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"Daten deutscher Dichtung"

Alas, poor Arno!

von Jörg Drews

Herbert A. und Elisabeth Frenzel: "Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte": da liegt der 923 Seiten starke Band 2 des Werks – er reicht von 1850 bis zur Gegenwart - auf meinem Tisch, und da ich vor vielen Jahren das Opus als Grundausrüstung für’s Studium gekauft hatte, zwischendrin die Auflage von 1990 dazukam und nun zwei knallrot schwere Bände mit einer Überarbeitung der alten Fassungen vorliegen (33. Auflage von 2001 bzw. 34 Auflage von 2004!), wollte ich doch mal wieder einen Blick in das Nachschlagewerk werfen, um etwas über die "Überarbeitung des Gesamtwerks" zu erfahren, welche "die neuesten Forschungsergebnisse" berücksichtigt (so versprochen im Text gegenüber dem Titelblatt), und parteiisch, wie ich bin, wollte ich auch gleich mal sehen, wie da – na, beispielsweise Arno Schmidt präsentiert wird. Der Kasus ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil "der Frenzel" ja ein Renner ist (34. Auflage! Da müssen doch Hunderttausende Exemplare verkauft worden sein, und in der Tat : in der 25. Auflage von 1990 wird uns schon bzw. noch erstaunlich offen mitgeteilt: "566. bis 585. Tausend" – das Ding gleicht einer Lizenz zum Gelddrucken!), und weil der eine der beiden Autoren, nämlich die Autorin, so circa 90 Jahre alt sein muß und dennoch kein weiterer Bearbeiter oder Redakteur oder Lektor genannt ist.

Nun kann man gewiß bei Bänden dieser Art immer Lücken finden und weh schreien über die Nicht-Berücksichtigung oder relative Vernachlässigung bestimmter Autoren, und also wird es niemand wundern, wenn ich gleich einmal moniere, dass – ausgerechnet Bananen! - von den ganzen Büchern Arno Schmidts, der doch inzwischen ‚objektiv’ als einer großen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur gelten darf, bei Frenzel & Frenzel auch in der neuesten Auflage von Band 2 nur der "Leviathan" und "Das steinerne Herz" überhaupt Werkartikel (12 bzw. 8 Zeilen) bekommen und der Autor ansonsten nur ein paar dürre biographische Zeilen verdient hat. Aber wenn alles am Ende nur eine Geschmacksfrage sein sollte, so kann man dagegenhalten, daß aber auf jeden Fall die Proportionen gewahrt sein sollten – und das hat dann doch auch eine ‚objektive’ Seite und läßt sich kaum als Geschmacksfrage abtun.

Nur zwei frühe Werke von Schmidt werden also ein bisschen ausführlicher charakterisiert; "Brand’s Haide" und der "Faun" haben dieses Glück nicht. Nehmen wir zum Vergleich einen Autor, der mit Schmidt zusammen 1949 startete, Heinrich Böll; der bekommt 13 Werkartikel, eine Bio und viele Erwähnungen. Wir werden ja sehen, wie es mit der Gewichtung der Werke eines fernen Tages stehen wird (die letzten Jahre haben da doch schon sehr zu Gunsten von Arno Schmidt gewirkt), aber Böll ist eben Nobelpreisträger – liegt’s daran? Die "Pocahontas" und die "Gelehrtenrepublik" sind Frenzel & Frenzel auch nicht so wichtig, das wundert uns jetzt schon nicht mehr, und nun nähern wir uns den Jahren 1959/60, aber wenn jetzt jemand sagt, da fehle dann doch ein Werkartikel zu "Kaff auch Mare Crisium", dem ist zu bedeuten, dass dieses modernistische Zeug ja insgesamt wenig Gnade vor den Augen von Frenzel & Frenzel fand und findet: "Textbuch 1" von Helmut Heissenbüttel kommt auch nicht vor (dafür aber kurioserweise dann 1964 das "Textbuch 4" – warum nun gerade das?), auch nicht die berühmte Anthologie "movens" von Höllerer, Mon und de la Motte, auch nicht Peter Rühmkorfs "Irdisches Vergnügen in g", von Peter Weiss auch nicht das damals wie eine Revolution wirkende und auf viele Werke sehr einflussreiche Prosastück "Der Schatten des Körpers des Kutschers".

Wir begeben uns in die sechziger Jahre: "Kühe in Halbtrauer" fehlt natürlich, dafür finden wir 1964 wenigstens Peter Weiss’ "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats". Allerdings: Hans Magnus Enzensbergers "Einzelheiten" von 1962 stellen nun wirklich ein literarhistorisches Datum dar – nichts da; dafür aber werden wir ausführlich 1999 über desselben Autors leichtgewichtiges Gedichtbändchen "Leichter als Luft" ausführlich informiert. Aufschlussreich dann auch wieder die Bestückung der Jahre um 1970: Der Autor Herbert Achternbusch existiert überhaupt nicht, auch nicht Oswald Wiener und sein Buch "die verbesserung von mitteleuropa, roman", geschweige denn "herzzero" von Franz Mon oder Ludwig Harigs "Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des gemeinsamen Marktes", und jetzt wundert es wohl auch niemand mehr, daß Arno Schmidts "Zettel’s Traum", nun gewiß eines der literarischen Ereignisse des Jahres 1970, mit keiner Zeile gewürdigt wird, und noch schlimmer geht es nur Paul Wühr, dessen Großstadtbuch "Gegenmünchen" als "Collage" bezeichnet wird und angeblich aus einem "biotechnischen Prinzip" herzuleiten sei. Das Fehlen von "Zettel’s Traum" verstehe ich – auf einer bestimmten Ebene – übrigens sehr gut: Welcher Autor bzw. Herausgeber wird schon sich oder einem Bearbeiter zumuten, ein so umfangreiches und kompliziertes Buch zu lesen und dann – na, sagen wir: - 15 Zeilen darüber schreiben zu müssen oder zu dürfen? Und weil wir gerade bei umfangreichen und komplizierten Büchern sind: Natürlich fehlt auch ein Artikel zu Peter Weiss’ "Ästhetik des Widerstands" von 1975/78/82. Das paßt, und das passt natürlich nicht nur wegen des unzumutbaren Arbeitsquantums, das eine Lektüre der "Ästhetik" darstellen wurde, sondern es paßt vor allem in Anbetracht des nach und nach deutlich werdenden Literatur- und Dichtungsverständnisses der Autoren bzw. der Autorin, welches gewiß aus einer anderen Epoche stammt , etwa aus der, in welcher man Lichtenbergs Schärfe der Beobachtung "krankhaft" nannte und bei Frenzel immer noch nennt. "Und so fortan!" hätte majestätisch-munter und spöttisch Goethe gesagt. Und weil wir gerade bei den umfangreicheren Opera der deutschen Nachkriegsliteratur waren: Ab 1993 sind 9 Bände von Walter Kempowskis "Das Echolot" erschienen, und wenn auch Band 10 erst 2005 vorgestellt werden wird, so wäre da doch schon ein Eintrag möglich und nötig gewesen.

Weiter im Text, sagen wir unsererseits ganz nüchtern. Ror Wolf ist nur mit einem einzigen Titel präsent bei Frenzels und zwar noch nicht einmal mit einem Hörspiel-Titel. Dieses sein Schicksal teilt er mit Dieter Kühn, den es gleich gar nicht gibt in diesem Buch von Frenzel & Frenzel – man stelle sich vor: Nicht ein einziger Titel von Kühn ist da, dem Verfasser der großen Mittelalter-Trilogie! (Fällt mir eben auf: Die ganze Gattung Hörspiel wird hier sträflich vernachlässigt! Nach und nach kommt einem doch das Wort Skandal in den Sinn.)

Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, im Jahr 1970., dem Zettel-Jahr, in dem der "Zettel" vergessen wird; dafür aber verzeichnet Frenzel & Frenzel für dieses Jahr 1970 gleich zwei Werktitel von Gabriele Wohmann, der berühmten Romanciere. Um noch einmal an das Stichwort und Kriterium "Proportionen" zu erinnern und um dem Vorwurf der willkürlichen Forderung nach dem Vorkommen bestimmter Autoren und Titel zu begegnen: Verrät es denn literarhistorische Gerechtigkeit und Sinn für Proportionen, wenn Christa Wolf 16 Werkartikel, Martin Walser 7 Werkartikel bekommen, wenn Heinrich Böll mit 13 und Max Frisch mit 12 Werkartikel bedacht werden, Arno Schmidt aber mit zwei? Konsequenterweise haben dann nach 1970 natürlich auch die "Schule der Atheisten" und "Abend mit Goldrand" keine Chance.

Verlassen wir ein bisschen Arno Schmidt, lassen wir denn Blick ein wenig weiter in die Vergangenheit schweifen: Johann Carl Wezels "Belphegor" fehlt natürlich, ebenso "Leben und Schicksale" des Magister Laukhard, auch der große und bewegende Autobiograph Adam Bernd und – es kommt wirklich wieder dicke! - es fehlt Georg Forster, der Autor von "Ansichten vom Niederrhein" und der "Parisischen Umrisse", der große Mann republikanischer Prosa, und es wird auch Carl Gustav Jochmanns nicht gedacht, und nur im Vorbeigehen, schnöde und sachlich unsinnig wird Johann Gottfried Seume erwähnt und der Titel seines wichtigsten Buches falsch zitiert. Bei "Hermann und Dorothea" wird der Titel der Erstausgabe mit einem "r" nur geschrieben, beim Philologen Herman Grimm hängt man dem Vornamen ein zweites "n" an, des Autors Ralf Rothmann Vorname wird plötzlich auch mal mit "ph" geschriebern usw. Der Autor Walter Serner existiert nicht (obwohl von ihm das wohl durchdachteste und radikalste Dada-Manifest stammt: "Letzte Lockerung" von 1920), Franz Jung gibt es nicht, Karl Emil Franzos wird wenigstens als Editor Büchners (1879) genannt (aber das genügt nicht! Wo bleibt "Der Pojaz"? Wo "Aus Halb-Asien"?)), Ludwig Strauß, Werner Kraft ("Der Wirrwarr", 1960), Ernst Bloch ("Spuren", 1930) gibt es einfach nicht, eben so wenig wie Mechtilde Lichnowsky.

Von Schmidt – um auf ihn zurückzukommen – wird behauptet, das "Steinerne Herz" sei von Joyce beeinflusst (den Schmidt damals allerhöchstwahrscheinlich noch gar nicht gelesen hatte) und das Buch spiegele die "seelische und soziologische Situation" Nachkriegsdeutschlands wieder (gemeint ist wohl die ‚soziale’), und der "Leviathan" enthalte "drei innere Monologe", was man auch nur sagen kann, wenn man nicht weiß, was ein "Innerer Monolog" ist: die Novellen heißen hier zugleich "Erzählungen", "autobiographische Aufzeichnungen" und "innere Monologe". Ach je! Allerdings steht diese Einlassung noch turmhoch über dem, was hier über Friederike Mayröcker verzapft wird.

Kurz, diese beiden Bände von Frenzel & Frenzel berücksichtigen keineswegs "neueste Forschungsergebnisse", im Gegenteil: der hier sich zeigende Literaturbegriff und Forschungsstand stammt von ca. 1965, auch wenn das chronologisch Erfaßte bis zur Gegenwart reicht. Stichwort "Lizenz zum Gelddrucken": Die haben Kiepenheuer & Witsch (denn von daher stammt seit Urzeiten die Lizenz), dtv und die Autorin weidlich ausgenutzt. Iam satis est. Jetzt langt’s! Die beiden Bände, die ja einmal auch in einem honorigen Sinn ‚verdienstvoll’ gewesen sind, müssen so bald wie möglich gründlich überarbeitet werden, und damit drücke ich mich noch vornehm aus.








Frenzel, Elisabeth / Frenzel, Herbert A.:
Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte.
Band 2: Vom Realismus bis zur Gegenwart.
ISBN 3-423-03004-6, 528 Seiten, 10,00 Euro















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