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Rezension

Leon De Winter "Place de la Bastille"

von Nicole Karczmarzyk

Nicht zum ersten Mal handelt es sich bei Leon de Winters Protagonisten um einen jüdischen Mann, der sich in einer Art Midlife-crisis mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Zum Zeitpunkt des Schreibens mag dem Autor dieses Motiv allerdings noch recht neu erschienen sein, da es sich bei "Place de la Bastille" um einen Roman von 1981 handelt und damit zeitlich noch vor Romanen wie "Leo Kaplan" oder "Hoffmans Hunger" liegt. Während die Erzählung vom Geschichtslehrer Paul de Witt bereits drei Jahre nach Erscheinen in den Niederlanden verfilmt wurde, gibt es für uns erst jetzt eine Übersetzung des Romans von Hanni Ehlers.

Paul de Wits Leben scheint voll von Fluchten: Als ihm das Leben mit seiner Frau Mieke und seinen zwei Kindern langsam den Atem nimmt, flüchtet er erst in die Fernsehsucht, und später nach Paris. Dort soll er eigentlich Recherche für seine geschichtliche Abhandlung über die Flucht Ludwig XVI. nach Lothringen betreiben, mit der er die Willkür der Geschichte aufzeigen will. Stattdessen weicht er aber in eine Affäre mit der Zionistin Pauline aus, mit der ihn seine jüdische Vergangenheit verbindet. In mehreren Rückblicken erzählt Paul von seiner Kindheit im Heim und über seine Suche nach der eigenen Vergangenheit. Seine Eltern sind kurz nach seiner Geburt im Konzentrationslager umgekommen und es existieren keinerlei Dokumente oder Anhaltspunkte, die ihm eine Vorstellung von seinen Eltern möglich machen.

Der Historiker wird zum Träumer und gerät mehr und mehr in eine Seinskrise, die ihren Höhepunkt erreicht, als er auf den – wie er meint – von ihm gemachten Aufnahmen von Pauline auf dem Place de la Bastille, einen Mann entdeckt, der ihm verblüffend ähnlich sieht. Wie der Sturm auf die mit nur sechs Gefangenen besetzten Bastille, ist Paul de Witts Begegnung auf dem Place de la Bastille nur ein kleines Zeichen mit großer Wirkung. Der Ort, der für den französischen König einstmals das Ende seiner Herrschaft einläutete, eröffnet Paul einen neuen Anfang. Er vermutet, auf dem Bild seinen verloren geglaubten Zwillingsbruder, Philip gefunden zu haben und begibt sich auf die Suche nach ihm. Schnell drängt sich dem Leser der Gedanke auf, daß es sich bei der Suche nach Philip und der Flucht zu Pauline vielmehr um eine Suche nach dem Selbst handelt, während die mißglückte Flucht Ludwigs XVI. langsam zu Pauls eigener Flucht wird, deren Ende noch aussteht.

Der Rückblick des gescheiterten Historikers auf das Vergangene verleiht dem Roman eine gesetzte und bedächtige Stimmung, die durch längere, philosophisch angehauchte Gedankenmonologe und Unterhaltungen mit Pauline gestützt wird. Die Unterhaltungen mit Pauline über das Judentum und Pauls Bedürfnis die Geschichte zu ändern, stehen als Angelpunkte im Roman und bieten Einsichten in die tieferen Ebenen der Erzählung. Leon De Winter beschreibt hier sehr feinfühlig, wie Paul sich mit seiner Hilflosigkeit auseinandersetzt, die Geschichte nicht ändern zu können und am Ende vielleicht sich selbst erkennt. Trotz seiner Stille und zeitweise doch etwas monotonen Art, drängt dieser kluge Roman dem Leser seine Parallelen zur Geschichte des französischen Königs und des zweiten Weltkrieges nicht auf und läßt erst am Ende seine Vieldeutigkeit erkennen.

 

Leon De Winter
Place de la Bastille
Diogenes, Zürich 2005
ISBN 3257064969, 157 Seiten, 17,90 EUR












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