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Theodor Fontane

"Effi Briest" im Stadttheater Bielefeld

Von Camilla Koziol

Ein junges Paar verbringt seinen Sommer-Urlaub in Swinoujscie, auf der polnischen Seite der Ostsee. "Hier ist das alles passiert! Das Spukhaus! Der Chinese!" ruft voller Begeisterung das junge Mädchen bei der Ankunft. Ihr Freund kann mit diesen Satzfetzen jedoch nicht viel anfangen. Also fährt sie fort, so dass Satz für Satz die erste Seite von Theodor Fontanes "Effi Briest" nacherzählt ist. Der Teenager übernimmt die Erzähler-Funktion des im Stadttheater Bielefeld derzeit aufgeführten Romans.

Der Zuschauer findet sich schnell im Garten der Briests in Hohen-Cremmen wieder. Das Pärchen ist mittlerweile von der Bühne verschwunden und überlässt der Tochter der Luft die Bühne. Sie trägt noch den unschuldigen Matrosenanzug und sitzt noch immer auf der geliebten Schaukel, als von Innstetten gleichzeitig bei den Briests um die Hand ihrer Tochter anhält.

Bereits nach der schnellen und beinah unbemerkt vollzogenen Verlobung schaltet die junge Erzählerin sich wieder ein. Wo genau sie sich befindet ist schwer festzustellen: Mal erweckt das Bühnenbild den Eindruck als wäre sie gerade im verlassenen Haus der Briests, dann wieder in Kessin, um sich schließlich doch noch am Strand in Swinoujscie wiederzufinden. Es ist die harmonische Mischung aus Traum, Wirklichkeit und Vision, mit der die Erzählerin es schafft, den Zuschauer in eine Welt zu entführen, die mehr als 100 Jahre zurückliegt. Erzählebene und Bühnenhandlung wechseln sich ab, und dennoch geschieht der Übergang so fließend, dass auch Fontane-Kenner das anfangs so störend-aufgedrehte Mädchen nicht mehr missen möchten. Oder es einfach nicht mehr bemerken.

Theodor Fontane Mit der zunehmenden seelischen Gefangenschaft Effi Briests in Kessin jedoch spricht die Erzählerin immer leiser und befangener. Auch die äußere Ähnlichkeit der Schauspielerinnen kann kein Zufall sein. Mit dem Unterschied, dass Effis wilde Lockenpracht nicht zusammengebunden ist, weil sie nicht gezähmt werden kann. Diese zu zähmen schafft zunächst nicht einmal der Ehemann. Es dauert lange bis die Lebenslust der jungen Frau sich nach und nach in eine Mischung aus Resignation und Verzweiflung verwandelt. Im Gegensatz zum Roman wird Baron von Innstetten auf der Bühne schnell aufbrausend und in seiner Aggressivität lässt er so die Rolle des ursprünglich passiven und desinteressierten Ehemannes auf ab und zu hinter sich.

Die Gefahr des Ehebruchs bestimmt seit dem Einzug in das Kessiner Haus das Bühnenbild: Die ehemals weißen Vorhänge im Wohnzimmer werden durch beschmutzte ersetzt. Als wäre deren untere Hälfte von einer unsichtbaren Hand in ein Gemisch aus Schlamm und Dreck getaucht worden, kündigen sie die sündige Tat an. Und durch die Fenster des Kessiner Hauses drängt sich die mit grellem Blau symbolisierte Ostsee beinahe in das Haus hinein. Wie in einem Aquarium wird Effi Briest im Haus festgehalten bis Major Crampas etwas Luft hinein lässt. Dies geschieht indem er nicht wie sonstige Besucher die Eingangstür benutzt, sondern die Terassentür auf der See-Seite des Hauses öffnet und so in das Haus hineingelangt. Und nicht zufällig ist der Verführer gerade den Wellen der Ostsee entstiegen.

Als Innstetten sechs Jahre später in Berlin die Briefe des Liebhabers seiner Frau entdeckt, liest er aus einem laut vor. Schade, denn eigentlich hat Fontane deren Inhalt verschwiegen. Und auf der Bühne wird der Effis Tod verschwiegen. Als gefallene Frau kehrt sie krank und lebensmüde in das elterliche Haus und auf ihre geliebte Schaukel zurück. Gleichzeitig zerbricht Innstetten innerlich. Hier zeigen zwei Bühnenbilder gleichzeitig zwei Menschen, die die Bitterkeit des Lebens erfahren haben. Der vom "Gesellschafts-Etwas" beherrschte Innstetten und Effi Briest, die keine Kraft zum Schaukeln mehr hat.






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