten in das Dunkel der Nacht, als
Leitmotiv erkennbar. Bardamu begibt sich in jugendlichem Übermut
freiwillig in den Ersten Weltkrieg, und lernt bereits hier das "wahre"
Gesicht eines chauvinistischen, imperialistischen Europas kennen, dessen
junge Generationen im Stellungskrieg verheizt werden, und vor dessen Zugriff
nur die Nacht schützt: "Nachts konnte uns weniger leicht eins
übergebrannt werden als am Tag. Und dieser Unterschied war jetzt
das Einzige was zählte." Das wiederkehrende Nachtmotiv wird
von Céline gekonnt eingesetzt, um nicht nur die Desillusionierung
der Hauptfigur zu kennzeichnen, sondern auch um die mit Weltkrieg, Wirtschaftskrise
und Nationalismus zunehmende Verdüsterung des 20. Jahrhunderts und
die Machtlosigkeit eines auf Aufklärung setzenden Humanismus deutlich
zu machen.
Dennoch wird Bardamu, anders als sein "Freund", der
nihilistische, kriminelle Léon Robinson, nicht zum egoistischen
Misanthropen und Mörder. Bardamu ist als ausgebildeter Arzt zwar
extrem gründlich in seiner Diagnose einer am Menschlichen krankenden
Menschheit, doch er hat sich ein Minimum an Empathie bewahrt, wie seine
Gefühle für die Prostituierte Molly und sein Einsatz für
den betrunkenen Polizisten Gustave zeigen. Vielleicht liegt darin auch
der Grund, dass nicht Bardamu, sondern Robinson am Romanende stirbt und
in einem fast schon metaphysischen Morgengrauen seine letzte Reise antritt.
Auch ist Bardamu zu einer Sprache fähig, die Sensibilität verrät
und manchmal fast poetische Qualitäten hat: "Oft kam ich in
der stillen Zeit nach dem Mittagessen allein in die Schifferkneipe, wenn
die Katze des Wirts ganz still im Gastraum liegt, als wäre sie in
einem kleinen, nur für sie gedachten blau emaillierten Himmel eingeschlossen."
Weit beeindruckender noch sind jedoch Bardamus zahlreiche, zum Teil aphoristisch
verkürzte Ausbruchsversuche aus dem bürgerlichen Sprachgefängnis,
die in die Handlung in Form von verbalen Rundumschlägen gegen fast
alles und jeden eingebettet sind: "Der Arme hat auf dieser Welt zwei
hauptsächliche Möglichkeiten zum Verrecken, entweder durch die
völlige Gleichgültigkeit von seinesgleichen zu Friedenszeiten,
oder durch die Mordlust derselben im Kriege. Wenn die anderen anfangen,
an einen zu denken, dann haben sie nur im Sinn einen zu quälen sonst
gar nichts."
Von diesem Menschenbild ist es nicht mehr weit bis zu Sartres Ausspruch
"Die Hölle, das sind die anderen" oder zur Haltung eines
Meursault in Camus’ Der Fremde. Célines Ironie und
tragischer Humor unterscheiden ihn aber von den Existentialisten, auf
die Ausbrüche und Eingeständnisse seines Antihelden kann der
Leser oft nur mit großem homerischen Gelächter reagieren, wie
es auch Charles Bukowski bei der Lektüre der Reise ans Ende der
Nacht erging.

Louis-Ferdinand Céline:
Reise ans Ende der Nacht
Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004,
ISBN 3 499 23658 3, € 12, 90.